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Professor Cai Hongbin: Ganz andere Perspektiven © Universität Peking

It’s Innovation, Stupid!

Peter G. Achten /  Der Nationale Volkskongress ist vorbei. Jetzt wird abgerechnet. Wird Chinas Wirtschaft sanft oder hart landen?

Eine Frage, welche das Reich der Mitte so gut wie die Welt bewegt. Seit langem. Bei der Antwort kommt es im ökonomischen wie im wirklichen Leben natürlich auf den Standpunkt an. Zudem ist die Antwort nicht ganz unerheblich für die Volksrepublik, steht doch viel auf dem Spiel: Das Wohlergehen der, wie es plastisch im Propaganda-Lingo heisst, chinesischen Massen nämlich. Wenn es diesen Massen nicht gut geht, dann droht durch soziale Unruhen Chaos. Dadurch wiederum könnte, wie schon so oft in kaiserlichen Zeiten, das Mandat des Himmels verloren gehen.

Die allmächtige Kommunistische Partei verlöre mit andern Worten die Macht und würde auf dem Müllhaufen der Geschichte enden. Da sei Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao und Deng vor. Aus diesem und mindestens einem Dutzend anderen Gründen ist eine einigermassen plausible Antwort auf die entscheidende Frage «weiche oder harte Landung» nicht ganz unerheblich.

Ökonomischer Paradigmawechsel

Da jedoch die Wirtschaftswissenschaft – was noch längst nicht alle mitbekommen haben – keine exakte Wissenschaft ist, gibt es auf solche Grundfragen verschiedene Antworten und daraus abgeleitete Strategien und Massnahmen. Wie immer jedoch die Antwort ausfällt, sind sich die meisten Analytiker in China wie im Ausland indessen einig, dass die Ökonomie des Reichs der Mitte einer «Restrukturierung» bedarf.
Betrachtet man das Wachstum und die Mehrung des Wohlstands breiter Kreise in China, haben die roten Spitzenmandarine in den letzten 35 Reformjahren nicht wie oft suggeriert alles falsch gemacht, sondern fast immer eine leidlich gute Anwort gefunden. Trotz namhaftem Widerspruch im Westen notabene, unter anderem von Wirtschafts-Nobelpreisträgern und den üblichen anti-kommunistischen Untergangspropheten.

Dass gerade jetzt die Frage nach der weichen oder harten Landung einmal mehr aufs Tapet kommt, hat mit dem ökonomischen Paradigmawechsel im Reich der Mitte zu tun. Nach Massgabe der seit gut einem Jahr die Regierungsgeschäfte besorgenden Führung unter Staats- und Parteichef Xi Jinping und Premierminister Li Kejiang soll das chinesische Wachstum künftig vor allem «nachhaltig» sein. In diesem Allerweltsbegriff sind sowohl die Bereiche Umwelt als auch sozialer Friede enthalten. Das Wachstum wird zwar niedriger sein als in den letzten dreissig Jahren mit per annum durchschnittlichen zehn Prozentpunkten. Von der Abhängigkeit von Export- und Infrastruktur-Investitionen soll die Volkswirtschaft Abschied nehmen und mehr auf Binnennachfrage und Konsum setzen.

Bescheidenes Wachstumsziel

Den massgeblichen Ton in der Debatte gab – qua Funktion – schon einmal Premier Li Kejiang an. In seiner Grundsatzrede im März vor den «Grossen Zwei» – den rund 3 000 Delegierten des Nationalen Volkskongresses und den gut 2 000 Abgeordneten der beratenden Politischen Konsultativkonferenz – gab er wie schon im vergangenen Jahr zunächst einmal mit 7,5 Prozent ein für China bescheidenes Wachstumsziel an. Die meisten Ökonomen – sowohl aus China als auch aus dem Ausland – rechnen für 2014 im Gegensatz zum vergangenen Jahr aber eher mit sieben Prozent. Doch für Premier Li viel wichtiger war die Betonung auf Restrukturierung der Volkswirtschaft durch schnelle Reformen. Im Mittelpunkt, so Li, stehe der Markt, den er nicht mehr als sehr wichtig sondern als «entscheidend» definierte.

So wird denn die «sozialistische Marktwirtschaft chinesischer Prägung» auch bei derart entscheidenden Reformen wie dem Bank- und Finanzsektor, der Schaffung von Arbeitsplätzen, dem Abbau von Überkapazitäten bei nicht profitablen Staatsbetrieben und – dies vor alllem – der Einebnung der bis anhin wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land wegleitend sein. Die Privatwirtschaft wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Schon jetzt generieren die findigen Privatunternehmer über sechzig Prozent aller Jobs in China. «Das Wachstumsziel», so Premier Li, «wird den Provinzen signalisieren, dass die Zentralregierung zwar einen gewissen Grad an Wachstum garantieren wird, ohne aber einige dringend nötige, schmerzhafte Reformen zu vernachlässigen». Anders ausgedrückt, ohne schnelle Reformen keine weiche Landung.

Streit der Ökonomen

Nicht überraschend ist man sich unter Ökonomen weniger einig als bei Chinas Spitenpolitiker. Die Zunft der Pessimisten führt Princeton-Professor und Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman an. In seinen konzis geschliffenen, wöchentlichen Kolumnen in der «New York Times» prophezeit er trotz aller Bemühungen der chinesischen Führung letztlich einen «Crash», eine harte Landung also. Chinesische Ökonomen wiederum bemängeln im Detail dies und das an den vorgeschlagenen oder bereits in Umsetzung begriffenen Reformen, sind aber überzeugt, dass die chinesische Wirtschaft weich abgefedert landen wird und für die nächsten fünf bis zehn Jahre mit einer jährlichen Rate zwischen fünf und sieben Prozent «nachhaltig», also umwelt- und sozialverträglich, wachsen werde.

Unter chinesischen Ökonomen gibt es aber auch kreativere Köpfe. Einer von ihnen ist Cai Hongbin, Dekan der Guanghua-Management-School an der Pekinger Elite-Universität Beida. Im Gegensatz zur Mainstream-Lehrmeinung, die einer Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts das Wort redet, fordert Professor Cai Neues. Er stellt die sowohl von Optimisten als auch Pessimisten geteilte Akzeptierung der von der Regierung gelieferten statistischen Daten in Frage. Nicht dass Statistiken heute wie früher zu Maos Zeiten bewusst gefälscht würden. Doch nach Ansicht von Wirtschaftswissenschafter Cai werden verschiedene Faktoren in Chinas Statistiken unter- oder falsch bewertet. Das führe dazu, dass man sich über Konsum oder Investitionen ein falsches Bild mache. Das Verhältnis Konsum zu Investition zum Beispiel sei, falls korrekt berechnet, heute in China etwa so, wie in Japan und Südkorea zwischen den 1960er und 1980er Jahren, also fürs Wachstum durchaus positiv.

Cais Blickweise eröffnet in der Formulierung von Reformzielen natürlich ganz andere Perspektiven. Beim jetzigen wirtschaftlichen Paradigmawechsel sind das entscheidende Faktoren in der Bestimmung der Reformpolitik. Für Professor Cai steht deshalb nicht in erster Linie die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts im Vordergrund. Für ihn sind Innovation, Kreativität und steigende Produktivität die entscheidenden Faktoren, welche in der Zukunft «nachhaltiges» Wachstum garantieren werden. Ein von ehemaligen US-Präsidenten 1992 für den Wahlkampf kreiertes geflügeltes Wort könnte hier leicht abgewandelt zum chinesischen Propaganda-Slogan werden: It’s Innovation, Stupid!

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5 Meinungen

  • am 29.03.2014 um 11:57 Uhr
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    Statistiken müssen heute nicht mehr gefälscht werden; es genügt, dass man sie interpretiert. Gilt analog auch für die Schweiz, für die EU, für Russland usw. Erstmals – oder doch nicht ganz erstmals – habe ich den Eindruck, Peter Achten imitiere mit diesem Beitrag seine Quellen, deren «Stärke» in nichtssagender Geschwätzigkeit liegt. Über Putins Russland wird vergleichsweise kritischer berichtet, wenigstens in den westeuropäischen Medien. Nichts als Widerwillen erzeugt indes der derzeitige chinesische Staatsbesuch in Deutschland. Falls er eine Bedeutung hat, dann sicher nicht das, was öffentlich darüber durchkommt.

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  • am 30.03.2014 um 06:09 Uhr
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    Guten Tag miteinander. Es gibt ein altes Sprichwort, leider gerät es immer wieder in Vergessenheit: An den Früchten werdet ihr sie erkennen. Also Beobachten und schauen was die Früchte sind. Hat China Schulden? nicht das ich wüsste. Hat es Probleme mit Überbevölkerung? keine Nennenswerten auf jeden Fall. Ich kenne eine chinesische Studentin aus dem dortigen Mittelstand. Was hier publiziert wird über China, erschrickt sie immer wieder, Zerrbilder, Propaganda, so kommt es ihr vor. Dass es in China zu den Grundrechten gehört, eine Wohnung, Nahrung, und medizinische Versorgung zu haben, kostenlos, davon redet hier niemand. Das Grundeinkommen haben sie dort schon lange. Nur Extrawünsche kosten. Wer dem Land dient, bekommt natürlich Partei-Bonus, weil er der Allgemeinheit dient. Geht er in Pension, hat er dieselbe Altersvorsorge wie ein Arbeiter. Korruption? Ja die gibt es, und es darf und wird öffentlich über dieses Problem referiert, um Lösungen zu suchen. Nennen sie mir ein kapitalistisches Land, welches diese Vorzüge auch hat, es gibt keines.Sicher, China hat andere Nachteile, doch ich denke, nehmet von allem das Beste, prüfet es, und wendet es selber an. Einiges könnten wir schon lernen, nicht nur von China. Gruss Beatus Gubler

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  • am 30.03.2014 um 08:30 Uhr
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    Lieber Herr Gubler,
    Schön wärs, aber Wohnungen, Nahrung und medizinische Versorgung sind nicht kostenlos. Wohnungen und medizinische Versorgung sind teuer, sehr teuer.
    PA

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  • am 30.03.2014 um 11:21 Uhr
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    Es ist völlig richtig, dass China, wie übrigens auch Russland, Achtung und Respekt verdient. Das mit dem Grundeinkommen kann man aber weder mit der diesbezüglichen Schweizer Volksinitiative vergleichen noch mit dem Mindestlohn, den die Schweizer Gewerkschaften anstreben, dieses Niveau ist eben gerade nicht möglich, ein vergleichsweise einfaches Leben – aus unserer Sicht – wird vorausgesetzt. Leider ist es aus Gründen, die hier öffentlich darzutun kontraproduktiv wäre, nicht möglich geworden, mein Hauptwerk über Paracelsus in China zu bringen, im Gegensatz zu Russland, u.a. auch weil mein vorgesehener Übersetzer die falsche Person war. Über die staatliche Struktur des chinesischen Geisteslebens, die Freiheit und Unfreiheit der Verlage usw., was das Volk zu lesen bekommt und was nicht, würde ich übrigens mal gern einen umfassenden sachlichen Artikel von Peter Achten lesen.

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  • am 31.03.2014 um 22:20 Uhr
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    @Peter Achten. Klar kostet das Arbeitskraft, wir arbeiten ja auch alle, wie die Menschen dort auch. Jedoch: Auch hier kann ich nur dasselbe sagen wie im Blog zur Medizin: Ideal wäre wenn Altruismus und Egoismus sich die Waage halten könnten. Mit meinem Beitrag wollte ich betonen dass dies leider, insbesondere bei uns, nicht der Fall ist. Jeder Altruist ist ja gleichzeitig ein Egoist, weil er weiss, dass das Gute welches er tut, er für sich auch wünscht, wenn es ihm mal schlecht geht. Altruismus ist ein Wert der Gesellschaft genauso wie Egoismus, doch sollten beide sich die Waage halten. Egoismus sollte nicht überwiegen. Grundeinkommen und verbriefte Menschenrechte wie Wohnung und Nahrung sind Werte welche Sicherheit und somit einen Fluss der Wirtschaft generieren können. Und dass das funktioniert, beweist ja eben gerade China. Gruss Beatus Gubler

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