Das Nachhaltigkeitsdenken ins Lächerliche gezogen

Christian Müller © aw

Christian Müller /  Die NZZ am Sonntag schiesst auf das Konzept Nachhaltigkeit – mit leeren Wortklaubereien eines Technik-Journalisten.

Wer kennt es nicht, das Vergnügen, einen einzelnen Begriff über die Schwierigkeit seiner Definition ins Lächerliche zu ziehen? Sowas zu lesen, etwa im Feuilleton in einer Buchbesprechung, wenn der eine Intellektuelle, der «nur» Zeitungspapier bekleckst, den auf besserem Papier publizierenden Buchautor auseinandernimmt, kann durchaus unterhaltsam sein. Florett-Kämpfe mit Wörtern, ja, dagegen ist nichts einzuwenden. Das schärft die Gedankengänge, die Fähigkeit zur Formulierung, die Präszision in der Argumentation.

Technik über alles

Wenn allerdings ein Technik-Journalist – im konkreten Fall Hans Dieter Sauer – mit der Sezierung des Begriffs der «Nachhaltigkeit» das Ziel der Nachhaltigkeit der allgemeinen Lächerlichkeit preisgibt, macht das keinen Spass. «Wie hätten unsere Vorfahren ihre Bedürfnisse im Hinblick auf unsere regulieren sollen?», fragt er vermeintlich sarkastisch und verrät damit gleichzeitig seine Ignoranz der Weltgeschichte. Denn bevor die Erkenntnis, dass unsere «Welt» eine nur begrenzt nutzbare Erde ist, sich überhaupt durchsetzte, war wohl der Gedanke an eine mögliche Übernutzung unserer Ressourcen kaum naheliegend. Und dennoch haben unsere Vorfahren sehr viel an die Zukunft gedacht und, im Gegensatz zu heute, sogar sehr viel Arbeit in die Zukunftssicherung ihrer Kinder und Kindeskinder investiert. Wenn etwa ein Bauer in Südfrankreich einen Eichenhain anlegte, dann wusste er sehr wohl, dass frühestens sein Sohn, wahrscheinlich aber sogar erst seine Grosskinder darunter Trüffel würden ernten können. Und wenn die Walliser ihre Wasserleitungen – die Suonen – entlang den Felsen gebaut haben, um das regelmässiger als Regen fliessende Gletscherwasser auf ihre Felder zu leiten, haben sie sehr wohl an die Zukunft gedacht. Dass die Technik der geschlossen Rohrleitungen die römischen Aquädukte oder eben diese Suonen im Wallis eines Tages überflüssig machten, ist kein überzeugendes Argument gegen unsere Pflicht, die Zukunft der Menschheit im Auge zu behalten. Oder sollen wir einfach davon ausgehen, dass eines Tages etwas erfunden wird, mit dem die radioaktive Strahlung verhindert werden kann? Oder dass mit kluger Technik die leergefischten Ozeane wieder eine uneingeschränkte Quelle der Nahrungsmittelbeschaffung sein werden?

»Nachhaltig unsinnig»

»Nachhaltig unsinnig» lautet der Titel des ganzseitigen Artikels in der NZZ am Sonntag vom 15. April 2012, der – als Pünktchen auf dem i – unter der Rubrik «Wissen» publiziert wurde. Die Einleitung, der sogenannte Vorspann, der normalerweise nicht vom Autor eines Artikels, sondern von der Redaktion der Zeitung formuliert wird, lautet: «Nachhaltigkeit hat sich als Leitbild für die Gestaltung der Welt etabliert. Doch tatsächlich bietet der Begriff keine Orientierung. Im Gegenteil: Er verhindert zukunftsweisende Technik, schreibt Hans Dieter Sauer.»

Hans Dieter Sauer belehrt dann die Leserinnen und Leser, dass schon 1987, als der Begriff der Nachhaltigkeit von der norwegischen Ministerpräsidentin Brundtland in die politische Diskussion gebracht wurde, der britische Ökonom Wilfred Beckermann Kritik geübt habe. Die «nachhaltige Entwicklung» sei ein «unscharfer, verschwommener Begriff», habe er schon damals geschrieben. Dann aber argumentiert Sauer selber weiter, warum das angestrebte Ziel der Nachhaltigkeit zukunftsweisende Techniken, etwa die Genmanipulation, behindere. (Siehe dazu unten einige wörtlich wiedergegebene Stellen aus seinem Text.)

Was heisst denn «nachhaltig»? Der Begriff kommt aller Wahrscheinlichkeit nach aus der Holzwirtschaft. Dort heisst nachhaltig: nicht mehr fällen, als nachwächst. Wer das begriffen hat, muss nicht versuchen, den Begriff «Nachhaltigkeit» so zu sezieren, dass er nicht mehr ernst genommen wird.

Ein «Fall Sauer»?

Wenn ein Technik-Journalist ein Technik-Freak ist, so ist das wenig verwunderlich. Wenn die Sonntagsausgabe des Schweizer Intelligenzblatts NZZ allerdings mit einem Text dieses Technik-Freaks den ganzen Gedanken der Nachhaltigkeit und das Ziel nachhaltigen Wirtschaftens über eine unvollständige und spitzfindige «Analyse» des Begriffs «Nachhaltigkeit» ins Lächerliche zieht, dann gibt das schon sehr zu denken. Vor allem, weil es sich dabei nicht um eine «verunglückte» Einzelleistung der NZZ am Sonntag handelt, sondern mehr und mehr System bekommt. Im gleichen Blatt etwa bezeichnete der regelmässige Mitarbeiter David Signer vor einiger Zeit alle Leute, die dem Geschindigkeitswahn unserer Zeit kritisch gegenüber stehen und eine Entschleunigung unseres Lebens anstreben, schlicht und beleidigend als «dumm».

Es ist deshalb zu befürchten, dass der Artikel «nachhaltig unsinnig» kein «Fall Hans Dieter Sauer» ist, sondern ein «Fall NZZ am Sonntag».

Siehe dazu auch den infosperber-Artikel «Die NZZ rückt sichtbar nach rechts» (unten zum Anklicken).

Kleiner Nachtrag:

Die NZZ am Sonntag vom 22. April, also eine Woche später, publizierte als Echo auf den Artikel von Hans Dieter Sauer gleich zehn Leserbriefe. Und siehe da, manchmal sind die Leserinnen und Leser einer Zeitung intelligenter als deren Redaktoren: Neun der zehn publizierten Reaktionen machen denn auch auf die Argumentationsschwächen und -fehler des Sauer-Artikels aufmerksam. Nur gerade eine Dame aus Commano dankt für die «sonntäglich anregende Lektüre».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

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Eine Meinung zu

  • am 22.04.2012 um 12:13 Uhr
    Permalink

    Die Infos der NZZ sind nicht nachhaltig

    Vor vielen Jahren publizierte die NZZ falsche Infos zu meiner Person. Ich forderte eine Korrektur. Die NZZ machte geltend dass sie niemals «eine Korrektur» publiziere. Ein Leserbrief war mir zu wenig.
    Ich wollte prozessieren – bis mir mein Anwalt sagte, es
    bestehe kein Zweifel dass die NZZ ihre mangelnde
    Wahrheitsliebe bis ins Bundesgericht ziehe. Ich würde
    den Fall gewinnen aber 100.000 CHF Zeitaufwand usw.
    verlieren.
    Hat jemand schon gesehen, dass die NZZ sich irrt und dies
    engesteht? Dennoch bin ich ein zufriedener Leser der NZZ, freilich mit reduzierten Erwartungen,

    0

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