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Ein Tagebuch von UN-Angestellten zeigt, wie Kinder im Flüchtlingslager Moria litten (Symbolbild) © pixabay

UN-Pädagogen berichten über Kinder-Leiden in Moria

Tobias Tscherrig /  In der Asche des Flüchtlingslagers Moria fanden Journalisten ein Tagebuch von Erziehern. Es zeigt, wie Flüchtlings-Kinder leiden.

Seit Monaten dominieren die aktuelle Gesundheitskrise und das Gebaren des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump die nationalen und internationalen Schlagzeilen. Grösstenteils auf der Strecke blieb dabei die Situation von Flüchtlingen, Migrantinnen und Migranten. Dabei zeichnet sich bei der Flüchtlingskrise keine Entspannung ab: Die Zahl der Menschen, die weltweit vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute. Ende 2019 waren gemäss «UNO Flüchtlingshilfe» mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung – 79,5 Millionen Menschen – auf der Flucht. Damit hat sich diese Zahl seit 2010 mehr als verdoppelt. Und aufgrund von ungelösten Konflikten, sozialer Ungerechtigkeit, Armut und der Klimakrise wird sie auch in Zukunft weiter steigen.

Französische Journalistinnen und Journalisten von «mediapart» bringen die Thematik mit einem eindrücklichen Dokument zurück ans Licht: Auf der griechischen Insel Lesbos, in der Asche des im September abgebrannten Flüchtlingslagers Moria, fanden sie ein 190 Seiten starkes Tagebuch von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Internationalen UN-Organisation für Migration (IOM). Es umfasst den Zeitraum von November 2018 bis Mai 2019, beschreibt den Lageralltag und die garstige Situation, denen Flüchtlinge im Allgemeinen und minderjährige Schutzsuchende im Speziellen in Moria ausgesetzt waren.

Tote Ratten, Gefahr durch Stromschläge
Vor den Bränden vom 8. September 2020 wurde Moria von NGOs als das «schlimmste Flüchtlingslager in Europa» angesehen. Zum Zeitpunkt der Brände waren 12’500 Menschen in den Schmutz und das Elend eines für 3’100 Personen errichteten Lagers gepfercht. Unter ihnen befanden zwischen 300 und 600 unbegleitete Minderjährige, die in der «sicheren Zone» lebten: Ein Areal, in dem sie während der Nacht zu ihrem Schutz eingesperrt wurden.

Am Morgen des 18. Novembers 2018 ist es kalt. Für die unzähligen Flüchtlinge, Migrantinnen und Migranten, die den katastrophalen Verhältnissen im völlig überbelegten Flüchtlingslager Moria trotzen, beginnt ein neuer Tag. Die Zelte der Gestrandeten triefen vor Regen, der Boden ist schlammig. Ein Sozialarbeiter der IOM betritt die «sichere Zone». Er muss in den Lagerraum, in einer Vorratskiste entdeckt er eine tote Ratte. Es ist nicht das erste Mal, dass Ungeziefer in die Containerbehausungen und Lagerräume einbrechen. Wie schon so oft notiert der Sozialarbeiter: «Ernsthaftes Problem mit Ratten und Gefahr der Krankheitsübertragung auf die Schutzsuchenden und auf das Personal.»

Es bleibt nicht die einzige Gefahr, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IOM an diesem Tag notieren werden. Während der Nacht überfluteten Regenfälle den Raum, in dem sich der Kühlschrank und die Heizung befinden. Ein Sozialarbeiter rät seinen Kolleginnen und Kollegen deshalb «hohe Gummistiefel» zu tragen, um Stromschläge zu vermeiden. Schlimmer noch: Container Nummer Fünf, in dem einige der schutzsuchenden Kinder schlafen, ist ebenfalls durchnässt. Die Kinder schweben in Lebensgefahr. «Gefahr durch Stromschläge», schreibt einer der Sozialarbeiter ins Tagebuch.

Kinder können nicht ausreichend geschützt werden
Wie die Journalistinnen und Journalisten schreiben, wird bei der Lektüre des Tagebuchs immer wieder deutlich, wie das Personal und die minderjährigen Schutzsuchenden in ihrem abgesperrten «sicheren» Areal unter Stromausfällen leiden. Die Stromunterbrechungen, die manchmal mehrere Tage andauern, hindern das Personal daran, die Ein- und Ausgänge zu überwachen. Eine Katastrophe für die schwächsten und verletzbarsten Lagerbewohner, die in «ihrem» Areal eigentlich vor Angriffen sicher sein sollten.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IOM notieren: «Die Trägheit der mit der Wartung beauftragten Personen führt dazu, dass wir wieder einmal keinen Strom haben. Bis zu dem Punkt, an dem wir innerhalb und ausserhalb des Sicherheitsbereichs kein einziges Licht mehr haben. Fast jeden Tag sind wir gezwungen, Taschenlampen von zu Hause mitzubringen, um in völliger Dunkelheit zu versuchen, zu sehen, wer über den Stacheldraht springt um die sichere Zone zu betreten oder zu verlassen. Diese Lebensbedingungen sind inakzeptabel! Trotz wiederholter Beschwerden von Sozialarbeitern scheint sich die Situation nicht zu verbessern.»

Gewalt und sexuelle Ausbeutung
Am 25. Dezember 2018 schrieb eine Kinderbetreuerin «Frohe Weihnachten!» ins Tagebuch. Diese Worte sind das Fröhlichste, was an diesem Tag in Moria geschieht. Ein Mädchen im Teenageralter übergibt der diensthabenden Sozialarbeiterin ein Stück Papier, auf dem der Name ihres Angreifers steht. Die Betreuerin notiert im Tagebuch: «Er schlug sie ausserhalb des sicheren Bereichs, als er betrunken war. Wir riefen die Polizei, der Beamte schickte eine Fusspatrouille. Warten wir ab, was passiert.» Der resignierte Ton der IOM-Mitarbeiterin scheint darauf hinzudeuten, dass sie sich keinen Illusionen hingibt.

Dasselbe Mädchen wurde in der Vergangenheit beschuldigt, Geld gestohlen zu haben. Ein Mann beschwerte sich bei den IOM-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern und beschrieb, wie er dem Mädchen mehrmals Geld gegeben habe – «im Austausch für Dinge, die nicht beschrieben werden können.» Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der IOM baten ihn zu gehen und sagten ihm, er solle sich bei der Polizei beschweren, hier gebe es keinen Platz für Gewalt.

Auf die Frage von «mediapart», wie der Fall ausgegangen sei, lieferte die IOM nur eine allgemeine Antwort: «Den Kindern wurde psychologische Unterstützung angeboten, um aufkommende Konflikte zu verhindern oder zu lösen.» Sexuelle Ausbeutung sei aber nur eine der vielen Gefahren, denen Minderjährige auf der anderen Seite des Stacheldrahts ausgesetzt seien. Auch Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie Kämpfe seien unter den Jugendlichen von Moria weit verbreitet.

Kinder, die Drogen und Alkohol konsumieren
Am Abend des 4. April 2019 atmet ein männlicher Teenager «wieder Flüssigkeit ein, die zum Nachfüllen von Feuerzeugen verwendet wird.» Plötzlich beginnt er mit Steinen zu werfen und mehrere Fenster zu zerbrechen. Als die Polizei eintrifft, springt er über den Stacheldrahtzaun des «sicheren» Bereichs und verschwindet im Lager.

Der Fall dient als Beispiel, im Tagebuch sind zahlreiche Situationen vermerkt, die zeigen, wie Kinder und Jugendliche am Abend betrunken oder bekifft in die «sichere» Zone zurückkehren. Der Konsum ist manchmal verantwortlich für Auseinandersetzungen mit den Betreuerinnen und Betreuern oder mit anderen Schutzsuchenden. Situationen, die die diensthabenden IOM-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter oft überfordern. Immer wieder müssen sie die Lagerpolizei beiziehen.

«Wir leben noch!», steht in einem Tagebucheintrag vom 6. Dezember 2018. Und dann wieder der Hinweis auf den Drogenkonsum der Kinder und Jugendlichen: «Q., H. und A. kamen wahrscheinlich betrunken (vielleicht sogar bekifft) nach Hause. Sie beleidigten uns, indem sie sagten: ‹Fick dich! Scheiss auf die Polizei! Scheiss auf Moria, usw.’» Einer der betroffenen Teenager explodierte nach dem Konsum. Er rief: «Wie schön fühlt es sich an, verrückt zu sein!», zerschlug dreizehn Fenster, drei oder vier Schränke und die Mülltonnen. Die Polizei versuchte die aufgebrachten Jugendlichen zu beruhigen, scheiterte und verfrachtete die jungen Schutzsuchenden auf die Polizeistation.

Kämpfe und Selbstmordversuche
Wenn die minderjährigen Schutzsuchenden nicht die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter oder das Inventar angreifen, kämpfen sie gegeneinander. Es sind immer wiederkehrende Kämpfe, die fast täglich auf den Seiten des Tagebuchs erscheinen. So zum Beispiel am 26. November 2018, als drei Jugendliche aufeinander losgingen und anschliessend beim Arzt landeten. Oder am 2. Dezember 2018, als zwei Brüder einen anderen Jugendlichen mit Stöcken angreifen.

Wenn die Kinder und Jugendlichen ihre traumatischen Erlebnisse nicht mit Gewalt gegen Aussen verarbeiten können, legen sie Hand an sich selber. Am 6. November 2018 – rund eineinhalb Monate bevor sie im weiter oben beschriebenen Fall den Namen ihres Angreifers auf einen Zettel schreiben wird – schlitzt sich ein Mädchen in der Dusche mit einem Rasiermesser die Pulsadern auf. Das IOM-Personal fragt sich, ob sie ihren Körper bestrafen will, der zur Prostitution gezwungen wurde. «Die Wunde ist tief», vermerken sie im Tagebuch.

Am 8. März 2019 schneidet sich eine andere Minderjährige mit einem Rasiermesser in die Venen, sie wurde in das örtliche Krankenhaus gebracht, um von einem Psychiater untersucht zu werden. Das ist eine Ausnahme, meistens ist es der Militärarzt des Lagers, der die Kinder von Moria behandelt.

So zum Beispiel in der Nacht vom 1. Dezember 2018: Ein Baby, das mit seiner jugendlichen Mutter auf der Mädchenstation lebt, wird zum Militärarzt gebracht. «Er sagte uns, dass er kein Babyspezialist sei und dass am nächsten Tag jemand anders das Kleinkind untersuchen solle», schrieb der Bereitschaftsdienstmitarbeiter ins Tagebuch. Dann ergänzt er, dass das Baby möglicherweise Windpocken haben könnte. In dieser Nacht gibt es in den Containern keinen Strom, das kranke Baby muss die eisige Nacht ohne Behandlung und Wärme überstehen.

Leben und Arbeiten unter inakzeptablen Bedingungen
Der Dezember 2018 scheint für die IOM-Mitarbeiterinnen und -Arbeiter besonders schwer gewesen zu sein. Eine Woche nach dem Vorkommnis mit dem Baby, schreibt ein Sozialarbeiter zwei lange Notizen, die wie Warnungen an seine Vorgesetzten klingen. Er verweist auf weitere Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen, die in der Nacht zuvor zu einem Polizeieinsatz führten: «Die Untätigkeit bei der Leitung und Überwachung der Sektion ist jetzt offensichtlich, trotz unserer ständigen Beschwerden und Berichte. Wir werden jedoch weiterhin unter diesen beispiellosen und inakzeptablen Bedingungen arbeiten, aber wir hoffen alle, dass es für die Schutzsuchenden und für unsere Kollegen keine schwerwiegenderen Vorfälle mehr geben wird.»

Mit der Ankunft von zehn Neuankömmlingen in der «Sicherheitszone» scheint die angespannte Lage noch fragiler zu werden. Die anwesenden minderjährigen Schutzsuchenden hätten das Gefühl, etwas beweisen zu müssen. Und die Neuankömmlinge hätten das Gefühl, ihren Platz in dieser neuen Gesellschaft finden zu müssen. «Die Überweisungen der Schutzsuchenden müssen schrittweise erfolgen», warnen die diensthabenden IOM-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen im Tagebuch. Sie befürchten den Ausbruch von neuen Kämpfen in der «sicheren» Zone.

Es ist nicht gesichert, ob die IOM-Leitung die Notizen ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelesen hat. Auf Anfrage von «mediapart» schreibt die IOM, dass sie in «in enger Koordination und unter der Leitung des Empfangs- und Identifikationszentrums» gearbeitet habe, das den griechischen Behörden untersteht. Die griechischen Behörden haben allerdings keine Fragen beantwortet.

Mord
Sicher ist nur, dass die IOM-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen nicht aufhörten zu warnen: «Es ist gelinde gesagt problematisch, junge Mütter mit Babys zu sehen, junge Kinder in Isolation, die monatelang mit erfahrenen und mit Messern oder anderen Behelfswaffen ausgerüsteten Kriminellen am selben Ort leben. Zweck und Rolle der Sicherheitszone müssen neu definiert werden, und diese Diskussion muss ohne weitere Verzögerung durchgeführt werden.»

Drei Monate nach dem letzten Eintrag im Notizbuch ereignete sich dann das Drama, das die Sozialarbeiterinnen und -Arbeiter so sehr befürchtet hatten: Ein 15-jähriger afghanischer Junge wird in der Sicherheitszone erstochen. Trotzdem dauert es noch eineinhalb Jahre, bis die Sicherheitszone endgültig geschlossen und durch das Feuer mit dem Rest des Lagers dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Die 400 Minderjährigen, die dort lebten, wurden auf zehn europäische Länder verteilt. Nur zwei von ihnen stiegen nicht in das Flugzeug: Die beiden Minderjährigen, die verdächtigt wurden, das Lager in Brand gesetzt zu haben.

Moria 2.0: Kaum bessere Lebensbedingungen

Im provisorischen Flüchtlingslager Kara Tepe, dass das abgebrannte Camp Moria ersetzen soll, sieht die Lage nicht viel besser als in Moria aus. Aufgenommen werden besonders gefährdete und verletzbare Flüchtlinge wie etwa alleinstehende Frauen, Familien sowie traumatisierte oder verletzte Menschen. Mitte Oktober 2020 kam es zu Überflutungen, wodurch sich die humanitäre Situation im ebenfalls überfüllten Lager weiter verschlechterte. Gemäss verschiedenen Medienberichten sollen nur einmal am Tag Lebensmittel ausgegeben werden, Duschen gebe es keine. Corona und der Winter verschlimmern die Situation zusätzlich. Medienschaffende, Rechtsanwältinnen und -Anwälte haben keinen Zutritt.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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