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Immer offener reklamieren türkische Politiker die nahe an der türkischen Küste gelegenen ostägäischen Inseln für sich. Im Bild die dazu gehörende Insel Lesbos. © Pixabay

Die Türkei droht Griechenland unverhohlen mit Krieg

Amalia van Gent /  Die Zeichen in der Ägäis stehen einmal mehr auf schwerem Sturm: «Über Nacht können wir plötzlich kommen», drohte Erdoğan.

Könnte es tatsächlich zu einem Krieg zwischen dem NATO-Mitglied Türkei und dem NATO-Mitglied Griechenland kommen? Alle Zeichen in Griechenland standen Anfang September jedenfalls auf Alarm. Die EU und die NATO sollten besser die aufrührerische Rhetorik der Türkei rechtzeitig zügeln oder eine weitere Situation wie in der Ukraine riskieren, stand in einem Brief, den die Athener Regierung an die NATO, die Vereinten Nationen und die Europäische Union richtete. Darin beschuldigte sie Ankara der Aggression, der militärischen Drohungen und der eklatanten Verstösse gegen das Völkerrecht. Absurderweise schickte auch die Regierung in Ankara einen Brief an die Zentrale der drei internationalen Organisationen mit einem ähnlichen Inhalt. Die Gewässer in der Ägäis schienen, einmal mehr wie in den letzten Jahrzehnten auch, stürmisch aufgeheizt zu sein. Und dennoch mutete der Konflikt diesmal von einer anderen Qualität als zuvor an.

Unverhüllte Kriegsdrohungen

Der in aller Öffentlichkeit heftig ausgetragene Schlagabtausch begann diesmal Ende August. Die Türkei beschwerte sich, dass die auf Kreta stationierten S-300-Luftabwehrbatterien aus russischer Produktion während einer NATO-Mission in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer türkische F-16-Kampfjets ins Visier genommen hätten. «Ein feindlicher Akt», kommentierte Ankara. Noch wies Athen die Beschwerde des Nachbarn gelassen zurück.

Am 3. September drohte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Griechenland erstmals mit Krieg: «Dass ihr Inseln besetzt, bindet uns nicht», sagte er auf dem Teknofest aus Samsun am Schwarzmeer, der grössten Technologieveranstaltung des Landes. «Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir tun, was notwendig ist. Über Nacht können wir plötzlich kommen». Es war auch das erste Mal, dass ein türkischer Politiker Griechenland dafür beschuldigte, Inseln in der Ägäis besetzt zu halten.

Am 4. September liess der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar einen F-16-Kampfjet über die Ägäis fliegen und versprach, auf «die griechische Kühnheit» so zu reagieren, «wie es die Türkei immer getan hat und auch in Zukunft tun wird».

Bei einem Besuch in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo am 6. September kam Erdoğan auf einer Pressekonferenz zu seiner Erklärung in Samsun zurück. «Was ich sage, ist kein Traum», zitierte ihn die Presseagentur AP. «Wenn ich gesagt habe, dass wir über Nacht plötzlich kommen können, bedeutet dies, dass wir, wenn die Zeit gekommen ist, plötzlich über Nacht kommen können».

 «Plötzlich über Nacht kommen» ist eine Strophe aus einem populären türkischen Liebeslied. Der türkische Staatsmann zitiert in den letzten Jahren diese Strophe ironischerweise aber immer, kurz bevor seine Armee erneut zu einer Operation gegen die Kurden im Nordirak oder gegen die Kurden Nordsyriens ansetzt. Hatte er nun eine Operation auf den, wie er sagte, von Griechenland „besetzten“ Ägäis-Inseln vor?

Warnungen vor einem besonders „schwierigen“ Jahr

Die griechische Öffentlichkeit war aufgebracht. Darf ein Nato-Mitgliedstaat seinen Bündnispartner in aller Offenheit Tag für Tag mit Krieg unbestraft drohen?, fragte man sich. Die Souveränität der ostägäischen Inseln hatte vor Monaten als erster der türkische Aussenminister Mevlut Cavusoglu in Frage gestellt. Er beanstandete damals, dass diese Inseln gemäss dem Vertrag von Lausanne von 1923 und dem Pariser Vertrag von 1947 demilitarisiert werden müssten. «Griechenland hat 16 der 23 Inseln bewaffnet und damit gegen das Völkerrecht verstossen», erklärte der türkische Aussenminister. Der rechtsextreme Devlet Bahceli liess sich stolz neben einer Karte ablichten, auf der die Inseln Rhodos, Samos, Chios und Lesvos aber auch Kreta als türkisch aufgeführt werden. Devlet Bahceli ist in der Türkei kein gewöhnlicher Politiker. Als Alliierter der Regierung Erdoğan soll er massgeblich die Aussenpolitik der Türkei bestimmen.

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Eine Provokation sondergleichen: Der türkische Regierungsalliierte Devlet Bahceli (rechts) posiert mit einer Karte, auf der Griechenlands ostägäische Inseln zur Türkei gehören.

Beobachter dies- und jenseits der Ägäis haben schon lange vor einem «schwierigen Jahr» in den bilateralen Beziehungen gewarnt. Im Jahr 2023 finden in beiden Ländern kritische Wahlen statt. Um die Reihen ihrer Parteien und Wähler zu schliessen, ist Härte gefragt. «Der türkische Präsident würde seinem Volk viel besser dienen, wenn er sich auf die Wiederbelebung der kränkelnden türkischen Wirtschaft konzentrieren würde, anstatt neo-osmanischen, revisionistischen Fantasien nachzurennen» sagte bezeichnenderweise der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis. Ein Unterton der Arroganz war kaum zu überhören.

Die Wirtschaft droht tatsächlich, zu Erdoğans wahrer Achillesferse zu werden. Die Inflation im Land hat laut offiziellen Angaben die 80 Prozent-Marke überschritten – inoffizielle Institutionen schätzen sie aber als doppelt so hoch ein. Erdoğan könnte gemäss letzten Umfragen diesmal die Wahlen wirklich verlieren und damit ungehend in die Mühlen der Justiz gelangen. Der Präsident und seine Familie werden von der Opposition der Korruption und des Machtmissbrauchs beschuldigt.

Ein historisches Ereignis von enormer Tragweite

Beobachter sind auch deshalb besorgt, weil sich ein geschichtsträchtiges, historisches Ereignis von enormer Tragweite für beide Nationen in diesen Monaten zum 100. Mal jährt: Der 30. August wird in der Türkei als Tag des Triumphes gefeiert. Er erinnert an den militärischen Sieg von Kemal Atatürks Streitkräften im Jahr 1922 über die griechische Armee, die nach dem Ersten Weltkrieg Teile Anatoliens besetzt hatte.

«Die Türken betrachten diesen Sieg und die Befreiung von Izmir von der dreijährigen griechischen Besatzung als einen der Grundsteine der türkischen Republik, die aus der Asche des Osmanischen Reichs gegründet worden war», umschreibt die türkische Journalistin Nazlan Ertan die Grundstimmung in ihrem Land. Weil das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg an der Seite der Mittelmächte kämpfte, besetzten nach Kriegsende die Siegermächte Grossbritannien, Frankreich und Italien jeweils ein Stück des auseinanderfallenden Reichs. Den Siegermächten schloss sich 1919 auch Griechenland an, indem es seine Truppen in die Region des ehemaligen multikulturellen Zentrums Smyrna (Izmir) schickte. Gemäss des türkischen Narrativs ist es allein General Kemal Atatürk zu verdanken, dass dieser 1919 sein verzweifeltes Volk zu einem Nationalen Befreiungskrieg gegen die Besatzungsmächte mobilisieren und ihr Land schlussendlich mit dem Sieg bei Izmir 1922 befreien konnte. Das türkische Narrativ hebt diesen heroischen Abschnitt der türkischen Geschichte hervor. Und verschweigt eisern die zweite «halbe Wahrheit».

Aus Sicht der Griechen markiert der 30. August 1922 die «grösste Tragödie und humanitäre Katastrophe, die die griechische Welt in ihrer Jahrtausendjährigen Geschichte heimgesucht hat», so die Wissenschaftler Angelos Syrigos und Evanthis Chatzivasiliou in ihrem vor kurzem veröffentlichten Buch «die Kleinasiatische Katastrophe». «Zum ersten Mal nach über 2’000 Jahren gab es in Kleinasien keine griechischen Gemeinden mehr, ihre Sprache und Kultur wurden ausgelöscht». Laut griechischer Leseart begann die Tragik ihrer Geschichte allerdings nicht erst im Jahr 1919, sondern bereits sechs Jahre früher.

1913 soll demnach in der Bewegung der regierenden Jungtürken der extrem-nationalistische Flügel die Oberhand gewonnen haben. Die Jungtürken hatten sich 1908 an die Macht geputscht und versprachen zunächst den unzähligen Völkern ihres Reichs die völlige Gleichstellung aller Bürger, unabhängig von Sprache, Religion und Volkszugehörigkeit. Alsbald wurden die Jungtürken aber von der Realität eingeholt. Nach 1912 verlor das osmanische Reich seine Provinzen in Afrika, auf dem Balkan, im arabischen Raum. Abertausende von türkischen Flüchtlingen strömten aus allen Himmelsrichtungen ins Reich. 1913 beschloss der extrem-nationalistische Flügel der Jungtürken, eine strikte «ethno-religiöse Homogenisierung des Vaterlandes» anzustreben. Noch machte der Anteil der christlichen Minderheiten, namentlich der Armenier, der Griechisch-Orthodoxen und der Assyrer rund 25 Prozent der Gesamtbevölkerung aus.

Im Jahr 1914 setzten die ersten Pogrome gegen die Griechisch-Orthodoxen in Ost-Thrazien ein. Innert weniger Monate verloren über 150’000 Personen ihr Heim. Ein Jahr später schickte die Hohe Pforte die armenische Minderheit auf Todesmärsche, bei denen nur die wenigsten überlebten. Intellektuelle sowie Geschäftsleute der Armenier und der Griechisch-Orthodoxen landeten in den berüchtigten Arbeitsbataillonen, wo sie beim Bau von Strassen und Eisenbahn an Erschöpfung, Seuchen und Hunger zugrunde gingen. Griechische Historiker gehen davon aus, dass der ehemalige griechische Regierungschef Elefterios Venizelos 1919 seine Truppen nach Kleinasien beorderte, in erster Linie weil er hoffte, in der Provinz Izmir und in Ost-Thrazien eine sichere Heimat für seine bedrängten Compatrioten schaffen zu können.

Die jüngste, internationale Forschung hegt keine Zweifel mehr darüber, dass dieses monströse Kriegsverbrechen den ersten zentral geplanten Genozid des 20. Jahrhunderts im europäischen Grossraum darstellt. Die Zahlen sprechen für sich. Die Armenier beziffern ihre Opfer auf 1.2 Millionen und die Assyrer auf 800.000. Laut griechischen Schätzungen sollen zwischen 1914 und 1922 bis zu einer Million Griechisch-Orthodoxe in Kleinasien ihr Leben verloren haben. Im Jahr 1923 hat der Vertrag von Lausanne die Grenzen Griechenlands und der Türkei festgelegt – und nebenbei auch den «Austausch» beinah der gesamten griechisch-orthodoxen Minderheit aus dem Territorium der heutigen Türkei (rund 1.2 Millionen) und der türkischen Minderheit aus Griechenland (über 350.000) besiegelt. Der Anteil der christlichen Bevölkerung in Anatolien schrumpfte von 25 auf 0.5 Prozent zusammen. In das historische Gedächtnis der Armenier, Griechen und Assyrer ist dieses historische Ereignis als «Grosse Katastrophe» eingebrannt – ein Begriff, der den Völkermord, die Vertreibung und die tiefe Trauer über Auslöschung ihrer Völker aus ihrer uralten Heimat in Anatolien bezeichnet.

Eigentlich wäre der 100. Jahrestag eine einmalige Chance für beide Völker, den Versuch zu wagen, gemeinsam dieses schreckliche Kapitel ihrer Geschichte zu verarbeiten, um künftige Konflikte auch wirklich auszuschliessen. Diese Chance wurde vertan. Stattdessen verschanzt man sich wieder hinter alten Vorurteilen. Seit dem 3. September mahnten der türkische Präsident, sein Verteidigungs- und Aussenminister die Griechen, «Smyrna (Izmir) nicht zu vergessen» und sich nicht wie 1922 als «Schachfiguren im Dienste verräterischer ausländischer Mächte gegen die Interessen der Türkei» einsetzen zu lassen.

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2 Meinungen

  • am 14.09.2022 um 10:26 Uhr
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    … und die ehemaligen Kolonialmächte giessen weiter Öl ins Feuer… wohl um die fossilen Brennstoffe der Region den «Osmanen» vorzuenthalten.

    Immerhin waren die Postschalter in Izmir 1969 immer noch auch auf Deutsch angeschrieben. Möglicherweise eine Erbschaft der Hedjas Eisenbahn.

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  • am 15.09.2022 um 10:02 Uhr
    Permalink

    Ewiger Streit am Bosporus!
    Da sind zwei Staaten in der NATO. Mag diese sein was immer sie ist. Und ich dachte mir, alle NATO-Staaten ziehen an einem Strang in eine vereinbarte Richtung. Wieso können sich zwei Staaten, die in einer Organisation sind, gegeneinander Krieg führen. Beide Länder sind doch, so lange ich denken kann, sich spinnefeind. Müssten da nicht beide Staaten die NATO verlassen? Das wäre meine Konsequenz aus dieses Streitereien und dem gegenseitigen Hass zwischen Griechenland und der Türkei?
    Mit friedlichen Grüßen
    Kurt Wolfgang Ringel

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