220922 SRF TS Zinsen

Die Tagesschau des Schweizer Fernsehens verkündet die Abkehr von Negativzinsen als einen «Wendepunkt». © srf

«Abschied von Negativzinsen – Hurra!»: Das ist Augenwischerei

Urs P. Gasche /  Der Wert des Ersparten schwindet in Zukunft sogar stärker als vorher. Für die Sparer zählt die Differenz Zinsen minus Inflation.

«Für Sparer endet die Ära der Negativzinsen. Endlich sind sie weg.» So meldete die SRF-Tagesschau freudig, dass die Nationalbank von Negativzinsen Abschied nahm.

Mit solchen Informationen über rein nominelle Zins- und Wertveränderungen wird Sand in die Augen gestreut. Arbeitgeber, Sozialversicherungen, Banken und mit ihnen viele Behörden und Politiker versuchen damit, die Leute zu beruhigen. Viele Medien übernehmen die leicht irreführende Wortwahl.

Es muss allen einleuchten: Aus Sicht der betroffenen Lohnabhängigen, Rentnerinnen und Sparern zählt nur eines: Wie entwickelt sich die Kaufkraft ihrer Löhne, Renten und ihres Geldes, das sie auf einem Bankkonto haben.  

Für sie entscheidend ist der reale Wert der Löhne, Renten und des gesparten Geldes. Schon im Anfängerkurs der Wirtschaftswissenschaft unterscheidet man zwischen Nominallöhnen und Reallöhnen, nominalen Rentenerhöhungen und realen Rentenerhöhungen sowie zwischen Nominalzinsen und Realzinsen.

Medien könnten präzis informieren, dass es in Zukunft keine nominalen Negativzinsen mehr gebe. Dieser nur bei negativen Zinsen ungewohnte, jedoch korrekte Begriff könnte Zuschauende oder Lesende auf die Idee bringen, wie es denn mit der realen Verzinsung aussieht. Viel informativer und transparenter sind allerdings Angaben in realen Werten.

Würden die Medien aus Sicht der Arbeitnehmenden, der Rentnerinnen und Sparer informieren, liessen sie sich von Banken und Behörden nicht mit nominellen Zahlen abspeisen, sondern würden mit realen Zahlen informieren. Denn in einer Zeit mit Inflation haben die nominalen Zahlen mit den realen Werten wenig zu tun.

Die meisten Medien bemerkten wenigstens nebenbei, dass die Inflation stark gestiegen ist. Und die Tamedia-Zeitungen titelten: «Nach Zinserhöhung: Sparer profitieren kaum». Tatsächlich allerdings stehen die Sparenden gegenwärtig sogar schlechter da als am Anfang des Jahres.
Die NZZ titelte «Die Zinswende gewinnt an Schwung – Die Nationalbank beendet die Ära der Negativzinsen.» Von diesem rein nominalen Schwung spüren Sparer, Lohnempfänger und Rentnerinnen allerdings nichts. Im Gegenteil: Wegen der viel höheren Inflation verlieren sie noch mehr Kaufkraft als früher.

Das Beispiel mit den Zinsen

Für verschiedene Bankkonti und für verschiedene hohe Summen gibt es unterschiedliche Verzinsungen. Sie reichen gegenwärtig von einem kleinen Negativzins bis zu 0,25 Prozent. Diese Verzinsung hat sich seit Anfang Jahr in den meisten Fällen nicht verändert.

Doch seit Januar 2022 stieg der Index der Konsumentenpreise um 3 Prozent. So viel weniger kann mit den Löhnen, Renten und den ­– dank Sparen erwirtschafteten –Zinsen gekauft werden. Im Durchschnitt wurden alle um drei Prozent ärmer. 

Künftig verlangt die Nationalbank von den Privatbanken keine nominalen Negativzinsen mehr, wenn diese Geld bei der Nationalbank hinterlegen. Deshalb werden die Privatbanken die nominalen Zinssätze auf Privat- und Sparkonten vielleicht um ein Viertel Prozent erhöhen, etwa von 0 Prozent auf 0,25 Prozent. 

Doch so lange die Inflation höher ist, verliert das Geld auf den Bankkonten weiterhin an Kaufkraft. Denn die künftig nominal zwar positiven Zinsen reichen nicht aus, um die Entwertung des Geldes wegen der steigenden Preise zu kompensieren. 

Weil der Unterschied zwischen der Geldentwertung und der Verzinsung des Geldes im Vergleich zum Anfang des Jahres viel grösser geworden ist, sind die realen Zinsen heute noch viel negativer. Das heisst: Im Januar verloren die Sparerinnen und Sparer mit ihrem Geld auf Bankkonten trotz der Negativzinsen deutlich weniger reales Vermögen als gegenwärtig mit einer leicht positiven Verzinsung.

Trotz des verkündeten «Wendepunktes» verlieren Sparer, Lohnempfänger und Rentnerinnen in den kommenden Monaten noch mehr Kaufkraft, wenn die Inflation anhält. Für ein «Hurra» gibt es überhaupt keinen Anlass.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

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Wie sicher ist unser Geld?

Auf der Bank sind die Gebühren höher als die rekordtiefen Zinsen. Wo ist das Ersparte noch sicher?

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8 Meinungen

  • am 23.09.2022 um 11:18 Uhr
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    Es wäre interessant zu wissen, was höhere Zinsen für Staaten in einer Situation bedeuten, in der sie viel Geld für den sozialen Ausgleich benötigen.

    0
    • am 24.09.2022 um 14:49 Uhr
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      Es dürfte katastrophal sein. Aber auch für Gemeinden, die z.B. die Abwasserbereinigung mit billigen Krediten finanziert hatten. Aber das waren ja gesetzliche Vorgaben, welche die Gemeinden nicht ignorieren konnten.

      Das ist nicht Marktversagen, sondern klar Regulierungs- bzw. Regierungsversagen. Nachhaltigkeit ?

      0
  • am 23.09.2022 um 22:13 Uhr
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    Es ist gut, diese Tatsachen immer wieder in Erinnerung zu rufen.
    Es war allerdings auch in der Vergangenheit eher die Regel als die Ausnahme, dass man mit einem Sparkonto bei der Bank negative Realzinsen hatte. Um längerfristig zu sparen war ein Sparkonto noch nie eine gute Idee.

    1
  • am 23.09.2022 um 22:26 Uhr
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    Die welche Grund zur Freude haben sind die «Kleinsparer» welche > Fr.100’000-. auf der hohen Kante haben.
    Höhere Zinsen könnten als Brandbeschleuniger dienen zusätzlich zu der Energiekrise und der vermeintlichen Inflation. Eigenheimbesitzern könnten böse erwachen wie damals in den USA. Immer hört man die Zentralbanken wären Schuld wegen ihrer expansiven Geldpolitik. Erstens wird der Grossteil des Geldes von den Privatbanken geschöpft zweitens warum ist es nicht schon vorher zur Inflation gekommen, die Gesamtgeldmenge war schon vorher hoch. Zufall, das gerade alles zusammen kommt? Zuerst «Pandemie», dann Krieg mit Russland und Energiekrise und nun Inflation. Hier stimmt doch etwas nicht.

    2
    • am 24.09.2022 um 10:28 Uhr
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      Wir haben aktuell ja nicht die typische altgewohnte Inflation, die größtenteils aus dem Spielchen «Mehr Volkseinkommen => Preise für den höheren Profit erhöhen => Volkseinkommen erhöhen …» bestand, sondern wir haben ein verknapptes Gut, die Energie. Das treibt die Preise aus ganz andersartigem Grund als sonst. Jetzt die Preise durch höhere Geldkosten noch weiter zu puschen, kommt dem gleich, Benzin zum Löschen in’s Feuer zu gießen. Das ist irgendwie kontraintelligent, geradezu absurd.

      0
  • am 23.09.2022 um 22:37 Uhr
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    Ich habe Angst… Angst zu investieren, Angst um meinen Lebensstandart, Angst die Kontrolle über meine Finanziellen Möglichkeiten zu verlieren. Dies nur weil ein Paar Politiker und Banker in Europa den Hals nicht genug voll kriegen! Warum muss jetzt der Leitzins auch noch angehoben werden? Das hätte man schon vor Jahren machen können und so die Bevölkerung nicht in Angst und Schrecken zu versetzen!

    2
  • am 24.09.2022 um 13:14 Uhr
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    Mit so schnellen und vor allem weiteren Zinserhöhungen schiebt doch die SNB den Kaufkraftverlust erst recht an? Die Hypozinsen steigen rasant, die Mieten steigen, ja die Preise steigen damit auf breiter Front, denn diese Kosten müssen ja wieder gedeckt werden. Man sorgt also sozusagen dafür, dass die Lebens-Kosten erst recht massiv steigen. Da hat man also eine Art künstliche Inflation, die temporär gewisse Bereiche des Lebens betrifft (Energie, Treibstoffe, Verknappung von Gütern), andere überhaupt nicht oder nur am Rande (Importe wurden billiger). Nur zahlen nun diejenigen damit die Zeche, welche von der Inflation überhaupt nicht betroffen waren. Unsere Währung hat innert einem halben Jahr 5% aufgewertet. Innert einem Jahr um 15%. Wenn man nun die Zinsen so massiv erhöht, dann heisst doch das ein noch attraktiverer CHF, was dann wieder die Exportwirtschaft massiv schwächt. Dass rundherum alle Länder die Zinsen massiv erhöhen müssen, verstehe ich, aber bei uns verstehe ich es nicht.

    2
    • am 24.09.2022 um 13:30 Uhr
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      Stark steigende Zinsen zum Bekämpfen einer zu hohen Inflation von in der Schweiz 3 Prozent führen tendenziell zu einer Abschwächung der Wirtschaft. Wenn deswegen weniger konsumiert wird, sinken tendenziell die Preise oder sie steigen weniger stark an. Höhere Zinsen führen tendeziell auch zu einem stärkeren Franken. Ohne den stärker gewordenen Franken, wären die Preise für importiertes Heizöl, Benzin und Gas bei uns noch viel stärker gestiegen – zum Nachteil von fast allen. Dank eines stärkeren Frankens erreicht die Schweiz bessere «Terms of Trade», das heisst, wir können alle Waren vom Ausland günstiger importieren als mit einem schwachen Franken.

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