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Bibeln am Fliessband: Bibeldruckerei Amity Printing in Nanjing © amityprinting/cc

Vom verbotenen Buch zum Bestseller

Peter G. Achten /  Heilige Schrift statt Mao-Bibel: In China werden jedes Jahr 12 Millionen Bibeln produziert. Die Nachfrage ist auch im Inland gross.

Welches Buch wurde weltweit am häufigsten gedruckt? Die Bibel oder das «Rote Büchlein» Maos? Die Meinungen gehen auseinander. Fest steht jedoch, dass die grösste und modernste Bibeldruckerei der Welt im atheistisch regierten China betrieben wird.

Weisheiten für jede Lebenslage

«Die Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung», im Westen auch als «Mao-Bibel» bekannt, erreichte eine Auflage von rund einer Milliarde Exemplare. Die Sammlung von Mao-Zitaten wurde erstmals 1965 veröffentlicht, wenige Jahre nach dem «Grossen Sprung nach vorn», der eine verheerende Hungersnot mit über 40 Millionen Toten auslöste. Verteidigungsminister General Lin Biao liess das Buch für die politische Schulung der Soldaten der Volksbefreiungsarmee drucken. Beim Ausbruch der «Grossen proletarischen Kulturrevolution» im Jahr 1966 schwenkten eine Million Rotgardisten und Rotgardistinnen auf dem Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens Tiananmen das Rote Büchlein ihrem Halbgott Mao entgegen.
In der Mao-Bibel gibt es Zitate für jede Situation, jeden Anlass und für jeden Gebrauch. Jahrelang war das Auswendiglernen der Mao-Weisheiten obligatorisch. Einige meiner chinesischen Bekannten können noch heute die griffigsten Zitate, ohne mit der Wimper zu zucken, aber mit erkennbarem ironischem Unterton rezitieren. 1968 waren auch europäische Studenten von den Worten des Grossen Steuermanns begeistert. China war für sie der «dritte Weg» zwischen dem verhassten US-Kapitalismus und dem verhassten Sowjet-Kommunismus. So kann man sich ideologisch verblendet täuschen.
Heute spielt das «Kleine Rote Buch» in China keine Rolle mehr. Die Milliarden-Auflage allerdings wird weiter verwertet. Findige Händler verhökern die Mao-Bibel an historischen Sehenswürdigkeiten zu Wucherpreisen an ausländische Touristen.

Mehr Christen als Parteimitglieder

Während der ersten 30 Jahre der Volksrepublik war die christliche Bibel in China eine Rarität. Religion war den neuen Machthabern suspekt. Als im 19. Jahrhundert westliche Imperialisten das Reich der Mitte halb kolonisierten, waren nach den Kanonenbooten und den Geschäftsleuten gleich auch Missionare zur Hand, um in einem hochkultivierten und religiösen Land die «Heiden» zu bekehren. Nach dem siegreichen Bürgerkrieg 1949 war Religion deshalb tabu. Zur schlimmsten Zeit wurden buddhistische und taoistische Klöster in ganz China – nicht nur in Tibet – verwüstet, christliche Kirchen als Lagerhäuser oder für andere Zwecke verwendet.
Erst mit dem Ende des Klassenkampfes und dem Beginn der Wirtschaftsreform im Jahr 1979 wurden Religionen unter staatlicher Aufsicht wieder toleriert. Die protestantische «Patriotische Drei-Selbst-Bewegung» und die katholische «Patriotische Vereinigung», die sich vom Papst lossagte, sind staatlich anerkannt. Daneben gibt es im Untergrund zahlreiche nicht registrierte Hauskirchen, die teils stillschweigend geduldet, teils unterdrückt werden. Wie viele Christen heute in China leben, ist unbekannt. Offiziell sollen es rund 26 Millionen Protestanten und sechs Millionen Katholiken sein. Andere Schätzungen sprechen jedoch von rund 100 Millionen Christen. Das wären mehr Gläubige, als die Kommunistische Partei Mitglieder hat (85 Millionen).
Die Hinwendung zur Religion ist ein Phänomen der letzten zehn, fünfzehn Jahre. Nach dem Verlust des Glaubens an den Kommunismus und besonders an den Halbgott Mao sucht die jüngere, wohlhabendere Generation nach neuen Werten. Geld ist zwar wichtig, so die Befindlichkeit, aber nicht alles. Viele entdeckten für sich den Buddhismus, andere wandten sich dem Christentum zu.

Bibeln am laufenden Band

Dass die grösste Bibel-Druckerei in China betrieben wird, ist deshalb kein Zufall. Wohlverstandener Geschäftssinn und Religion schliessen sich ja nicht aus, schon gar nicht in der «sozialistischen Marktwirtschaft Chinesischer Prägung». Im Jahr 1987 wurde in Nanjing (Provinz Jiangsu nahe Shanghai) die Bibel-Druckerei Amity Printing Press gegründet. Die Druckerei ist ein Gemeinschaftsunternehmen des chinesischen Staates mit der Diakoniestiftung Amity (Hong Kong) und dem Weltbund der Bibelgesellschaften. 2009 wurde die Druckerei erneuert und vergrössert. Heute rattern modernste Druckmaschinen 24 Stunden am Tag. Pro Minute werden 23 Bibeln gedruckt, 12 Millionen im Jahr.
Bis heute hat die Amity Printing Press 66 Millionen Bibeln in chinesischer Sprache fürs heimische Publikum gedruckt, 59 Millionen stellte die Druckerei in 90 Sprachen für den Export in 70 Länder her. «Die modernste Druckerei Asiens», so die parteiamtliche Tageszeitung «Global Times», hat die härtesten Konkurrenten Südkorea, Brasilien und die Niederlande bereits hinter sich gelassen.

Kein Verkauf in Buchhandlungen

Eine Bibel kostet im Reich der Mitte umgerechnet nicht einmal drei Franken. Mit dem Export der Heiligen Schrift wird der Absatz in China quersubventioniert. Der erkleckliche Gewinn aus dem Export wird für gute Zwecke verwendet. Guiu Zhonghui, Vizepräsident des Verwaltungsrates der Druckerei, formuliert es so: «Wir dienen christlichen Kirchen in der ganzen Welt, und unser Erlös geht an die Bedürftigen in der Gesellschaft.» Der Generaldirektor der Amity Printing Press, Lei Liu – ein bekennender Atheist – sieht in der staatlichen Druckerlaubnis gar «ein Zeugnis für die Religionsfreiheit in China». Allerdings: Das Buch der Bücher darf nicht in Buchhandlungen verkauft werden. Einziger Absatzkanal sind die staatlich anerkannten christlichen Kirchen.
Im Ausland wird für die «verfolgten Christen im atheistischen China» da und dort noch immer Geld für Bibeln gesammelt. Die Bibeln werden im Westen gekauft und nach China gebracht – beziehungsweise «geschmuggelt». Diese Bibeln – wen wundert’s – stammen nicht selten aus der Amity-Druckerei in Nanjing.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

Zum Infosperber-Dossier:

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Chinas Innenpolitik

Hohe Wachstumszahlen; riesige Devisenreserven; sozialer Konfliktstoff; Umweltzerstörung; Herrschaft einer Partei

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2 Meinungen

  • am 27.12.2014 um 13:36 Uhr
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    Und da sage einer noch, dass die Aufklärung (für weniger Religion) nicht mehr nötig sei.

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  • am 6.01.2015 um 20:41 Uhr
    Permalink

    Herr Eduard Baumann, kennen Sie diesen Vers: «14 Und dieses Evangelium vom Reich wird in der ganzen Welt gepredigt werden, zum Zeugnis allen Völkern, und dann wird das Ende kommen.» ? (Matthäus 24:14 / http://www.bibel-online.net/buch/schlachter_1951/matthaeus/24/) Genauso wird es geschehen.
    "37 Wie es aber in den Tagen Noahs war, so wird es auch bei der Wiederkunft des Menschensohnes sein. 38 Denn wie sie in den Tagen vor der Sündflut aßen und tranken, freiten und sich freien ließen bis zu dem Tage, da Noah in die Arche ging, 39 und nichts merkten, bis die Sündflut kam und sie alle dahinraffte, so wird auch die Wiederkunft des Menschensohnes sein.» (Matthäus 24:37-39)

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