Innovation und Wachstum, Lärm und Leerlauf

Hanspeter Guggenbühl © bm

Hanspeter Guggenbühl /  Wenn es hörbar rätscht auf unseren Strassen, ist das nicht Lärm, sondern eine Innovation für schlafende Automobilisten.

«Wachstum braucht Innovation», sagt Meier. «Innovationen fördern Wachstum», schreibt Müller. «Wir müssen Innovationen und Wachstum fördern», sagen und schreiben Meier, Müller, Hinz und Kunz. Die Fragen, welche Innovationen es braucht, was wachsen soll, wozu, und wem es dient, die stellt man selten.

Schluss mit Theorie! Praxis ist lustiger. Nachdem in den 1960er-Jahren die Autolawine angerollt war, fühlten sich immer mehr Leute vom Lärm belästigt. Darum führten die Behörden nach langen politischen Debatten Lärmgrenzwerte für Automotoren ein. Innovativen Ingenieuren gelang es darauf, die lauten Motoren leiser zu machen und ihre Leistung gleichwohl zu steigern. Die stärkeren Motoren erlaubten es, grössere Autos mit breiteren Pneus herzustellen, die trotz höherem Rollwiderstand weiterhin flott beschleunigen. Diese Innovationen förderten das Wachstum der Autoindustrie ebenso wie die durch Abgasvorschriften erzwungenen Abgaskatalysatoren.

Doch der Lärm, den die breiteren Pneus bei wachsender Geschwindigkeit verursachen, neutralisierte die Drosselung des Motorenlärms. Das förderte die Innovationsfähigkeit der Strassenbauer. Sie umrandeten Strassen mit Lärmschutzwänden oder ersetzten hundskommunen Asphalt durch allerlei Arten von «Flüsterbelägen», die den Lärm der lauten Reifen reduzierten. Diese Innovationen förderten nicht nur das Wachstum der Bauindustrie, sondern machten den Strassenverkehr wieder etwas leiser. Aber nur vorübergehend. Denn die Produzenten von staatlichen Vorschriften, starken Motoren, breiten Pneus und flüsternden Strassenbelägen blieben innovativ.

Die nächste Innovation lancierten Sicherheitsexperten und Strassenbauer gemeinsam. Sie ersetzten die glatten Markierungen auf den Fahrbahnen durch gerillte Mittel- oder Seitenlinien. Das wiederum förderte das Wachstum des Farb- und Tiefbaugewerbes. Und es hat den Vorteil, dass nun auch sehbehinderte und schlafende Automobilisten merken, wenn sie die Mittellinie überfahren. Denn wenn ihre breiten Pneus über die Mittellinie brettern, rätscht es hörbar.

Dieser Lärm reicht zwar nicht, um alle Tiefschläfer am Steuer der akustisch gut gedämmten Blechkarossen zu wecken; davon zeugen weiterhin Meldungen über Frontalzusammenstösse. Doch das Rätschen ist laut genug, um ungepanzerte Fussgänger und Radfahrerinnen zu erschrecken und den allgemeinen Lärmpegel zu steigern.

Fassen wir zusammen: Breitere Pneus kompensieren leisere Motoren. Profilierte Mittelstreifen kompensieren die Wirkung von Schallschutz-Wänden und Flüsterbelägen. Der Lärm bleibt laut und stresst. Jetzt sind Innovationen der Gehörschutz-Branche gefordert. Damit der Innovations-Leerlauf weiter wachsen kann.


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4 Meinungen

  • am 25.08.2013 um 17:44 Uhr
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    Total einverstanden mit dem Artikel bezüglich Abrollgeräusch von modernen Breitreifen. Was den Motorenlärm angeht, könnte bei den Motorrädern noch einiges getan werden. Wir haben uns vor Jahren mal erkundigt, wie das mit den Vorschriften aussieht und vom zuständigen Bundesamt die Antwort erhalten, dass der Vollzug bei den Kantonen liegt – hat bisher nicht geholfen, wir werden nach wie vor zeitweise von Rennstreckenlärm oder tiefem landauernden Brummen aufgeschreckt (wohnen an der T10 Bern – Langnau i.E.). Dann wären da noch die Sub-Woofer Anlagen zu nennen, die man meist unter «vorsätzliche Körperverletzung» klassieren müsste.

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  • am 25.08.2013 um 19:54 Uhr
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    Danke! – scharf gedacht und gut formuliert! Fortschritt um seiner selbst willen, einfach fort im Schritt, wohin auch immer. Omnipräsente Subwoofer und Verkehrslärm, die Unterhaltungsindustrie drängt sich zwischen die interessanten Wortbeiträge im Radio hinein. Dank fortschrittlicher Messtechnik wissen wir, dass dieses verdummende Bum-Bum-Gesülze nicht lauter ist als die Sprache… «wissenschaftlich"… wir Menschen nehmen einfach falsch «wahr".

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  • am 25.08.2013 um 22:31 Uhr
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    Eine ähnliche Geschichte könnte man aus breiteren, besseren und häufiger geflickten Strassen mit der Kompensation durch mehr Tempo-Kontrollen und schärferes Bussensystem basteln. Oder anders: Das Strassenflicken 10 Jahre aussetzen und so viel Geld sparen, dass die ausbleibenden Erträge der nicht mehr notwendigen Radarfallen gar nicht fehlen.

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  • am 26.08.2013 um 05:58 Uhr
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    Wenn ich zum Beispiel denke, dass mit einem Kreiselbau weniger pro Jahr der soeben abgeschaffte Alt-Griechischunterricht im Kanton Bern gleich für mehrere Jahre wieder sichergestellt werden könnte. Bildung ist zwar nicht, wie dümmlich immer gesagt wird, ein «Rohstoff", aber immerhin… Und die Bildung, die man nicht hat, wird vor allem auch von zuständigen Funktionären und Politikern, auch inkompetenten Professoren usw., die sie z.B. nicht vermissen, am wenigsten als Lücke und Verschlechterung der Chancen empfunden… Aber Sam Mueller, das mit den mehr Tempokontrollen hängt nun halt leider auch damit zusammen, dass der Autofahrer fast der einzige Gesetzesbrecher ist, mit dem problemlos Geld generieren kann. Aber es ist wahr, auf weniger geflickten Strassen fährt man langsamer, das erinnert mich noch an die Studentenzeit, da man mit Renault 4 oder 2CV, wiewohl letzterer eine unverhältnismässige Dreckschleuder, vor 40 Jahren und mehr durch Frankreich fuhr.

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