Kommentar

Er habe Jobs geschaffen, sagt Schawinski

Werner Vontobel © zvg

Werner Vontobel /  Unternehmer sehen sich gerne als Arbeitsbeschaffer. Doch dem liegt ein falsches Verständnis von Marktwirtschaft zugrunde.

Auch der Medienpionier Roger Schawinski ist nicht dagegen gefeit: Im Interview zu seinem neuen Buch wirft ihm die «Sonntagszeitung» vor, er lebe in seiner Villa in Anbetracht der Wohnungsnot auf zu grossem Fuss. Seine Antwort: «Wo soll ich denn hin? In ein Altersheim? Ich habe mir mein Haus erarbeitet und als Medienunternehmer für Hunderte von Menschen Arbeitsplätze geschaffen.»

Hat er das? Volkswirtschaftlich gesehen werden die Jobs von den Kunden geschaffen, nicht von den Unternehmern. Diese entscheiden letztlich nur darüber, wo gearbeitet wird. Wie viele Jobs dabei entstehen, hängt aber nur von der Kaufkraft der Kunden ab. Und diese kaufen dort, wo die Preise am günstigsten sind. Das heisst, sie bevorzugen den Anbieter, der mit den tiefsten Kosten und somit mit dem geringsten Arbeitsaufwand arbeitet. So gesehen zeichnet sich der erfolgreiche Unternehmer dadurch aus, dass er per Saldo Arbeitsplätze vernichtet. Nicht aus bösem Willen, sondern weil er die Regeln einer kompetitiven Marktwirtschaft nicht ignorieren kann.

Doch da gibt es auch noch Unternehmer, die mit geschickter Werbung und mit Hilfe von bezahlten Influencern neue Bedürfnisse und damit neue Jobs schaffen, ohne alte zu verdrängen – müssen wir wenigsten diesen Unternehmern dankbar sein? Nein. Wenn wir davon ausgehen, dass die Wirtschaft die Aufgabe hat, unsere echten Bedürfnisse mit möglichst wenig Arbeitsaufwand zu befriedigen, dann handelt es sich dabei um reinen Leerlauf im Hamsterrad. Wobei sich dann die Frage stellt, warum wir unsere Wirtschaft nicht so organisieren können, dass wir diese Hamsterräder nicht brauchen, um die Leute irgendwie zu beschäftigen.

Gute Arbeitgeber fühlen sich verantwortlich

Ja, Schawinski, Spuhler oder Blocher können sagen, dass sie für hunderte oder tausende Menschen Jobs geschaffen haben. Aber das heisst nicht, dass ohne sie Hunderte oder Tausende arbeitslos wären. Die Wirtschaft braucht die Unternehmer nicht, um die Zahl der Jobs zu vergrössern. Ihre sozialpolitische Leistung besteht vielmehr darin, dass sie ihren Angestellten Sicherheit und gute Arbeitsbedingungen bieten. Gute ArbeitgeberInnen fühlen sich für ihre Mitarbeiter verantwortlich und vermitteln ihnen das Gefühl, gemeinsam etwas Wichtiges zu tun. Beim Vollblut-Journalisten Schawinski und beim versierten Eisenbahnbauer Spuhler können wir davon ausgehen.

Doch Unternehmer haben neben ihrer persönlichen und sozialen auch noch eine volkswirtschaftliche Aufgabe. Sie müssen den von ihnen geschaffenen Mehrwert so verteilen, dass hinreichend Kaufkraft entsteht. Nur so kann der Konsument Jobs schaffen und sichern. Bei der Ems-Chemie etwa ist dies sicher nicht der Fall. Dort gehen von den 760 Millionen Franken Wertschöpfung (vor Abschreibungen und nach Steuern) deren 528 Millionen, also gut zwei Drittel, an die Aktionäre und and die Geschäftsleitung und nur (geschätzte) 237 Millionen an die rund 2900 Angestellten.

Für die Ems-Chemie selber ist diese Schieflage unproblematisch. Sie verkauft ihre Produkte nicht an die grosse Masse der Konsumenten. Doch würden alle Unternehmen ihren Mehrwert so einseitig verteilen, dann würde der Konsum auf breiter Front einbrechen und darunter würden dann auch Unternehmen wie die Ems-Chemie leiden. Nutzniesser wären die Hersteller von Luxusgütern und die Finanzindustrie. Von den 528 Millionen Bruttogewinn der Ems sind per Saldo nur gut 90 Millionen real ins Unternehmen investiert worden, der grosse Rest diente letztlich dazu, die Finanzmärkte weiter aufzublähen und die Vermögen der (reichen) Schweizer Haushalte zu mehren. Diese steigen inzwischen rund zehnmal so schnell wie das Bruttosozialprodukt.

Einverstanden: Schawinski muss das nicht wissen und wenn er es weiss, hat er absolut keinen Anlass, im Rahmen eines solchen Interviews darüber zu philosophieren, wie Jobs wirklich geschaffen werden. Aber es schadet nichts, wenn diese Zusammenhänge an anderer Stelle ab und zu ausgeleuchtet werden.

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5 Meinungen

  • am 7.01.2026 um 11:40 Uhr
    Permalink

    Danke. Sachliche Darstellung der Zusammenhänge. Werde ich weiter empfehlen.

  • am 7.01.2026 um 14:01 Uhr
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    Natürlich hat Roger Schawinski Arbeitsplätze geschaffen. Man kann diese zählen. Wichtiger ist, dass er die Produktivität der Fernsehjournalisten enorm gesteigert hat, und dass er einer grossen Zahl junger Männer und Frauen das journalistische Handwerk auf hohem Niveau beigebracht hat.

    Dazu eine kleine Geschichte: Vor rund 25 Jahren hat mich eine junge Frau mit Kamera und Stativ im Park angesprochen und mich gebeten, mich auf eine Bank zu setzen. Ich wollte aber nicht gefilmt werden. Darum ging es ihr nicht. Sie wollte nur Kamera und Mikrofon einstellen und setzte sich dann selbst vor die Kamera auf die Bank. Beim Schweizer Fernsehen hätte die gleiche Sendung mindestens drei Fachleute beansprucht, eher vier.

  • am 7.01.2026 um 18:41 Uhr
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    Gut analysiert Herr Vontobel. Die Hysterie um die Schaffung der Arbeitsplätze geht mir schon lange auf den Wecker. Es ist das selber erfundene Narrativ der Unternehmer, sich zu überhöhen und sich durch die Politik Vorteile zu schaffen, als ob der Lehrer, die Fachkraft Gesundheit, der Kaminfeger, der Arzt oder der Sanitär nicht genau so wichtig wäre, damit eine Gesellschaft funktioniert. Auch wenn diese kein Arbeitsplätze schaffen.

  • am 7.01.2026 um 19:58 Uhr
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    Eigentlich schade, dass «nur» 73% diesen Artikel interessant finden. Für mich ist er eine wirkliche Aufklärung über einen bisher auch für mich verschleierten Zusammenhang und ein Beispiel dafür, wie im neoliberalen, kapitalistischen Wirtschaftssystem Wahrheiten verdreht werden und einen scheinbar «natürlichen» Status erlangen: Wirtschaftsunternehmen schaffen Jobs, deshalb ist es in Ordnung, dass die Stakeholder den weitaus grössten Teil der Gewinne für sich absahnen und den bloss Werktätigen nur soviel bleibt, wie für das Überleben notwendig ist. Weil in der westlichen Welt mindeestens zwei Drittel der Bevölkerung auf irgend eine Weise an diesem System mutprofitiert, ist wenig Energie für einen Wandel vorhanden. Auch wenn uns dieses System die Atemluft und die Böden vergiftet, das Klima unheilvoll zum Kippen bringt, für den Welthunger verantwortlich ist und durch den systembedingten zunehmenden Stress die Menschen unglücklich macht.

  • am 7.01.2026 um 22:30 Uhr
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    2001verkauften Credit Suisse und Roger Schawinski für 92 Millionen, Tele 24 an Hans Heiri Conix.
    Der Sender wurde geschlossen und 80 Menschen verloren ihre Existenz.
    Kann mich jemand aufklären, leider war ich in der Schule immer der Dümmste.
    Zu Geld kam Herr Schawinski doch durch den Abbau von Arbeitsplätzen und nicht dadurch dass er Arbeitsplätze kreiert hätte.

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