Sperberauge

Berns rotgrüne «Velo-Offensive»

Hanspeter Guggenbühl © bm

Hanspeter Guggenbühl /  Stadtregierung setzt auf Wachstum, nicht auf Umverteilung.

Bern ist Landeshauptstadt. Ist Kantonshauptstadt. Jetzt will Bern auch noch «Velohauptstadt der Schweiz» werden. Das verkündete SP-Frau Ursula Wyss, Mitglied der rotgrünen Stadtregierung, kürzlich in einer Broschüre. Dazu posierte sie freudestrahlend mit einem weissen City-Bike.

Mit ihrer «Velo-Offensive» will Wyss den Anteil des Fahrrads am hauptstädtischen Verkehr von heute 11 auf 20 Prozent steigern. Der Schreibende, der mit dem Velo in der Nebenstadt Zürich verkehrt, freut sich: Wenn der Anteil des Zweiradverkehrs steigt, gibt es weniger Autos, braucht es weniger Strassen und weniger Parkplätze, denkt er. Denn das muskelbetriebene Zweirad benötigt nur einen Bruchteil des Verkehrsraums, den das motorisierte und übergewichtige Vierrad beansprucht. Womit die hoch verschuldeten Städte obendrein einen Haufen Geld sparen können.

Doch beim Weiterlesen der Informations-Broschüre stellt sich diese Hoffnung als Irrtum heraus: Um den Veloanteil zu erhöhen, plant die Berner Stadtregierung bis 2030 Investitionen im Umfang von 70 Millionen Franken. Damit sollen zusätzliche Velorouten in die Innenstadt betoniert und zusätzliche Veloparkplätze eingerichtet werden. Den höheren Verkehrsanteil des an sich genügsamen Velos will die rotgrüne Regierung also nicht mit Abbau und Umverteilung des bestehenden Verkehrsraums erreichen, sondern mit dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.

Folge: Der umweltbelastende Autoverkehr gewinnt mehr Freiraum und das umweltverträgliche Velo verliert seine verkehrspolitische Unschuld.


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3 Meinungen

  • am 16.12.2015 um 15:18 Uhr
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    Hanspeter Guggenbühl argumentiert, durch die Berner Velo-Offensive gewinne der Autoverkehr an Freiraum. Die angeblich „hoch verschuldete“ Stadt (die Ratingagentur Moody’s sieht dies anders und bewertet Bern mit einem sehr guten Aa2) wolle zusätzliche Verkehrsfläche in die Innenstadt „betonieren“. Seine oberflächliche Kritik greift zu kurz. Klar ist, dass es Veloförderung nicht gratis gibt. Die Kosten von 70 Millionen verteilt über mehr als 10 Jahre sind jedoch ein Bruchteil dessen, was für Autoinfrastruktur ausgegeben wird. Ausserdem entstehen die Velorouten auf bestehender Verkehrsfläche. Verkehrsraum wird also zu Gunsten des Velos umverteilt.
    Hannes Rettenmund, Vorstand Verein „Läbigi Stadt“, Velofahrer, Bern

    0
  • am 17.12.2015 um 12:03 Uhr
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    Platz für weitere Autos
    Mit gross propagierten Massnahmen will die Stadtberner Regierung aus ökologischen Überlegungen den Anteil des Veloverkehrs bis zum Jahr 2030 von 11% auf 20% erhöhen. Wird dadurch der motorisierte Verkehr entsprechend abnehmen? Wohl kaum. Denn unsere Wachstumspromotoren im Erlacherhof streben im gleichen Zeitraum mit Verdichtung der Quartiere und Überbauung der letzten Grünflächen ein weiteres Bevölkerungswachstum von 10% an.
    Bern ist als Wohnort noch attraktiv. Bei der abnehmenden eigenen Bevölkerung, unserer Geburtenrate von nur 1.5 Kindern pro Frau, kann die ersehnte Bevölkerungszunahme nur von aussen erfolgen. Wer profitiert von einer solchen kurzsichtigen Wachstumspolitik und wer leidet darunter?

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  • am 18.12.2015 um 17:35 Uhr
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    Gibt es in der Berner Innenstadt überhaupt noch freie Flächen, die man zubetonieren könnte?
    Tatsache ist, dass kaum je dem Motorisierten Verkehr Flächen entzogen werden, um für Velos bessere Routen zu schaffen. Häufig werden dort «Velorouten» gemacht, wo man schon immer ganz gut fahren konnte. An den kritischen Knotenpunkten hören diese Routen dann abrupt auf, und der Velofahrer darf sich ins allgemeine MIV-Gewühl stürzen.

    So oder so: Es ist ein altbekanntes Elend bei der Förderung umweltschonender Verkehrsmittel, dass niemals Verkehr wirklich umgelagert wird (Velo anstatt Auto), sondern bloss versucht wird, den Zusatzverkehr (der hingenommen wird, als sei er gottgegeben) vermehrt mit dem Velo zu bewältigen.
    Das gleiche bei der Bahn: Mit der S-Bahn Zürich wurden riesige neue Kapazitäten geschaffen. Es wurde von Umlagerung gesprochen. Ehrlicherweise hätte man Strassen zurückbauen müssen. Das hat man aber nie getan. So haben wir jetzt sowohl auf Strasse als auch auf Schiene soviel Verkehr wie nie zuvor.

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