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Nobelhotel «Waldhaus» Flims: Mit Bau und Verkauf von Appartements das Defizit gestopft © hpg

Mit dem Tourismus in den Alpen geht’s bergab

Hanspeter Guggenbühl /  In den Bergen bleiben viele Hotelbetten leer. Besonders hart trifft es die Ferienregionen Graubünden, Wallis und Tessin.

Gesamtschweizerisch stagniert der Hotel-Tourismus. Die neuste Statistik des Bundes bestätigt diesen langfristigen Trend: 2014 zählte man in der Schweiz 35,9 Millionen Übernachtungen in Hotels und Kurbetrieben. Das sind 0,9 Prozent mehr als im Vorjahr und praktisch gleich viel wie im Jahr 1992.

Städte gewinnen, Alpen verlieren

Regional hingegen gab es deutliche Verschiebungen: Die grossen Städte erhöhten ihren Marktanteil. In der Region Zürich etwa, wo viele Geschäftsreisende absteigen, stieg die Zahl der Hotel-Logiernächte von 1992 bis 2014 um satte 45 Prozent. Gleichzeitig schrumpfte der Anteil in den alpinen und ländlichen Regionen: Gegenüber dem Stand von 1992 sank die Zahl der Hotel-Logiernächte in der Ostschweiz um 12 Prozent, im Wallis um 13 und im Tessin um 26 Prozent.

Am härtesten traf es den Kanton Graubünden. Seit 1992 sank dort die Zahl der Übernachtungen in Hotels um 27 Prozent. Allein in den letzten sechs Jahren verlor die «Ferienecke der Schweiz» 1,2 Millionen oder einen Fünftel seiner Logiernächte (siehe Grafik).
Die Zahl der Bündner Hotelbetten hingegen blieb trotz der viel zitierten «Strukturbereinigung» nahezu gleich gross. Resultat: Die Auslastung der vorhandenen Hotelbetten sank seit 2008 ebenfalls um einen Fünftel auf kümmerliche 29 Prozent im Jahr 2014.

Einfluss von Zweitwohnungen

Was auffällt: Die Regionen Graubünden, Wallis und Tessin, die den höchsten Rückgang an Hotelgästen erlitten, verzeichnen den höchsten Anteil und Zuwachs an Zweitwohnungen. Zwei Folgerungen liegen damit nahe. Die Positive: Übernachtungen in Zweitwohnungen haben den Rückgang der Hotelgäste teilweise kompensiert. Die Negative: Der Zweitwohnungs-Boom raubt den Hotels Gäste und Umsatz.
Die Kompensations-These lässt sich nicht belegen. Denn die Statistik über die Logiernächte in bewirtschafteten Ferienhäusern und Ferienwohnungen endete (aus Spargründen) im Jahr 2003. Die Jahre zuvor weisen aber eher auf eine Abkühlung der Betten hin. So sank die Zahl der Logiernächte in vermieteten Schweizer Ferienwohnungen (exklusive Logiernächte der Besitzerfamilien) von 24 Millionen im Jahr 1980 auf 18 Millionen im Jahr 2003. Grund: Ein Grossteil der alten und neuen Zweitwohnungen wird nicht vermietet, sondern nur von ihren Besitzern genutzt.
«Verändertes Reiseverhalten»
Wie weit die in Hotels weggefallenen Logiernächte durch Zweitwohnungen kompensiert werden, sei «schwierig abzuschätzen», antwortet Eugen Arpagaus, Leiter des Bündner Amtes für Tourismus. Die wichtigste Ursache für den Rückgang ortet er im Ausland: Die Globalisierung habe Fernreisen verbilligt und die Wettbewerbsfähigkeit der kleinstrukturierten Bündner Tourismusbranche vermindert.
«Verändertes Reiseverhalten» sowie ein «gestiegener internationaler Wettbewerb» seien wesentliche Ursachen für den Gästeschwund in Graubünden, glaubt auch Marcel Friberg, Präsident der Tourismusorganisation «Graubünden Ferien». Die aktuelle Aufwertung des Frankens dürfte die Konkurrenzfähigkeit der inländischen Fremdenbett-Vermieter im laufenden Jahr weiter schwächen.

Mehr Beton, weniger Gäste

Umstritten bleibt, ob und wie weit Zweitwohnungen die Hotellerie kannibalisieren. Naturschützer sehen nicht nur eine Korrelation, sondern auch eine Kausalität zwischen dem Zuwachs an Zweitwohnungen und dem Rückgang der Hotel-Logiernächte. Die Sachwalter des Tourismus und der Bauwirtschaft hingegen stellen diesen Zusammenhang mehrheitlich in Frage. Stattdessen betonen sie den Nutzen der zeitweise bis selten bewohnten Wohnungen für die regionale Wirtschaft.
Selbst die Hotelvereine kritisieren den Zweitwohnungs-Boom nicht oder nur leise. Grund: Die Branche ist gespalten. Denn nicht nur Landbesitzer, reiche Anleger, Baulöwen und Spekulanten trieben und treiben deren Bau voran. Viele Hotelgesellschaften und Hotelbesitzer bauten und verkauften auf ihren Arealen selber Zweitwohnungen, sei es, um ihren defizitären Hotelbetrieb zu sanieren, sei es, um den Laden dicht und privat Kasse zu machen.
Sicher ist eines: Pro Feriengast gibt es in Graubünden, im Wallis und Tessin immer mehr Betten, Bauten und Beton. Damit sinkt sowohl die ökonomische als auch ökologische Produktivität des Tourismus.

Flims krebst, Nachbar Laax wächst

Der Rückgang der Hotel-Logiernächte in Graubünden spiegelt sich auch in den kommunalen Statistiken. Seit dem Spitzenjahr 2008 haben die meisten Gemeinden Gäste verloren, allerdings in unterschiedlichem Ausmass: Einen begrenzten Rückgang verzeichnen etwa Pontresina und Davos. Zu den grossen Verlierern gehört der Nobelort St. Moritz und – mit einem Einbruch von einem Drittel – die Gemeinde Flims. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Nachbargemeinde Laax bei den Hotelübernachtungen im gleichen Zeitraum um mehr als einen Drittel zulegte.

Die erste Erklärung für dieses Auseinanderdriften liefert das Angebot: In Flims sank die Zahl der verfügbaren Hotelbetten seit 2008 um 15 Prozent, weil die Hotel National, Waldeck, Curtgin und Grischuna abgebrochen und durch Zweitwohnungen ersetzt wurden. Gemessen an ihrer Bettenzahl hätten diese Hotels früher relativ viele Logiernächte gebracht, sagt Christoph Schmidt, Präsident des Hotelier-Vereins Flims, Laax, Falera. Denn die einstigen Besitzer setzten vorwiegend auf (frequenzstarken aber margenschwächeren) Gruppen-Tourismus.

Im kleineren Laax verdoppelte sich seit 2008 das Angebot, nachdem der Unternehmer und Dorfkönig Reto Gurtner dort sein «Rocksresort» mit mehreren hundert hotelmässig bewirtschafteten Betten eröffnet hatte. Weil die Bettenzahl in Laax stärker stieg und in Flims weniger stark schrumpfte als die Zahl der Gäste, ist der Belegungsgrad der verfügbaren Betten (ein wichtiger Indikator für die Produktivität des Tourismus) in beiden Gemeinden zurück gegangen.

Altes und junges Publikum

Der Aufstieg von Laax und der Niedergang in Flims begannen allerdings schon früher. Eine zweite Erklärung dafür liefert die unterschiedliche Geschichte, Struktur und Position der beiden Gemeinden:

● FLIMS mit dem blauen Caumasee profilierte sich schon vor dem zweiten Weltkrieg als Destination für Sommergäste. Seine Herbergen, allen voran das Fünfstern-Hotel Waldhaus mit seinem prächtigen Park, verkörperten die Belle Epoque und zogen eher ältere Gäste an. Altmodischen Charme versprühten auch die ersten Flimser Bergbahnen, die ab den 1950er-Jahren Wintersport-Gäste anzogen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts aber wandelte sich Flims: Immer mehr Ferienhäuser und Zweitwohnungen besetzten die Landschaft. Der Caumasee verlor Wasser, und der Leuchturm, das Parkhotel (heute «Resort») Waldhaus verschwand in einem Meer von nicht bewirtschafteten Appartement-Häuser. Mit dem Appartement-Verkauf subventionierten die Aktionäre den zunehmend defizitären Hotelbetrieb und füllten nebenbei auch ihre eigenen Kassen.

● In LAAX begann die touristische Entwicklung später. Angekurbelt durch die umtriebige Unternehmer-Dynastie Gurtner verlief sie aber stürmischer. Walter Gurtner erschloss die «Weisse Arena», anfangs mit Skiliften, später mit Investitionen in moderne Bergbahnen. Sohn Reto baute die einst verträumte Landschaft nach US-amerikanischem Vorbild um zu einer Marke, die sich mit trendigen Sportarten, lärmigen Events und einem jungen städtischen Publikum profilierte.

Die «Marke Laax» lockt vor allem in der Skisaison viele, meist jüngere Gäste an. Derweil schrumpfte in Flims die Zahl der älteren Feriengäste. Hotelverein-Präsident Christoph Schmidt, der in Flims in vierter Generation das Hotel Schweizerhof leitet, wehrt sich allerdings dagegen, die erfolgreichere (Winter-)Marke Laax gegen die schwächelnde (Sommer-) Marke Flims auszuspielen. Er betont: «Man muss Flims und Laax als gemeinsame Destination betrachten, in der beide Seiten voneinander profitieren können.»

Siehe auch:
Kommentar: «Die Baulobby leert die Hotelbetten»
DOSSIER: «Zweitwohnungen»

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

Zweitwohnungen

Nach der Abstimmung wollen Gegner der Franz-Weber-Initiative den Begriff «Zweitwohnung» neu erfinden.

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2 Meinungen

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    am 2. Mrz 2015 um 22:18 Uhr
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    @Frau Elisabeth Krail:

    Sie haben teilweise recht. Ich vermisse in Ihrer Klageschrift die Verbesserungen, welche unsere Destinationen in der Schweiz wieder konkurrenzfähig machen könnten.
    Sehen Sie, unter den heutigen geiz-ist-geil Bedingungen auch noch kostendeckend zu operieren, erfordert ein grosses Mass an Innovation und Investition. Da viele Hotels die Flucht nach vorn gemacht haben (Wohnungsverkauf) fehlt es nun an Substanz. Dass der Schweizerfranken viel zu teuer ist, blenden die exportorientierten Politiker völlig aus. Nicht nur für die Gäste aus der Eurozone, auch für Urlauber aus US-Dollar-abhängigen Währungen ist die Schweiz unbezahlbar teuer geworden. Ein schwacher Franken würde auch dem einzelnen Schweizer Bürger helfen. Selbst in der Stadt, übrigens.
    Viele Hotelbetriebe strengen sich mit aller Kraft an, um solchen Kommentaren entgegenzuwirken. Helfen Sie mit, damit die geizigen Schweizer nicht ins staatlich subventionierte Österreich abwandern. Bringen Sie konstruktive Vorschläge. Machen Sie mit. Bezahlen Sie den vernünftigen Preis für eine vernünftige Leistung. Sehen Sie, auch ich bin selten bereit, Fr. 54.– für ein Rindsfilet Angus zu bezahlen. Aber Üeli Grands Grilladen am offenen Feuer sind einfach unschlagbar!

    Gruss von den Bergen.

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  • Avatar
    am 20. Feb 2015 um 10:23 Uhr
    Permalink

    Diese Entwicklung löst keine Verwunderung aus. War gerade mal wieder seit Jahren in Österreich in den Ferien. Das ist im Vergleich zur Schweiz wie Tag und Nacht. Die Wucherpreise in der Schweiz sind unerträglich, um nicht zu sagen unverschämt, und obendrein muss man froh sein, wenn man freundlich behandelt wird.

    Ganz anders im Nachbarland Österreich. Zuvorkommenheit und Aufmerksamkeit gegenüber dem Gast ist dort Kultur. Die prachtvollen Gasthöfe oder Hotels werden mit viel Herzblut und Landesstolz gepflegt und gehegt, um es dem Gast wohl sein zu lassen, Freundlichkeit und Entgegenkommen sind selbstverständlich. Da könnten sich viele Schweizer Gastbetriebe eine Scheibe abschneiden. Auch dort kostet der Service, aber die Preise bleiben im Erträglichen, und was dafür geboten wird, versetzt schon in Staunen.

    Hier in der Schweiz sind nicht selten die schönsten Gasthöfe in den Dörfern an Chinesen oder Türken verpachtet, wo der Glutamat-Schrott oder die Dönnerkultur offeriert wird, oft nisten sich auch Erotikcenter, sprich Buffs, mitten im Dorf ein, wo jeden Tag die Kinder vorbei laufen. Nein, hier in der Schweiz stimmt schon lange Einiges gar nicht mehr. In den Bergen haben sich die Hotels nur zu gerne am reichen Jet-set gütlich getan, die Preise wurden angehoben, so dass die eigene Bevölkerung sich Winterferien im eigenen Land kaum noch leisten kann. Kein Wunder geht die Bevölkerung in den umliegenden Ländern in die Ferien. Daran ist die Schweizer Hotelerie selber schuld.

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