Hirschengraben Bern von Süden 2 Jürg Schweizer

Der Berner Hirschengraben (mitte) ist heute eine Parkanlage. Nun sollen die Bäume gefällt und der Platz zum blossen Umsteigeperron vor dem Bahnhof degradiert werden. © GoogleEarth

Berner Parkanlage soll einer Umsteigeplattform weichen

Gabriela Neuhaus /  Autos oben, Bahnpassagiere in den Tunnel: Gegen diese verfehlte Stadtplanung wächst in Bern der Widerstand.

Red. Bernerinnen und Berner stimmen am 7. März über einen Kredit von 112 Millionen Franken ab, um das städtische Verkehrssystem an den umgebauten Hauptbahnhof anzupassen. Ein Drittel des Kredits ist für einen neuen Fussgängertunnel vorgesehen, der den Bahnhofsausgang mit dem Hirschengraben verbindet. Damit würde die verfehlte Planung aus dem letzten Jahrhundert zementiert, kritisiert das  gegnerische Komitee «Rettet den Hirschengraben». Über seine Argumente und Alternativvorschläge informiert hier die Journalistin Gabriela Neuhaus; sie unterstützt  die Opposition mit der Website «Bern kanns besser».  

Wir schreiben das Jahr 2027. Es ist Freitagmorgen kurz vor acht. Der Zug von Zürich fährt in Bern ein. Er ist halbvoll wie schon seit Jahren. Das nervige Pendlergedränge, wie es das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts prägte, ist längst Geschichte. Genauso wie die Dauerbaustelle im Bahnhof Bern.

Die Bahnfahrenden verteilen sich auf dem Weg zur Stadt – nur etwa die Hälfte wählt die alte unterirdische Passage Richtung Bahnhofplatz, die anderen benutzen den neuen Durchgang Mitte und erreichen das Zentrum über den ebenfalls neuen Westausgang Bubenbergplatz. Über eine breite Treppe gelangen sie ans Tageslicht und überqueren den Platz Richtung Hirschengraben. Dieser kleine, elegante Park aus dem 19. Jahrhundert mit den stattlichen Kastanienbäumen bildet den westlichen Abschluss der Berner Altstadt, seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe. Hier blickt Adrian von Bubenberg, ehemaliger Schultheiss von Bern und als Held von Murten in die Schweizer Geschichte eingegangen, den Ankommenden entgegen. 

Zurück in die Gegenwart: Ob es 2027 wirklich so sein wird – oder ganz anders, ist offen. Weil die Bahnunternehmen den zweitgrössten Bahnhof der Schweiz zurzeit für eine Milliarde Franken umbauen, muss die Stadt Bern reagieren und ihr Verkehrssystem rund um den Bahnhof den neuen Gegebenheiten anpassen. Am 7. März 2021 stimmen die Bernerinnen und Berner deshalb über einen 112-Millionen-Kredit für entsprechende Massnahmen ab. 

Unsinniger Fussgängertunnel

Da laut Modellberechnungen künftig fast die Hälfte aller Passagierinnen und Passagiere den Bahnhof über das neue Westportal Richtung Bubenbergplatz verlassen wird, plant die Stadt einschneidende Veränderungen. Brisant ist dabei weniger die Höhe des beantragten Kredits als die Tatsache, dass rund ein Drittel des Geldes (36 Mio) für ein Projekt veranschlagt wird, das unausgegoren und völlig aus der Zeit gefallen ist: Geht es nach den Plänen der Stadt, soll zur Entlastung des neuen Bahnhofausgangs Bubenbergplatz ein Teil der Fussgängerinnen und Fussgänger unterirdisch in den Hirschengraben gelangen, durch einen 60 Meter langen, schmalen, künstlich beleuchteten Tunnel.

Diese Massnahme basiert auf Modellrechnungen aus der Vor-Corona-Zeit, die voraussagen, dass künftig in den Spitzenzeiten über 16’000 Personen pro Stunde den Bubenbergplatz queren würden. Diese Prognosen sind mittlerweile überholt und werden nur noch von unverbesserlichen Wachstumspropheten verkündet, Trotzdem halten die Stadtoberen an ihrem Mehr-und-grösser-Wahn fest und bestehen darauf, dass es den Fussgängertunnel brauche, da der Bubenbergplatz durch den öffentlichen Verkehr, die Velos und den motorisierten Verkehr bereits stark belastet sei. 

Dies kommt einem Rückfall in die 1960er Jahre gleich, als man alles den Bedürfnissen des motorisierten Verkehrs unterordnete. So auch in Bern, wo mit dem Bau des neuen Bahnhofs die Menschen unter den Boden verbannt wurden. Das sorgte schon damals für Kritik und führte dazu, dass der Berner Hauptbahnhof als Gesamtbauwerk heute auf den letzten Plätzen in der Liste der schönsten Schweizer Bahnhöfe rangiert.

Seither hat man mit einigen Massnahmen die Fehlplanung soweit als möglich korrigiert. Umso erstaunlicher ist, dass die rot-grüne Stadtregierung am Hirschengraben-Tunnel festhält trotz aller fachlicher Einwände, die in den letzten Monaten und Wochen von Denkmalpflegern, Architektinnen, Raum- und Verkehrsplanern, Ökologinnen sowie Politikerinnen und Politikern jeglicher Couleur laut geworden sind. 

Es gibt eine Vielzahl von Argumenten, die gegen den Bau des Fussgängertunnels sprechen. Er ist unsinnig, weil das Projekt vorsieht, dass nur eine Minderheit der Passantinnen und Passanten den Tunnel nutzen würden – 65 Prozent würden weiterhin den Bubenbergplatz oberirdisch über den Zebrastreifen queren. Zudem ist der Tunnel unnötig, weil laut Planungsvorlage der motorisierte Verkehr im Bereich Bubenbergplatz um 60 Prozent reduziert und das Tempo auf 30 km/h beschränkt werden soll. Als völlig überflüssig und eine enorme Geldverschwendung erscheint das Bauwerk schliesslich, wenn man in die Zukunft blickt und in Betracht zieht, dass längerfristig der motorisierte Privatverkehr sogar ganz vom Bubenbergplatz verbannt werden soll. Ein entsprechendes Verkehrskonzept «Autofreier Bahnhofplatz», das im Auftrag des Tiefbauamts der Stadt Bern im letzten Jahr erstellt wurde, hält die Stadt allerdings vorläufig unter Verschluss. 

Grüne Oase versus Verkehrsdrehscheibe

Die Rolltreppe zum Fussgängertunnel käme im Hirschengraben genau dort aus dem Boden, wo heute das Bubenberg-Denkmal steht. Dieses soll deshalb in die Mitte des Platzes versetzt und der gesamte Hirschengraben-Park radikal umgestaltet werden.

Die 25 grossen, geschützten Kastanienbäume, die sich laut einem aktuellen Gutachten bester Gesundheit erfreuen, würden gefällt. An ihrer Stelle will die Stadt junge Linden in Betonmulden setzen. Statt des bisherigen wasserdurchlässigen Kiesbelags ist die Pflästerung des gesamten Platzes vorgesehen – beides Massnahmen, die dem Stadtklima schaden und ebenfalls nicht state-of-the-art sind. Angedacht ist zudem die Errichtung einer zweistöckigen monumentalen Velostation unter dem Hirschengraben-Park. Dieses Projekt war 2019 noch Teil des Mitwirkungsverfahrens, wurde nun aber aus der Kreditabstimmung ausgeklammert, weil unter anderem die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege grosse Einwände dagegen geäussert hatte. Zudem müsste mit dem Widmann-Brunnen im Süden des Platzes ein weiteres Baudenkmal weichen, da die Planung genau an dessen Stelle die Rampe zur Velostation vorsieht. 

Die gesamte geplante «Umgestaltung» des Hirschengrabens ist vielmehr eine Verunstaltung. Sie würde den Park, der eine urbane Aufenthaltsqualität hat und wo man sich heute im Sommer auch gerne auf ein Bier trifft, definitiv zu einer reinen Verkehrsdrehscheibe degradieren. Allerdings ohne Verbesserung der aktuellen Umsteigebeziehungen zwischen Bahn- und Stadtverkehr. Im Gegenteil: Die geplante Erhöhung der Randsteinkanten auf 27 Zentimeter, um den barrierefreien Zugang zu den Trams zu ermöglichen, erschwert die Querung der Fahrbahnen. Zudem würde ein Teil der Haltestellen nach Süden verschoben, was zu längeren Wegen führt.

Der Hirschengraben bildet den westlichen Abschluss der Berner Altstadt, die als UNESCO-Weltkulturerbe unter besonderem Schutz steht. Vor rund 30 Jahren hat man ihn sorgfältig saniert, wie sich Jürg Sulzer, der damalige Stadtplaner von Bern, erinnert: «Er wurde befreit von wild parkierenden Autos. Zusammen mit den historischen Baumreihen entstand eine etwas französisch anmutende stadträumliche Oase mit Kiesbelag und Bänken unter den Bäumen. Was gibt es Schöneres im öffentlichen Raum einer Stadt?» 

Seither hat der Platz etwas von seinem Glanz verloren. Es gibt zwar keine wild geparkten Autos mehr, dafür ist er mittlerweile durch provisorische Veloparkplätze verstellt. Statt den Hirschengraben nun aber durch eine kurzsichtige Fehlplanung vollends zu zerstören, wäre es an der Zeit, ihn zu pflegen und ihm so viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wie es sich für ein UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Weniger wäre mehr

Trotz wachsender Kritik insbesondere von Seiten unabhängiger Fachleute hat das Berner Stadtparlament die Vorlage «Bau- und Verkehrsmassnahmen im Zusammenhang mit dem Ausbau des Bahnhofs Bern: Ausführungskredit» Ende letzten Jahres gutgeheissen. Nun hat die stimmberechtigte Bevölkerung am 7. März das letzte Wort. 

Noch werden die Auswirkungen, die eine Annahme der Vorlage zur Folge hätte, in der Stadt kaum diskutiert. Dabei gibt es interessante Alternativen, auf die zum Beispiel das Komitee «Rettet den Hirschengraben» hinweist. So präsentierte der Berner Architekt Arpad Boa eine Ideenskizze, die zeigt, wie ein grosszügiger neuer Zugang Bubenbergplatz aussehen könnte – wenn man auf den Fussgängertunnel verzichtete und beim Übergang von der SBB in die Stadt noch einmal über die Bücher ginge. Ein Nein am 7. März wäre deshalb für die Stadt kein Unglück, im Gegenteil: Die Ablehnung des Kredits käme einem Befreiungsschlag gleich, der den Weg frei machen würde für bessere und nachhaltige Lösungen, wie man sie eigentlich von einer grün-rot regierten Stadt erwartet.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Gabriela Neuhaus ist freischaffende Journalistin. Ihr Arbeitsweg führt regelmässig über den Bubenbergplatz und Hirschengraben. Sie befasst sich mit Fragen der Stadtplanung und -entwicklung und engagierte sich u. a. in Biel in der vordersten Linie gegen den jetzt beerdigten Westast. Seit einigen Wochen betreibt sie die Website «Bern kanns besser«.

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2 Meinungen

  • am 2.02.2021 um 11:48 Uhr
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    Ich hoffe sehr, dass die Berner Stimmbürger sich für die Erhaltung dieser Abkühlung- und Schatten-spendenden Oase Hirschengraben mit seinen wertvollen Bäumen einsetzen und sich nicht in den Untergrund verbannen lassen.
    Es gibt immer eine Alternative.

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  • am 6.02.2021 um 10:30 Uhr
    Permalink

    Der Berner Gemeinderat will ein 3000-plätziges unterirdisches Velosilo unter dem Hirschengraben als «einzig mögliche Lösung im Sektor Süd-West» durchboxen, obwohl das zu teuer ist und den Park mit Bäumen kaputtmacht. Dazu hat er das Projekt schlau in zwei Hälften aufgeteilt: Zuerst müssen wir am 7. März über die «Verkehrsmassnahmen»- Kreditvorlage als «Brecheisen» abstimmen. Sobald das erwartete der Stimmbevölkerung zu den 36 Millionen da ist (unterirdischer Bahnzugang zur Velostation durch eine archäologische Schutzzone, Abräumen aller alten Kastanienbäume sowie neuer Betondeckel ), gleist er sofort die zweite Abstimmung zum unterirdischen Parking mit 3,5-jähriger Grossbaustelle mitten im Zentrum von Bern auf (ca. 45 Millionen). Wir müssen also zweimal an die Urne, zuerst für 36 Millionen, dann für 45 Millionen, für ein und dasselbe Bauvorhaben! Geht so Demokratie? Geht so Städtebau? Nur, wenn wir dem Gemeinderat auf den Leim gehen und diese opportunistische und zerstückelte Stadtplanung finanzieren…Darum ein NEIN zur «Verkehrsmassnahmen»- Kreditvorlage am 7. März!
    Übrigens: In der Velostation Postparc stehen seit Jahren mehr als die Hälfte aller 1000 Plätze leer! Mit der Bahnhoferweiterung könnte dieses Parking auf einfache Art um 750 Plätze erweitert und direkt an die neue Personenunterführung «Mitte» angeschlossen werden: Eine unübertroffen stadtraumschonende und bequeme Art der Veloparkierung direkt an den Geleisen! Darum noch einmal: NEIN am 7. März!

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