Alan Rusbridger zwischen dem grossen Piano und den grossen Krisen der Welt © uk

Alan Rusbridger zwischen dem grossen Piano und den grossen Krisen der Welt

Der Chefredaktor zwischen Assange und Chopin

Robert Ruoff / 22. Mrz 2016 - «Play It Again»: Das Tagebuch des «Guardian»-Chefredaktors Alan Rusbridger sagt viel über Medien, Politik und das Spiel am Klavier

Alan Rusbridger ist eine grosse Figur im Journalismus unserer Zeit. Er wurde zur gleichen Zeit wie Edward Snowden mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Er bekam den Preis «für den Aufbau einer globalen Medienorganisation, die sich verantwortlichem Journalismus im öffentlichen Interesse verschrieben und gegen grosse Widerstände illegales Handeln von Unternehmen und Staaten enthüllt.»

Rusbridger hat seinen Aufklärungsjournalismus als Chefredaktor des «Guardian» zwanzig Jahre lang praktiziert, von 1995 bis 2015.

Ein Jahr der Krisen und Katastrophen

«Play It Again», das Tagebuch des «Guardian»-Chefredaktors und Musikliebhabers Alan Rusbridger aus den Jahren 2010 bis 2011, dreht sich aber gar nicht in erster Linie um seine publizistische Arbeit. Es dreht sich um seinen Versuch, im Verlauf eines Jahres eines der vertracktesten Stücke der Klavierliteratur zu lernen: Chopins Ballade Nr.1 in g-moll, opus 23. «Play It Again», das heisst: jeden Tag mindestens 20 Minuten diszipliniert üben, wenn es nur irgendwie geht in einer Arbeitswoche von 60 bis 80 Stunden.

Es geht selbstverständlich nicht. «Wenn ich gewusst hätte, was beruflich auf mich zukam», schreibt Rusbridger, «hätte ich vielleicht einen Rückzieher gemacht.»

Es war die Zeit des arabischen Frühlings und der Katastrophe von Fukushima. Es war die Zeit des Sturzes von Gaddafi und das Todesjahr von Bin Laden. Und es war die grosse Zeit von Julian Assange, des Gründers und Sprechers von Wikileaks.

Zwischen den Welten

Assange ist ein Mann mit zwei Gesichtern. Auf der einen Seite ein brillanter Manager, der mit Wikileaks geheime und vertrauliche Dokumente mit Millionen Worten lieferte. Das ganze Material wollte sorgfältig geprüft werden. Und es musste für die Veröffentlichung in so verschiedenen Medien wie dem «Guardian», der «New York Times» und dem «Spiegel» zubereitet werden (später kamen noch «Le Monde» und «El País» dazu). Es war eine Mischung aus unbedarften Äusserungen von Diplomaten, Berichten über Sexparties saudischer Prinzen und Depeschen aus den Kriegen in Afghanistan und Irak. Es ging auch – zum Beispiel – um die Weiterverbreitung von Atomwaffen und um den Versuch arabischer Staaten, die USA zu einem Militärschlag gegen den Iran zu treiben. Die Erinnerung ist heute brennend aktuell, da sich Saudiarabien und der Iran im syrischen Krieg mit ihren Milizen direkt gegenüber stehen.

Auf der anderen Seite gab es den schwierigen Assange mit seiner Sexaffäre in Schweden und seinem Zorn auf die «New York Times», die sich einen kritischen Artikel über seine Person erlaubt hatte. Aber gerade diese amerikanische Zeitung wollte Rusbridger unbedingt dabei haben, weil es nirgends auf der Welt eine bessere Garantie der Pressefreiheit gibt als im 1. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung. Es brauchte eine nächtelange Diskussion, um Assange von seinem Widerstand abzubringen. Aber es war eine entscheidende Voraussetzung, um erfolgreich Widerstand zu leisten gegen den Versuch unter anderem der amerikanischen Regierung, die Publikation zu verhindern.

Und dann, nach kurzer Nacht, treibt es den Chefredaktor wieder ans Klavier, für eine halbe Stunde, in der er sich den zwei, drei schwierigsten Takten widmet. Oder den Oktavläufen am Schluss, die von den Tiefen in die Höhen laufen und wieder in die Tiefen. Und dann die Ballade in zwei gewaltigen Akkordschlägen enden lassen.

Es ist ein kurzes Stück Leben in einer anderen Welt, konzentrierte Entspannung. Chemische und elektronische Neuordnung des Gehirns, das den ganzen Tag danach viel besser, freier, klarer funktioniert. Eine Erfahrung, die sich Rusbridger von Neurophysiologen bestätigen lässt.

Der Selbstmord einer Zeitung

«Berlusconisierung« oder «Blocherisierung», wie manche sagen, oder eben auch «Murdochisierung» ist die Kontrolle von Medien durch sehr reiche Männer (seltener: Frauen) mit dem Zweck, ihre eigenen wirtschaftlichen und politischen Ziele zu fördern. Rupert Murdoch, der globale Medien-Tycoon, ist wohl der weltweit grösste Medienmogul, mit um die 200 Zeitungen von Australien über die USA bis Russland, mit einem weltweiten Fernsehsystem wie Sky und Fox (USA), mit Prestige-Zeitungen wie dem «Wall Street Journal» und der britischen «Times» und selbstverständlich mit erfolgreichen Boulevardblättern wie dem britischen Sonntagsblatt «News oft he World». Murdoch hat im Kampf mit Rusbridgers «Guardian» die vielleicht grösste Demütigung seiner politischen Unternehmerlaufbahn erlitten.

Der Mogul hatte es mit Hilfe seiner britischen Statthalterin Rebekah Brooks geschafft, seinen Chefredaktor Andy Coulson zuerst zum Sprecher der Torys und dann zum Kommunikationschef von Premierminister Cameron zu machen. Bis der «Guardian» schliesslich, nach jahrelangen Recherchen, den Nachweis erbringen konnte, dass Coulson systematisch Telefongespräche von Mitgliedern der Königsfamilie, von prominenten Politikern, aber auch von Opfern von Gewaltverbrechen hatte abhören lassen. Das brachte ihm 18 Monate Gefängnis ein. Regierungschef Cameron, den Rusbridger vor Coulson gewarnt hatte, gestand schlechtes Urteilsvermögen ein. Rupert Murdoch entschuldigte sich öffentlich und stellte die sehr erfolgreiche «News of the World» ein.

Der «Guardian» wurde als Zeitung des Jahres ausgezeichnet. Und Alan Rusbridger verlängerte seine Chopin-Studie von einem ganzen auf anderthalb Jahre, bis er sich fit fühlte, die Ballade Nr.1 in g-moll, op.23, einem Freundeskreis vorzuspielen. Einfach, weil er zeigen wollte, dass es geht, auch in einem anspruchsvollen Beruf in einem hektischen Jahr. «I can sort of play it, not more – ich kann es spielen, nicht mehr.» In seinem Fall mit Tipps von Konzertpianisten wie Alfred Brendel, den er trifft bei einem Empfang, oder Murray Peraiha, der in London bei ihm um die Ecke wohnt. Ein Stück davon ist auf youtube zu sehen. Und im Buch ist für Amateur-Pianisten in kleinen Portionen eine Menge zu lesen über Klaviertechnik und die revolutionär romantische Musik von Frédéric Chopin.

«Play It Again»

Es ist ein Spiel ohne Ende. Rupert Murdoch hat die «News of the World» ersetzt durch eine Sonntagsausgabe der Boulevardzeitung «The Sun». Rebekkah Brooks ist seit 2015 wieder zuständig für die Murdoch-Medien in Grossbritannien. Premier Cameron ist immer noch im Amt.

Rusbridgers «Guardian» hat 2014 zusammen mit der «Washington Post» den Pulitzer-Preis in der «Public Service»-Kategorie erhalten für die Veröffentlichung der Snowden-Dokumente. Rusbridger selber ist 2015 als Chefredaktor zurückgetreten. Er ist jetzt Mitglied des Vorstands des Scott Trust, also der Treuhandgesellschaft, die Eigentümerin des «Guardian» ist. Der Sohn des Gründers C.P. Scott brachte vor achtzig Jahren all seine Anteile in den CP Scott Trust ein. Der Trust ist verpflichtet, den «Guardian» als unabhängige liberale Zeitung ohne jegliche Bindung an eine politische Partei weiterzuführen. Die Zeitung macht Gewinn, aber es fliesst nichts ab an irgendwelche privaten Aktionäre. Sämtliche Erträge werden wieder in das Unternehmen investiert. Und der jeweilige Chefredaktor und Herausgeber ist verpflichtet, die Zeitung «so nahe wie möglich an den Grundsätzen zu führen, die sie bis dahin geleitet haben». Ein Service public aus privater Initiative.

Alan Rusbridger wiederum dürfte seit seinem Rücktritt einen guten Teil seiner freien Zeit im Musikpavillon am revidierten Steinway-Flügel geniessen, den er in seinem Chopin-Jahr erworben hat. Und wer will, kann für sein Klavierspiel oder seinen Medienkonsum eine Menge schöpfen aus dem Tagebuch des «Guardian»-Chefredaktors.

PS: Der «Guardian» bleibt von der weltweiten Zeitungskrise nicht unberührt. Vor fünf Tagen (am 17. März) meldete die Guardian Media Group, dass sie in den nächsten drei Jahren weltweit 250 Stellen abbauen muss, um das Vermögen der Zeitung von 740 Millionen Pfund (rund 1 Milliarde CHF) langfristig zu erhalten und wieder in die schwarzen Zahlen zu kommen. Die Gewerkschaft der Journalisten stimmt dem Plan grundsätzlich zu.

Andere Verlage in Grossbritannien haben ebenfalls strenge Sparmassnahmen ergriffen. Und der «Independent», wie der «Guardian» ebenfalls eine linksliberale Zeitung, hat am letzten Sonntag (20. März 2016) seine letzte gedruckte Ausgabe publiziert. Die Zeitung soll nur noch digital, über die (angeblich profitable) Website und eine neue App erscheinen.

Alan Rusbridger: Play It Again. Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten. Secession Verlag für Literatur, Zürich 2015

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung

Der The Guardian ist gut und hebt sich ab von den meisten Massenmedien. Liberal haben viele Menschen aber mehr als genug, vorbei die Zeit in der man dachte freie selbstständige Menschen brauchen zu aller erst eine gute Bildung um unabhängige Entscheidungen treffen zu können.

Pech nur für hunderte Millionen Menschen das der Siegeszug der neoliberalen Ideologie bis tief hinein in alle unsere Lebensbereiche strikte nach Verlust und Profit bewertet was gut, schlecht, menschlich, gerecht ist. und einen Wert hat oder eben nicht.

Gesellschaften die sich zu stark individualisieren und regelrecht zu asozialem Verhalten erzogen werden, und somit auch Solidarsysteme nicht mehr verstehen brauchen auch die liberalen Ansichten eines The Guardian nicht mehr. Um das einstige liberale im klassischen Sinn verstehen zu können, Freiheit des Individums vor Ideologien, dem Joch der Ausbeutung und Heilsbringern auch im Kontext der Gesellschaft die ebenfalls Freiheiten braucht aber gleichzeitig auch Regeln müssen wir uns alle zuerst von der neoliberalen Ideologie verabschieden.

Den hier gilt simpel und primitiv das Recht des Stärkeren und da nützt liberales Denken und Handeln nichts.
Uwe Borck, am 22. März 2016 um 20:42 Uhr

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