Amazonas

Riesige Flächen Amazonas-Regenwald werden jedes Jahr für die Agrarindustrie gerodet. © Roberto Maldonado - WWF

Appetit der reichen Länder führt zu Abholzung

Luigi Jorio / Swissinfo.ch /  Die Zerstörung der Regenwälder schreitet ungebremst voran. Treiber ist auch die hohe Nachfrage nach Kakao, Kaffee oder Rindfleisch.

«Es ist einfach, mit dem Finger auf Bauern, Förster und Länder zu zeigen, in denen die Abholzung stattfindet, und zu hoffen, dass sie damit aufhören», sagt Daniel Moran, Forscher an der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie, im Gespräch mit der Website «Carbon Brief». «Aber sie reagieren nur auf die Impulse des globalen Markts. Wir kaufen ihr Soja als Futtermittel für unsere Hamburger und Lachse und ihr Palmöl als Zutat in unseren Lippenstiften.»

Während die bewaldeten Flächen in den Industrieländern – einschliesslich der Schweiz – generell zunehmen, schreitet die Abholzung in den Ländern des Südens ungebremst voran. Paradoxerweise hat sich die Zerstörung der Tropenwälder seit 2014 verstärkt. Damals hatten sich Dutzende von Regierungen, Unternehmen und Organisationen dazu verpflichtet, die Waldzerstörung zu reduzieren.

Die kommerzielle Landwirtschaft verursacht mehr als die Hälfte des Waldverlusts. Und die meisten landwirtschaftlichen Umwandlungen in Nutzfläche erfolgen unter Verletzung nationaler Gesetze und Vorschriften.

Millionen Hektar jedes Jahr verloren

Allein im Jahr 2020 haben die tropischen Gebiete 12,2 Millionen Hektar Wald verloren. Das zeigen die neuesten Daten, die von der University of Maryland in Zusammenarbeit mit Global Forest Watch veröffentlicht wurden. Davon betreffen 4,2 Millionen Hektar Primärwälder – das entspricht der Fläche der Schweiz. Dies ist ein Anstieg von 12 Prozent im Vergleich zu 2019. Primärwälder sind Ökosysteme, die für die CO2-Bindung und die Artenvielfalt besonders wichtig sind.

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Quelle: World Resources Institute

Das Land, das die grösste Fläche an Primärwald verloren hat, ist Brasilien, gefolgt von der Demokratischen Republik Kongo und Bolivien (siehe Grafik). Zu den Ursachen der Abholzung gehören Rinderfarmen, Sojafelder und der Holzhandel.

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Quelle: World Resources Institute

Seit den 1990er-Jahren spielten Grosskonzerne und Landbesitzer die Hauptrolle bei der weltweiten Waldzerstörung, sagt David Kaimowitz, Leiter der «Forest and Farm Facility», einer Initiative der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Ein wachsender Teil der Abholzung hänge von einer kleinen Anzahl von Rohstoffen ab, darunter Palmöl, Soja und Rindfleisch, sagte er dem Online-Magazin «Mongabay».

Ein Befund, der durch eine kürzlich in «Nature» veröffentlichte Studie bestätigt wird. Demnach sind die kulinarischen Entscheidungen und Gewohnheiten der Konsumentinnen und Konsumenten in den Industrieländern ebenfalls für die Abholzung der Wälder verantwortlich. Die Studie basiert auf Daten aus den Jahren 2001-2015 und quantifiziert erstmals die «importierte» Entwaldung, also die Zerstörung von Wäldern im Zusammenhang mit Kaffee, Kakao, Fleisch, Holz und anderen international gehandelten Produkten.

Vier Bäume pro Person

Wenn Sie in einem der G7-Länder mit den fortschrittlichsten Volkswirtschaften der Welt leben (Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Grossbritannien, USA), sind Sie für das Verschwinden von durchschnittlich 3,9 Bäumen pro Jahr anderswo auf der Welt verantwortlich, so die Studie in «Nature».

Der Kakaokonsum in Deutschland zum Beispiel «stellt ein sehr hohes Risiko für die Wälder in der Elfenbeinküste und in Ghana dar», sagt Nguyen Tien Hoang, Hauptautor der Studie. Die Abholzung der Küste Tansanias steht in direktem Zusammenhang mit der Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten wie Sesam und Baumwolle in Japan.

Und der Konsum von Obst und Nüssen in den USA hat Folgen für die Wälder Guatemalas, während der Kaffeekonsum in Italien zur Zerstörung von Waldflächen in Vietnam führt. «Reiche Länder fördern die Abholzung», sagt Tien Hoang, der am Institute for Research on Humanity and Nature im japanischen Kyoto forscht.

In einer anderen Studie kommt der WWF zu ähnlichen Ergebnissen: Im Jahr 2017 waren die EU-Importe für 16 Prozent der weltweiten handelsbedingten Entwaldung verantwortlich und verursachten indirekt das Verschwinden von 203’000 Hektar Tropenwald. Vor der EU liegt nur China (24%), während die USA (7%) und Japan (5%) einen geringeren Einfluss haben.

Zu den europäischen Ländern mit dem grössten ökologischen Fussabdruck gehören Deutschland, Italien und Spanien. Bei der Betrachtung der Abholzung pro Kopf der Bevölkerung jedoch stehen die Niederlande an erster Stelle.

Die Analyse des WWF hält fest, dass die Entwaldung zwar durch eine Vielzahl von Aktivitäten ausgelöst wird – vom Bergbau über den Strassenbau bis hin zur Forstwirtschaft –, die Hauptursache jedoch die kommerzielle Landwirtschaft ist. Land wird gerodet, um Platz für Ackerbau und Viehzucht zu schaffen. 80 Prozent des Verlusts an Tropenwald sind auf die Produktion von nur sechs Rohstoffen zurückzuführen.

«Beeindruckende» Effekte der Schweizer Importe

Auch die Schweiz trägt einen Teil der Verantwortung. Obwohl das Land nur 0,1 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht, entfallen auf sie laut WWF 3 Prozent beziehungsweise 2 Prozent der weltweiten Kakao- und Kaffeeproduktion.

Fast ein Viertel des Schweizer Fussabdrucks findet sich laut der Studie in Ländern mit einem hohen oder sehr hohen Risiko der Abholzung von Wäldern mit schlechter Regierungsführung oder Lücken in den Arbeitsrechten. Der Fussabdruck der Schweiz im Ausland ist besonders gross bei Kaffee (72 Prozent des Fussabdrucks in Hochrisikoländern), Soja (75%), Palmöl (69%) und Kakao (54%).

«Die Auswirkungen der Schweizer Rohstoffimporte auf die Entwaldung in der ganzen Welt sind beeindruckend», sagt Romain Deveze, Rohstoffexperte bei der Umweltorganisation. Für Silvie Lang von der NGO Public Eye geht die Schweizer Verantwortung jedoch über den Import hinaus. «Die Schweiz ist das weltweit wichtigste Zentrum für den Agrarhandel und beheimatet viele Giganten der Branche: Jede dritte Kaffee- oder Kakaobohne wird von Schweizer Händlern gehandelt», sagt sie gegenüber SWI swissinfo.ch.

Mehr Transparenz und Rückverfolgbarkeit

In Brasilien wurde 2020 ein Pilotprojekt zur Rückverfolgung der Herkunft von Produkten gestartet. Einige der grossen multinationalen Unternehmen, die am Sojahandel beteiligt sind, nehmen daran teil. Eine vollständige Rückverfolgbarkeit zu erreichen, ist jedoch schwierig.

Auch Lang von Public Eye fordert mehr Transparenz und Rückverfolgbarkeit. «Konsumentinnen, Politiker und manchmal auch die Unternehmen selbst wissen nicht, woher die Produkte kommen», sagt sie. Die Spezialistin für Agrarrohstoffe sagt, es müsse strengere Gesetze in den Industrieländern und eine striktere Durchsetzung der Gesetze zum Schutz der Arbeiterschaft und der Umwelt geben. «Individuelle Konsumentscheidungen sind natürlich wichtig, aber es ist entscheidend, auf der politischen Ebene einzugreifen», sagt sie. Während die EU über die Einführung eines Verbots von Rohstoffen aus Abholzungsgebieten diskutiere, gebe es in der Schweiz nur «schwache» Regelungen, die vor allem auf Freiwilligkeit und Dialog setzen würden, so Lang. «Kein Schweizer Gesetz verbietet es uns, Kaffee aus einer illegal abgeholzten Region zu trinken.»

Keine Konsequenzen bei Verstössen

Im November 2020 scheiterte die Konzernverantwortungs-Initiative an der Urne. Sie hatte von Schweizer Unternehmen gefordert, Menschenrechte und internationale Umweltstandards auch bei ihren Aktivitäten im Ausland zu einzuhalten. Die Volksinitiative wurde zwar von einer Mehrheit der Stimmenden angenommen, aber von den meisten Kantonen abgelehnt.

Die Ablehnung der Initiative ebnete den Weg für das Inkrafttreten des vom Parlament ausgearbeiteten indirekten Gegenvorschlags. Dieser Text ist moderater als die Initiative. Der Gegenvorschlag führt keine neuen Standards ein, enthält aber neue Verpflichtungen. Darunter etwa die Sorgfaltspflicht in Bezug auf Kinderarbeit und Mineralien, die in Konfliktgebieten abgebaut werden.

«Der Gegenvorschlag ist eindeutig unzureichend. Die Einhaltung wird nicht überwacht, und Verstösse gegen die Sorgfaltspflicht ziehen keine Konsequenzen nach sich», sagt Lang. Die Schweiz brauche klare und verbindliche Regeln, um sicherzustellen, dass ihre Unternehmen die Umwelt in den Ländern des Südens nicht verschmutzen oder zerstören würden. Andernfalls werde die Schweiz mit ihrer schwachen Gesetzgebung «wieder einmal hinter den Rest Europas zurückfallen».

Dieser Beitrag ist zuerst auf swissinfo.ch erschienen.
Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub

Satellitenbilder zeigen den dramatischen Schwund von Waldflächen.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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6 Meinungen

  • am 7.08.2021 um 11:33 Uhr
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    Viele Menschen in Schlaraffenländern wie der Schweiz leben im Überfluss und nennen es Wohlstand. Er ist aber das Gegenteil. Mit Überfluss wird erstens Abfall produziert. Zweitens ist Überfluss ein Verbrechen. Weil er auf Kosten von andern auf dieser Erde, und zu Lasten unserer aller Umwelt geht: Konsumismus basiert auf einer sozialen Ausbeutung und auf einer ökologischen Plünderung. Beides wird von vielen immer noch als sogenannte Entwicklungshilfe mystifiziert: von Menschen, die sich rücksichts- und sinnlos im Hamsterrad des «Immer-noch-mehr» drehen. Kollektiv organisiert und toleriert, lassen sie sich von einem System von Verantwortungslosigkeit und Wertefreiheit beherrschen. Wo vor allem zählt, was sich bezahlt, und was Spass macht. Und wo insbesondere gross Mächtige und schwer Reiche tun oder lassen können, was und wie sie es wollen. Mit Politiker*innen, die ihnen zudienen, ohne sich umfassend um alle und um alles – Steine und Pflanzen, Menschen und Tiere – zu kümmern. Mit Wissenschaftler*innen, die sich untereinander aufspalten und den 100-Prozent-Blick aufs Ganze verloren haben. Und läuft es schief, kann niemand etwas dafür: Jede*r ist sich selbst der*die Nächste.
    Immer mehr Menschen auf dieser Erde sind auf der Flucht: vor Hitze- oder Kältewellen, vor Waldbränden, vor Dürren, vor Überschwemmungen, vor Hungersnöten, vor Kriegen. Und viele Leute flüchten vor sich selber und ihren inneren Wahrheiten.

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  • am 7.08.2021 um 11:40 Uhr
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    Soweit einmal mehr nur Analyse. Ein weiterer Beleg dafür, was die «liberale Marktwirtschaft» auf diesem Planeten fertigbringt. Kein vernünftiger Bauer holzt ohne Not Regenwälder ab. Es braucht dazu Grosskonzerne (Sociétés Anonymes) wie Luigi Jorio schreibt. Der Fussabdruck der Schweiz wird wohl eher durch Investitionen unserer Banken in diese Konzerne bestimmt, als durch unseren Fleisch und Kaffeekonsum. Was tun? «Zähmt den Kapitalismus», hat Gräfin Dönhoff schon vor Jahren geschrieben.

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  • am 7.08.2021 um 12:08 Uhr
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    Sind wir wirklich so machtlos, wie sich viele von uns seit der Niederlage bei der Konzernverantwortungsinitiative fühlen? Ich fiel fast in Ohnmacht, als ich nach der fast gelungenen Abstimmung den ehemaligen BR Couchepin bei 19 h 30 h (welsche Tagesschau) verzapfen hörte, die ONGs müssten an die Kandare genommen und künftig deren Einmischung in Abstimmungen verhindert werden. Einen grösseren Unsinn habe ich noch nie gehört von einem von mir bisher geachteten BR. Ist das schon ein Zeichen einer beginnenden Altersdemenz oder eher ein HInweis auf eine neue Kampfeinstellung der bürgelichen Politiker?
    Mir kommt nach dieser blamablen Äusserung das Negerlein in den Sinn, das bei meiner Grossmutter aufgestellt war und das jedesmal, wenn ich einen Batzen hineingab, dankbar nickte. Diese Mentalität entspricht heute noch dem bei sehr vielen Weissen vorhandenen «Wissen» über die der Kolonisierung und gottgewollten, selbst-losen Christianisierung der «rückständigen» Bewohner der aussereuropäischen Welt. Die Schriftstellerin Z.d.Buono hat die Realität der Kolonisierung, und die damit verbundenen Verbrechen, so zusammengefasst: «Das haben die europ. Christen geschaffft, den Sklaven ihren Gott einzupflanzen, sie damit ruhig zu stellen, auf dass sie das eigenen Leiden als schicksalshaft annehmen.» Man sollte diese Aussage dem Ex-BR und den übrigen bürgerlichen Politikern einbläuen können. Aber was würde es nützen, wenn das Bewusstsein über geleugnete Verbrechen einfach nicht vorhanden ist?!

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  • am 7.08.2021 um 13:07 Uhr
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    Die Entwaldung ist m. E. der zweitgrößte Treiber beim Klimawandel, ein Fakt, der von der Klimawissenschaft massiv unterschätzt wird. Es geht dabei nicht nur um die (bekannte) Freisetzung von Kohlendioxid bei der Entwaldung, sondern um eine physikalische Wirkung, die den etwas sperrigen Namen «Evapo-Transpiration» trägt.

    Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages (und diverse andere Quellen ähnlich) geben die Kühlung der Erdatmosphäre durch Wasserverdampfung (Evapo-Transpiration) mit 23% an, vergl. Bild Seite 6:
    https://www.bundestag.de/resource/blob/805260/53df18dcfba9e0b515f8c56d495fb4a1/WD-8-014-20-pdf-data.pdf

    Abzüglich der Direktreflexionen (der Sonneneinstrahlung) beträgt die Wasserdampfkühlung der Erde/Erdatmosphäre sogar 33% (23%/0,7), macht also einen enormen Anteil aus. Und ich befürchte, dass Entwaldung dazu führt, dass der Wasserkreislauf von Regen, Versickerung und (Wieder-) Verdampfung durch Bäume reduziert wird. Das würde die Kühlung der Erdatmosphäre verringern.

    Erstaunlicherweise wird seitens renommierter Stellen behauptet, mehr Wasserdampf in der Atmosphäre würde den Treibhauseffekt verstärken. Das trifft zwar marginal zu, m. E. ist die Kühlwirkung jedoch erheblich größer. Eine quantitative Betrachtung habe ich dazu durchgeführt. Normales Ingenieurwissen (mit ein wenig Interesse an numerischer Mathematik) reicht dafür völlig aus.

    Ulrich Engelke, Dipl.-Ing. Umwelttechnik

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  • am 7.08.2021 um 15:08 Uhr
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    ‹Appetit der reichen Länder führt zu Abholzung›
    Das ist falsch. Die globalisierte Wirtschaft führt zu Überstrapazierung der natürlichen Ressourcen. Eine vernünftige Politik liesse globale Marktwirtschaft mit natürlichen Ressourcen nicht zu, erlaubte nur regionalen Handel. Wenn aber Geld statt Vernunft zur Maxime wird, kann keine Kraft der Welt die Übernutzung verhindern. Vor allem haben einzelne Staaten oder gar Kunden keinerlei Einfluss.

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  • am 8.08.2021 um 11:06 Uhr
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    Es wäre schön zu wissen, welchen Stellenwert die Wildfeuer der letzten Wochen in der Klimaproblematik haben.

    Hier dürften relativ günstige Präventions- und Schutzmassnahmen mehr bewirken als Klimademonstrationen in der Form von Happenings vor Gross- und Zentralbanken.

    Die 3 Pumas für Griechenland sind immerhin ein Ansatz.

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