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Flohmärkte und Secondhand sind schick geworden © Gabriel González

Nachhaltig bedeutet: zwei Mal nutzen

Heinz Moser /  «Vintage» ist der neue Modetrend. Corona und die Klimadebatten haben den Boom nach Gebrauchtem verstärkt.

Brockenhäuser und Flohmärkte bringen Kleider, Geschirr und Möbel aus Nachlässen und Wohnungsräumungen ein zweites Mal für wenig Geld unter die Leute. «Brockis» wurden seit dem letzten Jahrhundert von karitativen Organisationen wie der Heilsarmee gegründet – quasi als «Warenhaus» für Bedürftige. In der Wohlstandsgesellschaft galt es lange Zeit als Makel, wenn jemand dort kaufen musste. Denn das bewies, dass man zu wenig Geld für neue Kleider und Möbel hatte. 

Doch Flohmärkte und «Brockis» haben auch eine andere Seite: Das bunte Angebot zog immer schon ein breites Publikum aus allen Gesellschaftsschichten an. Von Obst und Backwaren bis hin zu Postern, Bildern von röhrenden Hirschen, Keramik, Schallplatten und Büchern kann man eine exotische Vielfalt von Dingen finden. Schon in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts gehörte der Besuch des Londoner Portobello Market ins Sightseeing-Programm der Touristen – und manches Schnäppchen ist so auch in die Schweiz gekommen. 

Der nostalgische Run auf «Vintage»-Produkte, die alt und gebraucht sind, hat in den letzten Jahren noch zugenommen. Ein nostalgisches Schnäppchen aus Oma-Zeiten sorgt nicht nur für Gesprächsstoff, sondern passt auch gut als ausgefallenes Teil in eine moderne Wohnung. Und ein schickes Designerstück vom Flohmarkt ergänzt die Garderobe für Modefreaks optimal. Den Boom von Secondhand  belegt die Grafik von Statista: 

Infografik: Second-hand? Net, spasibo! | Statista

Laut dieser Grafik sind es nicht nur «arme Länder», in denen der Handel mit Secondhand-Waren floriert. Auch in Ländern wie Deutschland und den USA ist das Interesse an Waren aus zweiter Hand gross. Das gilt auch für die Schweiz. Die Kleinanzeigen-Plattform Anibis berichtet, dass laut einer Umfrage des LINK-Institus schon mehr als 75 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer Gebrauchtgegenstände im Internet gekauft haben. Gemäss Erhebungen von Statista sind es besonders oft Bücher, Filme, Musik und Videospiele, aber auch Kleider und Schuhe. 

Trödelsendungen als Fernseh-Highlights 

Die Beliebtheit des Trödels zeigt sich auch in einschlägigen Fernsehsendungen, welche das Feilschen um nostalgische Raritäten in den Mittelpunkt stellen. «Bares für Rares» um den ehemaligen Fernsehkoch Horst Lichter gilt im deutschsprachigen Raum als beste Adresse, wo fast täglich alter Schmuck, Bilder und Kuriositäten über den Tisch gehen. Alter Krimskrams und edle Raritäten vom Estrich der Urgrosseltern werden hier durch Experten begutachtet und in der Sendung von den beteiligten Händlerinnen und Händlern ersteigert. Das Fernsehpublikum lernt eifrig mit und parliert sachverständig über die Herkunft von Schmuckstücken und Designstile von Möbeln: «Muss ‹Art Deco› sein, und die Punze dieses Rings weist auf 585er Gold hin.»  

«Bares für Rares» läuft seit 2013 und ist für das ZDF ein Quotenbringer: Anfang Dezember 2020 sahen gemäss «Quotenmeter» 2,81 Millionen Zuschauer die Trödelshow, und dies bei einem Marktanteil von 23,1 Prozent. Häufig sind es ältere Menschen, die diese Sendung lieben und selbst einmal auf dem Estrich oder im Keller nachsehen, ob da noch vergessene Schätze von den Eltern und Grosseltern liegen. Quotenmeter kam bei den Jungen zwar nur auf 0,24 Millionen Zuschauer, was bei dieser Altersgruppe dennoch einem sehr guten Marktanteil von 23,1 Prozent entspricht.  

Für «Bares für Rares» gibt es auch Konkurrenz: Immer wieder wurde versucht, dem Erfolg dieser Sendung eigene Formate entgegenzusetzen. Am besten gelang dies den «Superhändlern» von RTL, wo allerdings das Feilschen mit den Händlern stärker im Zentrum steht als bei der Sendung von Horst Lichter. Hier steht meist die Expertise im Mittelpunkt – vor allem wenn sich das scheinbar wertlose Stück als teure Exklusivität enthüllt, die jemand für ein paar Euros auf dem Flohmarkt erstanden hatte.  

Der Shabby Chic im Zeitalter des Wegwerfkonsums 

Eine weitere Facette der Lust am Gebrauchten zeigt die US-amerikanische Sendung  «Flea Market Flip. Die Schnäppchenjäger». Sie ist auf Deutsch übersetzt und kann bei HGTV.com kostenlos angeschaut werden. Hier geht es nicht um Flohmarkstücke, deren Wert übersehen wurde. Vielmehr soll Uraltes und sogar Hässliches durch «Upcyling» ein modisches Aussehen und so ein zweites Leben erhalten. Aus einem alten Fensterladen wird ein stylisches Büchergestell oder aus einem alten Radio eine schicke Weinbar. Anstatt alte Gegenstände auf den Sperrmüll zu werfen, will man sie in auffällige Designstücke verwandeln. Die Moderatorin Lara Spencer stellt dazu Aufgaben wie «Rustikales Aufhübschen»: Ziel soll es sein, einfache Möbelstücke durch coole Ideen zu eleganten Teilen aufzuwerten. Alter Schrott verwandelt sich so in stylische Designgegenstände. Ob bei Mode oder bei Möbeln: Für die Fans der Vintage-Bewegung gilt der Grundsatz: Remix und Rekombination führt zu neuen und aufregenden Formen. 

Die kühle digitale Welt erhöht das Bedürfnis nach sentimentalen Gefühlen, die mit den alten Flohmarkt-Stücken verbunden sind. «Upcycling» und der Mix von Nostalgie und modernen Einrichtungegenständen sind für die digitalen Generationen gerade dann attraktiv, wenn man die Stücke nicht nur anschaut, sondern im Rahmen des DIY (Do it yourself-Bewegung) selbst Hand anlegt. 

«Shabby Chic» ist hier das Stichwort. Auf der Internetseite «Living at Home» heisst es zum «Shabby Chic» als Wohnen mit Schönheitsfehlern: «Abgeblätterter Lack, Kratzer und Kerben: Shabby Chic ist ein Stil mit Ecken und Kanten. Verspielt, aber elegant, verträumt und trotzdem bodenständig passt er vor allem zu denjenigen, denen Originalität wichtiger ist als Perfektion.» Die nostalgische Romantisierung des Alten kann allerdings auch schnell im blossen Kitsch landen. 

Ein Bild, das alt, ausgestaltet, mehrere, angeordnet enthält.

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Shabby Chic bringt Wärme in eine kalte Gesellschaft

Secondhand im Internet 

Seit dem Lockdown zu Coronazeiten ist zudem die Bedeutung des Internets als Kanal des Handels mit Gebrauchtwaren – etwa mit Kleidern, Schallplatten, Büchern Antiquitäten und Kunst – gestiegen. Beliebt ist es, eigene Angebote über Internetkanäle wie «Tutti», «Anibis», «Ricardo» oder «Ebay» auszuschreiben – quasi als Nachfolger der gelben Heftchen der «Fundgrueb», wo man bis 2009 Kleinanzeigen gratis drucken lassen konnte. 

Anzeige für Secondhand Mode
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Kleiderverkauf im Internet

Meistens sind Online-Anzeigen für Gebrauchtwaren sehr nüchtern gehalten. Die «besten Modestücke» werden zwar mit Bild präsentiert – aber meist lieblos abfotografiert. Dennoch floriert der Gebrauchtmarkt im Internet. «Anibis» hat in der Zeit der Corona-Pandemie zum Beispiel einen Nutzeranstieg von 30 Prozent ausgewiesen. Während des Lockdowns haben viele Menschen ihre Schränke aussortiert und entrümpelt, um online anzubieten, was sie nicht mehr benötigen.

Immer häufiger gibt es aber auch Online-Marktplätze, die versuchen, den sterilen Auftritt der Gebrauchtwarenseiten aufzupeppen. Vorreiter des Internet-Verkaufs von Secondhand-Mode in der Schweiz ist die Plattform kleiderberg.ch, die «stilvoll gegen Verschwendung» ankämpft. 

Man hofft, mit neuen Internetauftritten den Geschmack von Jugendlichen und jungen Erwachsenen besser zu treffen, indem man Aspekte von sozialen Communities einbezieht – wie etwa bei der internationalen Secondhand-Community «Depop». Auf der Website wird der User willkommen geheissen: «Depop ist die Fashion-Marktplatz-App, in der die nächste Generation einzigartige Artikel entdeckt.  Mit einer globalen Community, die kauft, verkauft und verbindet, um Mode integrativer, vielfältiger und weniger verschwenderisch zu machen.» Auf Seiten wie «Rebelle» («sell and bux luxury brands») wird ausschliesslich Designer-Mode gehandelt – etwa ein Gucci-Täschchen, das auch gebraucht mehr als 500 Franken kostet. Und manchmal posieren die Verkaufenden quasi als Models in ihren Klamotten, die sie per Selfie gleich selbst anbieten.  

Deutlich ist die immer stärkere Professionalisierung des Metiers, das die drögen Angebotsformen der früheren Kleinanzeigen hinter sich lässt. Häufig sind es internationale Plattformen, die mit ihrer Geschäftsidee kleinräumige Grenzen überschreiten. Anbieter wie «Rebuy» (für Bücher und Elektronik), «Vinted» (für Mode) oder «Momox» kaufen Gebrauchtware auf, um sie über ihre Webseiten und Apps weiterzuverkaufen. Auch grosse, international aufgestellte Konzerne beginnen ins Vintage-Geschäft einzusteigen – etwa der Moderiese Zalando, der seit kurzem die Gebraucht-Plattfom Zircle für Textilien und Schuhe betreibt. Ebenso ist der deutsche Otto-Konzern mit seiner Tochter «About you» in dieses Geschäft eingestiegen. Er verkauft gebrauchte Kleider unter dem Label «Second Love». 

Von der Fastfashion zur Slowfashion 

Der Trend zu Vintage und Secondhand ist also in einer Zeit der verstärkten Digitalisierung und der Pandemie, welche die Einkaufserlebnisse in den grossen Malls der Städte stark eingeschränkt hat, zu einem neuen Hype geworden, der auch online funktioniert. Anstatt immer schneller Billigwaren  auf den Markt zu werfen oder künstlich Vintage-Möbel als gebraucht aussehen zu lassen, ist der Gebrauchtwarenmarkt ein Absatzkanal geworden, der grosses Potenzial hat und auch Junge anspricht, welche für die Klimapolitik sensibilisiert sind.  

Dies trifft das ökologische Anliegen für nachhaltigeren Konsum. Seit Vance Packard in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in einem Bestseller das Phänomen der Überflussgesellschaft beschrieb, ist diese Kritik immer lauter geworden. Die Verschwendung einer sinnlosen Warenwelt, wo die neuste Mode oft ungetragen nach einigen Wochen im Müll landet, ist auch für die Klimabewegung ein Kritikpunkt. Ziel eines nachhaltigen Umgangs mit der Welt des Konsums ist es, die Dinge nicht wegzuwerfen, sondern doppelt zu brauchen. Dem Trend von Fastfashion, wo modische Kleider für wenige Franken reproduziert werden, wird Slowfashion entgegengesetzt, um Gebrauchtem eine zweite Chance zu geben.  

Dies beinhaltet die Kritik am Kreislauf der Billigmode: Er beginnt mit  Kinderarbeit in der Dritten Welt bei der Produktion von Billigkleidern und endet damit, dass Zerschlissenes und manchmal auch kaum Getragenes wieder in diese Länder zur Verwertung zurückgeschickt wird. Mit dem Bewusstsein für nachhaltigen Konsum beginnen sich die Werte umzukehren: Bei Jugendlichen ist es nicht mehr verpönt, alte Klamotten auszutragen. Vielmehr finden sie es schick, ein stylisches Stück günstig im Internet zu ergattern. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Eine Meinung zu

  • am 5.07.2021 um 13:47 Uhr
    Permalink

    Ist das jetzt Werbung für gutes Gewissen? So dass wir weiter Ramsch + Mist kaufen können, welchen wir beim Secondhand-Laden abliefern oder «upcyceln» oder einfach zum Mitnehmen auf die Strasse stellen und so unser Gewissen beruhigen können? Es ist eigentlich wie bei der Waffenproduktion — man müsste Schrottprodukte ganz einfach verbieten. Aber hoffentlich steigt durch solche Artikel das Bewusstsein für einen Konsum-STOPP! Bei gewissen Fragen zu Themen wie Umwelt (z.B. Verbot Plastiksäcke) und Produktion (Kreislaufwirtschaft) wäre ich in Zeiten des Antropozäns für eine bundesrätliche Autokratie!!

    N.B.: Die anthropomorphe Masse (vom Mensch erschaffen) ist heute schwerer als die gesamte Biomasse des Planenten.

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