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Vor der Stickereifabrik Heine in Arbon: Etwa die Hälfte der abgebildeten Arbeiter sind minderjährig. © Archiv Stefan Keller

Nach dem Abendessen muss das Kind weiterarbeiten

Roman Berger /  Ein neues Buch des Historikers Stefan Keller erzählt die Geschichte der Arbeit im Thurgau – detailreich und zuweilen beklemmend.

In einer gross angelegten historischen Reportage schreibt der Schweizer Journalist und Historiker Stefan Keller über Kinderarbeit, Hunger und das Glück von Thurgauer Textilkaufleuten. In der Schweiz gehörten sie nicht zur Oberschicht, in Südostasien aber wurden sie sehr reich und zählten zur lokalen Prominenz. Ihre Thurgauer Firma existiert noch heute: Der international operierende Mischkonzern heisst «Diethelm Keller Siber Hegner AG» (DKSH), beschäftigt weltweit 22’000 Mitarbeitende und macht einen Umsatz von mehr als sieben Milliarden Schweizer Franken.

Kinderarbeit galt als normal

In einem Kapitel beschäftigt sich Stefan Keller mit der Kinderarbeit im 19. und 20. Jahrhundert, die lange als normal gegolten hat. Er gibt zahlreiche Beispiele von jungen oder minderjährigen Kindern, die in Spinnereien arbeiten mussten, den «Spinnereikindern».

Die Eltern des 1870 geborenen Joachim Brunschweiler aus Erlen im Thurgau wollten ihrem Sohn den Müssiggang bereits austreiben, als dieser noch ein Kleinkind war. In seinen Erinnerungen beschreibt er Lebensumstände, die aus heutiger Perspektive unvorstellbar sind: «So musste ich drei Jahre alt schon in die Schule gehen und neben dem Schulbesuch zu Hause Baumwolle zerlegen, säubern und zum Spinnen zubereiten.»

Ein anderes Beispiel aus derselben Zeit: «Die Kinder müssen arbeiten wie Erwachsene, nahezu ungeschützt, tagaus, tagein, ausser während des Unterrichts und am Sonntag, und über den Rest des Lebens sollen sie nicht verfügen…»

Es war also einem Fabrikanten möglich, Kinder jeden Alters in seiner Fabrik zu beschäftigen, wenn er sie nur zum gesetzlichen Schulbesuch anhielt. Das war bei der ziemlich geringen Schulzeit keine allzu grosse Beschränkung, wie der Pfarrer, Ökonom und spätere Nationalratspräsident Paul Hofmann schrieb. Er hat die Geschichte der Kinderarbeit im Kanton Thurgau bis 1877 in einer umfassenden Studie untersucht.

Kinderarbeit 1877 abgeschafft

1882 hat ein Fabrikinspektor den Arbeits- und Schultag eines zwölfjährigen Jungen beschrieben. Sein Arbeitstag beginne schon um halb sechs Uhr, noch vor dem Morgenessen. Nach der Schule und einem kärglichen Mittagessen müsse er weiter arbeiten bis viertel vor ein Uhr. Dann beginne wiederum die Schule. Wenn diese um vier Uhr zu Ende gehe, dann gehe er sofort nach Hause, um wiederum zu arbeiten, bis es dunkel werde. Nach dem Abendessen müsse das Kind weiterarbeiten, bis um zehn oder elf Uhr, im Keller. «Nachher sage ich meinen Eltern gute Nacht und gehe ins Bett. So geht es alle Tage», zitiert der Inspektor den Jungen in seinem Bericht.

In einer nationalen Volksabstimmung im Jahr 1877 wurde die Kinderarbeit für unter 14-Jährige in allen Schweizer Fabriken verboten, mit einer knappen Mehrheit von nur 3000 Stimmen. Die Arbeitszeit für Fabrikarbeiter wurde auf elf Stunden täglich begrenzt.

Hungersnot von 1817

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als nach einem «Jahr ohne Sommer» eine Hungersnot herrschte, blieb die Thurgauer Regierung lange untätig. Da kam unerwartete Hilfe von aussen. Zar Alexander I. von Russland war über die Verhältnisse informiert, weil er sich in napoleonischen Zeiten in der Schweiz aufgehalten hatte. Der Zar bewilligte im Mai 1817 in St. Petersburg eine Spende von 100’000 Rubel für die an Hunger leidende Bevölkerung der Ostschweiz. Weil der Brief mit dem Spendenangebot in Frauenfeld jedoch nicht rechtzeitig geöffnet wurde, erhielt der Thurgau am Ende nur 4000 Rubel, was damals knapp 21’000 Franken entsprach.

Kleine Weltgeschichte des Arbeitens

Kellers Reportage führt von der Vergangenheit in die Gegenwart, von Hauptwil auf ein streng bewachtes Areal in Diessenhofen. Dort betreibt die belgische Firma Swift heute eine unterirdische Serverfarm, über die alle internationalen Banküberweisungen in Europa und Asien laufen. Mit der Beschreibung dieser Anlage schlägt der Autor eine Brücke ins Heute und stellt die Verbindung zwischen traditionellen Industriebetrieben und einem modernen Kommunikationskonzern her, der weltweit 11’000 Banken bedient. Wie bei DKSH bildet sich der Name Swift aus Anfangsbuchstaben, das Akronym steht für Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication. Auf Englisch bedeutet swift aber auch schnell und flink. Von Hauptwil nach Diessenhofen und von dort rund um die Welt.

Stefan Keller, «Spuren der Arbeit. Von der Manufaktur zur Serverfarm. Reportage», 232 Seiten, Rotpunktverlag, CHF 39.90.


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Eine Meinung zu

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    am 21. Mai 2020 um 14:34 Uhr
    Permalink

    Grad schrieb ich einen Text über (vermeintliche) Kinderarbeit in Fischerdörfern in Afrika und erwähnte in einem Nebensatz die (echte) Kinderarbeit auf europäischen Bauernhöfen – ich werde gerne eine Fussnote hinzufügen mit Hinweis auf dieses Buch!

    0

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