Spritzen von Pestiziden

Flächendeckendes Spritzen von Pestiziden: Zu viele gelangen in die Gewässer. © srf

Pestizide: Manche Bauern kennen wenig Eigenverantwortung

Urs P. Gasche /  Fische in unseren Bächen sind die Opfer. «10vor10» zeigt Missstand und kritisiert das Bundesamt für Umwelt.

Es fängt an mit Messwerten des Bundesamts für Umwelt Bafu aus dem Jahr 2019: In 21 von 28 gemessenen kleinen und mittelgrossen Flüssen wurden die Pestizid-Grenzwerte überschritten – bis zu 1000-fach im Fall eines hochgiftigen Pestizids für Lebewesen in den Bächen. Bei den Überschreitungen handelte es sich um Grenzwerte einzelner Pestizide. Einen Grenzwert für mehrere Pestizide zusammen gibt es nicht, obwohl sich die negativen Wirkungen von mehreren Pestiziden meistens nicht einfach kumulieren, sondern potenzieren.

Die Frage von Infosperber, warum das Bafu die genannten Messwerte seit fast drei Jahren unter Verschluss hält, beantwortete das Bundesamt für Umwelt Bafu nicht.

Die verschiedenen Pestizide kommen laut Recherchen von «10vor10» wie folgt in die Bäche:

Zu wenig Abstand von Bächen und Flüssen

Rund 22 Prozent der Pestizide werden von den Feldern direkt in die Bäche gespült, wenn es stark regnet. Um solche Abschwemmungen möglichst zu verhindern, hat der Bund Vorschriften erlassen: Die Bauern sollten beim Spritzen Abstand zu Gewässern einhalten. Je giftiger ein Pestizid für Bachlebewesen ist, desto grösser der verordnete Abstand zum Gewässer. Offensichtlich sind die kantonalen Kontrollen zu lasch und die Eigenverantwortung der Bauern mangelhaft.

Abwasserschächte: «Ein Problem, das man angehen muss»

Rund 22 weitere Prozent der Pestizide gelangen über Abwasserschächte auf den landwirtschaftlich genutzten Feldern oder auf Strassen neben den Feldern in die Bäche. Dort gibt es schweizweit schätzungsweise über eine Million Schächte. Das brachte eine Dissertation von Eawag-Forscher Urs Schönenberger ans Licht, die Ende 2021 publiziert wurde.
Obwohl mehr als ein Fünftel aller Pestizide durch die Schächte in die Flüsse gelangen, erliess der Bund bisher keine Auflagen und die Belastung durch Schächte wird bei der Zulassung von Pestiziden auch nicht berücksichtigt. Eawag-Forscher Schönenberger sagt im «10vor10»: «Das ist ein Problem, das man angehen muss.» Der Bundesrat gab erst jetzt seine Absicht bekannt, beim Pestizid-Spritzen auch Abstände zu den Schächten vorzuschreiben. 


Infosperber informierte bereits im Jahr 2015:
«Berner Wasseramt und Eawag schlagen Pestizid-Alarm»

Bereits im Jahr 2015 stellte eine Studie der Eawag (Wasserforschungsinstitut der ETH) fest dass die Pestizidgrenzwerte schon seit Jahren regelmässig überschritten werden: In den fünf mittelgrossen Flüssen Salmsacher Aach (SG), Furtbach (ZH), Surb (AG), Limpach (SO) und Mentue (VD) wurden in jeder Probe durchschnittlich 40 Pestizide gemessen. Insgesamt überschritten 31 Pestizide den Grenzwert der Gewässerschutzverordnung. Vereinzelt gab es Grenzwertüberschreitungen um mehr als das Zehnfache. Die Eawag sprach von «sehr hohen Konzentrationen».

Kurt Marti berichtete damals auch über einen Bericht des Amts für Wasser und Abfall des Kantons Bern (AWA). Dieser kam zum Schluss, dass «in Mittellandgewässern ein erhebliches Schadstoffrisiko für Gewässerorganismen und möglicherweise auch für die langfristige Nutzung der Wasserressourcen durch den Menschen besteht». Deshalb seien weitere Anstrengungen zur Reduktion der Pestizidbelastung «unbedingt erforderlich». Die Gelegenheit dazu bietet sich mit der aktuellen Revision der Gewässerschutzverordnung (GSchV) und dem nationalen Aktionsplan zur Pestizidreduktion, der bis Ende 2016 vorliegen soll.

Die grösste Pestizidmenge direkt ab den Hofplätzen

Rund 40 Prozent der Pestizide gelangen vom Hofplatz ins Gewässer. Für diese grössten Mengen sind die Bauern direkt verantwortlich. Das hat eine Studie der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope ergeben, die Ende Januar publiziert wurde.

Auch hier fehlte es bisher an Eigenverantwortung: Viele befüllen und waschen die Pestizid-Spritzen, ohne die Pestizidrückstände aufzufangen, obwohl dies zum Beispiel mit einer Wanne oder mit dem Einleiten in den Gülletrog möglich wäre, wo sie stark verdünnt werden und sich danach beim Güllen im Boden abbauen. Stattdessen verbleiben die Pestizide auf dem Hofplatz und werden bei Regen zum nächstgelegenen Schacht geschwemmt. Von dort gelangen sie per Leitung in den Bach.

Erst seit 2020 haben die Kantone begonnen, die Befüll- und Waschplätze der Bauern zu kontrollieren. Grundlage ist das Gewässerschutzgesetz von 1992. Es blieb in Bezug auf die Kontrolle von Pestizideinträgen vom Hofplatz 28 Jahre lang weitgehend toter Buchstabe.

Keine behördlichen Auflagen für die Drainagen

Weitere 11 Prozent der Pestizide gelangen gemäss Studie der Agroscope mit Drainagen in die Bäche. Es handelt sich um Entwässerungsrohre, die unter den Feldern liegen.

Laut Recherchen von «10vor10» berechnet der Bund das Risiko für Wasserorganismen durch Pestizideinträge von Drainagen bereits seit 20 Jahren. Doch bei der Zulassung von Pestiziden berücksichtigen die Behörden diese Berechnungen nicht. Es gibt für die Bauern keine Auflagen, wenn sie auf drainierten Flächen spritzen. Und ohne Auflagen fühlen sich viele Bauern nicht selber verantwortlich. 

Deutschland verbietet den Einsatz von riskanten Pestiziden auf drainierten Flächen. Ein Spritzverbot also, und das seit rund zwanzig Jahren. Warum macht das die Schweiz nicht? Gegenüber Infosperber erklärte das Bafu: «Es ist noch ungenügend bekannt, wieviel dieser Eintragspfad im Einzelfall zur Belastung von Oberflächengewässern beiträgt. Es ist deshalb zurzeit nicht möglich, verlässliche Aussagen für das Risikomanagement abzuleiten.» Warum dies vorher in jedem Einzelfall abgeklärt werden muss, ist schwer nachvollziehbar.

Diese Aussage steht auch im Widerspruch zu einem internen Protokoll des Bundesamts für Landwirtschaft von November 2020, das «10vor10» vorliegt. Dort steht: «Es ist plus/minus bekannt, wo Drainagen vorhanden sind». Und: «Mit Modellanpassungen wäre ein Management möglich.» Will heissen: Mit Modellanpassungen könnten Auflagen verfügt werden.

Kompetenzverschiebungen

Gegenüber Infosperber weist das Bafu auf Kompetenzverschiebungen hin: «Seit dem 1. Januar 2022 ist die Zulassungsstelle für Pflanzenschutzmittel beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) angesiedelt. Seit diesem Datum ist das Bundesamt für Umwelt Bafu für die Beurteilung der Umweltrisiken zuständig. Bis Ende 2021 war das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) die Zulassungsstelle, und die Umweltrisiken wurden in dessen Auftrag durch Agroscope beurteilt.»

Umweltschutzorganisationen vermuten, dass der Bund Drainagen nicht reguliert, weil er befürchtet, den Einsatz vieler Pestizide verbieten zu müssen. In Deutschland betrifft das Spritzverbot übrigens nur 2.6 Prozent aller Pestizidprodukte – bei rund 13 Prozent drainierter Ackerfläche. Die Schweiz hat rund 30 Prozent drainierte Ackerfläche.

________
Zum Beitrag von «10vor» vom 6.3.2022: «Darum ist zu viel Pestizid im Bach»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Gift_Symbol

Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

Sie machen wenig Schlagzeilen, weil keine «akute» Gefahr droht. Doch die schleichende Belastung rächt sich.

Kuh

Landwirtschaft

Massentierhaltung? Bio? Gentechnisch? Zu teuer? Verarbeitende Industrie? Verbände? Lobbys?

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

9 Meinungen

  • am 8.04.2022 um 11:20 Uhr
    Permalink

    Die Frage von Infosperber, warum das Bafu die genannten Messwerte seit fast drei Jahren unter Verschluss hält, ist einfach zu beantworten, wenn man Artikel 49 Absatz 1 der Gewässerschutzverordnung kennt: Das BAFU informiert über den Zustand der Gewässer und den Gewässer­schutz, aber eben nur soweit dies im gesamtschweizerischen Interesse liegt; es veröffentlicht insbe­sondere Berichte über den Stand des Gewässerschutzes in der Schweiz.

    3
  • am 8.04.2022 um 11:52 Uhr
    Permalink

    Ich verstehe das nicht.
    Volksvertreter werden vom Volk fürs Volk gewählt und auch Behörden werden für das Volk geschaffen. Wie kann man so etwas zulassen? Was für ein Gewissen haben die Verantwortlichen wegen dieser Untätigkeit?
    Und zum Schluss, was ist eigentlich mit der Berufsehre? Land- und Agrarwirtschaftler bezeichnen sie sich, nicht Land- und Agrarmisswirtschaftler.

    0
    • am 9.04.2022 um 06:44 Uhr
      Permalink

      Ja, wie kann man zulassen, wie die Landwirtschaft oftmals mit unserem Boden als Grundlage für die Ernährung umspringt?
      Als Zweites kommt das Gift im Wasser hinzu. Auch hier wäre äusserste Sorgfalt angebracht.
      Drittens lassen wir unserer Landwirtschaft aus den Steuergeldern jährlich ganz schöne Summen zukommen.
      Wie wäre es, wenn nur noch sorgfältig arbeitende Bauern subventioniert würden? Und jeder Grüsel müsste ein paar Jahre auf Subventionen verzichten?
      Es ist höchste Zeit, dass gehandelt wird, und dass nicht nur Berichte verfasst werden.

      0
    • am 10.04.2022 um 11:08 Uhr
      Permalink

      Als Bauernbub habe ich in den Fünfzigerjahren gerade den Übergang von der kaum chemisierten zur zunehmend «modernen» Landwirtschaft miterlebt. Damals arbeiteten 5 bis 10 Leute auf einem Bauernhof mittlerer Grösse. Heute sind es in der Regel noch 2: das Ehepaar, vielleicht noch mit einem Angestellten – auf meist noch grösseren Betrieben als früher. Dafür gab es damals noch viel Nachbarschaftshilfe – für ein Vesperbrot mit Käse, Wurst, Früchte und Most. Für die Chemisierung sollten nicht die Bauern verantwortlich gemacht werden. Sie wurden durch professionelle «Pflanzenschutzexperten» zu diesem Chemieeinsatz verleitet. Eine Auseinandersetzung über die Vor- und Nachteile fand überhaupt nicht statt. Es ist mir rätselhaft, warum hier nur immer die Bauern zu Prügelknaben gestempelt werden und nicht die Produzenten und Verkäufer dieser Gifte. Ich sehe hier einen wichtigen Grund, warum bei den Abstimmungen letztes Jahr die Bauern sich hier zur Wehr gesetzt und für 2x Nein geworben haben.

      2
    • am 10.04.2022 um 13:20 Uhr
      Permalink

      Sie haben schon recht. Behörden und Hersteller-Experten haben eine grosse Verantwortung. Doch manchmal wehren sich die Bauernverbände gegen griffigere Massnahmen mit dem Argument, sie übernehmen die Verantwortung für einen zurückhaltenden Einsatz von Pestiziden selber. Bauern sind auch stolz darauf, selbständige Unternehmer zu sein. Unternehmer sollten Eigenverantwortung tragen und in ihren Interessenverbänden dafür sorgen, dass sie die Informationen und Ausbildung erhalten, um gegenüber «Pflanzenschutzexperten» der Industrie die nötige Distanz bewahren. Das gleiche gilt für Praxisärzte gegenüber «Medikamentenexperten» der Pharmaindustrie.

      0
    • am 10.04.2022 um 13:53 Uhr
      Permalink

      Verantwortlich sind die Bauern, nicht diejenigen die dieses Zeugs produzieren u d verkaufen. Es ist sein Acker und er persönlich istverantwortlich für denEnsatz solcher Mittel.
      Aber dank der Zuschüsse und Subventionen hat der Bauer vielleicht nicht die Wahl und muss das machen um «überleben» zu können und muss weitermachen und expandieren um noch besser überleben zu können.
      Aber ich finde, Zuschüsse und Subventionen gehören abgeschafft, generell. Unternehmerisches Risiko trägt nicht der Staat oder eine Gemeinschaft, sondern der Unternehmer selbst. Wenn dann der künstliche Überfluss beseitigt ist bekommen die Waren auchwieder ihren Wert und man kann wirtschaftlich davon leben. Auch im Hinblick auf die nächsten Generationen, denn nur ein guter Boden garantiert einen guten Ertrag!

      0
  • am 8.04.2022 um 16:58 Uhr
    Permalink

    Ein Aufschrei sollte dieser Giftspritzerei endlich Einhalt gebieten. Warum dürfen die Böden «mit genügend Abstand von den Gewässern und Schächten» ohne Einschränkung vergiftet werden? Schliesslich wachsen unsere Gemüse und Früchte in ihnen. Offensichtlich geniesst die Erde keinen gesonderten Wert: Sie ist nur «Dreck». Wenn ich als etwa zehnjähriger Bauernbub bei der Mitarbeit auf dem Feld über dreckige Schuhe klagte, bekam ich zu kören: «Erde ist kein Dreck». Schon vor der Biolandwirtschaft hatten Bauern noch Respekt vor der Ackerkrume, von der sie lebten. Thich Nhat Nanh schreibt in «Liebesbrief an die Erde»: «Der Himmel befindet sich hier auf der Erde. Das Reich Gottes ist hier und jetzt … Ich kann das Reich Gottes mit jedem Schritt berühren. … In tiefem Kontakt mit der Erde und den Wundern des Lebens berühre ich mein wahres Wesen. Die herrliche Orchidee, der Sonnenstrahl und selbst mein wundervoller Körper – wenn sie nicht zum Reich Gottes gehören, was dann?» (S. 118f.)

    0
  • am 9.04.2022 um 09:55 Uhr
    Permalink

    Das mit den Schächten und den Waschplätzen ist peinlich und unrühmlich, keine Frage. Eine Frage an Herrn Gasche hätte ich zu dieser Aussage: «Einen Grenzwert für mehrere Pestizide zusammen gibt es nicht, obwohl sich die negativen Wirkungen von mehreren Pestiziden meistens nicht einfach kumulieren, sondern potenzieren.» Ist die zweite Hälfte des Satzes erwiesen? Ist es nicht bisher einfach eine Vermutung. Soviel ich weiss, weiss man wenig bis nichts zur Wechselwirkung zu den verschiedenen Pestiziden.
    Dann noch ein genereller Rat wenn man zu diesem Thema (und zu allen anderen) schreibt: So sehr ich die Problematik der Pflanzenschutzmittel anerkenne, sollten wir auch deren Nutzen nicht ausser Acht lassen. Natürlich sollte viel mehr Forschungsarbeit in eine alternative Landwirtschaft (Bio, regenerativ oder ähnlich) fliessen, aber einfache Lösungen gibt es nicht. Warum nicht einmal mit dem ehemaligen, langjährigen Leiter des Forschungsinstituts für biologischen Landbau, Urs Niggli sprechen?

    1
  • am 9.04.2022 um 17:30 Uhr
    Permalink

    Niemand weiss, wo genau diese Röhren in den Böden liegen? Dabei wurden sie vermutlich alle als sogenannte «Strukturverbesserungen» vom Kanton bezahlt und dementsprechend genau projektiert und kartiert. Nur liegt dieses Papier halt in einer anderen Schublade.

    0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...