BBC Landgrabbing Brazil

Der BBC-Reporter João Fellet zeigt, wie einfach es ist, Facebook-Anzeigen zu finden, die Land im brasilianischen Regenwald anpreisen. © copyright BBC

Gewissenlose Geschäftsleute verkaufen Regenwald auf Facebook

Daniela Gschweng /  Eine Undercover-Reportage der «BBC» brachte illegale Landverkäufe in Brasilien ans Licht. Das hat nun Folgen.

Anscheinend fühlten sie sich sehr sicher. Viele Verkäufer gaben freimütig zu, keine Papiere zu besitzen, andere versicherten, dass es kein Risiko einer Kontrolle gebe.

Ihr Handelsgut: gestohlenes Land im Amazonasgebiet. Ihre Plattform: Anzeigen im Amazon Marketplace, einem der grössten Online-Märkte der Welt, in dem jeder, der möchte, von Autos bis Dienstleistungen alles inserieren kann. Das Problem: Die zum Teil über 700 Hektaren grossen Grundstücke im brasilianischen Regenwald, die auf Facebook angepriesen werden, gehören zu Naturschutzgebieten oder sind Lebensraum indigener Stämme.

Land Grabbing per Online-Plattform

Die Anzeigen sind nicht schwer zu finden. Es genügt, Stichworte wie «Urwald» oder «Holz» auf Portugiesisch und eine brasilianische Provinz in die Suche einzugeben. Manche Angebote enthalten Satellitenbilder oder GPS-Daten, damit der Käufer sehen kann, was er kauft.

Das Geschäft scheint gut zu laufen. Wie gut, deckte die «BBC» in einer Dokumentation Ende Februar auf. Ein «Anwalt», der vorgeblich vermögende Interesssenten vertrat, traf sich mit vier Verkäufern. Die «BBC» spazierte über teilweise bereits abgeholztes Land im brasilianischen Bundesstaat Rondônia, woher die meisten Anzeigen stammen. Genutzt werden soll das Land als Viehweide oder Ackerland. (Die gesamte Dokumentation kann nur in Grossbritannien angesehen werden, eine Kurzfassung gibt es hier).

Kontrollen? Hier doch nicht!

Die Sorge der Verkäufer, erwischt zu werden, sei nicht besonders gross, beschreibt die BBC. Die Erwartung ist, dass das illegal bewirtschaftete Land später unter eine Amnestie fallen wird, was in Brasilien bereits häufig geschehen ist. Ist der Wald erst einmal abgeholzt, versuchen Lobbies, den Schutzstatus aufzuheben, da es nichts mehr zu schützen gibt. Derjenige, der das Land besetzt hat, kann es dann vom Staat kaufen.

BBC-Fabricio-Guimaraes
Fabricio Guimarães

Für Fabricio Guimarães, den die «BBC» mit versteckter Kamera gefilmt hat, ist der illegale Landverkauf nur ein Nebenverdienst. Er hat einen mittelständischen Job in der Stadt und betrachtet Land Grabbing als gutes Investment. Das Land, über das er mit dem falschen Anwalt geht, ist bereits gerodet, deshalb verdreifacht er den Preis. «Hier gibt es kein Risiko einer staatlichen Kontrolle», versichert er.

Abholzung in Brasilien auf 12-Jahres-Hoch

Das ist gut möglich, die zuständige Behörde ist unterfinanziert, seit die Regierung Bolsonaro ihre Mittel um 40 Prozent gekürzt hat. Offiziell fährt Brasilien eine «Zero Tolerance»-Politik. Umweltorganisationen sagen jedoch, dass Bolsonaro Bauern und Holzfäller geradezu ermutige, Wald abzuholzen. Nach Daten der brasilianischen Regierung wurde 2020 so viel Wald abgeholzt, wie seit zwölf Jahren nicht mehr.

Der Undercover-Mann der «BBC» trifft sich mit einem Mann, der als Führer der «Curupira Association» vorgestellt wird und von Verbindungen in die Politik spricht. Der namentlich genannte Kongressabgeordnete Coronel Chrisóstomo sagt später gegenüber der «BBC», er habe nicht gewusst, dass die «Curupira Association» in Landraub verwickelt sei. Der brasilianischen Polizei ist dies bekannt.

«Hier gibt es keine Indianer»

Alvim Souza Alves, Landräuber

Ein anderer Verkäufer versuchte, ein Grundstück in einem von Indigenen bewohnten Gebiet zu verkaufen. «Hier gibt es keine Indianer», versicherte er. Die Indigenen lebten mindestens 50 Kilometer von seinem Land entfernt.

Die Uru Eu Wau Wau, deren 200 Personen starke Gemeinschaft dort lebt, nutzt das Gebiet nach eigener Auskunft zum Fischen, zur Jagd und sammelt dort Früchte. Nach Angaben der brasilianischen Regierung leben noch mindestens fünf andere indigene Gemeinschaften in der Nähe. «Ich kenne diese Leute nicht», sagt Bitaté, das Oberhaupt der Uru Eu Wau Wau. «Das ist ein Mangel an Respekt. Sie holzen unser Leben ab».

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Indigene Territorien (Terras Indígenas) im Bundesstaat Rondônia, Brasilien.

Die Uru Eu Wau Wau fühlten sich im Reservat nicht sicher, sagt er. Sie haben deshalb eine Patrouille organisiert, die die oftmals bewaffneten Landräuber aufspüren soll. Mit Pfeil und Bogen versuchen sie, ihr Land zu schützen.

Diesmal hatten sie sich geirrt

In ihrer Sorglosigkeit hatten sich die Verkäufer diesmal geirrt. Die Ausstrahlung der BBC-Dokumentation hatte Folgen. Am 2. März ordnete Brasiliens Oberster Gerichtshof eine zivil- und strafrechtliche Untersuchung der Vorgänge an.

Der Richter Luis Roberto Barroso ging damit auf eine Klage der Vereinigung der indigenen Völker Brasiliens und sechs Oppositionsparteien ein, die der Regierung vorwerfen, indigene Brasilianer nicht genügend vor dem Coronavirus zu schützen. Das Volk der Uru Eu Wau Wau sei von illegalen Landräubern mit der Krankheit angesteckt worden und befinde sich in einer «kritischen Situation».

Facebook erklärte, es sei «bereit, mit lokalen Behörden zusammenzuarbeiten». Eigene Massnahmen werde das Unternehmen nach wie vor nicht ergreifen. Zu prüfen, welche Angebote legal seien, sei zu komplex. Gelöscht werden die Anzeigen also nicht.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Meinung zu

  • am 16.03.2021 um 11:25 Uhr
    Permalink

    Wie ekelhaft, das Ganze. Es wäre ein Segen für uns alle, nicht nur für die Indigenen Brasiliens, wenn der unsäglich B von der Bildfläche verschwinden würde. Und dieser Artikel ist ein Grund mehr, Facebook zu verlassen – leider gibt es noch keine Alternative.

    0

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