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Vom Aussterben bedroht: der Grizzlybär © public-domain Jean Beaufort

Der Naturschutz will immer noch zuerst dem Menschen nützen

Heather Alberro, Bron Taylor und Helen Kopnina /  Abkehr vom immer noch dominanten Anthropozentrismus: Drei Forschende fordern einen grundlegenden Wandel im Naturschutz.

psi. Dies ist ein Gastbeitrag der Forschenden Heather Alberro (Nottingham Trent University), Bron Taylor (University of Florida) und Helen Kopnina (Newcastle Business School und Northumbria University, Newcastle). Er erschien zuerst am 8. Juni 2022 in Englisch bei The Conversation.

Der sich beschleunigende Artenverlust auf der ganzen Welt ist so umfangreich, dass viele Experten inzwischen von einem sechsten Massenaussterben sprechen. Hauptursache dafür ist der beispiellose Verlust lebenswichtiger Ökosysteme wie Wälder und Feuchtgebiete, der das Ergebnis eines auf ständiges Wachstum ausgerichteten Gesellschafts- und Wirtschaftssystems ist.

Die jüngste UN-Biodiversitätskonferenz, die COP15, deren zweite Sitzung im Oktober 2022 stattfinden wird, soll ehrgeizige Massnahmen zur Eindämmung des Biodiversitätsverlustes umsetzen. Oberstes Ziel ist es, bis 2050 eine Harmonie zwischen Mensch und Natur herzustellen.

In einem kürzlich erschienenen akademischen Artikel zeigen wir jedoch, dass wichtige Akteure wie das Gremium der Naturschutzwissenschaftler, das für die UNO Berichte über die biologische Vielfalt erstellt, dem menschlichen Wohlergehen nach wie vor Vorrang vor allem anderen einräumen.

Diese Prioritätensetzung könnte auf eine anthropozentrische Kultur zurückzuführen sein, die den Menschen in der Regel als von anderen Arten getrennt und wertvoller als diese betrachtet.

Um unsere Ausrottungskrise wirksam zu bekämpfen, brauchen wir mehr als nur technische Fortschritte oder politische Massnahmen, die in anthropozentrischen Annahmen verhaftet bleiben. Vielmehr müssen wir die Art und Weise, wie wir die Natur und andere Arten betrachten und bewerten, grundlegend ändern.

Die Vorherrschaft des Menschen

Der Anthropozentrismus führt dazu, dass andere Arten und die Natur als Objekte und Ressourcen für menschliche Zwecke behandelt werden. Diese Annahme liegt immer noch der Art und Weise zugrunde, wie viele Menschen den Naturschutz angehen.

In den Umweltwissenschaften und im Ressourcenmanagement spiegeln die Begriffe «natürliche Ressourcen» und «Ökosystemleistungen» den vorherrschenden anthropozentrischen Ansatz zur Bewertung des natürlichen Wertes wider, insbesondere durch wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analysen.

Bei solchen Ansätzen wird gefragt, wie viel eine bestimmte natürliche Einheit, z. B. ein Wald oder eine Tierart, wert ist, und dann versucht, ihr einen Geldwert zuzuweisen. Politiken, die auf dem Handel mit Kohlenstoffgutschriften oder der Bezahlung von Ländern für die Nichtabholzung ihrer Wälder basieren, sind Beispiele dafür.

Die Biodiversitätswissenschaft ist immer noch auf den Menschen fixiert

Die COP15 wird zum Teil von der Arbeit der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) geprägt sein, des Pendants der Naturschutzwissenschaftler zur IPCC-Gruppe der Klimawissenschaftler. Die jüngste, 2019 veröffentlichte globale Bewertung der Biodiversität und der Ökosystemleistungen des IPBES fördert den Begriff «Beiträge der Natur für den Menschen» als einen umfassenderen Rahmen für die Erfassung des natürlichen Wertes jenseits rein wirtschaftlicher Indikatoren.

Das erklärte Ziel ist es, zu betonen, dass die Natur und andere Arten «nicht nur Waren» sind, und die verschiedenen materiellen und immateriellen Beiträge der Natur zur «Lebensqualität der Menschen» hervorzuheben.

Es ist lobenswert, dass der Bericht versucht, ein breiteres Spektrum an ökologischen Weltanschauungen und Werten als Grundlage für die Erhaltung der biologischen Vielfalt zu berücksichtigen. Wir sind jedoch der Meinung, dass sein Ansatz weiterhin auf den Menschen ausgerichtet ist. Nicht-menschliche Arten werden nach wie vor nur instrumentell bewertet, im Sinne dessen, was sie für uns leisten können.

Die Beziehung zwischen Menschen und natürlichen Lebewesen dreht sich immer noch um den wahrgenommenen Nutzen anderer Arten für das «gute Leben» des Menschen. Es gibt keinen ausdrücklichen Hinweis auf das gute Leben unserer irdischen Verwandten, auf das, was sie brauchen könnten, um zu gedeihen.

Der Bericht versäumt es auch, sich für den inhärenten Wert aller Erdbewohner einzusetzen. Wir sind der Meinung, dass dies ein schwerwiegender Mangel für jede Plattform ist, die die grundlegenden kulturellen Veränderungen fördern will, die erforderlich sind, um das UN-Ziel «Harmonie mit der Natur» bis 2050 zu erreichen.

Hin zu einem ökozentrischen Naturschutz

Eine Alternative wäre, den Fokus der Naturschutzwissenschaft und -politik von den «Ökosystemleistungen» und den «Beiträgen der Natur für den Menschen» auf die ausdrückliche Einbeziehung der moralischen Verpflichtungen der Menschen gegenüber der Natur auszuweiten. Wir konstatieren, dass dies eine Verlagerung hin zum Ökozentrismus erfordern würde, einer moralischen Sichtweise, bei der jede Art und jedes Ökosystem als wertvoll angesehen wird.

Diese Art von moralischem Empfinden, das sich auf viele religiöse und philosophische Arbeiten stützt, bedeutet im Wesentlichen, dass nicht-menschliche Organismen und Umweltsysteme einen Wert an sich haben und nicht nur als Mittel für menschliche Zwecke dienen.

Aus dieser Perspektive würden wir nicht nur fragen, was die Natur für uns tun kann, sondern auch, wie wir zur Gesundheit und Widerstandsfähigkeit der gesamten Biosphäre und aller Lebewesen, die sie beleben, beitragen können. Mit diesem Ansatz würden wir auch fragen, wie wir sicherstellen können, dass auch andere Arten das haben, was sie für ein «gutes Leben» brauchen.

Von Ressourcen zu Verwandten

Motive sind wichtig. Wenn wir die Natur und andere Arten weiterhin nur auf der Grundlage dessen bewerten, was sie uns bieten können, werden wir nicht in der Lage sein, unsere Beziehung zu ihnen radikal zu verändern. Ihr Leben ist unbezahlbar, und ihr Verlust lässt sich weder beziffern noch wiedergutmachen. Schliesslich ist das Aussterben für immer. Ihre zunehmende Abwesenheit bedroht nicht nur unsere Existenz, sondern stellt auch ein schweres ethisches Versagen dar.

Angesichts der bevorstehenden Abschlusssitzung der COP15 ist es von entscheidender Bedeutung zu erkennen, dass die innovativen politischen Massnahmen, die erforderlich sind, um die biologische Auslöschung zu verhindern, unmöglich auf rein anthropozentrischen Prämissen beruhen können. Eine angemessene Antwort auf die Krise der biologischen Vielfalt erfordert einen grundlegenden Wertewandel, bei dem wir andere Arten als Verwandte und alle vielfältigen Umweltsysteme der Erde als von Natur aus wertvoll betrachten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Wald

Schutz der Natur und der Landschaft

Nur so weit es die Nutzung von Ressourcen, wirtschaftliche Interessen oder Freizeitsport zulassen?

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6 Meinungen

  • am 18.06.2022 um 15:41 Uhr
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    Danke für die Veröffentlichung dieses wundervollen Gastbeitrags. Er ergänzt sich möglicherweise gut mit dem «Zeitalter des Lebendigen» von Corine Pelluchon, das dieser Tage hier von Hans Steiger vorgestellt wurde.
    Es ist der erfreulichste Beitrag, den ich seit langem gelesen habe – auch wenn wir wohl weit entfernt sind von einer Realisierung. Gerade weil er von Forschenden kommt, die ja die Separation des Menschen vom «Rest» des Lebendigen bislang vorangetrieben haben. Ich stimme den Autoren vollumfänglich zu, und es ist auch Antrieb meiner eigenen Arbeit im «Management» von genutzter Natur. Ich bin vollkommen überzeugt, dass nur eine geschwisterliche / verwandschaftliche (oder wie immer wir das nennen wollen) Betrachtung unserer irdischen Mitlebewesen und eine Anerkennung ihres universellen Wertes alle oder zumindest sehr viele Schwierigkeiten unserer Zivilisation auflösen kann.
    Auch Kriege sollten dann logischerweise der Vergangenheit angehören, wenn wir dies verinnerlichen können.

    0
  • am 18.06.2022 um 22:19 Uhr
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    Natur ist Herr, der Mensch ist Knecht!
    Überschrift ist falsch. Natur und auch Naturschutz will niemanden nutzen.
    «Ökologische Bilanzen – Gesetz von der Erhaltung der Menschheit/Die wesentliche Größe zur Erhaltung der Menschheit ist die Übereinstimmung zwischen den Bedingungen der Natur und den Erfordernissen der Kultur. Das besagt nichts weiter, das die Kultur (der Mensch) nur dann existieren kann, wenn die Voraussetzungen dafür in der Natur vorhanden sind» Eigener Text.
    Literatur:
    1. DIE STUFEN DES ORGANISCHEN UND DER MENSCH
    /* «dtv-Atlas zur Philosophie» (Tafeln und Texte), Peter Kunzmann/Franz-Peter Burkard/Franz Wiedmann, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2. Auflage 1991, ISBN 3-423-03229-4; Seite 231 */
    2. »Bitte lassen Sie Ihren Worten Taten folgen!«
    Dokumentiert: Die bewegende Rede der damals zwölfjährigen Severn Suzuki beim Erdgipfel in Rio 1992
    Siehe; Rettung der Welt – Ist sie eine Utopie (Von Dr. Gunter Bleibohm, geboren 1947)

    Kurt Wolfgang Ringel

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  • am 19.06.2022 um 22:06 Uhr
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    Das ist viel zu wenig Schutz. Der Grund dafür ist die Maßlosigkeit im menschlichen Denken und Tun; wobei selbst der eigene Untergang in Kauf genommen wird. Der Mensch kennt keine Grenzen und besitzt keine Bremsen! Warum wird der Schutz von Natur nicht soweit ausgedehnt, wie es für die Erhaltung des Menschen/der Menschheit erforderlich ist? – Der Mensch muss sich ständig der Natur anpassen, nicht umgekehrt. Im Umgang mit der Natur kann der Mensch u. a. von den Indianern Nordamerikas sehr viel lernen. Von der Natur bitte nur so viel wie es unbedingt nötig ist entnehmen; aber nicht so viel wie es möglich wäre! Deshalb bitte eine bedarfsgerechte, aber keine keine profitgerechte Wirtschaft!! — Kurt Wolfgang Ringel, auch im Namen meines Vorfahren, dem Herrn Moses Mendelsohn.

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  • am 20.06.2022 um 11:10 Uhr
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    «Einbeziehung der moralischen Verpflichtungen der Menschen gegenüber der Natur.»

    «Moral»? Ist diese nicht ebenso menschenzentriert?

    Biodiversität? Warum soll es besonders «moralisch» sein, wenn es möglichst viele Spezies gibt? Ist das nicht eine sehr human-ästhetik-geführte Sichtweise? «Viele, viele bunte Bonbons»?

    Oder die konservative Optik: «früher war alles besser!», «Wandel ist schlecht!», Wirklich?

    Was, wenn menschgemachte Eingriffe zur Biodiversität führ(t)en bzw. deren Rückabwicklung zu deren Verlust? Etwa bei Alpweiden? Oder überhaupt bei der ganzen Waldrodung? War der mitteleuropäische Ur-Urwald artenreicher?

    Natur-Katastrophen? Tod und Zerstörung schafft Platz für Neues, Diverses. Geschehen lassen? Moralisch? Auch die nächste Hungerkatastrophe in Afrika?

    Der Umweltschutz ist noch nirgends! Endlich vorwärts machen, wo es auch Menschen nützt, finde ich vorerst sehr pragmatisch. Den Menschen als Teil der Natur bzw. der Lösung zu sehen, kann auch hilfreich sein.

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    • am 20.06.2022 um 23:26 Uhr
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      @M. Kühni: ich halte diesen Aufruf einiger Forschender, darunter auch NaturwissenschaftlerInnen (!) für geradezu epochal bedeutsam. Moderne wissenschaftliche Sichtweisen und universelles altes Wissen vieler indigener Völker und spiritueller Kulturen würden in einem ganz wesentlichen Aspekt zusammengeführt. Dass dieser Aufruf in einer Phase größter Zerstörung auf der Erde erfolgt, ist vielleicht kein Zufall.

      Hier sollten wir nicht sofort wieder an Details «herumnörgeln». Der Begriff Moral mag anthropozentrisch sein, wie unsere gesamte Sprachkultur. Aber irgendwie muss die Diskussion ja geführt werden.

      Imho geht es nicht um möglichst viele Arten per se, sondern darum, dass an einem Ort all diejenigen Arten leben können, welche für das «Funktionieren» des Ökosystems, der Lebensgemeinschaft an diesem Ort «erforderlich» sind. Oft wissen wir bisher nicht im Ansatz, welche das sind und in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Und natürlich sind diese Gemeinschaften immer in Veränderung.

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  • am 20.06.2022 um 14:18 Uhr
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    In Ostafrika werden Wildtiere mit dem generischen «Nyama» bezeichnet, d.h. dem Fleisch, welches wir beim Sonntagsbraten verzehren.

    Trotzdem haben westliche Naturschützer nicht nur die Eisenbahn durch die Serengeti verhindert, sondern setzten auch alle Mittel in Bewegung, um die Nutzung der natürlichen Ressourcen für die lokale Bevölkerung zu verhindern. Ganze Massai-Gemeinden werden aus dem Parkgebiet vertrieben, um solchen desiderata zu entsprechen. Die Gnus werden lieber den Krokodilen und den Geiern überlassen, als als wichtige Proteinquelle für die lokale Bevölkerung genutzt zu werden und das Elfenbein der natürlich verstorbenen Elephanten wird verbrannt, während die Wildhüter weiter auf eine minimale Entlöhnung warten.

    Das Ziel unserer Bemühungen sollte nicht künstlich auf «abstrakte» ökologische Grössen beschränkt werden, sondern auch objektive Bedürfnisse der betroffenen Bevölkerung berücksichtigen.

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