Gut ein Drittel aller Sprachen der Welt sind laut Unesco vom Aussterben bedroht. Darunter acht auch in der Schweiz gesprochene.
Haben Sie's bemerkt? Der vergangene Dienstag war der Internationale Tag der Muttersprache. Die Inflation solcher Tage führt dazu, dass das Buhlen um Aufmerksamkeit meistens erfolglos bleibt. Dabei hätte es dieses Anliegen der Unesco ganz und gar verdient, weltweit ernst genommen zu werden. Dieses Jahr hat die Uno-Kulturorganisation den Tag mit dem Aufruf verbunden, den Unterricht in der Muttersprache besser zu pflegen. Für viele der rund 6000 Sprachen, die es auf der Welt laut Unesco noch gibt, wird dieser Aufruf zu spät kommen, selbst wenn er beherzigt wird. Alle zwei Wochen stirbt nach diesen Angaben eine Sprache aus; gut ein Drittel aller Sprachen, genau 2244, sind laut dem ihnen gewidmeten Atlas vom Aussterben bedroht, und für 230 weitere ist seit 1950 das Verschwinden registriert worden.
Wie die Unesco verschiedene Sprachen (nicht bloss Dialekte) unterscheidet und ihren Bedrohungsgrad einstuft, zeigt ein Blick auf die Schweiz. Da gibts zwei «verletzliche» Sprachen, das Alemannische und das Bairische. «Verletzlich» bedeutet, dass die meisten Kinder die Sprache sprechen, die aber auf «bestimmte Bereiche (z. B. das Zuhause) beschränkt» ist. Dass neben dem alemannischen Schweizerdeutsch ein bairisches auftaucht, ist nicht etwa ein Geografiefehler der Weltorganisation, sondern linguistisch korrekt: Der Dialekt von Samnaun gehört zu dieser (Regional-)Sprache.
Romanisch wie Patois?
«Bestimmt in Gefahr», weil es «die Kinder zuhause nicht mehr lernen», ist eine weitere mit dem Deutschen verwandte Sprache, die auch in der Schweiz vorkommt: das Jiddische. Gleich ergehts dem Romani mancher Fahrenden. Bei den lateinischen Sprachen figurieren in derselben Gefährdungsstufe das Rätoromanische, das Lombardische (Tessiner und Italienischbündner Dialekte) sowie das Frankoprovenzalische (zu dem die meisten Patois gehören). Wiederum sprachwissenschaftlich richtig ist «Franc-Comtois» separat aufgeführt. Dieses im Jura vorkommende Patois ist sogar «ernsthaft bedroht», weil es nur noch Grosseltern reden, Eltern bestenfalls verstehen und Kinder auch das nicht mehr.
Dass Kinder nicht mehr Rätoromanisch lernten, ist wohl eine übertriebene Behauptung; aber dass sich die Rumantsch-Anhänger nicht noch einen internen Sprachenstreit leisten können, wird man aus der alarmierenden Einstufung schliessen dürfen. Weniger Sorgen bereitet die «Verletzlichkeit» des Schweizerdeutschen; schliesslich dehnt sich der «bestimmte Bereich», in dem es üblich ist, über den ganzen Alltag aus. Eher gefährdet ist die Vielfalt der Dialekte; diese aber liegen unterhalb des Unesco-Radars.
Was ist «unser» Deutsch?
Die angebliche Gefährdung ist kein Grund, das Schweizerdeutsche zur einzigen Muttersprache der Deutschschweizer zu erklären: Egal, ob man es als Dialektgruppe oder als Teil der alemannischen Regionalsprache versteht – es gehört zu einer Sprachfamilie, deren gemeinsame Hochsprache (mit Varianten) das Standard- oder Schriftdeutsch ist, und erst mit diesem zusammen ist die muttersprachliche Bildung vollständig. Die Gefährdungsmeldung der Unesco trifft eher für Deutschland zu, wo besonders in städtischen Gebieten die Dialekte im Rückzug sind: Laut dem Sprachwissenschaftler Karl-Heinz Göttert muss München für 2040 mit dem Aussterben des Bairischen rechnen.
Die in Deutschland gegründete Gesellschaft für bedrohte Sprachen hat allerdings weniger das eigene Land im Auge als die internationale Zusammenarbeit zur Sprachenrettung. Sie bietet auf ihrer Website (<a href=»http://www.uni-koeln.de/gbs «>www.uni-koeln.de/gbs</a>) sogar einer beinahe ausgestorbenen Sprache Gastrecht, die der Unesco entgangen ist: «Unserdeutsch», auch «Rabaul Creole German» genannt, ein koloniales Überbleibsel aus Papua-Neuguinea, zuletzt vor allem unter Auswanderern in Australien gepflegt, wo es nach einer Angabe von 1989 noch 80 Leute sprachen. Zumindest den Namen sollten wir uns merken: «Unserdeutsch».
Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».
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