USAid

USAid ist die US-Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit. © Depositphotos

«Zeit der Brutalität, Straflosigkeit und Gleichgültigkeit»

Markus Mugglin /  Massive Kürzungen bei der Entwicklungshilfe lösten Entsetzen aus, werden aber auch als Weckruf und Chance beurteilt.

«Ein globaler Sturm braut sich zusammen», «es ist grausam», «Millionen Menschen werden sterben». Der Schrecken sass tief vor einem Jahr, als US-Präsident Trump wenige Tage nach Amtsantritt das Ende von USAid verfügte. Was befürchtet worden war, traf in aller Grausamkeit ein. Tom Fletcher, der Uno-Nothilfekoordinator, beschrieb schonungslos die Lage im Ende Jahr publizierten «Global Humanitarian Overview 2026»:

«Für Millionen von Menschen war 2025 das Jahr, in dem ihnen die letzte Lebensader genommen wurde: Gesundheitszentren wurden geschlossen, Lebensmittelrationen gekürzt, Ernährungshilfen eingestellt, Schutzdienste beendet, Barzahlungen gestoppt, Wasserlieferungen abgebrochen und Unterkünfte nicht mehr repariert.» All dies sei geschehen, während sich zum ersten Mal in der Geschichte gleichzeitig zwei Hungersnöte in den besetzten palästinensischen Gebieten und im Sudan ausbreiteten. 2025 bezeichnet Tom Fletcher als «eine Zeit der Brutalität, der Straflosigkeit und der Gleichgültigkeit». Und er meint: «Wenn die Welt im letzten Jahr 2,7 Billionen Dollar für Verteidigung ausgeben kann, kann sie doch sicherlich weniger als 1 Prozent davon für die Unterstützung der Schutzbedürftigsten aufwenden?».

Weltweit wird Hilfe gekürzt

Was seit dem abrupten Hilfestopp der USA geschah, droht sich fortzusetzen. Denn nicht nur sie kürzen ihre Hilfebudgets. Auch Deutschland, Grossbritannien, Frankreich und viele andere Länder, darunter auch die Schweiz, sind weniger hilfsbereit. Die Hilfe dürfte im abgelaufenen Jahr um einen Sechstel kleiner sein als 2024. Gegenüber 2023 sank sie sogar um fast einen Viertel. 2026 dürfte der Rückbau fortgesetzt werden. Die Webseite «Donor-Tracker» prognostiziert eine Reduktion um fast einen Drittel in nur drei Jahren gegenüber dem Höchststand von 2023. Damals betrug die Entwicklungshilfe gut 213 Milliarden, für 2026 werden nur noch 145 Milliarden erwartet.

Selbst die Statistik der massiv gekürzten Entwicklungshilfe stellt die Situation besser dar, als sie tatsächlich ist. Denn einen beträchtlichen Teil davon geben die Länder für die bei ihnen anfallenden Asylkosten aus. Sie belaufen sich in manchen Ländern (darunter die Schweiz) auf bis zu einen Viertel der offiziell ausgewiesenen Hilfsgelder. Seit dem Angriffskrieg Russlands fliessen beträchtliche Mittel in die Ukraine, die bisher Entwicklungsländern zugutekamen. Die Umlenkung der Gelder geht nicht zuletzt auf Kosten Afrikas. Sein Anteil an den gesamten Hilfszahlungen ist seit dem Krieg in der Ukraine von vorher mehr als 40 Prozent auf noch etwa einen Drittel gesunken. 

Auch ein Weckruf 

Trotzdem wird in Afrika nicht nur geklagt oder gar angeklagt. Geradezu auffallend zahlreich sind die Stimmen, die den Stopp von Geldern als Weckruf wahrnehmen. Der kenianische Poltikwissenschaftler Ken Opalo meinte in einem NZZ-Interview (26. Mai 2025), dass «der Schock ein Umdenken bewirkt». Faith Lumonva von der feministischen Nichtregierungs-Organisation «Akina Mama wa Afrika» reagierte mit der Forderung «Raus aus der Entwicklungshilfefalle», die nigerianische Autorin Moky Makura sieht «die Befreiung Afrikas aus dem Kreislauf der Abhängigkeit» als Chance.

Es sind mehr als nur einzelne Stimmen, die bei aller Grausamkeit des plötzlichen Hilfestopps, die Krise auch als Chance sehen. Auch der britisch-sudanesische Mobilfunkunternehmer Mo Ibrahim, Gründer und Vorsitzender der auf seinen Namen lautenden Stiftung für gute Regierungsführung, wertet die aktuelle Entwicklung als nützlichen Weckruf. Im Bericht «Financing The Africa We Want» meint er im Vorwort: «Es ist höchste Zeit, dass wir die volle Verantwortung für unsere eigene Entwicklungsagenda übernehmen.» Es gelte Lösungen von innen heraus zu entwickeln.

Der Bericht ist mehr als einer unter vielen. Er gibt den Inhalt wieder, auf den sich drei Dutzend Spitzen-Vertreterinnen und -Vertreter afrikanischer Organisationen, Uno-Sonderorganisationen, Finanz- und Investment-Unternehmen, Expertinnen und Experten aus verschiedenen afrikanischen Staaten, Minister aus Marokko und Südafrika sowie der ghanaische Präsident John Dramani Mahama im Frühjahr 2025 an einer in Marrakesch durchgeführten mehrtägigen Konferenz verständigt haben.

Auf eigene Kräfte bauen

Die Ära der Hilfe-Abhängigkeit gelte es hinter sich zu lassen. Der Weg zur Eigenständigkeit sei durch die Mobilisierung inländischer Ressourcen einzuschlagen. Wie das erfolgen soll, dazu schlägt der Bericht «Financing The Africa We Want» folgende Massnahmen vor: Die Staaten müssten über höhere Einkommens- und Unternehmens-Steuern mehr eigene Mittel mobilisieren, über eine Steuerprogression die Reichen stärker belasten, die Kapitalflucht aus Afrika, welche die ausländischen Hilfegelder deutlich übertrifft, bekämpfen, die Vermögen der Staats- und Pensionsfonds für die eigene Entwicklung nutzen, die deutlich über den Hilfsgeldern liegenden Geldüberweisungen von Migranten in Diaspora-Anleihefonds bündeln.

Afrika müsse auch seine Stärke bei den für die Energiewende wichtigen Rohstoffen von Kobalt über Kupfer, Mangan, Palladium bis zu Grafit und Tantalum ausspielen. Es genüge nicht, nur die Rohstoffe zu exportieren. Afrika müsse sie selber verarbeiten. Der Kontinent solle auch seine Vorzüge als Karbonspeicher und seine für die globale Ernährungssicherheit ausserordentlich grossen Reserven monetarisieren.

Ziel sei die Kontrolle über die eigene Entwicklung, statt die dem Staat vorbehaltenen Funktionen Gesundheit, Bildung und Infrastruktur fremdbestimmt an ausländische Geldgeber zu delegieren.

Krise als Chance

Die Krise als Chance nutzen, scheint zur Losung zu werden. Es gelte zu korrigieren, was seit den 1980er Jahren passiert sei, fordert Faith Lumonya von der feministischen Nichtregierungsorganisation «Akina Mama wa Africa». Damals hätten sich die afrikanischen Länder über die Strukturanpassungsprogramme der Bretton-Woods-Organisationen Währungsfonds und Weltbank in die Entwicklungshilfe-Falle locken lassen. Die Geber hätten den afrikanischen Ländern politische Konditionalitäten und wirtschaftliche Sparprogramme vorgegeben – insbesondere in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Sozialschutz, landwirtschaftliche Entwicklung und Erhöhung der Verbrauchssteuern. Seitdem sind wichtige Bereiche wie das Gesundheitswesen in die Hände von Gebern und den Privatsektor geraten. Dadurch sei der politische Spielraum und die Souveränität der afrikanischen Regierungen eingeschränkt worden.

Gemeinsame Interessen statt Wohltätigkeit

Weniger abhängig sein von aussen, ist aber nicht das Ende der internationalen Zusammenarbeit. Die indische Ökonomin Jayati Gosh bezeichnet den «schnellen und dramatischen Zusammenbruch» des Modells Entwicklungshilfe vielmehr als idealen Zeitpunkt, «von einem auf Wohltätigkeit beruhenden Ansatz überzugehen zu einem, der auf internationaler Zusammenarbeit angesichts gemeinsamer Probleme basiert». Es gehe nicht mehr um «von Gutherzigkeit motivierte Transfers von den Reichen zu den Armen». Die Länder müssten gemeinsam globale öffentliche Güter bereitstellen und planetarische Krisen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung, Ernährung und Gesundheit bewältigen.

Denn das Wohlbefinden im reichen Norden hängt auch von den Entwicklungen im globalen Süden ab. Ob die Tropenwälder in Brasilien, Indonesien, der Demokratischen Republik Kongo und vielen anderen Ländern geschützt statt abgeholzt werden und ob die Energiewende weg von Kohle und Öl nicht nur in reichen, sondern auch in armen Ländern gelingt – das ist entscheidend für den Fortgang des Klimawandels. Ihn zu bremsen, übersteigt aber bei weitem die finanziellen Möglichkeiten der Entwicklungsländer. Massive finanzielle Unterstützung liegt deshalb nicht nur im «aufgeklärten Eigeninteresse» der reichen Länder, sondern in ihrem «egoistischen Eigeninteresse», wie es der an der Harvard-University lehrende Dani Rodrik in seinem neusten Buch «Shared Prosperity in a Fractured World» formuliert. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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