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Wo Sarkozy gewonnen hat (blau), wo Hollande (rot) © Screenshot

Paris – die geteilte Stadt

Christof Moser /  Die Ergebnisse der französischen Präsidentschaftswahlen werfen ein Schlaglicht auf die zunehmende Segregation der Gesellschaft.

Nein, niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen. Keine aus Beton jedenfalls. Genau genommen existiert in Paris die Mauer schon. Als unsichtbare Trennlinie zwischen den reicheren und ärmeren Arrondissements. Besonders eindrücklich zeigt dies eine simple Visualisierung der Wahlergebnisse von den Präsidentschaftsanwärtern Nicolas Sarkozy und François Hollande in Paris.

Der abgewählte Sarkozy (blau) holte sich die Mehrheit der Stimmen in den westlichen, Hollande (rot) in den östlichen Arrondissements. Paris ist eine geteilte Stadt. Und diese Teilung ist das Ergebnis von 20 Jahren neoliberaler Stadtpolitik.

Armes, reiches Paris

In den abgewirtschafteten Wohnvierteln im Norden und Osten der Stadt, die in den letzten Jahren unter den Einfluss von Immobilienspekulanten geraten sind und in denen ärmere Bevölkerungsschichten zunehmend verdrängt werden, machte Hollande das Rennen. Obwohl die dortige Bevölkerung wenig Grund hat, einem Sozialisten zu vertrauen. Der gross angekündigte Kampf gegen Spekulation, die das Bündnis aus Sozialisten, Kommunisten und Grünen nach dem Wahlsieg 2001 des sozialistischen Bürgermeisters Bertrand Delanoë über den konservativen Jean Tiberi angekündigt hatte, ist ein Papiertiger geblieben.

Fairerweise muss man sagen: Die Idee der Stadtregierung, Sozialwohnungen auch im reichen Westen der Stadt zu errichten, stiess nicht nur bei den Reichen und Superreichen in den westlichen Quartieren auf Widerstand, sondern auch bei den ärmeren Bevölkerungsschichten, die lieber unter Ihresgleichen bleiben wollten. Den Rest der guten Absichten erledigten die Bodenpreise, die es der Stadt praktisch verunmöglichen, im Westen Flächen für sozialen Wohnungsbau zu erwerben. Es sind die Quartiere, in denen Sarkozy die Wahl gewonnen hat.

Fortschreitende Armutskonzentration

So kam es mit dem sozialen Wohnungsbau, wie es kommen musste: Die 6000 Sozialwohnungen, die seit 2007 entstanden sind, wurden allesamt dort errichtet, wo die Armutskonzentration schon gross ist: in den äussersten nördlichen, östlichen und südöstlichen Arrondissements.

40 Prozent der als arm geltenden Haushalte und die Hälfte der 185’000 Pariser Sozialwohnungen verteilen sich auf die drei der östlichen Quartiere. In Stadtteilen mit ebenso klingenden Namen wie Goutte d’Or oder Belleville lebt bereits jeder dritte Einwohner in einer öffentlich geförderten Wohnung. Die Armutsquote liegt über 20 Prozent, der Ausländeranteil erreicht bis zu 50 Prozent. Segregation, wie sie im Lehrbuch steht.

Die Armutskonzentration droht in diesen Quartieren innerhalb der Pariser Stadtgrenzen ein Ausmass zu erreichen wie in den Banlieus vor den Toren der Stadt, in den Grosssiedlungen der 1960er- und 70er-Jahre, in denen es immer wieder zu Ausschreitungen kommt. Demgegenüber werden die westlichen Stadtteile immer stärker zu Reichen-Ghettos.

Nichts illustriert diese Entwicklung prägnanter als die visualisierten Ergebnisse der Präsidentschaftswahlen in der Stadt Paris.


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