Delcy Rodriguez

Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez: Eine der loyalsten Figuren aus Maduros Machtzirkel © Prensa Presidencial Venezuela

Venezuela: Ein echter Machtwechsel ist utopisch

Romeo Rey /  Der Autokrat Maduro ist weg, doch die alte Führungsriege sitzt immer noch fest im Sattel. Demokratischer Wandel ist nicht in Sicht.

Im «Hinterhof» Amerikas ist relative Ruhe eingekehrt – für den Moment zumindest. Die Wogen in der karibischen See haben sich gelegt, der Staub senkt sich nach punktuellen Attacken von US-Verbänden in Venezuelas Hauptstadt allmählich wieder.

Zwischen Ungläubigkeit und Verwunderung fragt man sich südlich des Rio Grande allenthalben: War’s das? Oder kommt da noch etwas?

Romeo Rey
Romeo Rey, früher Lateinamerika-Korrespondent von «Tages-Anzeiger» und «Frankfurter Rundschau», fasst die jüngste Entwicklung zusammen. 

Nach der Entführung des langjährigen Machthabers Nicolás Maduro durch US-Spezialtruppen, der in den USA mit seiner Ehefrau vor Gericht gestellt werden soll, hat Delcy Rodríguez, die engste Vertraute des gestürzten Präsidenten, durch einen Entscheid der lokalen Justiz die Macht übernommen.

Mehr noch: US-Präsident Donald Trump attestiert Rodríguez mehr Glaubwürdigkeit und Fähigkeiten zur Führung des schlingernden Erdölstaats als der Empfängerin des Friedensnobelpreises, Maria Corina Machado. Besonders bitter: In einem symbolischen Schritt hat die venezolanische Oppositionsführerin Machado ihre Nobelpreis-Medaille dem US-Präsidenten übergeben. An Trumps Meinung, wer Venezuela führen soll, hat das aber offenbar nichts geändert.

Wer jetzt eigentlich Venezuela regiere, fragt sich zu Recht die Genossenschaftszeitung «taz» und liefert gleich die Antwort: der Chavismo, also die Anhängerschaft des 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez, der als damals verfassungsmässiger Staatschef sein Programm des «Sozialismus im 21. Jahrhundert» verwirklichen wollte. Zusammen mit Rodríguez sind auch alle übrigen Exponenten dieses Projekts nach wie vor in Amt und Würden.

Trump schielt auf Venezuelas Ölreserven

Dass Trump auf die (nach bisherigem Stand der Kenntnisse) weltweit grössten Erdöllager im Untergrund des Orinoco-Beckens im Süden von Venezuela schielt, ist klar. Ebenso steht fest, dass die USA mit ihrer wohl am weitesten fortgeschrittenen Technologie zur Nutzung von schwerem Öl am besten ausgerüstet sind, um diesen Reichtum zu fördern und zu raffinieren. Auch geografisch ist die Weltmacht im Vorteil: Bis zu den wichtigsten Ölhäfen in Texas ist es quasi ein Katzensprung.

Als Favorit im Wettlauf um diesen Riesenhappen gilt nach Ansicht der «taz» der US-amerikanische Chevron-Konzern. Als einziger Öl-Multi liess sich Chevron seinerzeit von Präsident Chávez überzeugen, dass dieses Geschäft sich lohnen würde, obwohl Venezuela im Rahmen seiner «sozialistischen Revolution» seine Erdölgesetze total umgekrempelt hatte und die Ölmultis viel stärker zur Kasse bat.

Der französische Ökonom Gabriel Zucman liefert in seiner Analyse zur Festnahme Maduros auf der US-amerikanischen Webseite «Substack» aufschlussreiche Daten zur Bedeutung des Erdöls in Venezuela.

Regimewechsel ist nicht in Sicht

Bemerkenswert ist auch die Einschätzung zur Zukunft Venezuelas seitens der schweizerischen Politikwissenschaftlerin Evelyn Huber, die an einer US-amerikanischen Universität lehrt und dort zu Demokratisierungsprozessen in Lateinamerika forscht. Im Interview mit dem «Tages Anzeiger» (Bezahlschranke) sagt sie, ein echter Regimewechsel in Venezuela sei kurzfristig unwahrscheinlich, weil die eigentliche Macht beim Militär und im Sicherheitsapparat liege. Zudem sei Trump gar nicht daran interessiert, Venezuela zu stabilisieren. Ihm gehe es nur darum, den Reichtum aus dem Land abzuziehen.

Mit «BBC-Mundo» können wir einen Blick auf die Erbschaft werfen, die Maduro seinen Landsleuten hinterlässt. Hier wird der Kreis von Vertrauenspersonen der Interimspräsidentin Delcy Rodríguez durchleuchtet. Sie hatten allesamt in der sozialistischen Regierung Schlüsselpositionen inne, und Rodríguez als Hauptfigur hat das innen- und aussenpolitische Gelände sorgfältig mit ihren Leuten abgesteckt.

Die Eintracht zwischen zivilpolitischen und militärischen Instanzen scheint durch den Sturz Maduros nicht entscheidend beschädigt worden zu sein. Die britische Recherche über die vorherrschenden Machtverhältnisse im Erdölstaat kommt zum Schluss, dass in Caracas derzeit eine Equipe an der Macht sei, die als «loyal, technisch und vor allem wirtschaftspolitisch fokussiert» eingestuft wird. Was bedeuten dürfte, dass Venezuelas Regierung vor allem daran interessiert ist, die infolge von US-Sanktionen und eigenen Mängeln schwer zerrüttete Ölindustrie wiederherzustellen und den Handel mit dem Schwarzen Gold zu normalisieren – und sei es «unter der Aufsicht von Washington». Davon hatte schon Maduro in neuerer Zeit geträumt und sich zu beträchtlichen Konzessionen bereit erklärt.

Machtdemonstration der Trump-Regierung

Zurück zur Kernfrage: Was will Trump mit seiner Intervention gegen Venezuela? Diese Frage stellte auch das «IPG Journal» kurz vor dem Schlag gegen Maduro. Zu jenem Zeitpunkt stand das Problem des Drogenschmuggels auf dem Seeweg im Vordergrund. Zwar wurden seither mehrere, angeblich mit Drogen beladene Schnellboote zusammen mit etwa hundert Personen an Bord in karibischen Gewässern versenkt. Doch es bestehen Zweifel, dass damit entscheidende Schläge gegen die globale Mafia gelungen seien. Diese pflege viel häufiger grosse Containertransporte zu benutzen, um ihre Ware «über gut etablierte Routen» ans Ziel zu bringen.

Also doch Erdöl als stärkste Triebfeder? Warum dann nicht mittels direkter Verhandlungen mit Caracas? Dazu brauchte man keinen Flugzeugträger und keine Armada vor der Küste Venezuelas. Für das «IPG Journal» liegt das Argument näher, dass Trump in Lateinamerika und der Karibik die Einflusszonen der USA neu definieren und in der westlichen Welt Macht demonstrieren wolle.

Laut einer anderen Analyse im «IPG Journal» bestehen ernsthafte Zweifel, wie vertrauenswürdig Washington unter Trumps erratischer Führung als «Schutzmacht» der westlichen Hemisphäre noch erscheinen kann. Ganz besonders im Hinblick auf die in weiten Teilen Lateinamerikas rasant wachsende Präsenz Chinas, das mit langfristig konzipierten, jedoch in wenigen Jahren aus dem Boden gestampften Infrastrukturbauten (wie die Hafenanlage in Chancay unweit der peruanischen Hauptstadt Lima) und mit der Gewährung von zig Milliarden Dollar Handelskrediten zunehmend Präsenz markiert.

Weiterführende Informationen

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Cover_Rey_Lateinamerika
Romeo Rey, Die Geschichte Lateinamerikas vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart, 284 Seiten, 3. Auflage, C.H.Beck 2015, CHF 22.30

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war 33 Jahre lang Korrespondent in Südamerika, unter anderem für den «Tages-Anzeiger» und die «Frankfurter Rundschau».
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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Der frühere Lateinamerika-Korrespondent Romeo Rey fasst die Entwicklung regelmässig zusammen. Auch Beiträge von anderen Autorinnen und Autoren.

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11 Meinungen

  • am 14.02.2026 um 12:13 Uhr
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    Warum wird ausgeblendet, dass es Aussenminister Rubio, der aus dem Milieu der Exil-Kubaner stammt, vor allem auch um die Zerschlagung von Kuba geht? Kuba bekommt kein Oel mehr aus Venezuela. Die Folgen sind sichtbar: Müll auf den Strassen, die Leute kommen nicht mehr zur Arbeit, ohne Energie fehlt in den Spitälern der Strom, Kranke können nicht mehr transportiert werden, Medikamente und Lebensmittel, die eine Kühlung erfordern, verderben, die Infrastruktur kollabiert. Es ist nurmehr eine Frage der Zeit, bis die USA Kuba total ruinieren. Ganz nach den erklärten Zielen Rubios und Trumps, nachdem es unter den demokratischen US-Regierungen noch eine gewisse Entspannung gegeben hatte. Der sichtbare Crash verspricht Elend, Seuchen und viele Tote unter der Zivilbevölkerung.

  • am 14.02.2026 um 16:28 Uhr
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    Ein wichtiger Punkt fehlt im Artikel: Die USA haben ein Teilziel schon erreicht: Venezuela liefert nach langer Zeit wieder Erdöl nach Israel. Und die Lieferungen nach Russland scheinen zumindest stark erschwert.

  • am 14.02.2026 um 19:51 Uhr
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    Seltsamer Artikel.
    Maduro sei ein Autokrat (für mich ist die Trump-Riege das).
    «Besonders bitter» sei: In einem symbolischen Schritt hat die venezolanische Oppositionsführerin Machado ihre Nobelpreis-Medaille dem US-Präsidenten übergeben. An Trumps Meinung, wer Venezuela führen soll, hat das aber offenbar nichts geändert.
    «Besonders bitter» finde ich, wenn Trump und Machado (für mich Verschwörer gegen das Volk) quasi als die «Guten» dargestellt werden, und die USA als «Schutzmacht» der westlichen Hemisphäre.
    Also mehr auf den Kopf stellen kann man das Ganze nicht, finde ich.

    • am 15.02.2026 um 09:15 Uhr
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      @Wolfgang Reuss; So ist es! Das Nobelkomitee in Oslo hat merkwürdige Kriterien für den Friedensnobelpreis. Inwiefern hat Frau Machado (oder Obama und andere) einen Beitrag zum Weltfrieden geleistet (im Sinne von Nobel)?

    • am 15.02.2026 um 16:38 Uhr
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      bravo Wolfang Reuss. 100%. Julian Assange hat meines Wissens Anklage gegen das Nobelkommittee erhoben, weil der Friedenspreis an Machado, obwohl sie zum bewaffneten Angriff der USA gegen Venezuela aufruft, was explizit gegen die Regeln der Stiftung verstösst. Al Jazeera schreibt: «Assange said this year’s awarding of the prize to Machado represented a “gross misappropriation” of funds and the “facilitation of war crimes” under Swedish law. He added that he was seeking to freeze 11 million Swedish kronor ($1.18m) from being transferred to her as prize money.»

      • am 16.02.2026 um 11:34 Uhr
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        Immer mehr lese ich die Kommentare zu den Infosperber-Artikeln.
        So erhalte ich Zusatzinformationen und lerne auch die Volksmeinung besser kennen.
        Das ist immer gut…

  • am 15.02.2026 um 12:04 Uhr
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    Delcy Rodriguez macht das Beste aus der schwierigen Lage. Nicolas Maduro hat sich zu wenig um seinen Schutz gekümmert, wie das Interview mit dem französischen Journalisten Ignacio Ramonet dokumentiert, mit dem er im selbstgesteuerten Wagen ohne Leibwächter im ganzen Land herumgefahren ist. Dazu kam wahrscheinlich Bestechung eines hohen Offiziers, der inzwischen ohne Aufhebens verhaftet worden ist, und die Lahmlegung der Flugabwehr. Mit der hermetischen Blockade auch Kubas hat Trump schon viel erreicht ohne Regime Change, der zurzeit weder in Caracas noch in Havanna zu schaffen ist, wie er wohl richtig einschätzt. Das mit den Drogen war nur ein täuschendes Vorspiel für die Intervention. Insgesamt ist das ganze Manöver eine verzweifelte Flucht nach vorn zur Verzögerung des Abstiegs der Hegemonialmacht, um China auszubremsen. Der Hafen von Chancay in Peru, Brückenkopf mit der Verbindung zu Brasilien zur Umgehung des Panamakanals, wird früher oder später seinen Betrieb aufnehmen.

  • am 15.02.2026 um 15:19 Uhr
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    TA Nicoletta Gueorguiev 23.01.2026, 12:00: «Rodríguez plante mit USA vor Maduro-Sturz – Machtwechsel in Venezuela Delcy Rodríguez sicherte den USA vor Maduros Sturz Kooperation zu – Ein Bericht legt nahe, dass Venezuelas heutige Übergangspräsidentin bereits Monate vor der Festnahme von Nicolás Maduro diskrete Kontakte zu den USA pflegte…»
    Mr. Trump scheint wohl erkannt zu haben, wo die Kooperation blüht, kann man die besten Ernten einholen. Sra. Rodiguez wird wohl den Glauben habene, der Manhattan-Geschäftsmann wird sich erkenntlich zeigen, wenn man hilft die Ernte zu sichern und einfzufahren und so kam es wohl zum Maduro-Deal.
    Gunther Kropp, Basel

  • am 15.02.2026 um 16:35 Uhr
    Permalink

    Autokrat? Internationale Wahlbeobachter sagen, die Wahlen seien fair und frei gewesen, mit einer durchgängigen Kette der Überprüfbarkeit, besser als dies in den USA der Fall sei, und weisen darauf hin, dass auf Reklamation der Opposition hin eine Nachzählung stattfand, bei der alle Parteien ausser die US-Gestützte Opposition ihre Resultate verglich. Das Resultat wurde in dieser Nachzählung bestätigt, und Maduro somit demokratisch gewählt. Bedeutet «demokratischer Wandel» denn einfach, voller Zugriff des US-Kapitals auf alle Ressourcen, oder was genau?
    Ich beziehe mich bei meiner Beschreibung auf Interviews bei the Grayzone von Max Blumenthal und Aaron Mathe, sowie Ben Norton und andere. Da würde mich freuen, wenn man etwas begründen würde, warum man den gewählten Präsidenten als Autokraten betitelt und von reale Macht bei den Militärs schreibt. Es haben ja fast alle Venezolaner Waffen, nachdem sie die Regierung zur Landesverteidigung bewaffnen liess vor ein paar Jahren.

  • am 15.02.2026 um 21:50 Uhr
    Permalink

    Im Gegensatz zu Trumps Vorgänger Bush II, der beispielsweise im Irak den gesamten «Sicherheitsapparat» ausgeschaltet hatte und damit ein heilloses, bis heute nachwirkendes Chaos angerichtet hat, ist es Trump gelungen, sich den bestehenden «Sicherheitsapparat» untertan zu machen. Wer nicht spurt wird gekidnappt oder getötet – gar nicht dumm (aus seiner Sicht) – hätte ich ihm nicht zugetraut.
    Das strategische Ziel ist erklärtermassen die Durchsetzung der uralten Monroe Doktrin: unbegrenzte Kontrolle der USA über Amerika – von Feuerland bis Alaska.
    Grausige Erinnerungen an den Putsch in Chile durch Pinochet und der folgenden, von den USA koordinierten Operation Condor, durch die viele Tausende angeblich «Linker» ihr Leben verloren, werden wach.
    Dass Marco Rubio dabei «sein Kuba» zurück bekommen soll, ist angesichts dessen leider nur eine Randnotiz.

    • am 16.02.2026 um 11:00 Uhr
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      «unbegrenzte Kontrolle der USA über Amerika – von Feuerland bis Alaska /Grönland/Arktis/Norwegen/…»
      Wirkungslose Feigenblatt-UNO schaut zu.
      Im Vergleich dazu wäre «Gemeinsames Haus von Lissabon bis Wladiwostok» – zumal lediglich wirtschaftlich – geradezu minimalistisch.
      Ich begreife das Metastasieren der USA (vergleiche Israel: zuerst Rücken frei gegen Palästina, Libanon, Syrien & Co., dann gegen eigentliches Ziel: Iran) als Vorbereitung auf Krieg gegen Russland/China (dem einzigen Immunsystem der Welt, einzigen Hindernis für USAlleinherrschaft Planet Erde als «logische» Fortsetzung des Genozids gegen Indianer).
      Wir alle müssten auf Hochtouren Résistance bilden, aus Alibi-UN austreten, Alternative UN gründen, uns verbünden gegen die Verschwörung. Das tun, was Kanada-Carney predigt.
      Leider ist Europa seit Jahrzehnten «via Vorausplanung» Prä-paration längst unterwandert.
      Schweizer Jurist «Peter Hänseler: Deutschland ist eine Kolonie der Amerikaner» interviewt von Patrik Baab (Youtube).

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