Flucht Engländer Kabul

Zwischen 1839 und 1842 besetzten die Briten Kabul. Die Flucht wurde zu «einem der grössten militärischen Desasters des 19. Jahrhunderts» (Zitat National Army Museum). © National Army Museum, London

Theodor Fontane: «Das Trauerspiel von Afghanistan»

Urs P. Gasche /  Die Afghanen erleben Krieg nicht erst seit 30 Jahren. 1839 marschierten die Briten ein. Auf der Flucht verloren sie 14'500 Leute.

Einmal mehr verjagen afghanische Volksgruppen westliche Truppen. Jetzt waren und sind es die Nato-Streitkräfte unter US-Führung. 32 Jahre vorher, 1989, zogen sich nach zehn Kriegsjahren die sowjetischen Truppen zurück. Die USA hatten die afghanischen islamistischen Taliban logistisch und militärisch gegen die sowjetischen Besatzer unterstützt und stark gemacht.

Nato-Krieg in Afghanistan forderte über eine halbe Million Tote

Ein Blick auf die jüngste Geschichte macht den US-Abzug aus Afghanistan nachvollziehbar. Es sind nicht die Regierung Joe Bidens und dieser Abzug, welche das Desaster verursacht haben.

Infosperber zog am 26. April 2021 Bilanz des zwanzigjährigen Nato-Krieges.

Krieg bedeutet für die Bevölkerungen meistens das noch schlimmere Schicksal als unter der Willkür eines Diktators oder unter religiösen Fundamentalisten zu leben. Dem strategisch interessant gelegenen Afghanistan wurden schon im 19. Jahrhundert Kriege vom Ausland aufgezwungen. Den russischen Zaren drängte es über Afghanistan nach Indien und die Briten wollten Russland von Afghanistan fernhalten. Deshalb marschierten sie im Jahr 1839 in Kabul ein. Doch schon drei Jahre später flohen die britischen Besatzer vor einem Aufstand. Der Rückzug von 4’500 britischen und indischen Truppen sowie 10’000 Hilfskräften, Frauen und Kindern endete für alle ausser einigen wenigen mit dem Tod. Die Briten liefen den Afghanen bei ihrem Durchzug durch die Khurd-Schlucht hinter Kabul in eine Falle. Als einziger Europäer schaffte es Armeearzt William Brydon bis Dschalalabad in Richtung Pakistan.

Ein weiterer Versuch, Afghanistan unter britische Kontrolle zu bringen, war der Krieg 1839-1842. Und auch dem Ersten Weltkrieg, im Jahr 1919, griffen die Briten noch einmal ein, diesmal nur für kurze Zeit. Am 8. August 1919 wurde der Friede von Rawalpindi geschlossen.

*****

Theodor Fontane schrieb 1857 das Gedicht Das Trauerspiel von Afghanistan, das Brydons Ankunft in Dschalalabad nach seiner Flucht aus Kabul im Jahr 1842 schildert. Hier ein Auszug:

Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da?“ – „Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt,
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in der Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, dass ihr ruft, umsonst, dass ihr wacht.

Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.

*****

Anleitung für fremde Soldaten in Afghanistan

Im Jahr 2005 kam der Film «Die Neunte Kompanie» des russischen Regisseurs Fjodor Bondartschuk in die Kinos und wurde zum internationalen Erfolg. Ein Trailer zur deutschsprachigen Version kann hier angeschaut werden. (Der Link auf die Version in voller Länge funktioniert im Moment nicht mehr.)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

afghanistan

Der Nato-Krieg in Afghanistan

Seit 2001 führt die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

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9 Meinungen

  • am 16.08.2021 um 09:38 Uhr
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    Danke, Urs Gasche. Ihrer Analyse vom 26. April 2021 ist nicht viel hinzuzufügen. Afghanistan ist eines der traurigsten Beispiele für den global alles-beherrschenden Geist der Konkurrenz, der nur wenige Gewinner aber enorme Zerstörung hinterlässt. Wenn wir nicht endlich lernen, dass echter Fortschritt nur durch Kooperation möglich ist, dann wird uns dieser animalische Instinkt irgendwann in den Abgrund führen.
    Mit den zwei Billionen (2000 Milliarden) Dollar, den die Invasion Afghanistans gekostet hat, hätten wir die Armut in der ganzen Welt beheben und Schutzmassnahmen gegen den Klimawandel aufbauen können. Ich schreibe bewusst „wir“, denn nur wir, die Bürger und Bürgerinnen dieser Welt können sicherstellen, dass die ungeeigneten, auf Konkurrenz-getrimmte Politiker abgewählt werden, bevor sie solche Schäden wie in Afghanistan verursachen können. Das ist noch ein langer Weg, aber jeder und jede von uns kann im täglichen Leben damit anfangen, der Zusammenarbeit den Vorrang vor der Konkurrenz zu geben. Tut das eine ausreichende Anzahl von uns, dann wird es mit der Zeit eine kritische Masse geben, die zu den politisch notwendigen Änderungen führen wird. In diesem Land zähle ich dabei besonders auf InfoSperber!

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    • am 18.08.2021 um 10:29 Uhr
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      Sehe viel Übereinstimmung mit Ihrem Kommentar, Herr Mortier: Konkurrenz macht die Herzen kalt und die Köpfe heiss. Von Menschen, die nicht geerdet sind, und die mit ihren Händen ohne Rücksicht auf Verluste unsere Welt zerstören. Viele immer noch bestehende Systeme in den Medien, in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft orientieren sich am Jahrhunderte alten Denk- und Handlungs-Modell «Konkurrenz belebt das Geschäft … und mit Verlusten muss gerechnet werden». Immer mehr Menschen verlassen dieses Modell, weil sie realisiert haben, dass die Verluste (für viele) irrsinnig viel grösser sind, als die blöd- und unsinnigen Gewinne (für wenige)!

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    • am 25.08.2021 um 14:08 Uhr
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      Danke für all die tollen Beiträge. Ich sehe, dass sich zumindest schon im Denken vieler ein Wandel vollzieht. Mit unseren Welt- und Gesellschaftsbildern immer noch im Geiste des Plato und seiner Geisterwissenschaftler und Fussnoten werden wir schlicht keine Probleme mehr als gleichberechtigte Gesellschaft lösen [Sklaven, Weiber, die Masse der Männer]. Wir sind das Problem und können eigentlich nach über 2’500 Jahren Gehirnwäsche nichts für diesen Umstand begleitet vom Kategorie Fehler, nämlich Wirklichkeit mit Realität gleichzusetzen. Wir verwechseln immer wieder Schein mit Sein und ohne neue, persönlich relevante und konkrete Grundlagen haben wir eben keinen Massstab zum Umdenken und Redesign hin zu einer Gesellschaft der Synergien. Wenn Afghanistan die Welt nicht weckt, was dann?

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  • am 16.08.2021 um 12:14 Uhr
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    Ob dieses Afghanistan nach dem Ende des kalten Krieges wirklich «strategisch wichtig» ist, dafür gibt es berechtigte Zweifel. Wahrscheinlich wurde dessen strategischer Wert sogar damals überschätzt. Die Sowjets hatten jedenfalls bald einmal die Schnauze voll.
    Gewagt ist ferner die Erwartung, dass nach dem Abzug der Amerikaner in Afghanistan Frieden herrschen werde. In diesem durch Stammes-Fehden zerklüfteten Land wird der Krieg vermutlich auf anderen Ebenen weiter gehen.

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  • am 16.08.2021 um 18:31 Uhr
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    Afghanistan zeigt als ein Extrem-Beispiel, dass die Welt, in der die Mehrheit immer noch weiter leben will, am Zusammenbrechen ist. Viele Wege wie beispielsweise «… und bist du nicht willig, brauch ich Gewalt!» sind tödliche Sackgassen. Nichts und niemand kann sich aus einem Krieg ausschliessen. Kriege sind die größte Verschwendung und Plünderung von Leben und der natürlichen Ressourcen. Auf Kriege ist zu verzichten. Die Erde wird so oder so ihre Zukunft haben. Will auch die Menschheit eine Zukunft haben, muss sie im Kleinen wie im Grossen ganz andere Wege gehen.

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  • am 17.08.2021 um 08:46 Uhr
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    Ein tag der freude fuer afghanistan. Eine revolution der macht hat stattgefunden und die afghanische bevoelkerung unterstutzt sie. Ob sich daran eine politische revolution anschliesst, die auf dauer die lebensverhaeltnisse der bevoelkerung verbessert und befriedigen kann, bleibt abzuwarten, ist zu hoffen und muss leider bezweifelt werden. Die usa und ihre vasallen werden afghanistan niemals in das lager chinas, russlands und irans ueberteten lassen, wenn sie das verhindern koennen. Also wird das empire terrorismus, wirtschaftliche strangulation und intrige bemuehen, diesen uebertritt zu verhindern. Es wird grosser klugheit und geduld auf seiten der taliban und deren nachfolgern bedurfen den begonnenen eeg der selbstbestimmung und entwicklung afghanistans fortzusetzen. Es waere fast ein wunder, wenn sie erfolgreich sein wuerden. Hoffnung ist, was bleibt.

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  • am 17.08.2021 um 09:04 Uhr
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    Afghanistan erlebt nicht nur Krieg, Afghanistan macht Krieg. Vor allem Bürgerkrieg. Schon die Invasion der Sowjetunion 1979 erfolgte vor dem Hintergrund eines völligen Zerfalls der staatlichen Ordnung.
    Ich kenne einen Link zum ganzen Film «die neunte Kompanie» (deutsche Synchronfassung): https://ok.ru/video/2436991552142

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  • am 17.08.2021 um 18:51 Uhr
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    Wieder einmal ist der Infosperber die einzige verlässliche Nachrichtenquelle weit und breit. Die Feststellungen von Urs und von Helmut Scheben sind sehr wichitg, sollten aber – ich weiss, es ist reines Wunschdenken von mir – auch dem grossen Publikum mitgeteilt werden. Aber die lesen nur Murdochs Fake-News. In 24heures haben sie heute einen gross aufgemachten zweiseitigen Bericht über Afghanistan veröffentlicht, aber keine Silbe von den Drohnenangriffen und den Paramilitärs. Alles nur Blabla.
    Es ist ja schon traurig: Ich hatte so grosse Hoffnungen auf Joe Biden gesetzt, und der Mann entpuppt sich genauso wie seine kriegsfanatischen Vorgänger (GWB, Obama («Friedensnobelpreisträger» dank der Intensivierung der feigen, aufs Grausamste vorwiegend zivilistenverstümmelnden Drohnenangriffe!!!) ein braver Diener des militärisch-industriellen Blockes, vor dessen Macht schon der abtretende Präsident Einsenhower (bigischt kein Heilige!!) gewarnt hatte. Und das ganze Lügengebilde über den Rückzug der USA aus Afghanistan ist doch reine Augenwischerei, um von den Meisterterroristen und zynischsten Mordgesellen aus jenem «Land der Freiheit» abzulenken und von den westlichen Medien wieder in den Himmel gelobt zu werden.

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