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Keine Zeichen von Öffnung in Iran. © Mira Pavlakovic

Erhellende Einblicke in den Iran

Erich Gysling /  Die Journalistin Natalie Amiri analysiert in einem klugen Buch die Lage in Iran.

Die mediale Vermittlung Irans, eines der Schlüsselländer zu Krieg oder Frieden in diesem Jahr, ist – um es gelinde auszudrücken – armselig. Die meisten grossen Medien lassen ihre Journalistinnen und Journalisten allenfalls für aktualitätsbezogene Berichte kurzzeitig akkreditieren, aber ein Büro in Teheran leisten sich immer weniger. Grund dafür sind nicht nur die Sparmassnahmen der Redaktionen im Bereich des Internationalen. Es handelt sich auch um eine Reaktion auf die von den iranischen Behörden laufend verschärften Rahmenbedingungen für die Arbeit ausländischer Journalisten.

Der in der Schweiz prominente Ulrich Tilgner hat seinen Standort Teheran schon vor Jahren aufgegeben, weil er es satt hatte, sich mit immer zwanghafteren Beamten herumzuschlagen; die spanische Zeitung „El Pais“ zog ihre hervorragende Korrespondentin schon davor zurück. Und jetzt hat auch noch Natalie Amiri von der ARD ihre Zelte in Iran abgebrochen – weil ihr (sie ist Deutsch-Iranerin) der Boden zu heiss wurde, oder konkreter, weil sie um ihre Freiheit, vielleicht um ihr Leben fürchten musste. Dies nach einer langjährigen, hoch qualifizierten journalistischen Tätigkeit von Teheran aus. Amiri ermöglichte es auch uns in der Schweiz, Einblicke in verschiedenste Lebensbereiche des  Landes zu erhalten. Ihre Beiträge vermittelten auch mir (der ich Iran eigentlich sehr gut kenne) immer wieder wichtige Erkenntnisse.

Die Mehrheit ist gegen das Regime

Wer Amiris Fernsehbeiträge aus Iran schätzte und diese jetzt vermisst, kann sich mit der Lektüre ihres Buchs „Zwischen den Welten – von Macht und Ohnmacht in Iran“ (Aufbau Verlag) trösten. Und mehr als das: Auf diesen 254 Seiten erfährt man, journalistisch professionell aufgearbeitet, noch viel mehr als das, was die Fernsehberichte der Journalistin vermitteln konnten. Zum Beispiel beantwortet sie diese Fragen: Wie gelang es den Revolutionswächtern, einen Staat im Staate zu bilden? Wie religiös ist dieses Land in seinem Wesen? Wie sehen Iranerinnen und Iraner den Westen? Weshalb die Feindschaft mit Israel – und ist diese Feindschaft unumkehrbar? Welche Zukunftsperspektiven gibt es überhaupt noch?

Für Natalie Amiri gibt es keinen Zweifel: Die Mehrheit der Menschen in Iran möchte das System der sich religiös legitimierenden Herrschaft loswerden. Doch im Lande selbst gibt es keine oppositionellen Identifikationsfiguren – die wurden entweder kaltgestellt, oder sie diskreditierten sich in der öffentlichen Meinung selbst. Im Ausland gibt es zwar Oppositionsgruppen, aber wie abgehoben von der Realität ihre Repräsentanten sind, das lässt sich nur erahnen. Aussichten für einen grundlegenden Wandel Irans in absehbarer Zeit erkennt die Autorin jedenfalls keine – auch wenn zumindest zwischen den Zeilen herauszulesen ist, dass sie sich einen solchen Wandel sehnlichst wünscht.

Unberechenbare Behörden

Das Buch beeindruckt durch die Analysen ebenso sehr wie durch die Schilderungen persönlicher Erfahrungen. Besonders eindrücklich ist das Kapitel „Arbeitsbedingungen“ – da beschreibt Natalie Amiri (immer klaglos) die unendlich vielen Hürden, welche die Behörden  als Barrikaden gegen eine freie Berichterstattung aufbauen: „Das Verhalten der Behörden uns Journalisten gegenüber veränderte sich ständig. Es hatte viel damit zu tun, wie paranoid der Staat gerade war. Für uns stellte das einen permanenten Drahtseilakt dar. Wir mussten von Fall zu Fall entscheiden, wie weit wir gehen durften, wann die rote Linie überschritten war.“

Nach dem Abschluss des Atomabkommens (2015) sei vorübergehend vieles plötzlich leichter geworden, aber als Donald Trump 2016 US-Präsident wurde und die USA 2018 aus dem Atomabkommen ausstiegen, wurde alles wieder schwieriger: „Die Revolutionsgarde war omnipräsent auf der Strasse. Ihr Geheimdienst war überall, und die Hardliner im Land, die der internationalen Presse gegenüber nie positiv eingestellt waren, hatten Aufwind bekommen.“

Blick in die Kristallkugel

Natalie Amiri schrieb das letzte Kapitel im Dezember 2020 – sie versucht auf den letzten Seiten, einen Blick in die Kristallkugel zu werfen: Wie wird das weitergehen? Noch mehr Annäherung an China? Es ist wahrscheinlich, auch wenn diese Ausrichtung bei der Bevölkerung nicht beliebt ist. Werden die Hardliner weiterhin Terrain gewinnen? Das ist ebenfalls wahrscheinlich, sofern es nicht gelingt, die USA zur Aufhebung der Sanktionen zu bewegen. Wird ein Bannerträger der Ideologie der Revolutionswächter die Nachfolge von Staatspräsident Ruhani antreten? Das ist möglich. Wird es noch mehr Demonstrationen und noch mehr Repression durch das Regime geben? „Je grösser der Druck auf den Iran, desto repressiver wird sich die Machtelite gegen Kontrahenten und Kritiker verhalten“: Mit dieser Prognose endet das letzte Kapitel. Nein, nicht ganz – danach folgt noch: „Im Moment kann ich nicht in den Iran reisen. Aber irgendwann. Da bin ich zuversichtlich.“

Natalie Amiri: «Zwischen den Welten – Von Macht und Ohnmacht im Iran». Aufbau Verlag, 2021, 254 Seiten.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

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10 Meinungen

  • am 27.03.2021 um 11:30 Uhr
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    Herr Gysling «vergisst» zu erwähnen, welche Bedrohung und negative Auswirkungen auf den Iran alleine von der EU/Deutschland resp. deren Politiker ausgeht welche sich noch anmassen im Namen Europas zu sprechen.

    Aufrüstungs- und Kriegstreiber sind neben Maas SPD, von der Leyen und Kramp-Karrenbauer CDU, die Bundestagsabgeordneten Fischer, Lindner, Baerbock alle Bündnis 90/Die Grünnen, Hennig-Wellsow und Wissler DIE LINKE und andere mehr. Nicht zu reden und zu schreiben von den Heerscharen an unbekannten Kriegsbefürwortern in der deutschen Bildungsschicht, dem deutschen Bildungsbürgertum. AfD, Front Nationale, Lega Nord (und Schweiz SVP) und dergleichen sind ohnehin auf das Recht des Stärkeren konditioniert.

    Das Schweigen der schweizerischen Grünen und SP heisst, dass sie der Aufrüstung und dem Kriegstreiben ihrer Schwesternparteien in Deutschland gutheissen. Hinzu kommen all jene welche ihnen ihre Stimme geben. Sie sind gleichermassen mitverantwortlich.

    In ihrem Arbeitspapier 1/2021 empfiehlt die staatliche deutsche Denkfabrik ‘‘Bundesakademie für Sicherheitspolitik’ in ihrem Fazit zu Iran: «Notwendige Konsequenz dieser Interessendefinition könnte es im Extremfall sein, auch einen Militärschlag der USA und/oder Israels gegen Iran zu unterstützen, falls dieser notwendig werden sollte, um eine nukleare Bewaffnung des Landes zu verhindern»
    Eine übliche Rechtfertigung für Angriffskriege. Ebenso die Floskel, dass es sich bei dieser Empfehlung um eine persönliche Meinung handle.

    2
  • am 27.03.2021 um 11:46 Uhr
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    Ich musste es teilweise 2x lesen, um meinen Augen zu trauen. Stark ist, diese Infos zu erhalten.
    Nur so können wir weitere Meldungen über die Entwicklung dort einordnen. Echt unabhängiger
    Blick hinter die Kulissen. Zudem empfinde ich alle Angaben als absolut glaubwürdig und vertraulich. Habe es sofort weiter geleitet an einen Bekannten in D, der Buchhändler ist.

    3
  • am 27.03.2021 um 13:31 Uhr
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    Die Frage, wie sich in Iran ein Staat im Staat bilden konnte, ist vielleicht auf den ersten Blick wichtig, doch sollten wird die gleiche Frage nicht auch einmal zu den USA stellen?
    Sollten wir nicht auch einmal nachhaken, warum Israel und Iran angeblich so verfeindet sind, wo es doch Israel war, die im Auftrag der USA Iran mit Waffen und viel Geld für einen Krieg gegen Irak versorgten? Gibt man einem Erzfeind freiwillig Waffen? Ganz bestimmt nicht. Also können wir doch wohl eher davon ausgehen, das Israel unter Druck gesetzt wurde, möglicherweise wie schon Russland und China wie auch Indien von den USA mit dem Einsatz von Atombomben bedroht wurde. Die USA, das ist ja mittlerweile spätestens durch das Buch «Weltbeherrscher – Militärische und geheimdienstliche Operationen der USA» von Armin Werts bekannt geworden. Der Inhalt des Buches beginnt mit dem Jahr 1794 und zeigt, wie agressiv die USA schon von Anfang an vorgingen, wenn ei anderes Land nicht «spurte».
    Das es im Iran ist wie es ist, bedeutet leider längst nicht, das es die Iraner selbst sind, die das ganz versursachen, sondern sich womöglich irgendwelche «Berater» in die Regierungen eingeschlichen haben, die den Iran weiter nach aussen als Agressiv darstehen lassen, damit das Feindbild Iran nicht verloren geht. Wir dürfen nicht vergessen, das die CIA und andere US Geheimdienste sich schon sehr früh im Nahen wie auch dem Fernen Osten festgesetzt haben und «lenkend» eingreifen.

    1
  • am 27.03.2021 um 14:01 Uhr
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    Vielen Dank für diesen Beitrag, Herr Gysling. Habe Ihre Sendungen immer mit grossem Interesse verfolgt. Das Buch von Frau Amiri habe ich noch nicht lesen können, daher ist mein folgender Kommentar unabhängig davon. Ich möchte nämlich festhalten, dass das iranische Regime von der Vorstellung ausging, man könne Menschen zur Tugend zwingen. Das war auch die Einstellung der Inqusition, der Kommunisten und alle anderen Ideologien. Die iranischen Verantwortlichen werden inzwischen gemerkt haben, dass das nicht möglich ist. Tugend, Ethik, Moral und Glaube sind individuelle Eigenschaften und Wegweiser. Aber anstatt das ihnen (auch mittels des Korans) klarzumachen, reagieren wir mit genau demselben Fanatismus, nur nennen wir den unseren «demokratische Ideale». Um bei der Religion zu bleiben: Ziehen wir doch erst einmal den Balken aus unserem Auge, bevor wir den Splitter in den Augen der anderen kritisieren

    2
  • am 27.03.2021 um 21:35 Uhr
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    Zitat: „Je grösser der Druck auf den Iran, desto repressiver wird sich die Machtelite gegen Kontrahenten und Kritiker verhalten“.

    Das erklärt doch sehr viel und diese Erkenntnis ist völlig logisch!
    WER macht denn soooo Druck auf dieses Land?
    und WER hatte denn 1953 das Land durch den kriegerischen Sturz der demokratisch gewählten Regierung traumatisiert? – das Schah-Regime installiert und bis zum bitteren Ende unterstützt? – und genau damit den Erfolg der Mulla’s erst ermöglicht?

    Ulrich Tilgner so in den Bericht einzubauen erachte ich als unsorgfältig, das mit den komplizierten Arbeitsbedingungen wird wohl stimmen. Doch erforderten die geopolitischen Komplikationen mit dem Angriffskrieg auf Syrien und der Unterstützung Syriens durch den Iran eine umfassendere Betrachtung!
    Ulrich Tilgner ist fähig und willens sehr differenziert über den unsäglichen Krieg gegen Syrien zu berichten, das durften wir denn auch schon vor ein paar Jahren vernehmen.
    Für echt investigierende Journalisten waren die Arbeitsbedingungen kaum jemals einfach.
    Als Iranerin für die ARD als NATO-höriges Propagandainstitut zu arbeiten ist eine spezielle Herausforderung, nicht nur für die Iranerin selbst sondern auch und ganz besonders auch für die Iranische Regierung – logisch!

    1
  • am 27.03.2021 um 21:38 Uhr
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    Die Unterschrift unter der Photo am Anfang des Artikels lautet «keine Zeichen von Öffnung im Iran». Es müsste eigentlich heissen «keine Zeichen von Öffnung mehr im Iran». Vor etwa 8 Jahren bereiste ich das Land zusammen mit einer grösseren Schweizer Reisegruppe. Überall, wo wir mit unserem Bus mit Schweizer Kontrollschildern ankamen wurden wir fast überhäuft von Zeichen der Symphatie und des Goodwills, die Menschen, auch Offizielle, sprachen offen mit uns, äusserten auch Kritik gegenüber dem eigenen Regime. Die Äusserungen, die sie uns gegenüber machten, waren voller Hoffnung und voller Erwarungen. Und dann begannen die USA erneut mit Sanktionen und Strafen, besonders unter Trump grenzte das Gebaren an Erpressung und das Tüpfelchen auf’s i setzte Trump mit seinem «Ausstieg» aus dem Atomabkommen, als ob das Prinzip «Verträge müssen eingehalten werden» nie existiert hätte. Das iranische Volk und NUR das Volk leidet unter den ständigen Sanktionen und all der Goodwill und all die Hoffnungen wurden zunichte gemacht. Man hat in dieser Zeit eine Riesenchance verpasst und das hat der Westen (die USA und deren beschämend «devote» Staaten, auch in Europa) zu verantworten. Ich bin gar kein Freund der Mullas, im Gegenteil, aber der Frost und die Enttäuschungen, die mittlerweile auch im iranischen Volk verbreitet sind, haben wir verursacht, nicht die Iraner. Durch das Verhalten des Westens ist das iranische Volk wieder näher ans Regime gerückt, als je!

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  • am 27.03.2021 um 22:02 Uhr
    Permalink

    Iran hat eine kulturelle Tiefe, die in westlichen Ländern systematisch unterschätzt wird.
    Es wäre Zeit, etwas mehr Verständnis für solche Unterschiede aufzubringen.

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  • am 28.03.2021 um 15:51 Uhr
    Permalink

    @ Josef Hunkeler

    Dabei hatte man im Iran schon Kultur, als wir in Europa noch in Höhlen lebten.
    Sowohl im alten Persien wie auch in Mesopotamien war man alleine schon, was Wissenschaft angeht, sehr viel weiter entwickelt als in Europa.
    Das heute die Religionsführer die Oberhand haben, war doch schon der eigentliche Plan der USA – Naomi Klein hat das ganze in ihrem Buch «Schockstrategie» sehr ausführlich beschrieben.
    Auch das Buch «Weltbeherrscher» von Armin Weitz – das auf den veröffentlichten Dokumenten des US Kongresses basiert – zeigt die grundsätzlich agressive Haltung der USA, die auch schon kurz nach dem 2.Weltkrieg ganz hemmungslos mit dem Einsatz der Atombombe in Russland, China und Idien drohte. Die Amerikaner sind schlichtweg Größenwahnsinnig und glauben tatsächlich jeden Unsinn, die sie von ihrer Regeirung zu hören bekommen. Alleine der viel und gern verwendete Begriff der «Nationalen Sicherheit», der bei jeder Gelegenheit aufgesagt wird, läßt mich am Verstand der Menschen dort zweifeln.

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  • am 31.03.2021 um 01:17 Uhr
    Permalink

    Ich fürchte, es werden noch grosse Probleme auf uns zu kommen. Ich habe Zweifel daran, ob es den Usa möglich ist, von ihrer Strategie des Drohens zu einer Strategie der Diplomatie zu wechseln. Wer Wind sät, könnte Sturm ernten. Wer einen Feind bekämpft, wird selber zu dem, was er bekämpft. Was man mit Gewalt erreicht, kann man nur mit Gewalt behalten. Wer für gute Werte, Frieden, Konsens und Respekt kämpft, muss diesen selber auch bieten können, nur dann kann eine positive Entwicklung eintreten. Nachdem Pr. Biden Pr. Putin einen Mörder genannt hatte, und die Schweiz China, ohne vor Ort gewesen zu sein, einen Gesichtsverlust durch Kritik (Uiguren, angebliche Todesstrafen) zugefügt hatte, welche Marshall Rosenberg als verbale Gewalt einstufen würde, stehen die Zeichen mehr als schlecht. Diese Ereignisse werden dem Iran nicht entgangen sein. Eine Kette betrüblicher Ereignisse, gewachsen auf Dummheit, es braucht nur noch ein Funke, und das Pulverfass könnte hochgehen.

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