Schiefergas_Weltkarte1

Die Weltkarte der Schiefergas-Vorkommen gemäss der U.S. Energy Information Administration (eia) © eia/wikipedia

Umwälzungen in der globalen Energieversorgung

Red. /  Der rasant wachsende Abbau von Schieferöl und Schiefergas führt zu gravierenden Verschiebungen in der Rangliste der Förderstaaten.

Eine umfassende Bestandsaufnahme der globalen Verfügbarkeit von Energierohstoffen unternimmt in ihrer «Energiestudie 2012» (siehe Link unten) die in Hannover ansässige Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Dabei untersucht sie alle fossilen Energieträger gleichermaßen – Erdöl, Erdgas, Kohle und Uran. Besondere Aufmerksamkeit widmet die BGR den nicht-konventionellen Vorräten an Öl und Gas, über die in jüngster Zeit weithin mit Interesse berichtet wurde. Hintergrund ist vor allem deren Boom in den USA. Dort wurden in den letzten Jahren rasant wachsende Mengen etwa an Schieferöl (Shale Oil) und Schiefergas (Shale Gas) gefördert.

Für die Vereinigten Staaten sagen Beobachter weitreichende Konsequenzen voraus; sogar energiepolitische Autarkie wird inzwischen für möglich gehalten, wenngleich Experten vor übermäßigen Hoffnungen warnen. Ein kürzlich an die Presse lanciertes BND-Papier spricht darüber hinaus von weltpolitischen Umbrüchen: Wenn die USA nicht mehr von Öl und Gas aus Mittelost abhängig seien, könnten sie ihr Interesse an der bislang strategisch einzigartigen Weltregion verlieren. Die aktuelle BGR-Studie liefert nun Datenmaterial, das eine präzisere Einordnung ermöglicht.

Verschiebungen beim Öl

Die Analyse bestätigt, dass in Zukunft mit einer zunehmenden Förderung «nicht-konventionellen» Erdöls zu rechnen ist. Dabei handelt es sich um Vorkommen, die nicht mit herkömmlicher Technik abgebaut werden können, sondern etwa mit Horizontalbohrungen und sogenanntem hydraulischem Fracking erschlossen werden müssen. Das ist heute nicht nur aufgrund technologischer Fortschritte möglich, sondern vor allem auch deswegen, weil der Ölpreis ein anhaltend hohes Niveau erreicht hat und aus diesem Grund auch kostspielige Förderverfahren gewinnbringend angewandt werden können. Die übliche «Trennung in ‚konventionelles‘ und ‚nicht-konventionelles‘ Erdöl» sage «heute nur noch bedingt etwas über die Wirtschaftlichkeit der Gewinnung aus», erläutert die BGR.

Daraus folgen gravierende Verschiebungen in der Rangliste der erdölbesitzenden Länder. Galt es bisher als ausgemacht, dass die Länder mit den größten Ölreserven – der Begriff «Reserven» bezeichnet die gesicherten, zu aktuellen Preisen gewinnbringend abbaubaren Vorräte – durchweg am Persischen Golf zu finden seien, so stehen tatsächlich Kanada (dank seiner Ölsände) und Venezuela (es besitzt große Mengen an Schwerstöl) auf Platz zwei und drei nach Saudi-Arabien, mit klarem Abstand vor Iran und Irak. Bei den «Ressourcen», die heute noch nicht, wohl aber künftig profitabel gefördert werden können, steht Venezuela dank Schwerst- und Schieferöl mit großem Abstand auf Platz eins, gefolgt von China, Kanada, abgeschlagen dann von Russland und den USA.

Verschiebungen beim Gas

Einschneidende Verschiebungen ergeben sich auch beim Erdgas. Schlagzeilen macht mittlerweile auch in Deutschland der US-Schiefergas-Boom: Die Vereinigten Staaten haben 2011 Russland als langjährige Nummer eins der globalen Erdgasförderung abgelöst – dank neuartiger Methoden, die «nicht-konventionelles» Erdgas abzubauen erlauben. US-Konzernen gelingt es inzwischen, die Schiefergas-Preise auf bis zu ein Drittel des europäischen Preisniveaus zu senken, was Firmen aus den Vereinigten Staaten erhebliche Vorteile gewährt und inzwischen auch deutsche Konzerne über Standortverlagerungen in die USA nachdenken lässt.

Wie die BGR-Energiestudie zeigt, sind die Vereinigten Staaten jedoch nicht das einzige Land, das auf einen Schiefergas-Boom hoffen kann – so verfügen etwa Australien, Argentinien oder Südafrika über umfassende Schiefergasvorkommen, beim Volumen seiner Gesamt-Gasressourcen zieht China mit den USA gleich. Russland hat nicht nur die mit Abstand größten Reserven, sondern auch die mit Abstand größten Ressourcen, dreimal so viel wie die annähernd gleiche Ressourcen besitzenden Nummern zwei und drei (China und die Vereinigten Staaten). Die Ressourcen der Länder mit den zweit- und drittgrößten Erdgasreserven (Iran, Qatar) sind vergleichsweise klein.

Venezuela und China

Die BGR-Energiestudie zeigt, dass in der nächsten Zukunft zwar die Länder am Persischen Golf die Erdölförderung weiterhin dominieren werden. Gleichzeitig zeigt sich allerdings, dass vor allem die Vorräte Venezuelas an Bedeutung gewinnen, damit jedoch auch die Frage nach ihrer Kontrolle. Die Vereinigten Staaten beziehen schon heute den Großteil ihrer Ölimporte nicht aus Mittelost, sondern aus Amerika; ihre Lieferstatistik führt Kanada (dank der Ölsande) mit klarem Abstand an, auf den Rängen zwei bis vier wechseln sich Mexiko, Venezuela und Saudi-Arabien ab.

Fachleute bezweifeln, dass die USA, die bereits jetzt nur einen relativ kleinen Teil ihrer Erdölversorgung aus dem Mittleren Osten beziehen, sich nun aus der Region zurückziehen werden, wenn es gelingt, die eigene Abhängigkeit noch mehr zu reduzieren – schließlich ist das Gebiet am Persischen Golf auch deshalb von Bedeutung, weil asiatische Staaten, vor allem auch China, von dort beträchtliche Teile ihrer Energierohstoffe erhalten.

China allerdings wird seine Abhängigkeit, sollte es die Schieferöl- und Gasvorkommen auf seinem Territorium anzapfen können, auf lange Sicht eventuell verringern können, ganz wie die USA in jüngster Zeit. Damit wäre es – im Gegensatz zu Vorhersagen des vor kurzem an die Presse lancierten BND-Papiers – weitaus weniger verwundbar als heute, wo die Hauptroute seiner Energieversorgung noch durch die unter starkem westlichem Einfluss stehende Straße von Malakka verläuft.

Gegen Russland

Neben den großflächigen Verschiebungen, die jedoch – darauf weist die BGR ausdrücklich hin – zur Zeit wegen des teilweise recht dürftigen Forschungsstands zu den «nicht-konventionellen» Vorräten noch nicht mit hinlänglicher Gewissheit vorausgesagt werden können, öffnen tatsächliche oder vermutete Vorkommen vor allem an Schiefergas Raum für neue geostrategische Operationen. So ist in Polen schon vor geraumer Zeit mit Explorationen begonnen worden, um das Land perspektivisch aus der Lieferabhängigkeit von Russland zu lösen. Ähnliches strebt auch die Ukraine an. Im Januar hat die Regierung in Kiew dem Shell-Konzern die nötige Bohr-Lizenz erteilt.

Dahinter steckt die Absicht, der Abhängigkeit von russischen Lieferungen zu entkommen – ein Gedanke, der schon den Plan antrieb, die Ukraine mit Flüssiggas aus dem Westen zu beliefern und auf diese Weise Moskaus Einfluss zu verringern. Ob das Vorhaben gelingt, ist aus vielerlei Gründen unklar; so ist nicht wirklich gesichert, ob die vermuteten Vorkommen groß genug sind, ob es beim Abbau nicht zu gravierenden Umweltschäden kommt und ob der Plan im Geflecht ukrainischer Oligarchen-Interessen wirklich durchsetzbar ist. Dennoch zeigen die ukrainischen Schiefergasprojekte beispielhaft das außenpolitische Potenzial, das in den heute förderbaren «nicht-konventionellen» Energierohstoffen steckt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Die «Informationen zur Deutschen Aussenpolitik» (german-foreign-policy.com) werden von einer Gruppe unabhängiger Publizisten und Wissenschaftler zusammengestellt, die das Wiedererstarken deutscher Grossmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet kontinuierlich beobachten.

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