Ferme des Savanes Emilien Held

Bauer Emilien Held von der Ferme des Savanes erklärt die Prinzipien der Permakultur © FdS

Prix Climat 10.3.2022: Landwirtschaft, die das Klima schützt

Susanne Aigner /  Zwei Schweizer Bauernhöfe produzieren gesunde Lebensmittel und schützen mit innovativen Lösungen Klima und Biodiversität.

Landwirte geraten zunehmend in die Kritik, weil sie kaum nachhaltig wirtschaften. Der Einzelhandel diktiert ihnen die Preise und steckt die Rahmenbedingungen ab. Das schränkt den Handlungsspielraum der Bauern ein. So kommt es, dass Umweltaspekte häufig ökonomischen Zielen untergeordnet sind. Allerdings hat die Landwirtschaft auch das Potenzial, einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz und zur Erhaltung der Biodiversität zu leisten. 

Bauern, die den schlechten Rahmenbedingungen trotzen

Wie lässt sich Beides unter einen Hut bringen? Allen widrigen Umständen zum Trotz gibt es Bauern, die diese Herausforderung annehmen: Sie stellen nicht nur einfach Lebensmittel her, sondern wollen mit ihrer Arbeit auch das Klima schützen und die Vielfalt erhalten. Dafür entwickeln sie innovative Lösungen und neue Produkte. Sechs verschiedene Höfe auf unterschiedlichen Schweizer Standorten, denen der Spagat zwischen ökonomischem Mehrwert und ökologischer Nachhaltigkeit gelang, werden am 10. März 2022 mit dem Prix Climat 2022 ausgezeichnet.

Zwei der Preisträger – einer mit Ackerbau und Tierhaltung, der andere mit Gemüseanbau und Agroforst – werden im Folgenden näher vorgestellt.


1. Hof Obermettlen in Root LU: Neue Chance für eine alte Rasse

Marlen und Stephan Koch-Mathis.Obermettlen
Preisträger des Prix Climat 2022: Marlen und Stephan Koch-Mathis

Das Rätische Grauvieh war einst in den Bergen Graubündens weit verbreitet. Längst musste es modernen Milchleistungsrassen weichen. Doch auf dem Hof Obermettlen in Root, Kanton Luzern, erhalten ausrangierte Tiere der vom Aussterben bedrohten Rasse eine zweite Chance. Vor einigen Jahren kauften Marlen und Stephan Koch-Mathis die beiden Kühe, die von ihren früheren Besitzern ausrangiert wurden. Die Gründe, warum Bauern ihre Kühe weggeben, sind vielfältig. Mal ist es, weil sie ihr Land verlieren, in anderen Fällen hatten die Kühe Fehlgeburten. Eine Mutterkuh wird in der Schweiz im Schnitt 8,7 Jahre alt, bevor sie zum Schlachter geht, weiss Marlen Koch-Mathis.  

Normalerweise kann eine Kuh 20 bis 25 Jahre alt werden. Hat eine Kuh mal kein Kalb oder braucht länger, um trächtig zu werden, ist sie schon nicht mehr rentabel, klagt die Bäuerin. Einige von diesen Ausrangierten kauften sie und ihr Mann, um den Tieren auf ihrem Bauernhof ein neues Zuhause zu geben.

Etwa sechs Hektar gehören zum Hof – genug Weideland für rund 15 Kühe. Auf diese Zahl ist die kleine Herde mit ihrem Nachwuchs mittlerweile angewachsen.

Die alten Kühe, die ursprünglich zum Schlachter sollten, haben teilweise das dritte Kalb geboren, freut sich die Bäuerin. Die Kälber bleiben zwei Jahre lang bei ihren Müttern. Von Mai bis Oktober sind die «Herbstzeitlosen» täglich auf der Weide. Die verlängerte Nutzungsdauer der Tiere wirkt sich positiv auf die Ökobilanz des Fleisches aus. Wenn eine Kuh statt fünf Kälber sieben bis acht Kälber bekommt, verbessert sich auch die Ökobilanz des Fleischs. Zudem werden beim Schlachten alle Innereien des Tieres verwertet. Früher brachten Marlen und Stephan Koch-Mathis ihre Tiere zum Schlachthof. Doch beim Transport jedes Mal Angst und Stress der Tiere zu spüren, das habe sich für sie falsch angefühlt, erklärt die Bäuerin. Heute töten sie ihre Rinder direkt auf dem Hof.

Solidarische Tierpatenschaften mit Weidebeef

Rätisches Grauvieh ist leichter als die modernen Rassen. Mit ihren breiten Klauen eignen sich die kleinen Rinder perfekt zur Beweidung von Steilhängen. Ein Drittel der Flächen sind Dauerweiden, der Rest wird einmal im Jahr gemäht, um das ganze Jahr über Futter zu gewinnen. Verfüttert wird ausschliesslich hofeigenes Raufutter. So wird mit Weidehaltung auf teils steilen Hanglagen hochwertiges Fleisch produziert.

Die Konsumentinnen und Konsumenten sollen sich mit der Frage auseinandersetzen, was ein Stück Fleisch eigentlich wert ist und wieviel Arbeit drinsteckt, wünscht sich die Bäuerin. Auf ihrem Bauernhof beteiligen sich Fleischliebhaber als Paten direkt an den Kosten: Wird ein Kalb geboren, stehen ihm acht Paten zur Seite. Jeder dieser Paten bezahlt zwei Jahre lang einen Franken pro Tag, also insgesamt 730 Franken. Wird das Tier nach zwei Jahren geschlachtet, erhält der Pate bzw. die Patin einen Anteil des hochwertigen Fleisches. Während der zwei Jahre können die Paten an so genannten Bauernhoftagen aktiv auf dem Hof mitarbeiten. So erhalten sie selber einen Einblick, wieviel Arbeit und Zeit in einem Stück Fleisch steckt. 

Nur so können wir dem Lebensmittel wieder seinen Wert zurückgeben, ist Marlen Koch-Mathis überzeugt. Dass Konsumenten und Produzenten näher zusammengebracht werden, birgt nicht nur Chancen für Tierwohl und Klima, es sichert auch bäuerliche Existenzen. Über Tierpatenschaften will das Paar die Menschen dazu bewegen, bewusster mit dem eigenen Fleischkonsum umzugehen. In speziellen Grillkursen können interessierte Kunden zum Beispiel lernen, wie aus dem Fleisch inklusive der inneren Organen und ohne Reste eine leckere Mahlzeit zubereitet wird.


2. Ferme des Savanes in Apples VD: Ernährungssouveränität dank Permakultur

Ferme des Savanes
Diese drei haben die Initiative ergriffen: Valentin, Marjane und Emilien

Als Marjane El-Hout, Valentin Gionchetta und Emilien Held im  Februar 2021 den 30-Hektar-Betrieb oberhalb des Lac Léman in Apples, Kanton Waadt, kauften, hatten sie bereits eine genaue Vorstellung davon, wie sie die Äcker bewirtschaften wollten: Nach dem Vorbild der nordamerikanischen Savanne mit Nussbäumen, Haselnusssträuchern und mehrjährigen Kräutern wollen sie eine widerstandsfähige Landwirtschaftder nach dem Prinzip der Permakultur aufbauen.

Im Rahmen der Solidarischen Landwirtschaft wird der Betrieb von einer Gruppe Menschen aus der Region finanziert. Zudem helfen die Abonnenten auf dem Acker und bei der Ernte. Weil das Gemüse nur kurze Wege bis zum Konsumenten zurücklegt, werden unnötige Transporte vermieden. 

Sofort nach Übernahme des Betriebes begannen die drei Gärtner, Obstbäume, Beerensträucher, Stauden und Büsche zu pflanzen, direkt neben Gemüsebeeten mit Zucchini, Spinat und Körnermais. Ziel sind mehrstufige Obst- und Gemüsegärten, die als «Fruchthecken» dienen. In einer eigens angelegten Baumschule ziehen sie Apfel-, Birnen-, Pflaumen-, Quitten- und Kirschbäume. Um gute Erträge zu erhalten, werden die jungen Bäumchen veredelt. 

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Die Permakultur ist ökologisch optimal, fordert aber mehr Arbeit

Trotz des Mehraufwands setzen Marjane, Valentin und Emilien auf reduzierte Bodenbearbeitung und einfache Techniken mit viel Handarbeit. So wird das Saatgut mit einem handbetriebenen Gerät in Reihen ausgesät. Um Bodenverdichtung zu vermeiden und die Bodengesundheit zu fördern, wenden sie meist pfluglose Methoden an. Zum Beispiel werden mit einer Scheibenegge die Stoppeln bearbeitet, wobei die oberen Erdschichten leicht durchmischt werden. Zwecks Verbesserung der Bodenstruktur und zur Fütterung der Bodenorganismen arbeiten sie regelmässig Kompost ein. 

Der Baum steht im Zentrum der «Savanne»

Zwischen den Baumreihen wächst mehrjähriges Gemüse wie Rhabarber, Oregano und andere Wildkräuter, die von der Nähe der Bäume und deren Nährstoffkreisläufen profitieren. Der Anbau vielfältiger Gemüsesorten soll Ernteverluste geringhalten und den Betrieb widerstandsfähiger machen. Wechselnde Beschattung durch Bäume und Sträucher schützt den Boden vor Austrocknung. Bäume binden nicht nur Kohlendioxid, erklärt Valentin Gionchetta, sie verbessern auch die Bodenfruchtbarkeit. Wenn im Herbst die Blätter fallen, werden sie am Boden zu Humus umgewandelt. Auf diese Weise erhalten Bäume die ökologische Vielfalt. 

Globale Erwärmung und Artenverlust stellen die Menschheit vor immer grössere Probleme. Marjane, Valentin und Emilien sehen einen Lösungsweg in einer nachhaltigen Landwirtschaft, die unabhängig ist vom Erdöl. Auch deshalb wollen sie dazu beitragen, dass sich Permakultur im Gemüsebau in Mitteleuropa weiterverbreitet. Denn: Je artenreicher ein Öko-System ist, desto widerstandsfähiger ist es und umso besser kann es auf klimatische Veränderungen reagieren.

Läuft alles nach Plan, stehen auf der Ferme des Savanes in zehn Jahren reihenweise ausgewachsene Obstbäume verschiedenster Arten und Sorten, dazwischen Gemüsereihen – ein Obst- und Gemüseparadies, mit ausreichend Lebensraum für Vögel und Insekten. 


Die drei Pioniere erklären ihr Vorgehen in einen Video:


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

Sie machen wenig Schlagzeilen, weil keine «akute» Gefahr droht. Doch die schleichende Belastung rächt sich.

Kuh

Landwirtschaft

Massentierhaltung? Bio? Gentechnisch? Zu teuer? Verarbeitende Industrie? Verbände? Lobbys?

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