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Politikberater Louis Perron: «Ich würde auf Barack Obama setzen» © lp

«Herausforderer Mitt Romney fehlt das Charisma»

Urs Zurlinden /  Der Berner Politberater Louis Perron sagt, was US-Präsident Barack Obama besser macht als Herausforderer Mitt Romney.

Herr Perron, wer gewinnt die US-Präsidentschaftswahl?

Louis Perron: Wenn ich wetten müsste, würde ich auf Obama setzen – aber nur wenig Geld.

Wie kommen Sie zu dieser Prognose?

Es ist offensichtlich ein knappes Rennen. Die Umstände sprechen eigentlich eher für einen Herausforderer. Aber im amerikanischen System ist nicht allein wichtig, wie viele Stimmen man macht, sondern wo man sie gewinnt, nämlich in den Staaten, welche kippen könnte. Und dort sieht es im Moment für den amtierenden Präsidenten etwas besser aus.

Barack Obama hatte letzte Woche seinen grossen Auftritt am Parteitag der Demokraten in Charlotte, North Carolina. Hat er überzeugt?

Er ist ein brillanter Rhetoriker und sein bester Verkäufer. Es war eine sehr persönlich und überzeugende Rede.

Was macht Obama besser als sein Herausforderer Mitt Romney?

Er ist ein begabter Campaigner und Politiker. Mitt Romney wirkt hölzern, kann keine Verbindung mit dem Publikum herstellen, kein Feuer entfachen: Ihm fehlt das Charisma. In all diesen Punkten ist Obama ihm handwerklich überlegen.

Was macht Romney besser?

Für Romney sprechen die Umstände. In einem Zweiparteien-System gewinnen jene, die an der Macht sind, wenn es gut läuft – und wenn es schlecht läuft, gewinnen die Herausforderer. Momentan läuft die Wirtschaft in den USA tatsächlich schlecht. Und in Umfragen sagen zwei Drittel, das Land entwickle sich in die falsche Richtung. Fast die Mehrheit der Amerikaner findet, Obama mache als Präsident einen schlechten Job. Das ist der Nährboden für einen Herausforderer.

Beide versprechen, sie wollten die Wirtschaft ankurbeln, Arbeitsplätze schaffen. Entscheidet dieses Thema die Wahl?

Genau. James Carville, der Kampagnen-Manager von Bill Clinton 1992, hatte in seinem Wahlkampfquartier gross an die Wand geschrieben: «It’s the economy, stupid!» (Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!) Das ist nach wie vor richtig: Dieses eine Thema entscheidet die Wahl.

Nach dreieinhalb Jahren Obama stagniert die Arbeitslosigkeit tatsächlich bei über acht Prozent. Ist das ein Killer-Kriterium?

Das ist eine ganz starke Waffe für die Republikaner. Es gibt den bekannten Spruch von Ronald Reagan anlässlich seiner Wiederwahl: «Are you better off than four years ago?» (Geht es dir besser als vor vier Jahren?) Das ist die grosse Frage, die im Raum steht, wenn ein Amtsinhaber zur Wiederwahl antritt. Nun ist die Lage verzwickt: Objektiv betrachtet geht es den Amerikanern besser als vor vier Jahren, aber auf tiefem Niveau. Genau deshalb ist das Rennen so knapp.

Obama stammt aus einfachen Verhältnissen, Romney ist Multimillionär. Am 6. November kommt’s zur Gesellschaftswahl?

So versuchen es die Demokraten darzustellen. Sie haben Mitt Romney während der letzten Monate attackiert, er habe mit dem Verlagern von Arbeitsplätzen ins Ausland viel Geld verdient. Sie wollen ihn als kalten Kapitalisten porträtieren – und das ist ihnen ziemlich gut gelungen.

Vor vier Jahren überzeugte Obama als junger Reformer: «Yes we can.» Und jetzt?

Jetzt ist sein Slogan: «Forward!» Die Message ist klar: Wir haben nicht alles erreicht und streiten nicht ab, dass es nach wie vor Probleme gibt. Aber wir müssen den eingeschlagenen Weg weiter gehen. Zu den alten Rezepten zurück zu kehren, bring erst recht nichts!

Skeptiker halten Romney vor, er bleibe auch nach dem jahrelangen Wahlkampf ein Kandidat ohne Konturen. Einverstanden?

Ja. Romney ist ein schlechter Campaigner. Was doch erstaunlich ist: Andere Politiker ohne diese Begabung versuchen zumindest, über die Jahre hinweg besser zu werden. Nun ist Mitt Romney doch schon eine ganze Weile in der Politik; dass er aber so unvorbereitet in die Geschichte mit der unveröffentlichten Steuererklärung hinein rasselte, ist für mich ein schlechtes Zeichen.

In Meinungsumfragen wird er sogar als «Lügner», «arrogant» und «abgehoben» disqualifiziert. Schlechte Aussichten?

Ja, Romney kann als Person wenig punkten. Deshalb war sein grosses Ziel am Parteitag, den Amerikanern die Person Mitt Romney schmackhafter zu machen.

Welche Rolle spielen die Vizepräsidenten im amerikanischen Wahlkampf?

Deren Bedeutung wird überschätzt. Die Vizepräsidenten spielen eine untergeordnete Rolle. Schlussendlich wählt man den Präsidenten – und schlussendlich hat der Präsident auch die Macht. Der Vizepräsident wird ja nur dann wichtig, wenn dem Präsidenten etwas zustösst. Im Wahlkampf kann der Kandidat fürs Vizepräsidium strategisch benutzt werden, um gewisse Zielgruppen anzusprechen und gewisse Aspekte der politischen Botschaft zu unterstreichen. That’s it!

Und welche Rolle spielen die Ehefrauen?

Die Gattinnen spielen im Wahlkampf eine ähnliche Rolle wie die Vizepräsidenten: Sie dienen für gewisse Zielgruppen und für Teile der Botschaft. Aber schlussendlich geht es immer um die Nummer eins, um den Präsidenten. Im Vergleich der beiden Frauen ist für mich klar: Ann Romney wurde eingesetzt, um weibliche Wähler anzusprechen, die sonst mehrheitlich für Obama stimmten. Und Michelle Obama sollte der eigenen Basis einheizen, die sich bisher noch weniger enthusiastisch gibt als vor vier Jahren.

Der designierte Vizepräsident Paul Ryan deckt den rechten Flügel der ultrakonservativen Tea-Party ab. Eine strategisch gute Wahl?

Ich meine nein. Die Basis dieser Tea-Party wird so oder so in Scharen an die Urne gehen und geschlossen den Republikaner wählen – egal, ob ihnen dieser Republikaner gefällt oder nicht. Dies aus einem Grund: Sie wollen unbedingt Barack Obama loswerden. Deswegen hätte ich den Vizepräsidenten eher dazu benutzt, Latinos oder Frauen anzusprechen, bei denen es Romney schwer hat.

Romney ist ein weisser Mormone, der keinen Schluck Alkohol trinkt, der dunkle Obama braut sich sein Bier sogar selber. Das sind Welten?

Das sind in der Tat zwei Welten, die da aufeinander prallen. Die Republikaner erscheinen – gerade auch wegen Ryan -als Partei der weissen Männer. Das ist aber eine Wählergruppe, die demographisch immer kleiner wird.

Romney positioniert sich in der konservativen Tradition der Republikaner, die das «Wunder Amerika» herauf beschwören. Das tönt ziemlich rückwärts orientiert?

Romney ist im moderateren Flügel seiner Partei anzusiedeln. Deshalb hat er die ganzen Vorwahlen damit verbracht, der eigenen Parteibasis zu beweisen, dass er ein richtiger Konservativer sei – was ihm allerdings in den Augen der Tea-Party noch immer nicht ganz gelungen ist. Und in Sachen Patriotismus sind sich Republikaner und Demokraten nichts schuldig geblieben: Beide beschwören dieses grosse Vorbild Amerika in der Welt. Sowohl die Rede von Romney wie auch diejenige von Obama endete gleich: «God bless America!»

In Massachusetts führte Romney als erster Gouverneur des Landes eine Krankenversicherung für alle ein – jetzt demontiert er Obamas Gesundheitsreform. Werden solche Widersprüche einfach ausgeblendet?

Keineswegs, diese Widersprüche versuchen ihm die Demokraten bewusst vorzuhalten. Es gibt die sogenannten Attack-Ads, diese TV-Spots, die den Gegner attackieren. Und Romney hat ja auch bei -zig anderen Themen seine Meinung geändert.

Wie stark gewichtet das Negativ-Campagning – diesmal gegen Romney und seine Steuertricks?

Das ist wichtiger Punkt. Allerdings darf man nicht vergessen: Negativ-Campagning gehört schon lange in den Werkzeugkoffer amerikanischer Wahlkämpfer. Die Amerikaner sind halt viel konfliktfreudiger als wir harmoniebedürftigen Schweizer.

Ein fixes Thema im US-Wahlkampf ist jeweils die Aussenpolitik. Diesmal auch?

Diesmal ist sicher die Wirtschaft das erste Thema. Egal, wie viele Osama bin Laden man umbringt: Wenn die Leute um ihren Job bangen, ist das einfach das Top-Thema. Das würde sich allerdings schlagartig ändern nach einer Attacke von Terroristen oder nach einem Kriegsausbruch zwischen Israel und Iran.

Die Auftritte sowohl von Romney wie von Obama waren maliziös orchestriert und jeweils von tosendem Applaus begleitet. Perfekte Shows?

Für den brasilianischen Politikberater Duda Mendoça gibt es in einem Wahlkampf zwei wichtige Dinge: Form und Substanz. Genau so ist es. Nun tut man den Amerikanern unrecht, wenn man sagt, es gehe ihnen nur um die Form. Diese Parteitage sind ein wichtiges Rendez-vous zwischen dem Kandidaten und seinen Wählern. Da ist sicher viel Show dabei, aber nicht inhaltsleer.

Obama gewann vor vier nicht zuletzt dank einer starken Kampagne über die Social Network im Internet – das Wahlkampf-Mittel der Zukunft?

Barack Obama hat da sicher neue Massstäbe gesetzt. Aber ich würde die Bedeutung des Internet nicht überschätzten – schon gar nicht für Wahlkämpfe in der Schweiz.

Wo liegen denn die zentralen Unterschiede eines Wahlkampfes in den USA und in der Schweiz?

Die beiden Länder sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können. In Amerika wird viel mehr gekämpft, es geht auch um viel mehr. Die politische Kultur ist anders, das Parteiensystem auch.

Was könnte vom amerikanischen Wahlkampf auf die Schweiz übertragen werden?

Man darf nie einfach etwas eins zu eins übernehmen, sonst wirkt man umgehend etwas blöde. Angela Merkel beispielsweise hatte 2005 in ihrem ersten Wahlkampf diese Angie-Schilder an ihrem eigenen Parteitag verteilt, wie an amerikanischen Parteitagen. Lernen ist durchaus erlaubt: Ein amerikanischer Präsidentschaftswahlkampf ist die professionellste Kampagne der Welt. In den USA ist die Schlussmobilisierung sehr wichtig, wo man einzelne Wähler persönlich anspricht: «get out the vote!» Dieser Ansatz wäre auch in der Schweiz mit der tiefen Stimmbeteiligung äusserst Erfolg versprechend, nur wird er viel zuwenig genutzt.

Und was könnten die Amerikaner von uns lernen?

Da fällt mir nichts ein. Wenn es um Wahlkampf geht, ist die Schweiz ein Drittweltland. Denn es geht um wenig Macht, um wenig Einfluss. Zudem kennt die Schweiz kein konflikt- und wettbewerbsorientiertes, sondern ein konsensorientiertes System. Deshalb steckt bei uns der Wahlkampf in den Kinderschuhen.

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Louis Perron…

…wurde am 7. August 1976 geboren und ist in Bern aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaften in Genf und Aix-en-Provence. Anschliessend machte er ein Masterstudium in Political Campaign Management an der George Washington Universitiy in Washington D.C. Er ist Autor eines Buches, wie Herausforderer gegen Amtsinhaber gewinnen können («How to overcome the power for incumbency in election campaigns», Nomos-Verlag). Heute arbeitet er als selbständiger politischer Berater im In- und Ausland. Seine Kunden sind politische Parteien, Interessenverbände sowie Firmen wie Coop und Swisscom. Im Ausland arbeitet er in Deutschland, Rumänien, Malaysia und den Philippinen. (uz)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine. Das Interview ist in der «Südostschweiz am Sonntag» vom 9. 9. 2012 erschienen

Zum Infosperber-Dossier:

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Am 6. November wird nicht nur der Präsident, sondern auch der Kongress gewählt. Mit Folgen für die Welt.

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