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Dramatisch mehr Menschen in Städten, während sich weite Landstriche in vielen Ländern entvölkern © christof_bellin/Flickr

Bevölkerungsexplosion abgesagt

Jürg Müller-Muralt /  Ecopop prophezeit ein «dramatisches Wachstum der Weltbevölkerung», ein Demografie-Experte eine «demografische Entschleunigung».

Die Personenfreizügigkeit mit der EU und die Einwanderung ganz allgemein werden zu einem dominierenden Wahlkampfthema. Gleich drei eidgenössische Volksinitiativen sind in den letzten Wochen und Monaten zu diesen Themen angekündigt worden. Die SVP will die Zuwanderung in die Schweiz bekämpfen und fordert jährliche Kontingente, und die Schweizer Demokraten wollen eine «Stabilisierung der Gesamtbevölkerung». Die Schweiz erlebt in der Tat seit 1990 einen starken Bevölkerungszuwachs, insbesondere durch Zuwanderung.

«Geburtenraten nehmen überall deutlich ab»

Nicht nur mit der Schweiz, sondern gleich mit der ganzen Welt beschäftigt sich das Volksbegehren der «Vereinigung Umwelt und Bevölkerung» (Ecopop). Ecopop fordert nicht allein die Begrenzung der Zuwanderung auf eine Quote von 0,2 Prozent; sie will den Bund per Verfassung gar verpflichten, dass «mindestens 10 Prozent seiner in die Entwicklungszusammenarbeit fliessenden Mittel in Massnahmen zur Förderung der freiwilligen Familienplanung» fliessen. Damit soll gemäss Ecopop das «dramatische Wachstum der Weltbevölkerung» gesenkt werden.
Dramatisches Wachstum der Weltbevölkerung? Falsch, meint der französische Demografie-Experte Gérard-François Dumont, Professor an der Pariser Sorbonne: «Die Geburtenraten nehmen seit Jahrzehnten überall deutlich ab». Die «historisch rückläufige Fertilität führt zu einer spürbaren demografischen Entschleunigung.»

Neue demografische Landschaften

In einem Dossier der Juni-Ausgabe des «Le Monde diplomatique» zeichnet Dumont neue demografische Landschaften und bezeichnet einige sich hartnäckig haltende Behauptungen als «Phrasen»: Bevölkerungsexplosion? «Keine Angst, die Bombe wird nicht explodieren. Das Hauptproblem des 21. Jahrhundert wird nicht das rapide Wachstum der Bevölkerung sein, sondern ihre Alterung.» Wir werden auch nicht in einer überbevölkerten Welt leben. Wegen der Verstädterung und der Zusammenballung auf relativ engen Räumen entvölkern sich ganze Regionen.

Russland schrumpft

Dies wird deutlich, wenn man etwa die Entwicklung Russlands betrachtet. In den vergangenen 20 Jahren hat die Region Murmansk ein Viertel seiner Bevölkerung verloren, und in der Region Magadan leben zwei Drittel weniger Menschen als zu Sowjetzeiten. Auch der Ferne Osten Russlands – er ist flächenmässig grösser als die gesamte heutige EU – erlebte einen Bevölkerungsverlust von 20 Prozent, wie ein weiterer Beitrag in diesem ausgezeichneten Dossier von «Le Monde diplomatique» nachweist. Doch nicht nur in fernen Gebieten, in ganz Russland geht die Bevölkerungszahl seit dem Ende der Sowjetunion rapide zurück: Fast sechs Millionen Einwohner hat das Land seit 1991 verloren – und das trotz Zuwanderung. Ursachen sind unter anderem sinkende Geburtenraten, niedrige Lebenserwartung der Männer, schlechte gesundheitliche Verfassung der Bevölkerung.

Deutschland entvölkert sich

Auch in Deutschland sinkt die Bevölkerungszahl deutlich. Gemäss jüngsten Prognosen dürfte die Zahl der Menschen im Jahr 2050 von heute knapp 82 Millionen auf rund 70 Millionen zurückgehen. Bis 2002 liess sich der natürliche Schwund über die Zuwanderung ausgleichen, doch heute klappt das nicht mehr, wie aus der im März 2011 publizierten Studie «Die demografische Lage der Nation» des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hervorgeht. Ganze Landstriche entleeren sich: «Bereits heute verlieren etwa zwei Drittel aller Kreise Bevölkerung.» Am gravierendsten sei die Entwicklung in Ostdeutschland. Doch auch Westdeutschland ist betroffen, vor allem entlang der Grenze zu Tschechien. Ebenso verlieren das Ruhrgebiet, die Südwestpfalz und das Saarland Einwohner.

Südliches Mittelmeer wie Europa

Selbst in traditionell geburtenfreudigen Regionen ist eine Trendwende zu beobachten. «Le Monde diplomatique» spricht deshalb von der «Mär von der arabischen Geburtenoffensive»: «Die Fertilitätsrate – die immer wieder dazu diente, die Angst vor den muslimischen Ländern zu schüren – nähert sich in Staaten wie Tunesien, Marokko, Libanon und der Türkei mittlerweile dem europäischen Durchschnitt an.»

Eine Frage der Kultur

Es kann also nicht schaden, inmitten des helvetischen Immigrations-Alarmismus zwischenhinein den Blick auf die globale Entwicklung zu richten. Dies umso mehr weil die «Vorstellung von Überbevölkerung eher eine Frage der Kultur als der tatsächlichen Menge ist», wie es im Dossier so schön heisst.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Million mehr Menschen bei uns?

Eine Zunahme von einer weiteren Million Menschen in der Schweiz prognostiziert das Bundesamt für Statistik.

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2 Meinungen

  • am 16.06.2011 um 10:59 Uhr
    Permalink

    Weg von den Regionen hin zur WELT-Bevölkerung. Die wächst doch nach wie vor, oder etwa nicht?

    0
  • am 16.06.2011 um 18:46 Uhr
    Permalink

    Ich habe den Bericht im «Monde diplomatique» auch gelesen. Er bietet eine aufschlussreiche Betrachtung zur Alterung und zur unterschiedlichen Entwicklung in einzelnen Länder. Er widerlegt jedoch die Einschätzung, das Wachstum der Weltbevölkerung sei weiterhin «dramatisch", nicht direkt. Fakt ist: Die prozentuale Wachstumsrate der Weltbevölkerung hat schon in den letzten Jahrzehnten abgenommen, aber auf stetig höherem absoluten Niveau. Darum ist der Zuwachs der Weltbevölkerung in den letzten 24 Jahren in absoluten Zahlen nahezu gleich hoch geblieben; etwa alle zwölf Jahre wuchs sie um eine weitere Milliarde. Das kann man als «dramtisch» beurrteilen, wenn man bedenkt, dass die Weltbevölkerung insgesamt heute schon mehr natürliche Ressourcen verbraucht, als die Natur regenerieren kann.
    Hanspeter Guggenbühl

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