USA probierten schon oft «Regimechange» – jetzt auch daheim

Niklaus Ramseyer /  Die USA erzwangen Regierungswechsel weltweit oft mit Gewalt. Jetzt versuchten es Gewalttäter erstmals auch in Washington.

«Solche Bilder aus einem anderen Land – und es wäre nur eine Frage der Zeit, bis die Amerikaner einmarschieren, um dem Land Frieden und Demokratie zu bringen.» Mit diesem Satz brachte Christian Ehring in seiner Satiresendung «Extra 3» am Donnerstagabend im deutschen Fernsehen ARD die Vorgänge der letzten Tage in Washington gleichermassen treffend wie ironisch auf den Punkt. Sein Sendegefäss heisst ja auch «Der Irrsinn der Woche». Und die Bilder mit den randalierenden Chaoten im Parlament in Washington hätten unter keinen Titel besser gepasst.

«Regimechange has come home»

Während Reporter, Korrespondenten und Kommentatoren im weltweiten Medien-Mainstream noch reihenweise um Worte rangen und «nicht glauben» konnten, «was sie da sahen», hatte Ehring die Ironie der Sache und den Hintergrund der Vorgänge sofort erfasst: Jahrzehnte lang hatten US-Machthaber beider Parteien den Leuten in ihrem Land klar- und vorgemacht, dass und wie man unliebsame Regierungen gewaltsam stürzen oder verhindern kann, und sogar muss. Dies insbesondere, wenn es sich um «kommunistische Regimes» handelte. Und «Kommunisten» oder gar «Terroristen» waren und sind für die Falken in Washington fast alle, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen wollen.

Nun zeigten Trumps gewaltbereite und teils auch gut bewaffnete «Proud Boys» und Zehntausende ihrer Mitläufer, dass sie diese Lektion gelernt haben. Wieso auch nicht: Die «fucking democrats», die sich gerade anschickten, die Macht im Land wieder zu übernehmen sind für sie ja auch «fucking communists». RepublikanerInnen aller Schattierungen hatten das quer durchs Land unter ihren «Trump»-Baseballcaps hervor, seit dem Wahlsieg des Demokraten Joe Biden in alle TV-Kameras und Radio-Mikrophone unablässig beklagt. Mehr noch: Diese Demokraten seien auch noch Betrüger, die Trump (und hinter ihm 74 Millionen US-Citizens) den Wahlsieg «gestohlen» hätten. Dagegen mussten sie doch durchgreifen, «intervenieren» – notfalls auch «robust». Gewaltsamer Regierungswechsel (oder dessen erzwungene Verhinderung) jetzt halt auch mal im eigenen Land: Regimechange has come home.

Wer Gewalt gewohnheitsmässig vorlebt…

Denn: Wenn «to take down communist governments» gewaltsam in der weiten Welt (seien diese nun gewählt oder nicht) richtig und nötig ist – wieso denn nicht erst recht auch dann, wenn sich diese «Communists» anschicken die Macht im eigenen Land zu «ergaunern»? Und auch der millionenfach nachgeplapperte falsche Vorwand «Wahlbetrug» für die «Intervention» im Kapitol erinnert noch fatal an frühere auf höchster US-Ebene erlogene «Gründe» für Gewalt-Interventionen – von «Restore democracy in Kuwait» bis zu «Weapons of massdestruction» im Irak.

Kurz und ungut: Da imitierten kleine, lokale GewalttäterInnen die grösseren, nobler auftretenden aber nicht weniger rabiaten globalen Gewalttäter an der Spitze ihres Staates. Die MachthaberInnen in Washington haben Jahrzehntelang immer wieder weltweit (von Vietnam über Chile bis nach Panama oder Afghanistan, Irak und Syrien) «Probleme» mit Gewalt und Krieg blutig «lösen» wollen, von denen sie meinten, es seien die ihren. Nun erschrecken und empören sie sich, dass diese ihre aussenpolitisch schon fast Gewohnheit gewordene Gewalt sie plötzlich innenpolitisch im Machtzentrum der USA ereilt – und auf sie zurückfällt. Den gescheiten, deutschen TV-Satiriker Christian Ehring wunderte dieser «Irrsinn der Woche» wenig.                        


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7 Meinungen

  • am 9.01.2021 um 15:53 Uhr
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    Wie klagte noch der «Zauber-Lehrling» ?!

    Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht mehr los !

    0
  • am 9.01.2021 um 23:33 Uhr
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    Wir sollten allerdings ebenso erwähnen, dass die USA auch meinten Europa im 2. WK gegen die Nazis helfen zu müssen.

    1
    • am 10.01.2021 um 22:14 Uhr
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      Ein schwieriges Thema für einen Deutschen —
      Ich meine, dass auch im 2 Weltkrieg die USA nicht nur «edle Befreier» kamen,
      sondern dass die welt-politischen und wirtschaftlichen Interessen kamen.
      UND, dass Hitler insbesondere deswegen so gute Chancen hatte, weil die SiegerMächte des 1. Weltkriegs ihren Sieg zu sehr genossen / Deutschland zu sehr «bestrafen».

      Wobei die GrundsatzFrage —ein UntertanenVolk für eine üble Führungsclique zu bestrafen—
      —leider— anscheinend bis heute niemand interessierte ?!

      Übrigens: Kemal Atatürk hat Start / Entwicklung / Beendigung des 2. Weltkriegs – in ALLEN wesentlichen Details ! -schriftlich- vorhergesehen/prophezeit/angekündigt, als es Hitler noch nicht gab. Nachzulesen bei Wikipedia zum Thema Kemal Atatürk !
      Warum wohl – weil er «einfach» – den Gesetzen der Logik folgend- nach-dachte ! ! !

      Alles Gute – und denkt positiv-er !
      Wolfgang Gerlach, Ingenieur

      0
  • am 10.01.2021 um 15:28 Uhr
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    Sie haben nach meiner Meinung zu diesem Artikel gefragt, doch haben Sie ihn nicht veröffentlicht, ist das weil ich – ganz anständig – die Wahrheit gesagt habe?
    Sie haben mir ja den Empfang bestätigt, doch Ihre Diskretion scheint mir sehr fadenscheinig, warum wohl. Ist es so, dass Linke sich immer vor der Wahrheit von Rechts fürchten?
    Bleiben Sie alle gesund, Gott sorgt immer für Gerechtigkeit.

    0
    • am 10.01.2021 um 16:31 Uhr
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      Weil Sie «ganz anständig die Wahrheit gesagt haben?» Ja, wenn jemand schreibt: «Der gegenwärtige Kampf tobt, weil sich die kriminellen linken wie rechten Lakaien bedroht fühlen, dass die Wahrheit über sie und ihre pädophile/satanistische Vergangenheit ans Licht kommt», und zur Situation in der Schweiz behauptet, «unsere Staatsführung» sei «mehrheitlich sozi-kommunistisch», dann publizieren wir das tatsächlich nicht. Es ist unter dem Niveau unserer Plattform und unserer Leserinnen und Leser. Mit freundlichem Gruss, Christian Müller, Mitglied der Redaktion.

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  • am 12.01.2021 um 01:41 Uhr
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    Natürlich sind nicht alle «Regime Changes» von den USA organisierte Putsche gewesen. Aber was sich jetzt in Washington abgespielt hat, hat mit einem organisierten Putsch überhaupt keine Ähnlichkeit. Eine Massendemonstration mit einem gewissen Maß an «Enthemmung» und Übergriffigkeit, wie sie in freiheitlichen Demokratien häufiger vorkommt. Wobei die regierungsnahe Presse dann gleich den Faschismus vor den Toren sieht – so wie am 17. Juni 1953 in der DDR. Das sagt uns aber mehr über das Establishment und seine Journalisten als über die Demonstranten.

    Die Etablierten haben den Fehler gemacht, alle Zweifel an der Ehrlichkit der Wahlen von vorherein als unmoralisch vom Tisch zu wischen, anstelle die Möglichkeit von Wahlfälschungen grundsätzlich anzuerkennen und ihr evtl. Vorkommen sorgfältig-geduldig zu überprüfen. Auch das schent mir ein taktischer Fehler zu sein, der bisher vor allem von kommunistischen Regierungen gemacht wurde.

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  • am 14.01.2021 um 09:55 Uhr
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    Der deutsche Journalist Klaus Kleber schreib auf Twitter: «Wer schon oft durch die vielen sicherheitsschranken des #Capitol gegangen ist, angeschissen wurde wegen eines einzigen falschen Schritts. Wer die zig Millionen teuren unterirdischen sichehrheitsnlagen kennt, muss sich fragen, wie diese Stürmung so leicht sein konnte.»

    Hat da etwa jemand den Chaoten die Türe aufgehalten? Wem nützt das und wem schadet das?*

    Diese Fragen werden wahrscheinlich nie beantwortet, ja sogar nie gestellt werden. Das Narrativ war, wie üblich bei solchen Grossanschlägen, eine Stunde später bereits geschrieben.

    *Zugegeben: Die zweite Frage ist, angesichts der Tatsache, dass wir wissen wem das ganze geschadet hat, suggestiv. Beantwortet man die erste Frage aber mit ja, muss die Zweite zwingend gestellt werden. Es könnte ja sogar sein, dass der allfällige Türöffner sich in der Wirkung verrechnete.

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