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Protest: Der dreckigste Diesel-Treibstoff wird nach Afrika geliefert © ACE

Dreck für Afrika hat eine lange Tradition

/  Dreckiger Diesel gelangt auch aus der Schweiz nach Afrika. Das ist kein einmaliger Skandal. Afrika dient seit langem als Mistkübel.

Momentan läuft eine Kampagne gegen in der Schweiz niedergelassene Rohstoffkonzerne, die dirty Diesel nach Afrika verkaufen. Manchen erscheint diese Entdeckung ungeheuerlich und einmalig. Doch blickt man tiefer in die ganze Geschichte der Beziehungen zwischen Europa und Afrika hinein, dann merkt man, dieses dirty hat in manchen Variationen Tradition, ja, ist wahrscheinlich eine Grundhaltung gegenüber Afrika.

Zeitungs-Schlagzeile in Tunesien
Seit über 200 Jahren gehört dieses dirty zur Handhabung und zum Umgang mit allem Afrikanischen, von den konkreten Kleinvölkern und ihren Menschen bis zu ihrer Geschichte und Religion.

In irgendeiner Weise stand beim Europäer (so nennt ein Afrikaner verallgemeinernd alle Weissen) die Haltung: Für diese Primitiven und Unterentwickelten braucht es doch nicht das Beste. Also ist schon längst Afrika zum Abfallkübel geworden.

Zeitungs-Schlagzeile in Ghana («City Business News»
Sogar bei der Ausbildung von Missionaren hiess es (und das ist O-Ton aus dem selbst Erlebten): «Er hat zwar Mühe mit der Theologie, aber für Afrika reicht es schon.» Es gab sogar eine Missionsgesellschaft, die bewusst auch Minderbegabte aufnahm; oder wie es hiess: «Das Examen bestand er nicht, aber für Afrika passt er dennoch bestens.»

Ich habe sogar Kenntnis, dass obwohl Albert Schweitzer zwar ein Genie war, als er nach Afrika als Missionar gehen wollte, man ihn wissen liess, er sei viel zu gescheit für Afrika. Falls er dennoch dorthin gehen wolle, solle er ein abgekürztes Medizinstudium hinter sich bringen. Was er denn auch tat.
Wiederum kommt das dirty an den Tag.

An zwei US Universitäten habe ich Folgendes erfahren und gelernt:

  1. Afrika kennt keine Geschichte, denn es gibt keine historischen Dokumente von einst. Afrikas Geschichte beginne erst mit dem Kolonialismus. (Fordham U., New York)
  2. An der Chicagoer Universität wurde 1966 noch gelehrt, dass Afrika keine Landwirtschaft kenne und es daher keine Agrargeschichte vor dem Kolonialismus gebe.

Wiederum kommt ganz offen Geringschätzung gegenüber allem Afrikanischen an den Tag und die Haltung «erst als wir Weissen kamen»….
Afrika war daher ein dirty Kontinent. Schlussfolgerung: Afrika ist der hoch entwickelten europäischen Güter gar nicht wert, denn der Afrikaner macht alles kaputt. Folglich genügt second hand.

Bald ging es fast logisch weiter. Afrika wurde zur Müllkippe, selbst im barmherzigen Sinn sammelten wir alte Kleider oder gar abgelaufene Medikamente, denn für Afrika ist das noch immer gut genug. Später folgten die Schrottkisten von total zerbeulten Autos. Für Afrika noch immer gut genug, denn die Afrikaner würden sie ohnehin rasch zu Schrott fahren, also Schrott als Vorgabe und später gefolgt von heftigen Anklagen aus der westlichen Welt: Afrikaner können zu nichts Sorge tragen.

Dieses dirty steckt auch in der Verniedlichung. Die meisten von Missionaren erbauten Kirchen sind ein Kitschhaufen – vor allem bei den Katholiken mit der süssen Maria, mit Aloysius dem Keuschen, der kleinen Theresa, die Lourdes Madonnen…. Bei den Protestanten waren es diese zersungenen lieblichen Lieder.

Auch auf diesem Gebiet wurde eine versteckte Kulturzerstörung betrieben. Der Ersatz war dann dirty Allerlei. Selbst religiöse Produkte, die bereits im Abendland an Wirkung verloren, wurden importiert.

Auch ein hoher Prozentsatz wohltätig sentimentaler Entwicklungshilfe ist dirty, denn das meiste geschieht von oben herab.

Kurz und gut: Der dirty Diesel ist sowohl ein Ausschnitt als auch ein Abbild einer noch immer weitflächig existierenden Haltung gegenüber Afrika und afrikanischen Menschen. Für viele befinden sie sich noch immer im dirty Zustand, daher – so scheint es – kann man sie auch ein wenig – wenn auch etwas abgeschwächt oder modifiziert – als dirty behandeln – diese Schwarzen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor kennt Afrika seit Jahrzehnten, hat politische und literarische Texte übersetzt und gilt als einer der besten Kenner dieses Kontinents. Imfeld hatte in den USA in evangelischer Theologie doktoriert und anschliessend vergleichende Religionswissenschaft, Entwicklungssoziologie und Tropenlandwirtschaft studiert. Anfang der 1970er Jahre gründete er das Informationszentrum Dritte Welt i3w. Imfeld ist Autor von über fünfzig Büchern.

Zum Infosperber-Dossier:

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