LNG-Tanker

Begehrtes Flüssiggas: Um die Gasspeicher zu füllen, kaufen europäische Länder praktisch jeden verfügbaren LNG-Tanker vom Spot-Markt weg. © Joachim Kohler/CC BY 4.0

Europa hamstert Flüssiggas – in Pakistan gehen die Lichter aus

German Foreign Policy /  Ärmeren Ländern droht eine ernsthafte Energiekrise, weil Europa ihnen das Flüssiggas wegkauft.

Europa versucht mit aller Macht, sich aus der Abhängigkeit von russischem Erdgas zu lösen. Um die Gasspeicher zu füllen, kaufen europäische Länder praktisch jeden verfügbaren LNG-Tanker (LNG, Liquefied Natural Gas) vom Spot-Markt weg. Ärmere Länder haben das Nachsehen. In zahlreichen Ländern Südasiens und anderer Weltregionen droht die Energieversorgung zusammenzubrechen. Den Kraftwerken fehlt es an Brennstoffen, um genügend Strom zu produzieren. Das schadet der Industrie und dem Klimaschutz dieser Länder.

Kein Flüssiggas mehr erhältlich

Pakistan ist nicht mehr in der Lage, Flüssiggas auf dem Spotmarkt zu erwerben, weil «jedes einzelne Molekül, das in unserer Region erhältlich war», von den Staaten Europas gekauft worden sei, wird der pakistanische Erdölminister Musadik Malik im «Wall Street Journal» zitiert. Sogar Importe, die eigentlich vertraglich fest zugesichert waren, fallen aus: LNG-Lieferanten können in Europa inzwischen so hohe Preise erzielen, dass es sich für sie lohnt, Pakistan zugesicherte Lieferungen nach Europa umzuleiten sowie Islamabad die fällige Vertragsstrafe in Höhe von 30 Prozent des Liefervolumens zu zahlen. Pakistans Regierung muss längst Strom rationieren, Geschäftszeiten reduzieren und zeitweise gar die Versorgung von Teilen der Industrie kappen. Die zuletzt im Wachstum befindliche Exportindustrie hat mit ernsten Rückschlägen zu rechnen.

Strom wird gekürzt

Rund ein Viertel der Kraftwerkskapazitäten in Pakistan werden laut offiziellen Angaben mit Flüssiggas betrieben. Zwei LNG-Kraftwerke mussten mangels Nachschub bereits ausser Betrieb genommen werden. Die Ausfälle in der Stromversorgung nehmen zu; die pakistanische Regierung hat die Arbeitsstunden im Öffentlichen Dienst gekürzt und allerlei Einrichtungen von Fabriken bis zu Einkaufszentren zur früheren Beendigung ihrer täglichen Produktion bzw. ihrer täglichen Verkaufsstunden veranlasst.[1] In der ersten Juliwoche wurden weitreichende Betriebsstilllegungen in der pakistanischen Textilindustrie verhängt, um die von ihr benötigte Energie für den privaten Stromkonsum und die als vorrangig eingestufte Düngemittelproduktion zu reservieren.[2] Beobachter prognostizieren, dies werde den Ausstoss der pakistanischen Textilindustrie, der bereits zuvor um 30 Prozent gesunken war, um rund 50 Prozent reduzieren. Damit geraten nicht nur zahlreiche Arbeitsplätze in Gefahr, sondern auch die Exportziele der Branche, die sich für das laufende Haushaltsjahr ursprünglich auf ungefähr 26 Milliarden US-Dollar summierten – für ein Land wie Pakistan eine gewaltige Summe.

«Europa saugt die Welt aus»

Die Flüssiggasknappheit betrifft nicht nur Pakistan, sondern ganz Südasien sowie zahlreiche Länder Südostasiens, Afrikas und Lateinamerikas. «Die europäische Gaskrise saugt die Welt bis aufs Blut aus», erklärt ein Experte des auf Energie und Rohstoffe spezialisierten Beratungsunternehmens Wood Mackenzie. Laut dem Unternehmen haben die europäischen Staaten ihren Flüssiggasimport vom 1. Januar bis zum 19. Juni im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 49 Prozent gesteigert; dabei nutzen sie den Umstand aus, dass sie erheblich höhere Preise zahlen können als die Entwicklungs- und Schwellenländer etwa Südasiens. Pakistan musste seinen LNG-Import im gleichen Zeitraum mangels Angebot um 15 Prozent reduzieren, Indien um 16 Prozent; sogar in China ging die Import-Menge an Flüssiggas zurück: minus 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.[3]

Aufschwung bedroht

Betroffen ist auch Sri Lanka, wo die Flüssiggasknappheit die Proteste gegen die Regierung von Präsident Gotabaya Rajapaksa befeuert hat. Unter ernstem Mangel an LNG leidet auch Bangladesch. Das Land produziert rund die Hälfte seiner Elektrizität aus Gas, davon wiederum ein Fünftel aus Flüssiggas. LNG wird wichtiger, denn die Erdgasförderung im eigenen Land nimmt derzeit ab.[4] In Bangladesch schlägt sich, wie in Pakistan, der stark gestiegene LNG-Preis sehr negativ auf Lebenshaltungskosten und Industrie nieder; hinzu kommt ebenfalls, dass nicht genügend Flüssiggas importiert werden kann: Das LNG-Volumen, das zuletzt ins Netz eingespeist werden konnte, ist auf die Hälfte der notwendigen Menge gesunken. Auch in Bangladesch wird der Strom schon rationiert, werden Arbeitsstunden gekürzt, reduzierte Leistung für Klimaanlagen vorgegeben. Auch dort ist die Industrie betroffen, die gerade einen gewissen Aufschwung genommen und mit Erfolg die Exporte gesteigert hatte – im vergangenen Haushaltsjahr zum ersten Mal auf einen Wert von mehr als 50 Milliarden US-Dollar.[5] Die jüngste Aufwärtsentwicklung von Bangladeschs Industrie ist damit ernsthaft bedroht.

Zu Lasten des Klimaschutzes

Flüssiggasknappheit und -teuerung stürzen Länder auch in anderen Weltregionen in ernste Probleme – so etwa in Südostasien. Thailand zum Beispiel produziert fast zwei Drittel seines Stroms aus Erdgas, davon wiederum ein Fünftel aus LNG.[6] Auch dort ist wegen sinkender eigener Erdgasproduktion die Einfuhr von Flüssiggas strategisch wichtig, kann jedoch wegen der dramatisch gestiegenen Preise nicht mehr im nötigen Umfang finanziert werden. Dies wiegt umso schwerer, als gegenwärtig Tourismus und Industrie nach den Einbrüchen in der Covid-19-Pandemie wieder in Schwung kommen und der Erdgasverbrauch deshalb steigt. Die Regierung in Bangkok hat inzwischen beschlossen, die bereits geplante Schliessung besonders klimaschädlicher Kohlekraftwerke aufzuschieben; darüber hinaus sind staatliche Importeure dazu übergegangen, die Flüssiggaslücke durch Kauf und Verfeuerung von Diesel und Erdöl zu stopfen. Dies geht, ähnlich wie entsprechende Massnahmen in Pakistan, in Bangladesch und in zahlreichen anderen Ländern, zu Lasten des Klimaschutzes – auch dies eine Folge der westlichen Embargopolitik gegen Russland, die dem verbissenen Machtkampf gegen den grossen Rivalen Vorrang vor der Versorgung ärmerer Länder mit Energie und mit Nahrungsmitteln einräumt.[7]

[1] Haris Zamir: «Pakistan blackouts widen as energy crisis deepens, fuel prices soar», spglobal.com 15.06.2022.

[2] Pakistan: «Textile industrie to remain closed amid shortage of gas supply», aninews.in 01.07.2022.

[3] Saeed Shah, Anna Hirtenstein: «Europe Scoops Up LNG, Choking Off Power Supplies in Poorer Nations», wsj.com 07.07.2022.

[4] Faisal Mahmud: «Frequent Power Cuts Hitting Bangladesh», voanews.com 09.07.2022.

[5] Nasrul: «Use gas and electricity judiciously», dhakatribune.com 06.07.2022.

[6] Stephen Stapczynski, Ann Koh: «Thailand at Risk of Fuel Crunch With Imported Gas Too Pricey», bloomberg.com 22.06.2022.

[7] S. dazu «Die Hungerkrise III», german-foreign-policy.com.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Online-Plattform german-foreign-policy.com. Diese «Informationen zur Deutschen Aussenpolitik» werden von einer Gruppe unabhängiger Publizisten und Wissenschaftler zusammengestellt, die das Wiedererstarken deutscher Grossmachtbestrebungen auf wirtschaftlichem, politischem und militärischem Gebiet kontinuierlich beobachten.
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7 Meinungen

  • am 24.08.2022 um 11:58 Uhr
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    Weiter gedacht: freut das nicht am Ende die russischen Gasexporteure, die nun ganz schnell neue Abnehmer finden und bessere Preise machen können, untergräbt das nicht am Ende wiederum Europas Führungsrolle, werden sich nicht jene betroffenen asiatischen Länder nun noch stärker BRICS zuwenden? Schon die überschnellen, auf wackeliger Rechtsbasis getroffenen Sanktionen, das Einfrieren von russischen Währungsreserven usw. lässt viele Staaten weiterdenken: das gleiche könnte auch ihnen drohen – und zwar im Handumdrehen – wenn sie einen der USA und der EU nicht genehmen Kurs einschlagen. Die EU macht moralinsaure Politik auf dem Rücken von Ärmeren und Schwächeren, die wiederum vermehrt als Flüchtlinge an unsere Türen klopfen werden. Das ist Doppelmoral und Bigotterie in reinster Form. Frei nach Faust: «Ich bin ein Teil von jener Kraft,
    Die stets das Gute will und stets das Böse schafft.»

    1
  • am 24.08.2022 um 19:50 Uhr
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    Das klingt schon bereits nach Realsatire pur: «Klimaschutz ist wenn man Kohleförderung betreibt.»

    Haben die verantwortlichen Entscheidträger alle guten Geister verloren ?

    Und Fracking ist erst am Anfang…

    Wer gewinnt, wenn die Kosten nicht steigen ?

    Hier muss man wohl anfügen, dass die Armen die Rechnung bezahlen, wenn egoistische reiche Länder alle Ressourcen an sich ziehen

    oder, wie es ein Swahili-Sprichwort sagt, «wenn Elephanten kämpfen, leidet das Gras».

    Ist das «grüne» Politik ?

    PS: Die Energiepreise haben schon einiges vor dem Ukraine Krieg angefangen dramatisch zu steigen. Diesmal war es wohl kaum Putin…

    0
    • am 26.08.2022 um 01:11 Uhr
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      @Hunkeler: sie sagen die Energiepreise sind schon vor dem Ukraine-Krieg gestiegen. Wieso sollte dann Deutschland jetzt nötig haben, überteuertes Flüssiggas zu kaufen wo sie doch 2 riesige Pipelines direkt nach Russland haben?
      Es sind nicht die egoistischen reichen Länder die alle Ressourcen an sich ziehen. Es gibt genügend Ressourcen auf der Welt. Russland ist voll davon. Das kleine Problem ist einfach, dass Russland von Gangstern kontrolliert wird. Diese Terroristen im Kreml wollen die Weltordnung zerstören, die wollen die westliche Demokratie kaputtmachen. Leider wird es für Russland nicht aufgehen, die können nicht mal mehr ihre Flugzeuge reparieren weil Boeing keine Ersatzteile mehr liefert, ist das nicht krass? Was Putin nicht bedenkt hat ist, dass der Westen 1000x mal stärker ist und ohne westliche Technologie ganz Russland untergehen wird…

      3
    • am 26.08.2022 um 14:20 Uhr
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      Dass Putin an allem Schuld ist, ist zum westlichen «Wertestandard» verkommen.

      Tatsache ist, dass die US selbst im CH-Energie-Aussenhandel spätestens seit 2016 fossile Energieträger aus Turkmenistan und Kasakstan zu ersetzen versuchen, Fakten die mit dem Ukrainekrieg nichts zu tun haben.

      Wenn Deutschland den «seven Sisters» [anglo-saxon Ölkartell] vertrauen will und dabei die eigene Wirtschaft zu ruinieren riskiert, ist das m.E. ein Auflaufen auf US-Mystizismus.

      Wenn unsere Regierung zu «solidarischen» Energiesparübungen aufruft, muss man sich doch Gedanken über den geistigen Gesundheitszustand dieser Apokalypse-Prediger machen.

      «Hidden agendas» ist der Motor der aktuellen Politik. Analytische Wahrheit interessiert nicht mehr.

      PS: Russland ist ein «grosses» Land. Die Abhängigkeit von westlicher Technologie, westlichen Zulieferketten … ist entsprechend klein. Illusionen sind kein Argument für Realpolitik.

      1
    • am 27.08.2022 um 01:43 Uhr
      Permalink

      Sie sagen, Russland ist ein grosses Land und dass deshalb die Abhängigkeit von westlicher Technologie klein ist. Denken sie dass die geografische Grösse etwas mit der wirtschaftlichen Grösse zu tun hat? Wissen sie wie hoch das BIP der USA und von Deutschland ist im Gegensatz zu Russland?
      Fast alle Flieger in der Zivilluftfahrt werden von Airbus und Boeing gebaut, und die haben sich komplett aus Russland verabschiedet. Microsoft zum Beispiel ist weg aus Russland. Gibt es eine wirkliche Alternative zu Windows? Ich glaube nicht.
      Russland kann soweit ich weiss keine Mikrochips bauen, das kommt alles aus Taiwan oder Südkorea. Was macht Russland also wenn Taiwan von heute auf morgen verkünden würde, dass sie keine Mikrochips mehr nach Russland liefern? Die einzige Hoffnung wäre dann China, aber wenn die keine liefern könnten wäre Russland verloren. Ohne Mikrochips läuft nichts.
      Wenn Putin verkündet die westlichen Sanktionen bringen nichts sind das Lügen, aus dem Kreml kommen nur Lügen…

      3
  • am 25.08.2022 um 21:19 Uhr
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    Guten Abend,
    es wurde einmal behauptet, dass es im Kapitalismus nichts gibt, was es nicht gäbe. Das schien wohl nur ein Fake New zu sein. Die Menschheit hat nur noch eine Wahl. Es ist die Wahl zwischen Vernunft und dem Erfrieren. Die Menschheit hat letzteres gewählt.
    Natürlich sind die Grünen noch immer die Grünen. Nur hat sich nach dem Mord an Petra Kelly und dem Tod von Gerd Bastian der Inhalt der Grünen in das Negative, in das Unmenschliche gekehrt. Die grüne Hülle ist zwar gleichgeblieben. Aber ihr Inhalt stinkt schon seit Jahren!

    Die Menschheit hat einst ein Mittelalter gehabt.
    Damals wütete Ketzerbrand und Hexenverfolgung.
    Wir sagen heute: „Das war Wahnsinn!“
    Wir glauben weiter gekommen zu sein.
    Unser Wahn ist größer!
    /* Theodor Lessing (1872 – ermordet 1933), deutscher Philosoph und Publizist */

    ELEFANTEN NICHT WÄHLEN

    Wer einen Porzellanladen besitzt, entscheide sich am Wahltage nicht für Elefanten.
    Kurt Wolfgang Ringel

    Viele Grüße
    Kurt Wolfgang Ringel

    0
  • am 26.08.2022 um 23:22 Uhr
    Permalink

    Guten Abend,
    der Herr Andree P,. versteht nicht viel von Geschichte. Ansonsten hätte er verstanden, was Herr Hunkeler gesagt und gemeint hat. Es sollte sich wirklich nur derjenige zu Wort melden, die ernsthaft etwas wesentliches zu sagen haben und das Gesagte auch der Wahrheit entspricht.

    Viele Grüße

    Kurt Wolfgang Ringel

    0

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