vonDohnanyi

Sehenswertes Gespräch mit Klaus von Dohnanyi © ZDF

Warum Nationalstaaten nicht von gestern sind

Christof Moser /  In einem TV-Gespräch wirbt SPD-Vordenker Klaus von Dohnanyi für mehr Autonomie in nationalen und supranationalen Staatengebilden.

«Wie passen Nationalstaaten in eine Zeit der grenzenlosen Vernetzung, in der neue digitale Supermächte wie Google und Facebook herrschen?», fragt Philosoph Richard David Precht zum Auftakt seines sehenswerten Gesprächs mit Klaus von Dohnanyi, SPD-Vordenker und früherer Erster Bürgermeister von Hamburg.

Ausgehend vom neu aufgeflammten Ost-West-Konflikt nach der russischen Annektierung der Krim und dem drohenden Bürgerkrieg in der Ostukraine nehmen Precht und von Dohnanyi die Zuschauer und -hörer auf einen fulminanten Ritt durch die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Welt und ihrer (staatlichen) Ordnung.

«Ukraine ist Symptom einer Entwicklung auf der ganzen Welt»

Wohltuend ist dabei die Differenziertheit der Diskussion und das historische Wissen der Diskutanten. «Die Krim war länger Teil von Russland als Florida heute Teil der USA ist», sagt von Dohnanyi, der Russlands völkerrechtswidriges Vorgehen auf der Krim verurteilt, aber auch klar sagt: «Die Nato hätte wissen müssen, was sie in Russland mit der Osterweiterung auslöst. Das Vorgehen der USA, Europa und auch Kiev ist kenntnislos, ahistorisch und politisch töricht».

Von Dohnanyi weiter: «Wir können den Konflikt in der Ostukraine nur verstehen, wenn wir alle Bestrebungen nach Autonomie auf dieser Welt verstehen. Sogar im Silicon Valley wird überlegt, einen eigenen US-Bundesstaat zu gründen, weil man keine Lust mehr hat, ganz Kalifornien zu finanzieren. Das ist eine Kernentwicklung unserer Zeit: Die Globalisierung führt dazu, dass die Menschen sich nicht mehr zu Hause fühlen, und das führt zum Bedürfnis, zurückzukehren zu einer überschaubaren Grösse».

Die Geschehnisse in der Ukraine seien das Symptom einer Entwicklung, wie sie auf der ganzen Welt zu sehen sei: unzufriedene Minderheiten in vielen Staaten auf allen Kontinenten, die aufbegehren und die nationalstaatliche Ordnung gefährden.

Nationalstaatliche Grenzen klar anzuerkennen und innerhalb der Grenzen Autonomie zu garantieren: das ist für von Dohnanyi die Lösung für die Zukunft – auch die der EU.

Das Gespräch ist hier zu sehen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

19 Meinungen

  • am 10.06.2014 um 11:48 Uhr
    Permalink

    Linksaristokrat Dohnanyi erinnert wohltuend an den 2005 in Zürich verstorbenen SPD-Politiker Peter Glotz, den letzten deutschen Linken, den man als Freund, um nicht zu sagen Fan der Schweiz schätzen konnte. Der Freund von Frank A. Meyer musste bei der Einschätzung unserer Demokratie nicht immer gleich «aber» sagen. Vgl. noch http://www.portal-der-erinnerung.de.

    0
  • am 10.06.2014 um 13:40 Uhr
    Permalink

    Oliver Bregy kann ich beipflichten, die Gedanken von Klaus von Dohnanyi sind für alle Denker, insbesondere für die Nachdenker bezüglich der Zukunft Europas, von essentieller Wichtigkeit….! Er sagt u.a. Europa sei für Vieles zu gross, so viel wie möglich auf keine Einheiten delegieren, es braucht das Gefühl, dass man irgendwo zuhause ist.
    Ein No-go für Klaus von Dohnanyi wäre ein Weltparlament mit 1000 Abgeordneten, wo die Afrikaner und die Asiaten über Hartz IV entscheiden würden und Deutschland vielleicht gar nicht gehört würde…..

    0
  • am 10.06.2014 um 18:15 Uhr
    Permalink

    @Düggelin: Da kann ich Ihnen ebenfalls nur beipflichten. Wenn es nicht «Grenzen des Wachstums» gäbe und es aus biologischer Sicht Sinn machen würde, hätten die Menschen sich längst zu einem «Superorganismus» zusammengeschlossen. 🙂

    Es ist gut, wenn man jemanden kennt, der jemand kennt, der im Parlement sitzt… Ansonsten sind die Vertreter nur an der kurzen Leine der Lobbys.

    0
  • am 10.06.2014 um 18:20 Uhr
    Permalink

    Das Gespräch Richard David Precht und Klaus von Dohnanyi war sehenswert und ist empfehlenswert. Wenigstens ist von Dohnanyi ein Politiker, der vorher bedenkt, was er sagt. Applaus? Ja sicher, aber mit Vorbehalten. Seine Auffassungen, was bei ihm nicht immer der Fall ist, können durchaus als Leitideen dienen einschließlich eines Entwicklungspotenzials, an dem auch die Schweiz mitwirken sollte.

    Vorbehalte: Von Dohnanyi ist ein Vollblutpolitiker, der vom Primat der Politik überzeugt ist. Und das ist das Problem. Politiker glauben, für alles plausible Antworten und Lösungen zu haben. Politisch sieht das einfach aus, blendet aber in der Regel aus, dass sich Politiker hauptsächlich für Strategien, Taktiken, Grenzen, wirtschaftliche Vorteile, Blockzugehörigkeiten usw. interessieren. Die betroffenen Menschen – im Falle der Ukraine die Ukrainer – haben bei politischen Primaten kaum Priorität.

    0
  • am 10.06.2014 um 18:33 Uhr
    Permalink

    Die USA haben insbesondere das Problem, dass sich Fracking mehr und mehr als Flop herausstellt (mit Nebenwirkungen und kolletaraleschäden der besonderen Art):

    http://www.merkur-online.de/aktuelles/wirtschaft/studie-fracking-boom-bald-ende-zr-2819686.html

    http://www.welt.de/wirtschaft/article123781286/Fracking-Boom-in-Amerika-flaut-ueberraschend-ab.html

    Kein Wunder muss die USA wieder nach anderen Vorkommen greifen… Joe Bidens Sohn hält schon mal die Stellung:

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/biden-und-ukraine-sohn-des-us-vizepraesidenten-arbeitet-fuer-gaskonzern-a-969348.html

    und darum ist der Osten der Ukraine so umkämpft derzeit.

    Derweil provoziert die EU Russland wieder und verhindert den Pipeline-Bau in Bulgarien:

    http://www.heise.de/tp/artikel/41/41968/1.html

    0
  • am 10.06.2014 um 18:42 Uhr
    Permalink

    Dohnanyi: «wenn Frau Tymoschenko sagt, sie würde allen Russen und Putin am liebsten in den Kopf schiessen … ist das ein Mass von politischer Dummheit, die ihr eigentlich nicht erlauben würde für die Präsidentschaft zu kandidieren…Sowas darf nicht in den Köpfen der Menschen sein."

    Wenigstens ist der Kelch Tymoschenko an den Ukrainern vorbeigegangen. Oder hat Poroschenko nur eine gepflegtere Sprache?!

    0
  • am 11.06.2014 um 13:13 Uhr
    Permalink

    Ein Kluger Mann!
    Aber der «Superorganismus» lebt und wuchert.
    Er hat viele Namen, aber einer der wichtigsten ist «Welthandelsorganisation".
    In unseren Zeitungen kommt der Name aber selten im Zusammenhang mit deren Alltagsgeschäften vor (Mikromanagement der internationalen Arbeitsteilung und Verteilung von Profit / Hunger). Nur die Aufnahme grosser Nationen schafft es regelmässig auf die Titelseiten.
    Die Zeitungen bevorzugen ein Wohlfühlbild, wo die Nationen (auch die kleinen, falls westlich) noch etwas gelten und dem Subsidiaritätsprinzip und der Gewaltenteilung huldigen.
    Wussten Sie, dass unterdessen hinter den Türen der Welthandelsorganisation die EU und nicht mehr ihre Nationen am Tisch sitzen?
    Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso auch die SVP-Volkstribunen die Welthandelsorganisation in Ruhe lassen?

    0
  • am 11.06.2014 um 13:36 Uhr
    Permalink

    @Herr Bregy. Ich war ab 1969 ca. bei 5 Parteigründungen dabei, in den letzten sieben Jahren beim Forum Liberale Mitte von Ulrich Siegrist und an der ersten Versammlung der Grünliberalen Luzern, als sie nicht wussten, worüber sie reden sollten, als Bäumle per Handy mitteilte, er komme einen Zug später. Es braucht keine neue Partei, in den bisherhigen Parteien sollte vernünftiger diskutiert werden. Wenn die von der SVP sehen, dass die Umsetzung von MEI noch mehr Komplikationen bringt als gedacht, ist das eher weniger schlimm und schon fast ein Fortschritt und nicht einfach ein Beweis vorsätzlicher Böswilligkeit.

    Wünschbar wäre, dass alle, wirklich alle, sich tatsächlich bewegen. Natürlich ist auch das mit der Einwanderung und der Personenfreizügigkeit ein nicht nur in den Köpfen, in Form von Vorurteilen, bestehendes Problem. Das Problem ist objektiv. Die Vorurteile betreffen die Vorstellungen von den Lösungsvorschlägen. Zu den grössten Vorurteilen in der Politik gehört zusätzlich, dass man glaubt, man könne gegen angeblich unvermeidliche Entwicklungen sowieso nichts machen. Der Bürger sei machtlos, die Schweiz sei machtlos, die Leute in der EU (ich meine die wie wir vermeintlich nicht zählenden Bürgerinnen und Bürger) seien machtlos. Hier wäre wieder mal ein Stéphane-Hessel-Effekt wünschbar.

    Wie ich soeben von einem historischen Zeugen erfahren habe, hiess Ecopop zur Zeit seiner Gründung noch nicht Ecopop, sondern Arbeitsgemeinschaft für Demografie oder ähnlich.

    0
  • am 11.06.2014 um 13:56 Uhr
    Permalink

    Herr Meier, machen Sie sich keine Sorgen, ich weiss immer über was man reden kann. 🙂 Bäumle kann auf seinem Bäumle bleiben.

    "Wünschbar wäre, dass alle, wirklich alle, sich tatsächlich bewegen."

    -> Wer an der Leine des Wirtschaftslobbyismsus und der internationalen Hochfinanz ist, kann sich nur soweit bewegen, wie die Leine es zulässt.

    Das Volk weiss das und darum glaubt es, das gewisse Entwicklungen unvermeindlich sind. Das ist kein Vorurteil, sondern ein realistisches Urteil.

    Denken Sie zum Beispiel an die Demonstrationen in Italien gegen den US-Militärstützpunkt 2007:

    http://www.wsws.org/de/articles/2007/03/rom-m19.html

    -> Das Volk hat keine Chance, wenn alle politischen Alternativen am gleichen Tropf oder an der gleichen Schnurr hängen.

    Dass der Bürger in den USA etwa machtlos ist, ist inzwischen wissenschatlich verbürgt:

    http://www.huffingtonpost.de/2014/05/17/usa-keine-demokratie_n_5343764.html

    Und diese Arbeitsgemeinschaft für Demografie hat wohl diesen Vortrag gesehen:

    https://www.youtube.com/watch?v=F-QA2rkpBSY

    -> Ja, jedem vernünftgigen Mensch wird wohl Angst und Bange.

    0
  • am 11.06.2014 um 14:15 Uhr
    Permalink

    @Bregy. Die Arbeitsgruppe, für die Theo Ginsburg, der Mitverfasser des bedeutenden NAWU-Reports, Wege aus der Wohlstandsfalle 1979, nebst Hans Christoph Binswanger verfasst, zuständig war, aber auch Valentin Oehen, ein ganz gewaltiger Links-Rechtsspagat, hiess:

    Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Bevölkerungsfragen, SAfB; aus dieser ging dann erst 1988 Ecopop hervor.

    Diese ganze Geschiche veranlasste übrigens den früheren Luzerner POCH-Politiker, den Arzt Dr. Peter Mattmann, den Links-Rechtskonflikt als veraltet anzusehen. Das ist zwar falsch, aber richtig im Hinlick auf konkrete Fragen konkreter Lösungen für konkrete Probleme.

    Der Ausdruck Arbeitsgemeinschaft für Demografie ist also falsch, hat aber mit den Diskussionen in der Westschweiz zu diesem Thema zu tun.

    0
  • am 11.06.2014 um 14:24 Uhr
    Permalink

    @Meier: Würde hier gerne einen Artikel von Ihnen mit dem Titel «Eine kleine Geschichte der Ecopop-Initiative» lesen. Wäre interessant – und ich halte mich mit Kommentaren zurück.

    "den Links-Rechtskonflikt als veraltet anzusehen"
    Habe ich nie verstanden, was diese Einteilung soll. Hat wohl mehr mit (historischen) Sitzordnungen in Parlamenten zu tun…

    0
  • am 11.06.2014 um 14:49 Uhr
    Permalink

    Ich arbeite an verwandtem Thema, aber nicht direkt Ecopop, mit Publikation bis ca. einem halben Jahr, mehr darf ich derzeit nicht sagen.

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...