Die Handelszentrale von Starbucks befindet sich in der SchweizDepositphotos_110845508_XL

Den Handel mit Kaffee wickelt Starbucks aus der steuergünstigen Schweiz ab. © weyo/Depositphotos

«Schweizer Schwindel» von Starbucks

Markus Mugglin /  Ein Lehrstück über Gewinnverlagerung in die steuergünstige Schweiz auf Kosten von Kaffeeanbau-Ländern.

«Schweizer Schwindel – Bereichert sich Starbucks auf Kosten der kaffeeproduzierenden Länder?» ist der Titel eines neuen Berichts des «Centre for International Corporate Tax Accountability and Research» (Cictar). Das Fragezeichen im Titel löst sich in der Online aufgeschalteten Zusammenfassung schnell auf. Die Zweifel haben sich verflüchtigt: «Das Unternehmen verlagert seine Gewinne in die Schweiz, sodass den kaffeeproduzierenden Ländern nur geringe Einnahmen bleiben und die Armut in den Bauerngemeinden fortbesteht.»

Der Bericht bietet einen seltenen Blick hinter eine globale Lieferkette vom Kaffeestrauch in Kolumbien und Tansania bis zu den Rösterei-Gesellschaften in den USA, den Niederlanden und in China. Dazwischengeschaltet als Zwischenhändler ist die «Starbucks Coffee Trading Company (SCTC) in Lausanne. Sie ist für den gesamten Einkauf von Rohkaffee für das ganze Unternehmen verantwortlich, den es an die eigenen Röstereien weiterverkauft. Die Bohnen gehen nie durch die Schweiz. Doch die Differenz zwischen Kauf und Verkauf – so die Autoren – ermöglichen es Starbucks, «eine beträchtliche Gewinnspanne in der alpinen Steueroase zu verbuchen».

Hohe Rendite für Handelszentrale in Lausanne

Die Feststellung ist nicht neu. Die Autoren kamen bereits in ihrer Studie vom März letzten Jahres zu diesem Befund. Sie stellten ab 2011 einen plötzlichen Aufschlag von 18 Prozent zwischen Einkauf und Verkauf gegenüber nur drei Prozent in den Jahren zuvor fest, den sich das Handelsbüro in Lausanne gutschreiben liess. Es zahlt sich aus: «Durch dieses System sind in den letzten zehn Jahren mindestens 1,3 Milliarden US-Dollar an Gewinnen in die Schweizer Tochtergesellschaft geflossen.» Der Bericht wertet es als Verlagerung von Gewinnen in die steuergünstige Schweiz.  

Doch Starbuck widersprach. Der hohe Preisaufschlag stehe nicht für die steuerlich motivierte Verschiebung der Gewinne in die Schweiz. Er spiegle vielmehr die Kosten ihres Programms «Kaffee und Gerechtigkeit für Bauern», das sicherstellen soll, dass der Kaffee wirtschaftlich, sozial und ökologisch verantwortlich angebaut, verarbeitet und gehandelt wird. 

Die Einwände von Starbucks nahmen die Autoren des von internationalen und nationalen Gewerkschaftsverbänden und ihnen nahestehenden Organisationen getragenen Forschungszentrums «Cictar» zum Anlass, ihre Recherche zu vertiefen. Im neuen Bericht richten sie ihren Blick insbesondere auf die Situationen in Kolumbien und Tansania, wo die Kaffeehauskette zwei seiner insgesamt zehn «Farmer Support Center» betreibt.  

Was sie vermuteten, finden sie bestätigt. Die Praktiken der Zentren und für damit verbundene Kosten für geistiges Eigentum können den Preisaufschlag bei der Handelszentrale nicht rechtfertigen. Die Betriebskosten der Zentren in Kolumbien und Tansania beziffern sie zusammen auf weniger als eine Million Franken. Auf alle zehn Unterstützungszentren in den kaffeeproduzierenden Ländern hochgerechnet resultierten Gesamtkosten von lediglich etwa fünf Millionen. Sie machten, so der Bericht, «nur einen kleinen Bruchteil der Hunderte von Millionen Dividenden aus, die von der Handelsgesellschaft in der Schweiz ausgezahlt werden».

Starbucks weist Kritik zurück, scheint sie jedoch zu bestätigen

Die Autoren luden Starbucks zur Stellungnahme ein. Nicht überraschend, widersprach der Konzern. Jede Andeutung auf Gewinnverlagerungen weist er «kategorisch zurück» und preist stattdessen seine Unterstützungsprogramme für die Kleinbauern und die «erheblichen Investitionen in die Zukunft der Kaffeeagronomie, um den nachhaltigen Kaffeeanbau weltweit voranzutreiben». Der Bericht stütze sich «eher auf Annahmen als auf Beweise», hält Starbucks entgegen. Zu den üppigen Gewinnen des Handelszentrums in Lausanne meint der Konzern aber trotzdem nur: «Die Renditen spiegeln die Rolle des Unternehmens bei der Bewältigung von Preisschwankungen und Risiken in der Lieferkette sowie bei der Sicherung der langfristigen Kaffeeversorgung wider».

Eine auf nachvollziehbare konkrete Fakten abgestützte Widerlegung der Kritik an der Gewinnverschiebung in die Handelsniederlassung in Lausanne ist das allerdings nicht. Auch nicht der Vorwürfe des «Swiss Swindle»-Berichts, dass praktisch keine Einnahmen an die «Farmer Support Center» in den Kaffeeländern fliessen und die Tochtergesellschaften von Starbucks in Hochsteuerländern viel höhere Preise für die aus der Schweiz stammenden Bohnen zahlen als Starbucks seinen Bauern. Was Starbucks nicht widerlegt, wirkt wie ein Eingeständnis der Gewinnverschiebung in den steuergünstigen Rohstoffhandelsplatz Schweiz.

Illegal ist das nicht. Die Autoren von «Swiss Swindle» halten ausdrücklich fest, «keine konkreten Vorwürfe illegaler Aktivitäten» zu erheben. Sie werten das Beispiel Starbucks aber als «Extremfall» eines umfassenderen Problems im globalen Kaffee- und Rohstoffhandel mit der Schweiz in dessen Zentrum, wo der «Grossteil der Gewinne in einem kleinen Büro in der Niedrigsteuerzone der Schweiz» landet. Das gelte es zu ändern. Konkret fordert der Bericht: «Der Kauf und Weiterverkauf von Kaffeebohnen sollte in den Ländern stattfinden, die Kaffee produzieren, und die Gewinne sollten dort besteuert werden, nicht in der Schweiz, wo die Kaffeebohnen nie gesehen werden».


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