Mist

Der Mist der Tiere ist die wichtigste Phosphorquelle in der Schweizer Landwirtschaft © Flickr/cc

Mysteriöse Phosphor-Bilanzen

Eveline Dudda /  Düngen die Schweizer Bauern zu viel oder zu wenig Phosphor? Das ist unklar, denn es hängt von der Rechenmethode ab.

Es liegt in der Natur des Menschen, möglichst viel in Zahlen fassen zu wollen. Und es liegt in der Natur der Natur, dass sie sich nicht so leicht in Zahlen fassen lässt. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die Phosphor-Bilanz. Phosphor (P) ist auf der einen Seite ein essentieller Pflanzennährstoff: Wenn er fehlt, wachsen Pflanzen schlecht, blühen wenig und tragen kaum Früchte. Ist dagegen zu viel Phosphor im Umlauf, belastet das die Umwelt. Denn Phosphor fördert den Algenwuchs in stehenden Gewässern, was zu Sauerstoffmangel in Seen führt. Phosphor ist also entweder ein essentieller oder ein umweltbelastender Nährstoff – allein die Menge macht’s. Ob die Phosphormenge in der Schweiz zu hoch ist oder nicht, kommt auf die Methode an, mit der sie berechnet wird.

Einzelbetrieblich stimmt’s

Auf dem einzelnen Landwirtschaftsbetrieb scheint die P-Bilanz zu stimmen. Das haben die Forscher der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Agroscope im Rahmen des Agrar-Umweltmonitorings berechnet. Von 2009 bis 2012 haben die Forscher bei rund 300 Betrieben die gesamte, während eines Jahres auf den Boden ausgebrachte P-Menge akribisch erfasst und der entzogenen P-Menge durch Acker- und Futterbauprodukte gegenübergestellt. Input und Output waren dabei je nach Lage des Betriebs verschieden: So hatten Betriebe in der Tal- und Hügelregion einen deutlich höheren P-Umsatz als Betriebe in der Bergregion. Doch die Bilanz war in allen drei Regionen praktisch gleich, nämlich ausgeglichen. Der Phosphor-Überschuss lag mehr oder weniger bei Null Kilo pro Hektar.
Gesamtschweizerisch gibt’s Überschüsse
Dieser Zustand gilt als ideal. Doch die Forscher von Agroscope sind nicht die Einzigen, die eine P-Bilanz rechnen. Auch das Bundesamt für Statistik, BFS, erfasst seit Jahren den Phosphor-Umsatz der Schweiz. Das BFS verwendet dabei die Methode der Bodenoberflächenbilanz (siehe unten). Laut dieser Methode produzierte die Schweizer Landwirtschaft 2012 einen P-Überschuss von zwei Kilo Phosphor pro Hektar. Auf noch höhere Überschüsse kommt das Bundesamt für Umwelt, BAFU. Es verwendet für seine Berechnungen die OSPAR-Hoftorbilanz und kommt damit auf gesamtschweizerische Überschüsse von fast 6 kg Phosphor pro Hektar, bzw. auf 5900 Tonnen Phosphor zu viel in der Schweiz. Das war übrigens auch der Wert, mit dem argumentiert wurde, weshalb mit der neuen Agrarpolitik AP14-17 die Tierhaltung geschwächt werden sollte. Der Mist der Tiere ist schliesslich die wichtigste Phosphorquelle in der Schweizer Landwirtschaft.

Bodenanalysen zeigen Mangel und Überschuss zugleich
Das Beispiel mit der Phosphorbilanz zeigt: 1 plus 1 ergibt nicht immer 2. Noch komplexer wird die Angelegenheit jedoch, wenn man sich auch noch die Ergebnisse der pflichtmässigen Bodenanalysen anschaut. Sie sollten den Bauern eigentlich als Grundlage für die Berechnung ihrer Düngung dienen. Doch siehe da: Je nach Labor und verwendeter Methode waren die Ergebnisse ganz unterschiedlich. Grundsätzlich kommen zwei verschiedene Analysemethoden für den P-Gehalt im Boden zur Anwendung; die Ergebnisse sind offenbar überhaupt nicht miteinander vergleichbar.

Das eine ist die CO2-Methode. Mit ihr wurden sowohl im Ackerbau wie auch im Grünland für sehr viele Böden in der Ost- und Zentralschweiz eine P-Überversorgung aufgezeigt. Mit der AAE10-Methode ergab sich dagegen auf Grünland ein ganz anderes Bild: Im Jura, in den Voralpen und Alpen wurden mit dieser Methode in grossen Gebieten häufiger und sehr häufiger P-Mangel diagnostiziert. Teilweise wurden im selben Gebiet mit der einen Methode Mangel und mit der anderen Methode eine Überversorgung diagnostiziert. Bis heute scheint es für diese Unterschiede keine eindeutige Erklärung zu geben.

Sicher ist nur, dass es zwar jede Menge Daten zum Phosphor in der Landwirtschaft gibt, dass es aber an Wissen fehlt, welche Zahlen der Realität am nächsten kommen. Das ist beunruhigend, weil jeder und jede auf dem politischen Parkett immer gerade jene Zahlen aufführen kann, die zum jeweiligen Vorhaben passen. Beruhigend ist dagegen, dass in der Praxis nur sehr selten ein sicht- und messbarer P-Mangel bei den Kulturen auftritt. Die Bauern düngen vermutlich – allen Zahlen zum Trotz – nach Gefühl. Und sie fahren damit nicht schlecht.
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Unterschiedliche Berechnungen – unterschiedliche Ergebnisse
ED. In der Schweiz werden drei verschiedene P-Bilanzen gerechnet, welche zu drei ganz verschiedenen Ergebnissen kommen:

Agrarumweltindikatoren: Beim Agrarumweltmonitoring von Agroscope kommt die OECD-Methode «P-Bilanz an der Bodenoberfläche» zum Einsatz. Berechnet wird die Differenz zwischen der gesamten, während eines Jahres auf den Boden ausgebrachten P-Menge (inklusive Hofdünger) und der dem Boden entzogenen P-Menge durch Acker- und Futterbauprodukte; dabei werden auch die auf dem Betrieb verbleibenden, den Tieren verfütterten Produkte berücksichtigt. Bei den mit dieser Methode analysierten 300 Betrieben war die Bilanz ausgeglichen, der P-Überschuss lag mehr oder weniger bei Null.

OECD Bodenoberflächenbilanz: Das Bundesamt für Statistik (BFS) verwendet für seine Berechnungen die Bodenoberflächenbilanz, welche von der OECD zusammen mit Eurostat entwickelt wurde. Es vergleicht dabei die Menge des verfügbaren Phosphors im landwirtschaftlichen Kreislauf (hauptsächlich Hofdünger und Mineraldünger) mit der Menge Phosphor, welcher aufgenommen wird (Output, hauptsächlich Ackerfrüchte und Futter). Das BFS kommt mit dieser Methode auf einen P-Überschuss von schweizweit rund 3000 Tonnen.

Hoftorbilanz: Das Bundesamt für Umwelt verwendet für die Analyse der P-Bilanz der schweizerischen Landwirtschaft die Hoftorbilanz nach OSPAR (Oslo-Paris-Kommission zum Schutz der Nordsee und des Nordostatlantiks). Bei dieser Bilanzierungsmethode stellt man sich die gesamte Landwirtschaft der Schweiz als einen einzigen Betrieb vor. Der Input ist deshalb alles, was von aussen in diesen «Betrieb» gelangt, also z.B. die importierten Futtermittel. Und der Output ist alles, was via Produktion abgeführt wird. Hofdünger oder auf dem Hof verwertete Futtermittel werden dabei nicht berücksichtigt. Laut dieser Methode beträgt der jährliche P-Überschuss in der Schweiz rund 5900 Tonnen.
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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Eveline Dudda ist Agrarjournalistin, www.dudda.ch

Zum Infosperber-Dossier:

Kuh

Landwirtschaft

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