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Afghanische Frau im Gefängnis von Mazar-E-Sharif © Bornstein

Sie will Vergewaltiger nicht heiraten: Gefängnis!

Barbara Marti /  Die EU will einen von ihr finanzierten Dokumentarfilm über inhaftierte Afghaninnen verbieten. Peinlich für die EU und für Karzai.

Der Film zeigt die Geschichte einer 19-Jährigen, die von einem Verwandten vergewaltigt und geschwängert worden ist. Sie weigerte sich, den Mann zu heiraten. Wegen Sex ausserhalb der Ehe sei sie zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden, sagt die 19-Jährige im Film. Sie habe das Urteil angefochten und die Strafe sei auf 12 Jahre erhöht worden.
«Mir bleibt nur die Heirat meines Vergewaltigers»
Sie verstehe das nicht, sie habe doch nichts getan. Gegenüber der Nachrichtenagentur «Associated Press» sagte sie, sie habe gehofft, dank des Films freigelassen zu werden. Diese Hoffnung habe sie nun verloren, weil der Film nicht ausgestrahlt werden darf. Sie überlege deshalb, ihren Vergewaltigter doch zu heiraten, um aus dem Gefängnis zu kommen.
Langjährige Haftstrafe wegen eines Freundes
Die andere Frau im Dokumentarfilm hat ihren gewalttätigen Ehemann verlassen. Sie wurde wegen Ehebruchs verhaftet und zu sechs Jahren Haft verurteilt. Ihr neuer Freund, mit dem sie nach eigenen Aussagen noch nie Sex hatte, wurde ebenfalls zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt.
«Moralische Verbrechen»
Internationale Organisationen schätzen, dass etwa die Hälfte der weiblichen Gefangenen in Afghanistan wegen «moralischer Verbrechen» inhaftiert ist. Sie haben sich beispielsweise einer Zwangsheirat widersetzt oder sind vor ihren gewalttätigen Ehemännern geflüchtet.
Vorgeschobene Argumente der EU
Das EU-Büro in Kabul rechtfertigt den Rückzug des Filmes mit der «sehr realen Sorge um die Sicherheit der beiden Frauen, die im Film dargestellt werden». Die beiden Frauen hätten nur unter der Voraussetzung mitgemacht, dass der Film in Afghanistan nicht gezeigt wird. Das könne die EU nicht garantieren. Der Film könne über Internet auch nach Afghanistan gelangen.
Gute Beziehungen zu Hamid Karzai
Der Filmemacherin Clementine Malpas wirft die EU vor, den Film bereits Einzelpersonen gezeigt und damit den Vertrag gebrochen zu haben, berichtet der «Evening Standard». Clementine Malpas spricht von einem «Akt der Selbstzensur». Die EU opfere ein Projekt zugunsten der Frauenrechte, um die Beziehungen zum Regime von Präsident Hamid Karzai nicht zu gefährden. Es sei der Entscheid der beiden inhaftierten Frauen gewesen mitzumachen. Die EU müsse sie nun auch entscheiden lassen, ob die Risiken für sie zu gross sind und sie ihre Aussagen zurückziehen wollen.
Georgette Gagnon von der Uno sagt, der Film sei eine verpasste Chance, um auf diese gravierende Verletzung der Menschenrechte aufmerksam zu machen. Mit dem bevorstehenden Rückzug der internationalen Truppen werde auch das Geld für die Unterstützung dieser Frauen schwinden.
Als einen der Kriegsgründe hatte George W. Bush die Diskriminierung der Frauen unter dem Taliban-Regime angegeben.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Redaktorin und Herausgeberin der Zeitschrift «FrauenSicht».

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Meinung zu

  • am 24.11.2011 um 13:22 Uhr
    Permalink

    Naja, so abwegig ist die Argumentation des EU – Büros in Kabul nicht. Wer Afghanistan ein wenig kennt, und ich kenne es ein wenig, würde die Hand wirklich nicht ins Feuer legen, dass den zwei Frauen nichts passiert. Youtube is everywhere. Die Macht der Regierung reicht in Tat und Wahrheit nicht viel weiter als bis in die Aussenbezirke der Hauptstadt. Ich würde diese Verantwortung auch nicht übernehmen wollen, sofern die Gesichter der Frauen im Film erkennbar sind. Es ist schon möglich, dass die beiden Frauen das Risiko, dass sie da eingegangen sind, nicht richtig einschätzen können. Das müssen sich auch die Filmautorinnen fragen lassen.

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