Der Spieler: «Kolejka» – Einkaufen im Sozialismus

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Synes Ernst. Der Spieler /  Mehr Frust als Lust - «Kolejka» zeigt, dass das Einkaufen in der sozialistischen Planwirtschaft kein Vergnügen war.

Das mit dem Einkaufen ist so eine Sache. Für viele ist es eine reine Notwendigkeit. Ich beispielsweise schätze es zwar, wenn ich aus einem breiten Angebot auswählen kann, bin aber immer wieder froh, wenn ich an der Kasse vorbei bin. Ich kenne aber solche, für die ist Shopping alles. Ich kaufe, also bin ich. Und schliesslich gibt es viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die bei der Suche nach den besten und günstigsten Schnäppchen ihren Jagdtrieb entdecken, der sich in unserer zivilisierten Gesellschaft fast nur noch auf diese Weise ausleben lässt. Ob der samstägliche Rummel in Konstanz dann noch das Vergnügen ist, als das uns die PR-Maschinerie der Shopping-Center das Einkaufen als solches verkauft, bleibe dahin gestellt, ein Erlebnis ist es immer.

Anstehen und warten

Davon konnte man in den Ländern des ehemaligen Ostblocks nur träumen. Dort stellte die Planwirtschaft die Menschen vor extreme Herausforderungen. Das System vermochte die Bedürfnisse der Menschen nicht zu befriedigen. Wer etwas wollte, musste vor allem eines: anstehen und warten. Die Warteschlange wurde so zum Symbol der realsozialistischen Ineffizienz. In Polen hiess sie Kolejka. Der Titel des neuen Spiels, in dem der polnische Autor Karol Madaj diese Warteschlange thematisiert, lautet denn auch folgerichtig «Kolejka». Es ist ein besonderes Spiel, wie man in der mit wertvollen Hinweisen und Informationen angereicherten Spielanleitung lesen kann: «Anders als viele andere Spiele versucht es nicht, weltbewegende Ereignisse zu rekonstruieren oder grosse Schlachten nachzustellen. Dieses moderne Produkt ist entstanden, um zu veranschaulichen, unter welchen Bedingungen das polnische Volk über Jahre hinweg leben musste. Es soll u.a. daran erinnern, was der ihnen aufgezwungene Kommunismus angerichtet hat.»

Allein schon dieser Hintergrund zeichnet «Kolejka» aus. Es hebt sich auch durch Verpackung und Gestaltung vom Mainstream des aktuellen Angebots an Gesellschaftsspielen ab. Man hat den Eindruck, das Spiel sei in nostalgisches Packpapier eingewickelt. Graue Farbe dominiert Spielplan und Spielmaterial, Tristesse und Miefigkeit des Alltags entfalten so ihre optische Wirkung. So eingestimmt stürzen wir uns also in das Abenteuer des täglichen Einkaufs.

Helden des Konsums

Halt halt, was heisst da stürzen? Das ist unsere westliche Sicht. Im Ostblock war das gar nicht möglich. Der Einkauf muss sorgfältig geplant werden. Sonst kommt man nie und nimmer zu den Waren, die man zu Beginn des Spiels zugeteilt bekommt. Ich beispielsweise muss meine Kommunalwohnung, auf die ich lange gewartet habe, einrichten. Dazu brauche ich fünf Möbel, drei Kleider, Zigaretten und Rasierklingen sowie ein Bier. Meine Nachbarin will ihre Kinder ins Pionierlager schicken. Sie benötigt ganz andere Dinge als ich, also vor allem Kleider, Batterien und Seife, dann ein paar Lebensmittel sowie eine Thermoskanne. Wer zuerst seine Liste abgehakt hat, ist die Heldin oder der Held des Konsums.

Eine wichtige taktische Entscheidung trifft man schon am Morgen des Einkaufstages: In welche Warteschlange reiht man seine Leute ein? Das hängt davon ab, welche Waren man auf seinem Einkaufszettel stehen hat. Entsprechend platziert man eine Figur vor dem Möbelgeschäft, eine andere vor dem Kleiderladen beziehungsweise vor dem Kiosk, wo es Zigaretten zu kaufen gibt. Normalerweise – aber ist es auch heute so? Wartet man vergebens? Nein, Glück gehabt, heute sind Zigaretten da, und auch Brötchen wurden angeliefert. Doch vor dem Möbelgeschäft kommt Unruhe auf. Es heisst, der Fahrer hätte sich in der Adresse geirrt und einen Stuhl im Kleiderladen abgeliefert. So ein Mist! Und jetzt noch das: Eine Frau hat sich ein Baby «ausgeliehen», stellt sich als vermeintliche Mutter an die Spitze der Warteschlange und wird ausserhalb der Reihe als Erste bedient. Nicht alle sind geduldig, es gibt auch im Osten Drängler mit kräftigen Ellbogen oder Mischler, die jemanden in einem Geschäft kennen und auf diese Weise zu sogenannter Bückware kommen. Glücklich die, die dank Beziehungen zum Komitee erfahren, welche Waren am nächsten Tag angeliefert werden. So ist klar, wo man anstehen muss, wobei man auch diesen Tag nicht vor dem Abend loben sollte: Möglicherweise ist dem Ladenbesitzer noch vor dem Öffnen in den Sinn gekommen, dass er heute Inventur durchführen muss. Murrend nehmen es die Menschen in der Warteschlange zur Kenntnis, doch wer die Regierung und ihre Misswirtschaft zu heftig kritisiert, wird gleich bestraft. Er wird auf den letzten Platz versetzt. Als Trost bleibt noch der Schwarzmarkt, wo die Spekulanten ihre Geschäfte machen wollen. Aber auch dort herrschen eiserne Gesetze – Frust überall.

Jeder ist sich selbst der Nächste

«Kolejka» vermittelt uns die Frusterlebnisse, die den Alltag der Menschen in den Ländern des Ostblocks geprägt haben, sehr direkt. Eins zu eins, möchte ich sagen. Denn die Ereignisse (keine oder falsche Auslieferung, Drängeleien, Inventur usw.) kommen nicht per Zufall ins Spiel, sondern werden von den Mitspielenden mit Hilfe von Karten ausgelöst. Ich brauche laut meinem Einkaufszettel Möbel, stehe dementsprechend vor dem Möbelgeschäft und freue mich schon auf den Stuhl, der heute tatsächlich ausgeliefert worden ist, und da spielt die rechte Nachbarin die Karte «Inventur» aus – und schon ist alles für die Katze … Wie soll ich mich da nicht grün und blau ärgern, und einmal mehr wird mir bewusst, dass in «Kolejka» jeder sich selbst der Nächste ist, auch wenn man im selben Boot sitzt.

Ich mag dieses Spiel und empfehle es allen, die die freudlose Welt der realsozialistischen Planwirtschaft einmal hautnah erleben möchten. Über das Spiel ist das ja noch einigermassen erträglich, aber auch hier ist es von Vorteil, sich mit Geduld und Gelassenheit zu wappnen, bevor man sich in die Warteschlange stellt.

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Kolejka: Taktisches Gesellschaftsspiel von Karol Madaj für 2 bis 5 Spielerinnen und Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer ca. 60 Minuten. Verlag Huch and friends (Vertrieb Schweiz: Carletto AG, Wädenswil), ca. Fr. 45.-


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Als solches nicht an der aktuellen Wahl beteiligt. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung».

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Eine Meinung zu

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    am 4.05.2015 um 17:08 Uhr
    Permalink

    Koleijka: Das Spielchen passt natürlich bestens in die gerade wieder auflebende Publikumsverdummung bezüglich der früheren sozialistischen (vom Westen systematisch boykottierten) Staaten Europas.
    Zweierlei zum Thema Versorgung im grauen Packpapier:
    Ich erinnere an Max Frischs Tagebucheinträge über Polen, wo er sich erstaunt über das gute und breite Angebot an tatsächlich notwendigen Verbrauchsgütern äußert. Und ich frage Sie: Würden Sie lieber nach Bananen Schlange stehen oder nach einer dringenden ärztlichen Behandlung? Bananen waren im Ostblock knapp, die medizinische Versorgung wird im «freien Westen» zunehmend mehr zu einer Sache des Geldbeutels, insbesondere in «World’s leading culture». Ganz zu schweigen von Regelungen bezüglich Recht auf Arbeit, Freizeit, Altersversorgung etc.

    Amusez-vous, vollen Bauchs und auf dem grauem Papier (mit dem übrigens die Fa. Aldi in den goldenen 60ern ihren Marktvorteil sicherstellte)!

    Wolf Gauer

    0

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