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Im August wird auch in Brasilien der erste genveränderte Weizen geerntet, der auch auf trockenen und salzigen Böden gute Erträge verspricht. © TerraViva

Gen-Weizen aus Argentinien widersteht Salz und Trockenheit

Susanne Aigner /   Der neue HB4-Weizen wird schon exportiert. Nachteile wie der Einsatz eines gefährlichen Pestizids werden verschwiegen.

Wie kann trotz immer trockenerer Bedingungen gleich viel Getreide geerntet werden? Lange hatten argentinische Wissenschaftler an diesem Problem geforscht. Kürzlich haben sie die vermeintliche Lösung präsentiert: Mittels einer Technologie namens HB4 gelang es dem Team der Biochemikerin Raquel Chan mit Hilfe der staatlichen Wissenschaftsbehörde Conicet und dem Gentech-Unternehmen Bioceres, ein Sonnenblumen-Gen in ein Weizengenom einzufügen. Mit Hilfe des Fremd-Gens soll die Pflanze trockene und salzige Böden besser ertragen. 

Das staatliche Institut Conicet werbe weltweit mit der Dürreresistenz des neuen Gen-Produktes, doch verschweige es, dass das Gen-Getreide ein weiteres Fremd-Gen aus einem Bakterium enthält. Das kritisiert Cecilia Gargano, die zu den Folgen der Landwirtschaft auf Umwelt und Anwohner in den Anbaugebieten forscht. 

Dieses Gen bewirkt eine Toleranz gegenüber dem Herbizid Glufosinat, ein Herbizid-Wirkstoff, der noch toxischer sei als der umstrittene Unkrautvernichter Glyphosat. Auf Grund des hohen Pestizid-Einsatzes verschmutze der Anbau der neuen Gen-Pflanzen nicht nur das Grundwasser, sondern schädige auch die Gesundheit der Anwohner, klagt die Wissenschaftlerin. Zudem würden die Menschen in den Anbauregionen aus ihrer Heimat verdrängt und in Armut und Elend landen. Auch die Abholzung der Wälder nehme zu. Argentinien sei zum Versuchslabor verkommen.

Das Patent für das Gen gehört dem Konzern Bioceres, einem führenden Unternehmen der Biotechnologie mit Sitz in Rosario. Obwohl das Gen bereits seit mehreren Jahren existiert, waren alle Versuche grosser Konzerne wie Monsanto, den genveränderten Weizen auf den Markt zu drücken, bisher gescheitert. Zu gross war die Sorge der Saatgut-Unternehmen, ihren Weizen auf dem Weltmarkt nicht verkaufen zu können. Auch der argentinische Agrarminister Luis Miguel Etchevehere hatte die Zulassung lange verweigert, aus Angst, er könne wegen der Ablehnung von transgenen Produkten den Weizenmarkt verlieren. 

Als die Regierung im Mai diesen Jahres Anbau und Handel des HB4-Weizens genehmigte, löste dies zunächst bei kleinen Familienbetrieben und Ökobauern Proteste aus. Auch die grossen Produzenten und Exporteure von konventionellem Weizen zeigten sich besorgt. Grund dafür war weniger die Genmanipulation, als vielmehr mögliche Klagen und Schadenersatzforderungen ihrer Abnehmer, sollte der HB4-Weizen den konventionellen Weizen kontaminieren.

In den Lieferungen werde kein einziges Korn HB4-Weizen akzeptiert, bedauerte Gustavo Idígoras, Vorsitzender des argentinischen Getreideexportzentrums, noch vor wenigen Wochen. Doch inzwischen sind in Argentinien fünf verschiedene Weizensorten mit dem HB4-Konstrukt zugelassen.

Vorerst wird der neue HB4-Weizen zwar nur von 250 lizensierten Betrieben angebaut. Als wichtigster Abnehmer von argentinischem Weizen genehmigte Brasilien vor kurzem den Import und die Verwendung von Mehl aus HB4-Weizen sowie auch den Anbau von HB4-Weizen. Kolumbien, Australien, Neuseeland und die USA zogen nach. Der EU liegt ein entsprechender Genehmigungsantrag vor. 

Konzerne investieren in  genveränderte Produkte

Das HaHB4-Gen gehört zu einer Gruppe von Genen, die an Stressreaktionen von Pflanzen beteiligt sind. Laut Gentechnik-Forschern helfen diese der Pflanze, extreme Umwelteinflüsse wie Wassermangel auszugleichen. Insofern biete HB4-Weizen unter Anbaubedingungen, die normalerweise den Weizen-Ertrag verringern, einen Ertragsvorteil. Glaubt man dem Internetportal Transgen, so soll der HB4-Weizen unter Trockenstress 20 Prozent mehr Erträge geliefert haben als herkömmliche Sorten. Bioceres hatte das HB4-Gen, das der Pflanze helfen soll, gut mit Trockenheit und salzigen Böden zurechtzukommen, aus der Sonnenblume identifiziert und in Soja, Luzerne, Mais, Zuckerrohr eingebaut – nun auch in Weizen. Um den Weizen auf den Markt zu bringen, gründeten die Argentinier 2013 zusammen mit der französischen Firma Florimond Desprez ein Unternehmen namens Trigall Genetics

An der HB4-Technologie forscht Bioceres gemeinsam mit dem französischen Pflanzenzüchter und der argentinischen Technik- und Wissenschaftsbehörde bereits seit zwei Jahrzehnten. Seit 2009 gab es in Argentinien, Paraguay und den USA zahlreiche Freilandversuche. 2018 wurde auch in Spanien eine Freisetzung mit HB4-Weizen durchgeführt. In Vorbereitung auf die Markteinführung wurden laut Bioceres im Jahr 2020 rund 7000 Hektar HB4-Weizen versuchsweise ausgesät, ein Jahr später folgten noch einmal 55‘000 Hektar an diversen Standorten. 

Die HB4-Sojabohne ist bereits weit verbreitet 

Auch die HB4-Sojabohne, die seit 2015 für den Anbau zugelassen ist, wurde in Argentinien entwickelt und unter dem Dach von Verdeca, einem Zusammenschluss von Bioceres (Argentinien) und Arcadia Biosciences (USA) vermarktet. Für die Gen-Sojabohne seien in Argentinien, Brasilien, Paraguay, USA und seit 2021 auch in Kanada die mehrstufigen Zulassungsprozesse abgeschlossen. In den fünf Ländern werden auf rund 90 Millionen Hektar Sojabohnen angebaut. Mindestens 80 Prozent davon sind gentechnisch verändert. 

In Zusammenarbeit mit dem Agro-Unternehmen Dow AgroSciences soll das HB4-Merkmal mit den auf dem Markt befindlichen herbizidtoleranten Sojabohnensorten kombiniert werden, um so die Erträge unter verschiedenen Umweltbedingungen zu verbessern. Bald werde man auch mit dem kommerziellen Anbau der Gen-Sojabohne beginnen, hofft Bioceres.

Der Zulassungsdatenbank International ISAAA (Service for the Acquisition of Agri-biotech Applications) zufolge wurde bereits eine Kombination von HB4 mit der gentechnisch veränderten Sojabohne GTS 40-3-2 mit eingebauter Glyphosat-Toleranz in Argentinien und Brasilien zugelassen.

2020 hat Bioceres auch in der EU für die Sojabohne HB4 einen Antrag auf Importzulassung gestellt. Jährlich werden mehr als 30 Millionen Tonnen Sojabohnen und -schrot, davon mehr als 85 Prozent aus Brasilien, Argentinien und den USA, in die EU importiert.

Volksrepublik China als «Vorreiterin»

China, der wichtigste Abnehmer für Sojabohnen aus Nord- und Südamerika, erteilte kürzlich die Importzulassung sowohl für HB4-Sojabohnen als auch HB4-Weizen. Die Zulassung des «Anti-Dürre-Keimes» von Bioceres/Conicet in der Volksrepublik sei der Schlüssel dafür, dass Argentinien diesen «einzigartigen Moment in der Agrar- und Ernährungswirtschaft für sich nutzen kann», freuen sich die Autoren der argentinischen Zeitschrift Clarin.  Argentinien ist mit durchschnittlich 14 Millionen Tonnen pro Jahr der siebtgrösste Weizen-Exporteur der Welt. 

Die Konzerne haften kaum für Folgeschäden

Wie die Vergangenheit zeigt, ergeben sich aus der Agro-Gentechnik eine Reihe von Problemen:

  • Die gesundheitlichen Risiken gentechnisch veränderter Nahrungsmittel und des hohen Pestizideinsatzes bei deren Produktion sind bis heute nicht genügend geklärt, ebenso wenig wie die Gefahren für die Umwelt. Mögliche Folgen für Flora und Fauna sind nahezu unerforscht. 
  • Es ist in Europa äusserst schwierig, die Hersteller oder Verkäufer für Langzeitfolgen haftbar zu machen, wenn die Behörden die genveränderten Sorten zugelassen haben.
  • Produzenten von gentechnikfreien Nahrungsmitteln tragen wirtschaftliche Risiken und erhöhte Kosten.
  • Die Agro-Gentechnik ist auf eine effiziente, industrialisierte Landwirtschaft zugeschnitten. Auf grossen Flächen werden Jahr um Jahr dieselben Kulturen angebaut. Es ist zu bezweifeln, dass sich Kleinbauern im globalen Süden den Gen-Weizen leisten können und ihn jedes Jahr neu kaufen und aussäen können.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen:

Zum Infosperber-Dossier:

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Genveränderte Nahrungsmittel

Lösung des Hungerproblems? Bauern am Gängelband von Konzernen? Wer übernimmt die Haftung?

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2 Meinungen

  • am 9.08.2022 um 12:20 Uhr
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    Im Artikel wird erklärt, dass auf Grund gentechnischer Eingriffe die Pflanzen einerseits trockene und salzige Böden besser ertragen und andererseits gegenüber dem Herbizid Glufosinat tolerant werden. Nicht klar ist, ob die geschilderten Nachteile und Risiken nur beim gleichzeitigen Einsatz des Herbizids entstehen, oder auch ohne. Das dürfte einen Unterschied machen.

    0
  • am 9.08.2022 um 13:19 Uhr
    Permalink

    Klar, die reichen Länder und ihre angeschlossenen Kolonien können die Folgen des Klimawandels mit ein paar Tricks noch etwas rauszögern. Sie bauen Dämme, installieren überall Klimaanlagen oder züchten eben Zombiepflanzen. Bei den anderen paar Milliarden Armen, die hinter ihrer Hütte nur ein paar Quadratmeter Korn haben, ist es ja nicht so wichtig, wenn sie vertrocknen und verhungern.

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