SBB-Abbau: Jammern auf hohem Niveau

Hanspeter Guggenbühl ©

Hanspeter Guggenbühl /  2,2 Prozent weniger Angebot im Bahn-Personenverkehr bei 25 Prozent weniger Nachfrage: Ist das so schlimm?

Die Nachfrage im Schweizer Bahnverkehr schrumpfte im ersten Halbjahr 2020 um 37 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2019. Das berichtete Infosperber am 9. August unter dem Titel «Wie Corona den Verkehr umkehrte». Inzwischen fahren wieder etwas mehr Leute mit der Bahn. Doch die Nachfrage im Schienenverkehr liegt gegenwärtig immer noch um etwa 25 Prozent unter dem Niveau des Vorjahrs.

Das Wehklagen über diesen Corona-bedingten Einbruch und seine wirtschaftlichen Folgen hielt und hält sich in Grenzen. Denn auch in normalen Zeiten trägt der Staat rund die Hälfte aller Kosten, die der Schienenverkehr verursacht. Und er wird wohl auch den zusätzlichen Einnahmen-Ausfall decken, weil die Kundschaft und der Preisüberwacher keine verursachergerechten Tariferhöhungen akzeptieren und die SBB zur Schweiz gehören wie die Staus zu den Autobahnen. Andere Branchen haben in epidemischen Zeiten grössere Sorgen.

Temporärer Rückgang des steigenden Angebots

Das Angebot im Bahnverkehr wird zwischen September und Dezember 2020 um 2,2 Prozent respektive um 200 Personenzüge Züge pro Tag reduziert. Das teilten die SBB am 26. August an einer Medienkonferenz mit. Darauf hob bei PolitikerInnen, in Verwaltungen und Medien lautes Wehklagen an:

Das sei «nicht akzeptabel», schrieb etwa das Bundesamt für Verkehr (BAV). «Schadenersatz» forderten kantonale Regierungsräte im Wissen, dass damit lediglich Subventionen zwischen Bund und Kantonen umverteilt werden. «Die Leidtragenden sind in erster Linie die Fahrgäste; ihnen stehen weniger Verbindungen und weniger Platz zur Verfügung», klagte der Zürcher Verkehrsverbund (ZVV), obwohl in den Schweizer Regionalzügen schon in normalen Zeiten durchschnittlich drei von vier Sitzplätzen leer über das Schienennetz gondeln.

Dieses Jammern bewegt sich auf hohem Niveau, wenn man berücksichtigt, dass zwischen den meisten Bahnhöfen in der Schweiz jede halbe Stunde ein Zug verkehrt; in Ballungsgebieten und in Spitzenzeiten sind es noch mehr. Die Schweizer Bahnen haben ihr Angebot in den letzten zwanzig Jahren um rund 40 Prozent ausgebaut; gemessen daran ist der jetztige Abbau von 2,2 Prozent ein Klacks.

Zugegeben, die Ursache für den kurzfristigen Abbau ist unerfreulich: Es fehlt an Lokführerinnen und Lokführern. Das rührt einerseits daher, dass die SBB unter Leitung ihres früheren (Ende März 2020 zurückgetretenen) Chefs Andreas Meyer zu wenig Lokomotivpersonal ausbildeten, weil Digitalfan Meyer von selbstfahrenden Zügen träumte. Die SBB räumten schon letzten Herbst selber ein, diese «Fehlplanung» lasse sich nur mit Verzögerung korrigieren. Andererseits hat der einstige Traumberuf an Anziehungskraft verloren, was die Rekrutierung von Lokpersonal auch bei andern Bahnunternehmen erschwert. Der Unterbestand, der nicht nur zu Zugsausfällen führt, sondern bei den LokführerInnen viele Überstunden anhäufte, dürfte den Bahnbetrieb auch nächstes Jahr noch beeinträchtigen.

Glück aber haben SBB-Führung und Bahnfahrende, dass sich dieser Personalmangel just während einer Krise akzentuierte. Denn mit der Streichung von 2,2 Prozent aller Züge können die SBB den massiven Rückgang der Nachfrage und den damit verbundenen Einnahmeausfall wenigstens zu einem kleinen Teil ausgleichen. Damit handeln sie – wenn auch unfreiwillig – genau so, wie es im ökonomischen Lehrbuch steht: Wenn die Nachfrage sinkt, muss man auch das Angebot senken.

Weitere Artikel zu diesem Thema auf Infosperber:

– «Auto als Profiteur: Wie die Corona-Epidemie den Verkehr umkehrte»

– «Pendelabgabe für Unternehmen kann Heimbüro fördern»

– «SBB: Der Bahnverkehr wächst auf Pump»

– DOSSIER: «Auto oder Bahn: Wer zahlt Defizite»


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3 Meinungen

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    am 2. Sep 2020 um 09:31 Uhr
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    Es geht doch um ungenügende Personalplanung.
    Und ja, 2.2% kürzere Züge wären kein Problem.

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    am 2. Sep 2020 um 18:40 Uhr
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    2.2% ist wieder mal so ein statistischer Durchschnitt der die Realität nicht widerspiegelt. Für Betroffen welche die ausgefallenen Züge regelmässig benützt haben ist es 100%! Beispielsweise die Linie Sissach-Läufelfinge-Olten fällt zu 100% weg. Der Busersatz braucht viel länger. Der Kanton sollte aber trotzdem dasselbe bezahlen: das geht nicht auf.

    0
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    am 7. Sep 2020 um 15:27 Uhr
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    Der Durchschnitt ist kein Grund zum Jammern. Aber dass die Züge in den Stosszeiten ausfallen wenn (Zwangs-)Pendler sie bräuchten schon. Zwangspendler? Sie kennen die Vorschriften der Arbeitslosenkassen welche einen Arbeitsweg von 2 Stunden als zumutbar erachten?

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