Eine Hand wäscht die andere

Christian Müller © aw

Christian Müller /  Politik ist das eine, bestbezahlte Verwaltungsratsmandate sind das andere. Pascale Bruderer zeigt, wie das geht.

Sie war einmal die jüngste Nationalrätin, nur gerade 25 Jahre alt, Pascale Bruderer aus dem Aargau. Nachgerutscht für NR Hans Zbinden im Jahr 2002, normal gewählt 2003, Präsidentin des Nationalrats im Parlamentsjahr 2009/2010, in den Ständerat gewählt 2011. 2019 hat sich Pascale Bruderer aus der Politik zurückgezogen. Begründung: Neuorientierung.

Schon während ihrer politischen Lebensphase war Pascale Bruderer Verwaltungsrätin der Versicherungsgenossenschaft «Die Mobiliar». Das passte zur SP, da diese Versicherungsgesellschaft wenigstens formal noch eine Genossenschaft ist. Wie weit der Genossenschaftsgedanke dort noch mitspielt: Infosperber berichtete darüber ausführlich.

Am 15. Mai 2020 meldete die Aargauer Zeitung, Pascale Bruderer sei in den Verwaltungsrat der TX Group gewählt worden. Die TX Group ist der neue Name der Tamedia, die in guten Zeiten den damals noch sozialliberalen «TagesAnzeiger» herausgab, unter VR-Präsident Pietro Supino aber zur reinen Money-Maker-Gesellschaft verkommen ist. Für Pascale Bruderer ein Grund, als Verwaltungsrätin der «Mobilar» zurückzutreten, um, wie sie die Medien wissen liess, Interessenkonflikte zu vermeiden, da die «Mobiliar» zwischenzeitlich 25 Prozent des Aktienkapitals des Medienkonzerns Ringier übernommen hatte. Tönte nach ehrenwertem Verhalten.

Gestern, am 19. Mai 2020, wurde Pascale Bruderer nun auch in den Verwaltungsrat der Galenica gewählt. Galenica? Ja natürlich, das ist die Pharma-Logistik-Gruppe, deren langjähriger CEO Etienne Jornod war. Etienne Jornod ist seit 2017 Ehrenpräsident von Galenica. Und Etienne Jornod ist seit 2013 auch Verwaltungsratspräsident der NZZ.
Im VR der TX Group mit dem «TagesAnzeiger» und im VR der Galenica mit dem Ehrenpräsidenten, der gleichzeitig VR-Präsident der NZZ ist? Interessenkonflikte? Nein, eine Hand wäscht die andere.

Heute, am 20. Mai 2020, feiert José «Pepe» Mujica, der langjährige Präsident von Uruguay, der als Kämpfer gegen die Korruption in Politik und Wirtschaft zu den wenigen Hoffnungsträgern der internationalen Politik wurde, seinen 85. Geburtstag. Seine kurz formulierten Weisheiten sind zu Recht berühmt geworden. Eine darunter passt besonders gut zu Pascale Bruderer: «Politik ist kein Hobby, aber auch kein Beruf, von dem man lebt; sie ist eine Leidenschaft und ein Traum, um eine bessere Zukunft für die Gesellschaft zu schaffen. Diejenigen, die Geld lieben, sollten sich von der Politik fernhalten.»

Und zu ergänzen wäre: Die Politik sollte auch nicht missbraucht werden dürfen, um bestbezahlte Verwaltungsrats-Jobs in der Wirtschaft zu ergattern. In der SP schon gar nicht.

Nachtrag vom Abend, 20. Mai 2020, um 22 Uhr

Heute hat die Hauptversammlung der «Deutschen Bank» den ehemaligen Top-SPD-Politiker und Vize-Kanzler Sigmar Gabriel in den Aufsichtsrat gewählt. Er wird dort mit seinen neuen Funktionen zwischen 400’000 und 500’000 Euro im Jahr verdienen. Sein «sozialdemokratischer» Einsatz für eine gerechtere Verteilung des Reichtums beginnt sich jetzt auszuzahlen …


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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5 Meinungen

  • am 20.05.2020 um 12:24 Uhr
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    Wie ist eine solche Verirrung einer weiteren SPS-Politikerin nur möglich? Spüren diese Leute denn überhaupt nicht, wie sie das Vertrauen ihrer langjährigen Anhänger:Innen schmählich vertun?

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  • am 20.05.2020 um 13:43 Uhr
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    Das Beispiel sprich Bände! Sei Jahren diskutiere ich mit einem ehemaligen Präsidenten der SP über die Gründe, warum die SP den Wähleranteil nicht zu steigern vermag. Ja, Sozialdemokratie ist der einzige glaubwürdige Traum für das soziale Zusammenleben der Menschheit. Aber den SP’s aller Länder misstraue ich total. Sie geben sich gerne arm, aber ihre Politiker träumen vom Reichtum und Macht. Peter Bichsel, ein glaubwürdiger Sozialdemokrat, hat es unmissverständlich beschrieben.

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  • am 20.05.2020 um 22:20 Uhr
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    Die meisten Politiker (sind ja höchst offiziell alles Milizpolitiker…. :):) ) hoffen auf eine gut bezahlte Nebenbeschäftigung (z.B. Verbandsangestellter, Lobbyist, Verwaltungsrat usw.). Man sucht sich eine Partei als Steigbügelhalter, fast alle Gruppierungen bieten sich an, et voilà. Frau Bruderer ist nach Frau Galladè (hat Staatsstelle angenommen) wohl die Erste SP-Frau die dies offensichtlich sehr geschickt eingefädelt hat. Bin mir fast sicher, dass die SPS-Spitze dies schon lange geahnt hat.
    Leider beginnt man die Politikverdrossenheit (siehe tiefe Stimmbeteiligungen) zu verstehen. Auf solche «Volksvertreter» kann man wahrlich nicht stolz sein. Aber eben «Politiker» ist ein nun seit langem auch bei uns in CH ein Beruf (Berufung wohl eher nicht), leider. Money, money, makes the world go round oder füllt das eigene Portemonnaie.

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  • am 21.05.2020 um 01:26 Uhr
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    Wenn man die lange Geschichte der Sozialdemokraten betrachtet, sieht man das: Sie haben es wirklich nicht weit gebracht. Ihnen ist der persönliche Vorteil allemal wichtiger als öffentliches Interesse. War schon vor über 100 Jahren so!

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  • am 21.05.2020 um 06:17 Uhr
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    Bruderer widmete sich stets Themen, bei denen sie wusste, dass sie eine Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat oder die politisch unumstritten sind (Invalidität, Digitalisierung) Sie vermied bei ihrer Polittätigkeit konsequent Aussagen zu politisch umstrittenen Themen. Ihr Ausscheiden aus der Politik ist kein Schaden.

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