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Das Stadion der Olympischen Sommerspiele London, 2012, bei der Eröffnung © n

Olympia: Schlapper Start der Schweizer

Robert Ruoff /  Bernard «Beni» Thurnheer lässt sich anstecken vom Schlendrian der Schweizer Olympiafussballer. Eine TV-Kritik.

Benis Kommentar zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in London lief so ähnlich wie das Startspiel der Schweizer Fussballer gegen Gabun. Er fing ganz gut und präzise an, hatte auch ein bisschen Glück – London-Korrespondent Peter Balzli fand schliesslich doch noch den Weg zum Kommentatorenplatz -, schlaffte aber bald ab zu einem lässig spannungslosen Small Talk und endete am Schluss ganz knapp doch nicht mit einem Eigentor.

Das unerfüllte Versprechen

Doch, zu Beginn der Feier kamen einige Facts and Figures über die Zahl der Zuschauer, der Teilnehmer und der teilnehmenden Länder, ein paar Appetizer wie der Hinweis auf den kommenden Auftritt von Paul McCartney, und zumindest ein paar grobe Mitteilungen über den Sinn der grandiosen Bilder über die Geschichte Britanniens von der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Man mochte sich dem durchaus überlassen. Und hoffte auf mehr britische Details, nachdem Peter Balzli den Stau der Olympiatrommler überwunden hatte. Balzli geniesst in meinem Umfeld hohe Wertschätzung, und Beni Thurnherr ist ohnehin der souveräne Doyen der Fernsehsportkommentatoren.

Er gehört zu denen, die in der Regel spürbar mehr wissen als sie sagen, und als er selbst von «drei Tagen Vorbereitung auf die Eröffnungsfeier» sprach, stiegen noch die Erwartungen. Das versprach geballtes Wissen über den Sport gewürzt mit intimer Kenntnis des britischen Way of Life und der Ost-Londoner Szene. Nur kam dann wenig: wenig anschauliche, plastische Informationen über das hinaus, was wir alle sehen konnten und – Beni wurde nicht müde, es zu betonen – was wir alle wussten. Weil die ganze Eröffnungsfeier eine Veranstaltung aus unserem Kulturkreis war, mit den prominenten Figuren, die uns aus der Medienwirklichkeit längst vertraut sind.

Im Banne des Gewohnten

Vielleicht wollte er mit seinem wiederholten Hinweis auf das bekannte allzu Bekannte ja einen Hauch von Kritik transportieren. Wenn dem so war, habe ich diesen Hauch nicht wahrgenommen. Und ich gebe zu: die gewaltige Inszenierung mit einem Aufwand von 30 bis 40 Millionen Franken liess einen solche Gedanken nur allzu leicht vergessen. Die Schönheit der Inszenierung von der Idylle des britischen Landlebens bis zur poppigen Gegenwart zog einen immer wieder in den Bann und liess den gewaltigen Aufwand vergessen, der so heftig kontrastiert zur gegenwärtigen Krise, die auch Grossbritannien durchschüttelt. Und immerhin hatten Regie und Drehbuch nicht vergessen, dass die britischen Arbeiter sich einen angemessenen Anteil am kapitalistischen Reichtum hart erkämpfen und die Suffragetten das Frauenwahlrecht mit dramatischen Aktionen erobern mussten.

Keine Szene erinnerte aber wirklich daran, dass der Reichtum Grossbritanniens und der Metropole London sich wesentlich speiste aus der Eroberung der Kolonien und der Ausbeutung ihrer Menschen und Rohstoffe. Für den Sozialromantiker Danny Boyle («Slumdog Milllionaire» ), der bei der Eröffnung Regie führte, war das offenkundig kein Thema. Dabei hätte er die Chance gehabt, im «Zeitalter der Globalisierung» ein Eröffnungsspektakel zu inszenieren, das die ganze Welt einbezieht. Eine Welt, die sich bei den Sommerspielen noch mehr als bei den Winterspielen in ihrer ganzen Olympischen Vielfalt zeigt.

Hauptsache locker

Nun konnte man von Thurnheer/Balzli nicht erwarten, dass sie solche Töne anstimmten; sie wollten erkennbar auch nur den leisesten ernsten Unterton vermeiden – nur ja nicht die Stimmung verderben. Obwohl der ungeheure Eurozentrismus – genauer: Anglozentrismus – der da vor der Welt gefeiert wurde, ein Wort wert gewesen wäre. Spätestens, als dann «die Jugend der Welt», fürsorglich begleitet von den Funktionären, einzog ins Olympiastadion. Ich gebe zu: das berührt mich jedes Mal, vor allem bei den wirklich weltumspannenden Olympischen Sommerspielen. «Seid umschlungen, Millionen» bezieht sich bei dieser Gelegenheit tatsächlich nicht nur auf Franken, Dollar oder Pfund. Die Begegnung junger Menschen aller Ethnien, Länder, Weltanschauungen, Religionen, Kulturen weckt alle vier Jahre wieder Hoffnung, auch und gerade in Krisenzeiten. Und weckt Neugier auf die Lage und Lebensweise vieler Teilnehmer, deren Existenz man vergessen oder – ganz ehrlich – nicht gekannt hatte.

Könnte ja Spass machen. Aber Beni sieht das diesmal anders: «Wir machen ja hier kein Schulfernsehen», und: «Das ist kein Quiz!» – Warum eigentlich nicht, Herr Quizmaster? Das könnte doch ganz unterhaltsam sein in einer Mammutsendung von vier Stunden.

Man muss es ja nicht ausbauen. Aber vielleicht kann man über Guam einen Satz mehr sagen als: «Es liegt im Pazifik». War und ist es doch einer der wichtigen Militärstützpunkte der Vereinigten Staaten von Amerika (Atom-U-Boote) im pazifischen Raum. Und wenn man es nicht auf diese vielleicht allzu ernste Schiene schieben will, so ist es doch ganz prickelnd zu wissen, dass Guam genau so wie Puerto Rico oder Amerikanisch-Samoa «amerikanisches Aussengebiet» ist (Präsident: Barack Obama), aber alle drei sind eigenständige Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees. Und am 9. November 2012 (also am Tag der amerikanischen Präsidentenwahl) können die Einwohner darüber abstimmen, ob Puerto Rico seinen Status behalten oder sich von den USA unabhängig machen oder ein vollwertiger US-Bundesstaat werden soll.

Erkenntnisgewinn als Lustgewinn

Wenn das immer noch zu wenig cool und easy ist, kann man sich als Olympia-Kommentator ja vielleicht auf Kiribati stürzen. Liegt auch im Pazifik – sorry -, ist Mitglied des IOC, eine Inselgruppe mit einer Ost-West-Ausdehnung von 4835 km und einer Nord-Südausdehnung von 1973 km, was ungefähr den Dimensionen von Westeuropa entspricht (Palermo-Tromsö und Budapest-London). Nur ist das der grösste Teil Meeresoberfläche, und auf den Inseln wohnen insgesamt rund 60’000 Einwohner.

Und die hatten bis Ende 1994 ein unangenehmes Problem: Die Datumsgrenze verlief mitten durch das Staatsgebiet. Das wurde am 1. Januar 1995 so geändert, dass ganz Kiribati westlich der Datumsgrenze liegt. Und deshalb verläuft die Datumsgrenze nicht gerade von Nord nach Süd, sondern sie hat mitten im Pazifik einen Knick. – Wäre doch ein klassischer Beni?

Aber, wir wissen es: Sport hat nichts mit Bildung zu tun. Obwohl schon die alten Römer vor mehr als 2000 Jahren von einem gesunden Geist in einem gesunden Körper sprachen und UNO-Sonderberater Adolf Ogi von 2002 bis 2007 die ganze Welt und auch die Schweiz wieder an diese Erkenntnis erinnert hat. Aber die Menschen vergessen schnell.

Interesselosigkeit ist zu einer Richtschnur der Medienarbeit geworden: «Das interessiert doch die Zuschauer nicht», war ein Standardsatz eines verflossenen SF-Chefredaktors, und folglich musste man sich als Moderator und Kommentator davor hüten, an dieses angeblich nicht vorhandene Interesse zu appellieren. Als ob Erkenntnisgewinn nicht auch Lustgewinn sein könnte, wenn er denn nur lustvoll produziert wird. Und dass Thurnheer/Balzli auch diesen Teil des Metiers eigentlich beherrschen, wissen wir auch.

Politik als blinder Fleck

Aber eben: Hauptsache cool und easy. Sport hat ja auch nichts mit Politik zu tun, das muss insbesondere bei einer Olympischen Eröffnungsfeier strikt getrennt werden.

Darum sitzen ja auch all diese Staats- und Regierungschefs und königlichen Familienvertreter auf der Tribüne und klatschen ihrer Nationalfahne mitsamt der nationalen Delegation begeistert zu, von Russlands Dmitri Medwedew, zu Weissrusslands Alexander Lukaschenko, Britanniens David Cameron, Spaniens Königin Sophia und Amerikas Michelle Obama. Nicht alle sind lupenreine Demokraten, aber sie werden pflichtgemäss alle vom Fernsehen in ihrer pflichtgemässen Begeisterung gezeigt. Die winkende Schweizer Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf allerdings nur im Hintergrund ganz klein, dafür etwas grösser ein faselndes Schweizer Mitglied des internationalen Olympischen Komitees, mit gebührender Erwähnung durch den Kommentator.

Ist ja für die Engländer auch nicht so wichtig.

Chance für Diktatoren

Und, wie gesagt: Sport hat mit Politik nichts zu tun.

Sonst hätte man hervorheben können, dass Syrien trotz des Bürgerkriegs mit zehn Athleten dabei ist, obwohl prominente oppositionelle Sportler sich gegen eine Teilnahme ausgesprochen haben. Und dass General Moffawak Joumaa, der Präsident des syrischen Olympischen Komitees, von den britischen Behörden die Einreise verweigert wurde. Weil er ein Regime unterstützt, das genau zum Zeitpunkt der Eröffnung der 48. Olympischen Spiele der Neuzeit (seit 1896) eine mörderische Offensive gegen die Rebellen und die Zivilbevölkerung in der alten Handelsstadt Aleppo startete.

Diktatoren wie Syriens Assad nutzen gerne Gelegenheiten wie die Olympischen Spiele, um ihre Interessen mit rücksichtsloser Gewalt durchzusetzen, während die halbe Welt fasziniert auf die Inszenierung des globalen Sportereignisses starrt. «Und die andere Hälfte bricht in der gleichen Zeit zusammen», sagte jemand aus meinem Fernsehzuschauer-Umfeld.

«Olympischer Frieden» in Krise und Krieg

Nun soll man sich und anderen gewiss die Freude nicht vergällen. Aber man soll auch nicht das Spiel der Diktatoren und Gewalttäter spielen, indem man die Verhaftungen in Russland und Weissrussland, die Vertreibungen in Myanmar oder eben den Krieg in Syrien ausblendet. Ein Hinweis darauf, dass der «Olympische Frieden» einmal mehr brutal missachtet wird, von Afrika über den Nahen Osten bis nach Zentralasien, hätte die Olympischen Fernsehfreuden nicht heftig gestört. Es wäre eine Erinnerung gewesen an einen unerfüllten Auftrag der «Weltgemeinschaft», die bekanntlich noch keine wirkliche Gemeinschaft ist, und schon gar keine friedliche.

Allein die gigantischen Sicherheitsvorkehrungen zeigen, in welcher Wirklichkeit dieses Weltfest des Sportes stattfindet. Insgesamt 17’000 britische Soldaten sind rund um die Sommerspiele im Einsatz – «mehr als in Afghanistan», stellt die Website der Deutschen Welle fest. «Neben den Soldaten sind mehr als 30.000 weitere Personen für die Sicherheit im Einsatz. Schon jetzt glichen Eingänge zum Olympiapark zeitweise einem Feldlager. Die Polizei stellt 12.500 Beamte für Olympia ab, der britische Geheimdienst MI5 angeblich nochmals 3800 Agenten. Seitens privater Sicherheitsdienste sind 16.000 Mitarbeiter in der Themse-Metropole vor Ort. Insgesamt investiert die britische Regierung umgerechnet 662 Millionen Euro in die Terror- und Gefahrenabwehr bei Olympia. Am Freitag hatte das größte Schiff der britischen Kriegsmarine, der Hubschrauberträger HMS Ocean, auf der Themse vor Greenwich Stellung bezogen.»
Von Thurnheer/Balzli bekamen wir immerhin die Anekdote zu hören über den erfolglosen Widerstand von Ost-Londoner Einwohnern gegen die Fliegerabwehrkanone auf dem Dach des Nachbarhauses.

Spiele der Jugend sind Spiele der Hoffnung

Aber, wie gesagt: man soll sich und anderen die Freude nicht vergällen. Ich habe die Inszenierung genossen, auch mit den beiden Small Talkern Beni Thurnheer und Peter Balzli. Und ich gebe ihnen gerne ein zweite Chance; sie haben ja noch Zeit bis zum 12. August. Die Eröffnungsfeier war ein immer wieder magisch schönes britisches Sommermärchen, das bei der Entzündung der Olympischen Flamme im Stadion zu einer echten Überraschung und zu einem Kernpunkt des Olympischen Gedankens vorstiess.

Nicht ein Star sondern sieben junge Nachwuchsathleten entzündeten das Olympische Feuer, dessen gewaltiger Kessel sich aus vielen kleineren Fackeln zusammensetzte, wie sie die Ehrenjungfrauen mit sich trugen, die die Nationen bei ihrem Einzug ins Stadion begleiteten. Ein echter Höhepunkt. Die sieben Fackelträger stehen für das, was die Olympischen Spiele sind und sein sollen: Spiele der Jugend, Hoffnung für die Zukunft.

«Na na naa-na»

Dazu kein weiteres Wort im Deutschweizer Fernsehen. Die zwei reiferen Herren auf den Kommentatorenplätzen zogen es vor, in Jugenderinnerungen zu schwelgen, uns mitzuteilen – «das war damals mein Lieblingssong» – , und sogar damit zu drohen, gleich mitzusingen. Ja, Beni und Peter mussten schwer an sich halten, um nicht in Paul McCartney’s Abschlussong «Hey Jude» einzustimmen: »nana na na-na-na-naa…» – was man am frühen Morgen um zwei vielleicht sogar ein bisschen hätte verstehen können. Nun werden wir nie wissen, wie schön das geworden wäre. Aber vielleicht ist es ja gut so.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor stammt aus einer Fussballerfamilie, liebt den Sport, hat in verschiedenen Funktionen für SF und SRG gearbeitet und für den UNO-Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden, Adolf Ogi.

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