Wachstum nach Art der OECD

Werner Vontobel ©

Werner Vontobel /  Die NZZ übernimmt offenbar kritik- und gedankenlos das schräge Weltbild der OECD-Ökonomen.

Wie die NZZ aus Istanbul berichtet, haben sich die Finanzminister und Notenbankgouverneure der 20 grössten Industrie- und Schwellenländer G-20 ehrgeizige Ziele gesetzt. Gestützt auf eine Analyse des OECD-Generalsekretärs Angel Gurria wollen sie das Tempo der Strukturreformen vorantreiben und so das Wirtschaftswachstum «bis 2018 um zusätzliche 2 Prozentpunkte» ankurbeln. Die Analyse in Kurzfassung und in der Version der NZZ: «Die Ökonomen der Pariser Organisation bezeichnen die Arbeitsproduktivität als Hauptantriebskraft für ein langfristiges Wachstum.» Und weiter: Es gehe darum, die Umverteilung von Kapital und «Arbeitskräften in Sektoren mit der grössten Produktivität zu erleichtern.»

Spielen wir das am Beispiel der Schweiz einmal konkret durch: Die grösste Produktivität von Arbeit und Kapital weist die Energieversorgung mit rund 800’000 Franken jährlicher Wertschöpfung pro Vollzeitstelle auf, gefolgt von der Versicherungswirtschaft mit rund 600’000 und den Finanzdienstleistungen mit rund 300’000 Franken. Mit rund 180’000 Franken Wertschöpfung pro Kopf gehört auch das verarbeitende Gewerbe (die Industrie) noch knapp zu den überdurchschnittlichen Erwerbszweigen, zu denen die OECD Personal und Kapital umschichten möchte.

Umgekehrt müssten nach den Vorstellungen aus dem Paris Eifel- pardon Elfenbeinturm aus folgenden Branchen unproduktives Personal abgezogen werden: Sozialwesen und Gesundheit mit etwa 110’000, Baugewerbe mit 100’000, Gastgewerbe mit 60’000 und öffentliche Verwaltung mit weniger als 50’000 Franken offiziell ausgewiesener Wertschöpfung pro Mitarbeiter. Von der Landwirtschaft müssen wir hier schon gar nicht reden.

Einverstanden. Die Zahlen mögen durch den unterschiedlich hohen Einsatz von Kapital und durch statistische Abgrenzungsprobleme leicht verzerrt sein. Dennoch illustriert das konkrete Beispiel trefflich die Betriebsblindheit der OECD-Ökonomen. Sie sind offenbar nicht imstande, vernünftige Bezüge zwischen ihrem Zahlen- und Datenmaterial und der realen Welt herzustellen. Sie checken etwa nicht, dass das, was sie als «Produktivität» messen, nicht ein Mass für gesellschaftlichen Nutzen ist, sondern bloss ein Indikator für Marktmacht. Wachstum ist für sie anscheinend ein Selbstzweck ohne Bezug zur Nachfrage, geschweige denn zu den realen Bedürfnissen. Hauptsache BIP – auch wenn am Ende nur noch Kraftwerke gebaut und Finanzdienstleistungen erbracht werden.

Dass die «Strukturreformen» ausgerechnet in den gesellschaftlich nützlichen Bereichen wie «Handel, im Bildungs- und Gesundheitswesen und in den sozialen Sicherheitsnetzen» vorangetrieben werden sollen, passt ins schräge Weltbild der OECD-Ökonomen – das die NZZ offenbar kritik- und gedankenlos übernimmt.


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