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Schweizer Wirtschaft zwischen Geld und Gut

Hanspeter Guggenbühl /  Die Wirtschaft kreist um Geld und Gut. Während die Geldmenge wächst, schrumpfen die Vorräte an materiellen Gütern. Ein Vergleich.

Der Zweck der Wirtschaft besteht darin, Güter zu erzeugen, zu verteilen und zu nutzen. Geld ist nur das Mittel dazu. Trotzdem dominiert in der Information über die Wirtschaft das Geld. Allgegenwärtig ist zum Beispiel die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung. Diese misst in Franken, also monetär, wie umfangreich die Wirtschaft ist, und wie sie sich entwickelt. Denn es gibt kein anderes Ziel, das Regierungen, Parteien und Verbände energischer anpeilen, als das monetäre Wachstum der Wirtschaft respektive des Bruttoinlandprodukts (BIP) anzukurbeln. Und wenn die Wirtschaft einmal schrumpft, so bewerten das die Ökonominnen als Rezession und die Politiker als Unglück.
Weit weniger bekannt als diese (und andere) Geldrechnungen sind Informationen über die Mengen an materiellen Gütern, die Volk und Wirtschaft gewinnen, umwandeln, gebrauchen und verbrauchen. Daran erinnert jetzt das Bundesamt für Statistik (BFS) in seinem elektronischen Informationsmagazin «ValeurS», das sich speziell den «Gütern» widmet.
Materialkonsum: Täglich 34 Kilogramm pro Person
Aufschlussreich sind insbesondere die Rechnungen über die Materialflüsse, die Schweizer Produzenten und Konsumenten im In- und Ausland verursachen. Nachstehend die wichtigsten Daten daraus über das Jahr 2011 (für 2012 und 2013 liegen noch keine Resultate vor).  

  • Material brutto: Die Schweiz verursachte 2011 einen Materialaufwand von total 354 Millionen Tonnen (siehe Grafik). Pro Einwohner ergibt das 44 Tonnen im Jahr oder stolze 120 Kilogramm pro Tag. Von diesem Bruttowert entfiel mehr als die Hälfte auf Verluste, die bei der Erzeugung unserer Materialimporte im Ausland entstehen. Dabei fallen vor allem die Rückstände aus dem Abbau von Rohstoffen oder der fossilen Energieförderung ins Gewicht. Beim nicht genutzten Material im Inland handelt es sich unter anderem um deponierten Aushub aus Baugruben oder um Ernterückstände.
  • Material netto: Nach Abzug dieser Verluste im In- und Ausland blieb 2011 noch ein nutzbarer Materialaufwand von 116 Millionen Tonnen (siehe Grafik: Materialimport plus Materialgewinnung im Inland). Pro Person und Jahr entspricht das einem Aufwand von 15 Tonnen neuem Material (exklusive Produkte aus Recycling). Bei den nutzbaren Importen fallen fossile Energieträger, Mineralien (für Bauten), Metalle, Nahrungs- und Futtermittel am stärksten ins Gewicht. Beim im Inland gewonnenen Material dominiert die Ausbeutung von Baustoffen wie Kies oder Sand, von Holz, sowie von Nahrungs- und Futtermitteln.
  • Der Materialkonsum: Zieht man vom Material-Input aus dem In- und Ausland den Export ab, so verbleibt innerhalb der Schweiz ein Materialkonsum von 12 Tonnen pro Person und Jahr. Oder anschaulicher: Eine Person in der Schweiz konsumiert an einem einzigen Tag materielle Güter im Umfang von 34 Kilo. Ein Teil davon entfällt auf Investitionen oder langlebige Konsumgüter, zum Beispiel neue Bauten, Autos und andere Mobilien; diese mehren den inländischen Materialbestand jahrzehntelang. Beim andern Teil handelt es sich um eher kurzlebige Produkte – vom Heizöl über Nahrungsmittel bis zu Computern –, die schnell als Müll enden oder als CO2-Emissionen in der Atmosphäre deponiert werden.

Monetäre Wirtschaft wuchs stärker als Materialkonsum 
Materielle und monetäre Umsätze lassen sich nicht direkt vergleichen. Denn die Volkswirtschaftliche Geldrechnung erfasst neben materiellen auch immaterielle Güter, also Dienstleistungen vom Haarschnitt über den Arztbesuch und die Vermögensverwaltung bis zur Bildung. Aufschlussreich ist hingegen der zeitliche Vergleich, zum Beispiel die Entwicklung seit der Jahrtausendwende:
Der gesamte Materialaufwand gemessen in Tonnen, den die Schweiz im In- und Ausland verursacht, stieg von 2000 bis 2011 um rund 10 Prozent; dies sowohl brutto als auch netto. Im gleichen Zeitraum wuchs das teuerungsbereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP real) der Schweiz, gemessen in Franken, um 20 Prozent und damit doppelt so stark. Die Materialintensität der Schweizer Wirtschaft pro BIP-Einheit hat also abgenommen. Das ist die erfreuliche Nachricht.
Doch der unerfreuliche Befund folgt sogleich: Trotz Wandel zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft lässt der Rückgang des Materialverbrauchs weiterhin auf sich warten. Und weil es sich bei diesem Verbrauch mehrheitlich um nicht nachwachsende Stoffe handelt, schrumpfen die Vorräte an materiellen Gütern sowohl im Inland als auch global.

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4 Meinungen

  • am 11.01.2014 um 13:29 Uhr
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    Und was ist mit den anderen Werten welche sich nicht Materiell ausdrücken, wie Bildung, Vorbilder, Ethos, Volksgesundheit, Kunst, Literatur, Humankapital in Form von innovativen Entwicklern, Forschern, Intelligenzen, auch solche ohne Rang und Titel, welche der Volkswirtschaft und dem Ansehen im Ausland dienlich sind? Es sind oft die nicht erfassbaren Werte, welche unser Land zu dem machen was es ist. Welche einen Teil der Basis unserer Wirtschaft bilden, insbesondere im Bereich Stabilität und Nachhaltigkeit. Allein schon alle die welche ehrenamtliche Dienste leisten im Sozialbereich oder als alleinfinanzierende Hobbyforscher Entwicklungen in den verschiedensten Bereichen erweitern und fördern?

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  • am 11.01.2014 um 21:42 Uhr
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    Selbstverständlich Beatus Gubler, aber darum geht es im Artikel nicht. Es geht doch ganz sachlich um die Frage, wie lange es noch funktioniert, dass jeder von uns 44 Tonnen im Jahr verbraucht, wobei davon ein grosser Teil als Verschwendung angesehen werden muss.

    Aber es kommt noch besser. Rund 10% der Menschen verbrauchen rund 50% der gesamten Ressourcen weltweit. Der Trend läuft aber rasant dahin, dass auch die anderen 90% sich unserem Lebensstandard angleichen wollen. Wo führt das hin?

    Damit muss sich unsere Bildung, Vorbilder und Ethos auch auseinander setzen, um passende Lösungen zu finden und umzusetzen.

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  • am 12.01.2014 um 01:25 Uhr
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    Ja, da haben Sie recht, ich lebe halt asketisch, Esse nur einmal am Tag, meditiere viel, benutze weder Flugzeuge noch Auto, habe ein Elektro-Dreiradvelo, da ich behindert bin. War seit 20 Jahren nicht mehr in den Ferien und leite ehrenamtlich die Projekte http://www.streetwork.ch Basel. Diese Konsum und Genuss-Sucht, ist dies die Ursache des hohen Verbrauches? Auch trinke ich keinen Alkohol, die einzige Sünde ist der gelegentliche Tabak. Aber wenn ich andere sehe, da staune ich schon, jedes Jahr eine neue Einrichtung, 2 Autos oder 3, für Ferien geben sie soviel aus wie ich von der IV ein ganzes Jahr lang beziehen muss, um zu überleben. Ich kenne einen Apotheker, der erzählte mir von Unmengen teurer Medikamente welche die Leute wegwerfen. Und immer muss es das neueste sein, ich hole meine Kleider im Brockenhaus, das macht Sinn. Im Haus werfen wir nicht einfach Dinge weg, wir stellen sie mit einem Zettel dran ins Treppenhaus, wenn sie noch gut sind, zum verschenken. Gruss und ein gutes Wochenende Beatus Gubler

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  • am 12.01.2014 um 07:56 Uhr
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    Pro 2 Franken BIP verbrauchen die SchweizerInnen 1 kg Rohstoffe und 1 kWh Primärenergie.

    Vermutlich liegt eine echte Lösung darin, dass wir endlich weniger Arbeiten, weniger verdienen und ausgeben. Natürlich im Durchschnitt und nicht ausgerechnet AHV- und IV-Bezüger.

    Wir könnten das Geld auch anders ausgeben: Es ist z.B. in Bezug auf Ressourcen ein grosser Unterschied, ob wir vom Lokalschreiner einen Küchentisch fertigen lassen, den auch noch nachfolgende Generationen verwenden, oder ob wir alle paar Jahre ein billiges Importprodukt im Möbelhaus holen.
    Das liesse sich relativ einfach lösen, wenn Ressourcen (statt die Arbeit) an der Quelle oder an der Grenze besteuert würden.

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