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Resistenzbestimmung auf einer Agarplatte. Für zwei Antibiotika zeigt sich der Keim empfindlich. © cc-by-sa-4 Uwe Gille/Wikimedia Commons

USA: Mehr therapieresistente Infektionen während der Pandemie

Daniela Gschweng /  Corona löste in den USA einen Rückschritt in der Bekämpfung resistenter Keime aus. Die Schweiz reagierte rechtzeitig.

Zu wenig Handschuhe, Desinfektionsmittel, Masken, monatelang sehr viele Kranke und überlastetes Personal – das sind Szenen, an die man sich aus den ersten Wellen der Corona-Pandemie erinnert.

Eine Folge dieser Überlastung wird nun langsam sichtbar. In den USA hat die Ausbreitung resistenter Erreger im ersten Corona-Jahr deutlich zugenommen, zeigt ein Bericht der US-Gesundheitsschutzbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention).

2020 gab es in den USA 15 Prozent mehr Infektionen mit resistenten Keimen als 2019, die meisten davon in Spitälern und mit bekannten «Krankenhauskeimen». 30‘000 Menschen starben 2020 nicht an Corona, sondern an Infektionen mit diesen Keimen. Am meisten stiegen Infektionszahlen eines Bakteriums namens Acinetobacter baumanii und des Pilzes Candida auris an.

Zu viele Antibiotika während der Pandemie

Materialknappheit, eine grosse Anzahl von Patienten, überlastetes Personal und die Zuordnung von Spezialisten zu anderen Bereichen haben laut CDC dazu beigetragen. Einen wesentlichen Auslöser für diese besorgniserregenden Zahlen sehen die Fachpersonen der CDC darin, dass Ärztinnen und Ärzte vor allem am Anfang der Pandemie umfangreich Antibiotika eingesetzt haben.  

Hansjakob Furrer, Professor für Infektiologie am Universitätsspital in Bern, erklärt, warum: «An einem Patienten mit Covid fällt diagnostisch zuerst ein Bild auf, wie es bei einer Lungenentzündung üblich ist», sagt der Chefarzt der Infektiologie auf Anfrage von Infosperber. Der ärztliche Reflex sei dann, Antibiotika zu verordnen. Lungenentzündungen werden oft durch Bakterien ausgelöst, bei Covid-19 sind sie nutzlos, weil Antibiotika gegen Viren nichts bewirken. Einzige Ausnahme: «Wenn es zusätzlich noch zu einer bakteriellen Infektion kommt», sagt Furrer.

Schnelle Reaktion in der Schweiz

Je mehr Antibiotika verordnet werden, desto mehr Resistenzen bilden sich. Würden die Hygienerichtlinien dann nicht strikt eingehalten, könnten sich die Erreger ausbreiten.

In der Schweiz habe man schon sehr früh auf diese Gefahr reagiert, berichtet der Infektiologe. Im Inselspital trafen sich während der Pandemie die Fachspezialistinnen und Fachspezialisten der betroffenen Abteilungen regelmässig, um aktiv dagegen vorzugehen, dass zu viele Antibiotika verordnet werden.

Der Chefarzt sieht in dieser schnellen Reaktion einen der Gründe, weshalb es im Inselspital insgesamt nicht zu einem signifikanten Anstieg von Infektionen mit resistenten Erregern kam. «Ich kann nicht für jedes einzelne Spital sprechen, aber insgesamt haben wir hier nicht die Situation, die die CDC in den USA beschreiben», sagt er.

Das steht im CDC-Report

  • Von 2019 bis 2020 stieg sowohl die Zahl der mit einem resistenten Erreger Infizierten wie auch die an einer Infektion Verstorbenen in den USA um 15 Prozent an. 30‘000 Menschen starben an Infektionen, die sich nicht mehr behandeln liessen.
  • 40 Prozent der Infektionen betrafen Krankenhauspatienten, die restlichen drei Fünftel infizierten sich in Pflegeheimen und anderen Einrichtungen des Gesundheitswesens.
  • Die Zahl der Infektionen mit dem Bakterium Acinetobacter baumanii stieg um 78 Prozent an, Infektionsfälle mit dem Pilz Candida auris um 60 Prozent. Auch bei anderen Keimen, die häufig Resistenzen entwickeln, gab es mehr Infektionen.
  • Möglicherweise sind die Zahlen noch höher, weil die durch Corona überlasteten Labore nicht jeden Fall sauber abklären konnten. Die CDC beklagen grosse Lücken in den Daten.
  • In der ersten Phase der Pandemie verabreichten viele Ärzte Antibiotika. Vier Fünftel derjenigen, die sich in von März bis Oktober 2020 mit Covid im Spital befanden, bekamen Antibiotika – einer der Hauptgründe für den Anstieg.
  • Viele Patientinnen und Patienten verbrachten Wochen bis Monate auf Intensivstationen, was die Wahrscheinlichkeit erhöhte, sich mit resistenten Keimen zu infizieren.

Ein Teil des CDC-Reports sei erwartbar, erklärt Furrer. Infektionen mit dem antibiotikaresistenten Acinetobacter baumanii seien vor allem bei Menschen typisch, die länger intubiert seien und gleichzeitig mit Antibiotika behandelt würden.

Grosse Lücken in der Datenerfassung, wie sie die CDC beklagen, gibt es laut Furrer in der Schweiz nicht. Selbst die Erfassung von Candida auris, der analytisch schwer von verwandten Arten zu unterscheiden ist, habe «sehr gut» funktioniert.

Keine Entwarnung – Resistenzen sind ein Problem

Also alles nochmal glimpflich abgelaufen? «Glimpflich würde ich nicht sagen», findet der Infektiologe, «wir waren am Anschlag, das ist nicht glimpflich». Resistenzen seien weiter eines der grössten Probleme im Gesundheitswesen.

«Wir gehen davon aus, dass von den Menschen, die in Spitälern an Infektionen sterben, in naher Zukunft ein Grossteil deshalb sterben wird, weil wir Infektionen nicht mehr behandeln können», warnt er.

Das Problem ist schon heute akut: Jedes Jahr sterben laut der «New York Times» weltweit rund 700‘000 Menschen an nicht mehr behandelbaren Infektionen mit resistenten Keimen, bis 2050 könnten es zehn Millionen sein. Eine Studie, die im Januar im Fachmagazin «The Lancet» veröffentlicht wurde, schätzt sogar, dass 2019 rund 1,3 Millionen Menschen an einer Infektion mit einem antibiotika-resistenten Erreger gestorben sind. Bei fast fünf Millionen Todesfällen war eine solche mindestens beteiligt (Infosperber berichtete).   


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Eine tödliche Gefahr im Spital: Keime, die gegen Antibiotika resistent sind, verbreiten sich seit langem.

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Eine Meinung zu

  • am 21.07.2022 um 11:37 Uhr
    Permalink

    Ich 60j habe der Corona Infektion völlig gelassen entgegengesehen und die auch wie erwartet absolut problemlos überstanden. Gleichzeitig habe ich eine unfallbedingte Schulterverletzung nicht operativ sondern konservativ behandeln lassen aus Respekt vor antibiotikaresistenten Keimen. Es hilft gelegentlich den Kopf zu brauchen und nicht politisch/wirtschaftlich induzierter Hysterie zu verfallen.

    0

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