Marc Chesney Interview

Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universität Zürich © Inside Paradeplatz

Das Risiko des CS-Finanzcasinos tragen die Steuerzahlenden

Red. /  «Wir brauchen Manager, die nicht Casino spielen und mit einer Million zufrieden sind», sagt Finanzprofessor Marc Chesney.

upg. In einem zwanzigminütigen Interview mit Inside Paradeplatz sprach Marc Chesney, Finanzprofessor an der Universität Zürich, ungewöhnlichen Klartext. Für die Infosperber-Lesenden zitieren wir wörtlich und nur unwesentlich gekürzt das Interview. Nur die Reihenfolge einzelner Passagen ist zur besseren Verständlichkeit verändert.

«Dubiose Geschäfte mit gewissen Hedge Funds»

Das Muster wiederholt sich. Die Credit Suisse steht für eine neue Episode der permanenten Krise der Finanzcasino-Wirtschaft. Eine Grossbank, in diesem Fall die Credit Suisse, macht komplexe, undurchsichtige, sogar dubiose Geschäfte mit gewissen Hedge Funds. Diese zeichnen sich aus durch

  • Leverage, d.h. Schulden;
  • Derivate, d.h. Wetten;
  • groteske Entlöhnungen;
  • eine gewisse Arroganz von Leuten, die überzeugt sind, dass sie cleverer sind als die anderen.

Die Grossbanken handeln wie ein Lastwagen, der mit toxischen Produkten immer schneller durch den Nebel fährt. Irgendwann wird der Lastwagen explodieren. Die Lage gerät mit riesigen Verlusten ausser Kontrolle. Am Schluss zahlen die Steuerzahlenden und die [Bank-]Kunden die Rechnung. Es geht dabei nur um die dreissig grössten Banken der Welt, zwei davon mit Sitz in der Schweiz.

Eigentlich müssten diese Grossbanken Milliarden zahlen, um ihre Risiken zu versichern. Doch sie sind [gegen Verluste] gratis versichert. Sie sind «too big to fail», so dass die Steuerzahlenden die Risiken tragen. Man fragt diese [im Eintretensfall] nicht einmal, ob sie einverstanden sind.

Diese Grossbanken verstossen gegen ein Grundprinzip des Liberalismus: Wer Risiken eingeht, soll die Folgen der Risiken tragen. Doch die dreissig Grossbanken haben falsche Anreize, um immer mehr Risiken einzugehen – auf Kosten der Gesellschaft. Weil die Steuerzahlenden das [Bankrott]-Risiko tragen, hätten sie ein Recht darauf, informiert zu sein. Sie werden jedoch erst informiert, wenn es zu spät ist. [Denn] das Finanzcasino ist eine Blackbox.

«Die CS hat nur etwa 0,1 Prozent aller Derivate zu Absicherungszwecken verwendet»

Derivate sind nützliche Finanzprodukte, um sich gegen Währungsrisiken abzusichern. Aber dafür braucht es in der Schweiz nicht Derivate mit einem Nominalwert, der dem 26’000-Fachen des Bruttoinlandprodukts entspricht. Ein Volumen von bis zur Hälfte des BIP wäre normal. Dem CS-Jahresbericht ist zu entnehmen, dass bei dieser Bank nur 0,1 Prozent der Derivate Absicherungsgeschäfte sind. Bei den restlichen 99,9 Prozent der Derivate handelt es sich um Wetten.

Wenn wir heute eine Wette von 100 CHF darüber abschliessen, wie das Wetter morgen sein wird, besteht kein Systemrisiko. Wenn aber ein Finanzinstitut wie Lehman Brothers im Jahr 2008 ihre Wetten verliert und pleite geht, verlieren weltweit 30 Millionen Menschen ihre Arbeit und Millionen von Leuten müssen ihre Wohnung aufgeben usw.

In Zeiten der Corona-Krise, während der sich Ärzte und Pflegende physisch aufopfern, gibt es Hedge Funds, die Unternehmen und sogar Länder identifizieren, die in finanzielle Probleme geraten wie beispielsweise Hotels, und dann [auf deren Pleite] wetten. Wer solche unsinnigen Produkte verkauft, erzeugt Systemrisiken für die ganze Wirtschaft.

«Es lockt das schnelle Geld»

Solche Wettgeschäfte betreiben Grossbanken, weil sie rasch sehr viel Geld verdienen können – wenn es gut geht. Und wenn es schiefgehen sollte, dann kommen die Steuerzahlenden zur Kasse. Das schnelle Geld lockt die Banken und ihre CEOs. Nehmen wir das Beispiel von Brady Dougan. Er war acht Jahre lang CEO der CS. In diesen acht Jahren ist der Kurs der CS-Aktie um 70 Prozent gefallen, doch er hat [in dieser Zeit] rund 160 Millionen Franken erhalten.

Sein Nachfolger Tidjane Thiam blieb etwa viereinhalb Jahre. Der Kurs der CS-Aktie fiel um 40 Prozent. Thiam erhielt für diese Zeit rund 70 Millionen Franken.

Ich frage mich [Chesney lächelt vor der Pointe], ob diese Leute statt mit Kaufoptionen auf CS-Aktien etwa mit Putoptionen [Verkaufsoptionen] entschädigt worden sind. [Mit solchen Optionen hätten sie ein Interesse gehabt, dass die Aktienkurse der CS fallen.]

«Bessere Manager für eine Million»

Vor fünfzig Jahren gab es Bank-Manager, die damals eine halbe Million Franken verdienten was heute etwa einer Million entspricht. Heute werden Chefs von Grossbanken wie Fussballstars entschädigt. Sie bleiben ebenfalls nur einige Jahre, wechseln von Ort zu Ort und häufig sprechen sie nicht einmal die Sprache des Landes.

Die hohen Entschädigungen werden heute häufig damit gerechtfertigt, dass man die Besten bekommen wolle. Doch diese «Besten» bescherten [den Grossbanken] riesige Verluste. Also sind es nicht die Besten.

Wir brauchen Manager, die vernünftiger sind, zufrieden mit einer Million, langfristig denken und nicht Casino spielen. Manager, die nicht zufrieden sind mit einer Million, sind keine geeigneten Manager.

Mit Mikrosteuer Sand ins Getriebe bringen

Es ist heute kontraproduktiv, die Arbeit und den Konsum zu besteuern. Eine Mikrosteuer von 0,1 Prozent auf allen elektronischen Zahlungstransaktionen würde etwas Sand ins Getriebe des Finanzsektors bringen und jährliche Einnahmen von rund 100 Milliarden Franken erzeugen. Mit 47 Milliarden davon kann man die bürokratische Mehrwertsteuer, die Bundessteuer und die Stempelsteuer ersetzen. Mit den restlichen Milliarden kann man alle diejenigen finanziell unterstützen, die unter der Corona-Krise leiden – und dies, ohne weitere Schulden zu machen!

Eine Familie mit einem Einkommen von 100’000 Franken müsste mit dieser Steuerreform zwischen 4000 und 5000 Franken weniger Steuern zahlen. Die entsprechende Volksinitiative kann auf unserer Webseite mikrosteuer.ch eingesehen und unterschrieben werden. [Marc Chesney ist Mitinitiant dieser Volksinitiative.]

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Marc Chesney, Live-Interview auf Inside Paradeplatz vom 23.3.2021:


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Marc Chesney ist Autor des Buches  «Die permanente Krise – Der Aufstieg der Finanzoligarchie und das Versagen der Demokratie», Zweite Überarbeitete Auflage, Versus Verlag Zürich, 2019, 20 CHF.

Zum Infosperber-Dossier:

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8 Meinungen

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    am 25.04.2021 um 11:24 Uhr
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    Es wäre zu prüfen, ob man hohe Boni per Gesetz mit einer Haftung für Verluste verknüpfen kann.

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    am 25.04.2021 um 11:48 Uhr
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    Ich teile weitgehend die Meinng von Marc Chesney. Jedoch ist nach meiner Erfahrung bei einer grossen Bank die Aussage, dass es sich bei 99,9 Prozent der Derivate um Wetten handelt, nicht richtig. Nach meiner Erfahrung dienen ein grosser Teil der Derivate zum Zinsabsicherungsgeschäft (Zins Swaps). Der grösste Teil davon ist glattgestellt, verbleibt aber im Reporting.

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    am 25.04.2021 um 12:43 Uhr
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    Sehr geehrter Herr Prof. Chesney
    Mikrosteuer für die Armuts- und Altersvorsorge JA. Faire Sozialhilfe bei Bedarf, existenzsichernde AHV-Rente ab Alter 65 für alle, BV Art. 112. Bundes- und Mehrwertsteuer nicht ersetzen, Stempelsteuer ersetzen.

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    am 25.04.2021 um 14:37 Uhr
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    Wenn der Kapitalismus entgleist und sich selber an die Wand fährt, könnte er zum Faschismus werden. Was gegenwärtig geschieht, hatten wir doch schon mal. Eine finanziell elitäre (Clevere?) Minderheit bestimmt gegenwärtig weitgehend, was sein darf und was nicht. Ein globaler Reset sei notwendig. So kann es nicht weiter gehen. Das mag nicht unbedingt falsch sein. Zunehmende Krankheiten, egoistische Verhaltensweisen, Umweltzerstörung, Überbevölkerung, es könnte auch anders gehen.Es braucht Veränderungen. Dass aber diese elitäre Minderheit von einer neuen Welt predigt, wo doch genau diese Minderheit diese Situation, inklusive den kommenden Crash, herauf beschworen hat, und dazu noch stark überaltert ist, erzeugt eine sehr gefährliche Situation.
    Dass es dazu immer mehrere braucht z.B. eine Masse welche ihren Plastik ins Meer kippt und 3 Autos fahren muss pro Familie, ist offensichtlich. Geld regiert die Welt. Das ist nicht ganz richtig. Die menschlichen Bedürfnisse regieren die Welt, aber Geld ist eines der Mittel, um diese zu erfüllen. Wenn Demokratie ausgehebelt wird von einigen Wenigen, wenn Menschen mit einer grossen sozialen Fallhöhe nichts dazu sagen, aus Angst vor Nachteilen, da sie etwas zu verlieren haben, dann wird es noch gefährlicher. Auch wenn die Ziele noch so gut sein mögen, das ist nicht der richtige Weg. Was im Gesundheitswesen passiert, erinnert mich an das Buch über die Rolle des Robert Koch Institutes im zweiten Weltkrieg. (Buch:Annete Hinz-Wessels)

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    am 26.04.2021 um 08:09 Uhr
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    Diese 30 globalen Grossbanken sind die Aushängeschilder des aktuellen, völlig hirnrissigen, Geldsystems der Zentralbanken mit ihrem Monopol der Geldschöpfung globaler Fiat-Währungen – und dieses System wird in sehr naher Zukunft wieder einmal kolossal Schiffbruch erleiden. Es ist so konstruiert und diejenigen, die es konstruiert haben, wissen das auch – aber sie profitieren davon maximal; 90% werden erneut verlieren bei diesem „Spiel“.
    Deshalb: Schwimmweste anziehen und in die Rettungsboote – flüchten Sie in reale Werte. Verlassen Sie dieses System.
    https://goldswitzerland.com/de/archegos-credit-suisse-die-spitze-des-eisbergs/

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    am 26.04.2021 um 08:54 Uhr
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    Als Jugendlicher lernte ich: 1 Mensch = 1 Stimme. Es dauerte Jahrzehnte bis ich merkte: 1 CHF = 1 Stimme. In meiner Jugend gab es in unserer Stadt ein paar Mehrfach-Millionäre. Heute gibt es einige Mehrfach-Milliardäre. Berücksichtigend, dass die Kaufkraft des CHF seither nur noch etwa 1/10 beträgt, sind die Reichen also rund 100 mal reicher geworden. War das der Wille des Volkes?! – Hat unser Parlament und Bundesrat wirklich die Interessen seiner Wähler vertreten? Warum soll ich heute unserer Regierung vertrauen, dass sie in der „Pandemie“ meine Interessen vertritt? Rund CHF 10’000/Einwohner hat der Staat bisher ausgegeben: das mag ein Trinkgeld für einen Parlamentarier oder einen Bundesrat sein, für die meisten von uns aber eine Summe wo man gut überlegt, bevor man sie ausgibt. Und wenn man hören muss, dass Superreiche im Coronajahr ihre Vermögen verdoppeln konnten, während viele dabei sind, sich an die Sozialhilfe wenden zu müssen, meint man schon, dass da etwas faul ist im Staate – nicht nur in Dänemark. Hoffen wir also, dass unsere Regierung uns diesmal nicht im Stich lässt…..

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    am 26.04.2021 um 10:23 Uhr
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    Seit Jahrzehnten mischeln und mauscheln Banken. Kommt etwas aus werden grossartige Versprechen abgegeben. Seit Jahrzehnten wiederholt es sich, geändert wird nichts. Rechtsbürgerliche Mehrheiten lassen alles laufen.

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    am 28.04.2021 um 10:33 Uhr
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    @ Basler: Die „rechtsbürgerliche Mehrheit“? Meinen Sie damit SVP (2 Sitze im BR) FDP (2 Sitze im BR) CVP, sorry, MITTE (1 sitz im BR) oder zählen Sie die GLP (1 Sitz im BR) auch dazu? denn ich denke, bei der Trinkwasserinitiative vertraten die ebenso „Bürgerliche“ Lösungen wie die restlichen Genannten.
    Die würden auch COVID-19 auf die Felder spritzen, wenn es die Vögel killt. Die Übermacht an Bürgerlichkeit lässt sich nur durch A) Mehr Bundesratssitze, oder durch B) Aufhebung der „Zauberformel“ auflösen. Dasselbe gilt für den Finanzmarkt. Insiderhandel, Kursmanipulation durch Aktienrückkäufe, Geldschöpfung,“short selling“ und ähnliche Tricksereien kann man nur verhindern, wenn es wieder Illegal wird. Hochfrequenzhandel würde mit der Mikrobesteuerung rasch auf ein minimum reduziert, sodass es auch nicht nachhaltig funktionieren würde. Uns liegen ja nur die Zahlen des ungebremsten Handels vor. Wobei der „Markt“ grundsätzlich regulierendes, wie „Marktsättigung“ gekonnt ignoriert, oder Manipuliert. Besonders der Tech-Sektor.

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