Einer von zwanzig Spitalpatienten erleidet wegen Medikamentenfehlern einen gesundheitlichen Schaden © JIM

Das grösste Risiko in den Spitälern? Medikamente!

Urs P. Gasche / 27. Dez 2016 - Fast die Hälfte aller Fehlermeldungen von Spitälern betreffen Medikamente. Das gab die Stiftung für Patientensicherheit bekannt.

Die Stiftung sammelt anonymisierte Fehlermeldungen von Spitälern, um die Fehler zu analysieren und Verbesserungsvorschläge zu formulieren. Von 6300 Fehlermeldungen bezogen sich 48 Prozent auf Medikamente, berichtete der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Professor David Schwappach, kürzlich an einem Symposium in Luzern.

Unter sämtlichen unerwünschten Ereignissen, die einen gesundheitlichen Schaden verursachen, seien in 30 bis 50 Prozent der Fälle fehlerhafte Verwendungen von Medikamenten schuld. Betroffen sei jeder Zwanzigste, der in ein Spital aufgenommen wird.

Im Vergleich dazu kommen venöse Thrombosen, Infektionen beim Einsatz eines Katheters, Stürze oder Wundliegen deutlich seltener vor.

Hektik, Störungen und Unterbrechungen

Besonders heikel ist der Einsatz von Medikamenten bei Patientinnen und Patienten, die an verschiedenen Krankheiten leiden. Zum Beispiel ein Diabetiker mit zu hohem Blutdruck, der an Krebs leidet. Die «Multimorbidität» und die damit verbundene Polypharmazie würden die Verordnungen «komplex und fehleranfällig» machen, erklärte Schwappach. Eigentlich gelte in den meisten Spitälern das Vieraugenprinzip. Doch eine Befragung von 302 onkologischen Pflegefachpersonen in verschiedenen Spitälern ergab, dass die Doppelkontrolle durch folgende Faktoren häufig gestört wird:

Quelle: Schwappach, Pfeiffer, Taxis. BMJ Open 2016;6:e011394

Bis 2017 beabsichtigt die Stiftung für Patientensicherheit, Empfehlungen zur Doppelkontrolle von Chemotherapien und anderen «High-Risk»-Medikamenten für die Praxis zu erarbeiten, erklärte Schwappach. Weitere Vorschläge betreffen die Arbeitsumgebung, das Anpassen von Packungsgrössen und Dosierungsstärken bis zur «Implementierung der systematischen Medikations-Anamnese bei Spitaleintritt».

Die Stiftung für Patientensicherheit engagiert sich in vielen Projekten zur Medikationssicherheit im Gesundheitswesen, hat aber – unter anderem aus Ressourcengründen – noch kein Programm mit den Pharmafirmen selber gestartet. Die Stiftung befürwortet weitere Initiativen bezüglich der Medikationssicherheit wie beispielsweise,

  • dass auf allen Medikamentenpackungen mit der grössten Schrift die enthaltenen Wirkstoffe stehen statt Markennamen, oder
  • dass Medikamente für die gleichen therapeutischen Anwendungen die gleiche Farbe haben sollten.

Die Pharmakonzerne lehnen solche Vorschriften ab.

Eine weitere Massnahme könnte das obligatorische Erfassen der Medikamentenabgaben in einer elektronischen Patientendatenbank sein, die sofort Alarm schlägt, wenn ein neu eingegebenes Medikament mit einem andern, bereits abgegebenen Medikament möglicherweise nicht kompatibel ist.

Patienten- und Konsumentenorganisationen fordern das elektronische Erfassen der Patientendaten, eine leicht lesbare Farbgebung der Packungen und die grosse Deklaration der enthaltenen Wirkstoffe statt der vielen Pharma-Markennamen schon lange. «Die Gesundheit muss im Vordergrund stehen und nicht das Marketing», erklärt SKS-Geschäftsleiterin Sara Stalder.

Quelle: Davis Law Group

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8 Meinungen

Diese Kritik ist durchaus angebracht, aber es kaschiert die wirklich zugrundeliegenden Probleme bei der Verordnung und Abgabe von Medikamenten: die diversen damit verbundenen äussert lukrativen finanziellen Fehlanreize / Eigenvorteilsnahmen, welche auf Ebene der Industrie und der Ärzteschaft langfristig Sorgfaltspflicht und Pharmakovigilanz unterwandert, somit leider das Wohl des einzelnen Patienten zu gefährden vermag.

Denn was nützt z.B. eine Doppelkontrolle, wenn Interaktionen, Nebenwirkungen und Komplikationen zur Wahrung des wirtschaftlichen Interesses der Pharma verschwiegen, Studien entsprechend manipuliert, beschönigt oder wegen ‘unangenehmen’ Ergebnissen nicht veröffentlicht werden, man keine Versorgungsforschung im breiten Klinik- & Praxisalltag zur transparenten Überprüfung des Nutzens (med. Notwendigkeit, Zusatznutzen) zur Förderung der Indikations- und Outcomequalität sowie Stärkung der Pharmakovigilanz einfordert?

Medikamente sind ein Segen, wenn denn korrekt eingesetzt und nicht finanziellen Fehlanreizen unterliegend. Deshalb müssen sich alle an der Nase nehmen, welche bei der Revision des HMG’s verordnungsbeeinflussende sicherheitsgefährdende Rabatte und Kickbacks befürworteten! Wir sind letzten Endes eben keine manipulierten intransparente Big-Data Durchschnittspatienten! Diesem Umstand gilt es eben Rechnung zu tragen, um im Anschluss daran die von Ihnen, Herr Gasche, geschilderten Probleme / Störfaktoren ebenfalls zu reduzieren!
Andreas Keusch, am 27. Dezember 2016 um 12:18 Uhr
Nicht nur in den Spitälern, sondern auch in der ambulanter Medizin gibt es grosse Gefahren von Fehlverordnungen.

Die einzige gefahrlose Verschreibungsart ist die klassische Homöopathie,weil dort sind die Dosen stark verdünnt, und sowieso müssen sie alle bekannte Symptome berücksichtigen.
Zwar ist die klassische Homöopathie schwer zu lernen, sie ist dafür für den Patienten sicherer und bei guter Erfahrung des Arztes viel mehr erfolgreich.
Sie kennt übrigens auch «Entgiftungsmittel"
Sergio Rivoir, am 27. Dezember 2016 um 15:26 Uhr
Die Idee in der klassischen Homöopathie ist, dass jede Erkrankung individuell behandelt werden muss, weil sie in einem unterschiedlichen Kontext aufkommt.
So ist zB möglicherweise ein Blinddarm beim Patienten A. Anders zu behandeln als der beim Patienten B.
Denn die Idee in der klassischen Homöopathie ist, dass das Heilmittel nur eine Stimulierung der Reaktion des Körpers darstellt.
Das Mittel hat nur die Aufgabe, die im Körper schon vorhandene Heilungskraft aufzuwecken, ist also nur ein Signalgeber, und braucht nicht in jeder Zelle vertreten zu sein.
Sergio Rivoir, am 27. Dezember 2016 um 16:52 Uhr
Auch die Forderungen der Stiftung für Patientensicherheit werden nicht ganz gewöhnliche Fehleinschätzungen, auch bei «low risk» Medikamenten, verhindern können. Bei einem meiner Verwandten machten 4-5 Ärzte hintereinander den folgenden Fehler, der ihn fast verbluten liessen. Erst der sechste merkte noch gerade rechtzeitig, dass seine Symptome auf Grund von extremer Blutarmut und nicht wegen eines Schlaganfalls entstanden waren, und dass die Gabe von «Aspirin» (Gerinnungshemmer) genau das falsche war, obwohl in seiner Krankengeschichte interne Blutungen vermerkt waren. Wegen «Eile, Hektik» wurde diese wohl zu wenig konsultiert.
Theo Schmidt, am 27. Dezember 2016 um 18:40 Uhr
Guten Tag, meine Frau arbeitet seit einigen Jahren in der Pflege als Nachtwache. Da muss heute jeder „Furz (Entschuldigung Sie den Ausdruck“ krankenkassengerecht digitalisiert werden und dies geht an der Zeit für die eigentliche Pflege ab. Es scheint mir, irgendwo sass da mal ein Betriebswirtschaftler, der offenbar das Unmögliche versucht hat, Pflegeabläufe rationeller und somit kostengünstiger zu gestalten. Stress und sind die Folge (Eile, Hektik 77%). Dies geht natürlich auf Kosten der Patienten und des Pflegepersonals und führt zu Fehlern so u.a. auch bei der Medikamentenabgabe. An Packungsgrössen der Medikamente etc. rumzuschrauben erachte ich als Kosmetik und packt das Übel kaum an der Wurzel.
Guido Besmer, am 28. Dezember 2016 um 08:00 Uhr
Die von Herrn Besmer vorgebrachte Kritik stellt die Problematik moderner Krankenversorgungswesen in den Vordergrund. Ökonomisierung resp. Umbaus deren in volkswirtschaftlich florierende neo-liberale Gesundheitsindustrien zu Gunsten einiger weniger Profiteure auf Kosten der Allgemeinheit, gesteuert von medizinisch in Diagnostik und Therapie fachfremden und deshalb besonders leicht manipulierbaren angeblichen Experten wie Ökonomen, Juristen, Bundesräte und Parlamentarier. In der Schweiz einfach finanzierbar dank direkter sowie indirekter Steuern. Um die wirtschaftlich erwünschten Gewinnmaximierungen angesichts der ‘kranken’ Fallpauschalen-Eigenfinanzierungsproblematik unserer Spitäler sowie der Leistungsabrechnung gegenüber den Krankenversicherungen erzielen zu können, muss aus ökonomischer Sicht ein Abrechnungs-Rechtfertigungssystem hochgezogen werden, welches primär nur die geleisteten Dienstleistungen ökonomisch, nicht jedoch das medizinisch übergeordnete Ziel einer möglichst erfolgreichen Behandlung rechtfertigt. Somit: Kasse voll, Patient leider gestorben, Auftrag aber erfüllt!

2/3 der Arbeitszeit müssen die Spitalärzte nachweislich für administrative Leistungsrechtferigungs- und Gewinnoptimierungsaufgaben aufwenden. Die Situation beim Pflegepersonal eine konsequente Folge dieser ökonomischen, für die Prämienzahler höchst kostenineffizienten und gleichzeitig sicherheitsgefährdenden Misswirtschaft medizinisch fachfremder aber angeblich völlig integrer Gesundheitsexperten.
Andreas Keusch, am 28. Dezember 2016 um 12:06 Uhr
Die Spitäler operieren nicht nur in einer Ökonomisierungs- sondern auch in einer Absicherungs- und Technisierungsfalle. Jeder Vorgang muss dokumentiert werden, was Zeitnot und Hektik verstärkt und dem Personal verunmöglicht, mit eigener Wahrnehmung und Aufmerksamkeit bei der Sache zu sein. Und die Antwort auf die Fehler, die sich dabei häufen? Mehr Dokumentation! Wenn man Sicherheit nicht mehr der Konzentration und Aufmerksamkeit von wachen und ausgeruhten Menschen verdanken möchte, sondern der digitalen Verdoppelung aller Vorgänge in perfekten Systemen und den ausufernden Kontrollvorschriften, dann passieren eben die Fehler, die passieren müssen, wenn am Ende doch Menschen etwas ausführen sollen, bei dem ihr Interesse, ihre Kenntnisse, ihr Bei-der-Sache-Sein nicht mehr gefragt ist.
Brigitte Hilmer, am 28. Dezember 2016 um 21:01 Uhr
Absicherungs- und Technisierungsfalle?

Auf den 1. Blick schon einleuchtend, Frau Hilmer. Bedenkt man aber, dass das WZW-Kriterium «Zweckmässigkeit» (med. Notwendigkeit, Zusatz-/Langzeitnutzen) aus gesundheitspolitisch vorgeschobenen Wettbewerbsgründen nicht systematisch zur Förderung der med. Indikations- und Outcomequalität spitalübergreifend eingefordert und erhoben wird, dient dies erneut nur dem rein wirtschaftlich mengenausweitenden und gewinnoptimierenden Eigeninteresse der Spitäler mit deren Retrozessions-Geber – sowie volkswirtschaftlich im Interesse von Bund & Kantone - aber nicht wirklich der Förderung und Sicherung der Interessen und des Wohls unserer Patienten und Versicherten der OKP.

Offensichtlich wird dies z.B. gerade bei der Handhabung von Schadens- und Haftpflichtfällen:
1. Weil die med. Belegpflicht nicht seitens der Spitäler und deren Ärzte, sondern beim med. in Diagnostik und Therapie nicht ausgebildeten Patienten eingefordert wird
2. Diese Absicherungsdaten dann nur zur Abwehr der Forderungen und Wahrung der Wirtschaftlichkeit dieses lukrativen neo-liberalen Wirtschaftszweiges auf Kosten der Versicherten der OKP dienen.

Nur 6-8% der pro Jahr einbezahlten Summe wird ausbezahlt. Diese übermässigen Versicherungsprämien müssen aber wieder über unkontrollierte med. Dienstleistungen ‘amortisiert’ werden, welche wiederum wir Versicherten bezahlen!

Somit: Absicherung/Technisierung = zusätzliche Handlanger der Ökonomisierung, nicht der Medizin.
Andreas Keusch, am 29. Dezember 2016 um 12:47 Uhr

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