Russische Gefahr TOI.xx

Aus ihrer Geschichte ist es nachvollziehbar, dass in Polen (hier Ministerpräsident Donald Tusk) und in den baltischen Staaten Angst vor Russland geschürt werden kann. Diese Angst nützt die militärisch-industrielle Lobby aus. © TOI

«Berechtigte Zweifel, dass Russland die Nato bedroht»

upg. /  Es werde Angst vor Russland geschürt, damit die Unterstützung der Ukraine nicht erlahmt, sagt Sicherheitsforscher Johannes Varwick.

Johannes Varwick

Johannes Varwick

upg. Wegen der Bedrohung Russlands seien Rekordausgaben zum Aufrüsten «zwingend notwendig»: So der allgemeine Tenor.
«Daran gibt es berechtigte Zweifel», meint Johannes Varwick* in seinem soeben erschienenen Buch «Stark für den Frieden – Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist»**. 
Weil Stimmen, die das Aufstocken der Rüstungsausgaben in Frage stellen, wenig zu Wort kommen, übernehmen wir im Folgenden mit Einverständnis des Verlags einige Auszüge des Buches. 
Zwischentitel von der Redaktion.


Der Kräftevergleich Nato-Russland

«So dumm ist Putin nicht. Solange er davon ausgehen muss, dass die Nato auf einen Angriff militärisch reagiert, wird er nicht versuchen, sich Litauen oder andere baltische Staaten einzuverleiben – geschweige denn Deutschland anzugreifen. Für Hysterie besteht überhaupt kein Anlass.» 

Das sagte der Friedens- und Konfliktforscher Herbert Wulf.

Michael Rühle, ein langjähriger deutscher Nato-Mitarbeiter, erklärte in «Cicero»:

«Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein deutscher General, ein Militärhistoriker oder ein Politikprofessor mit sorgenvollem Stirnrunzeln seine Einschätzung zum bevorstehenden Angriff Russlands zum Besten gibt. In spätestens drei, vier oder fünf Jahren, so orakeln die Kassandras, könnte Russland in der Lage sein, die Nato anzugreifen.»


Kalkulierte politische Botschaften

Bei diesem «Wettbewerb der Schwarzseher», erklärte Rühle, «handelt es sich um keine seriösen Bedrohungsanalysen, sondern um kalkulierte politische Botschaften, mit denen man vor allem verhindern will, dass die westliche Unterstützung für die Ukraine nachlässt». 

Experten wie Carlo Masala oder Sönke Neitzel – also jene, welche die Bedrohungsperzeption inklusive der Zeitlinie 2029 öffentlich in die Medien trugen – geben inzwischen zumindest implizit zu, auf welch dünner Grundlage ihre Argumentation fusst. 

So meint Carlo Masala in einem «Zeit»-Interview auf die Frage, worauf sein Szenario basiere: «Wir bereiten uns auf den schlimmsten Fall vor … Politiker müssen sagen, dass Russland 2029 einen Krieg führen könnte, um die Menschen auf höhere Verteidigungsmaßnahmen einzustimmen.»

Und Sönke Neitzel an gleicher Stelle, warum er denke, dass wir den letzten friedlichen Sommer erleben: «Ich halte das für ein Szenario, das wir nicht ausschliessen können. Meine Warnung basiert auf Gesprächen mit Experten aus Sicherheitskreisen. Denn: Wer Putin Schwäche zeigt, ist bedroht.» 

Mit wem genau Neitzel sprach, könne er übrigens nicht sagen. Na dann!

*Autor Johannes Varwick

Varwick ist Professor für Internationale Beziehungen und europäische Politik an der Universität Halle-Wittenberg. Seit Mai 2024 präsidiert er das Wissenschaftliche Forum Internationale Sicherheit (WIFIS). Anfang 2003 war Varwick Fellow am State Department in Washington und von August 1999 bis Oktober 2000 Leiter des Bereichs europäische Sicherheitspolitik am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Er ist Autor mehrerer Bücher über internationale Beziehungen.


Die Zahlen

Die Fakten sehen anders aus: Die Nato-Staaten geben etwa zehnmal so viel Geld für Rüstung aus wie Russland. Den insgesamt rund 1474 Milliarden Dollar, die alle derzeit 32 Nato-Staaten 2024 gemeinsam aufwenden, steht ein russischer Verteidigungshaushalt gegenüber, der – obschon er ebenfalls rasant wächst – ein Bruchteil davon beträgt. 

Dies gilt selbst dann, wenn man nur die Ausgaben der europäischen Staaten addiert. Diese liegen bei insgesamt 507 Milliarden Dollar

Damit stellt sich die Frage, auf welcher Bedrohungsanalyse die Aussage beruht: «Angriff Russlands auf die Nato im Jahr 2029.» 

Unstrittig ist, dass Russland etwa ein Drittel seines gesamten Staatshaushaltes für Rüstung investiert (das entspricht gut sieben Prozent seines Bruttoinlandprodukts) und die russischen Militärausgaben in den vergangenen Jahren rasant gestiegen sind. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI beträgt der russische Verteidigungshaushalt im Jahr 2024 rund 149 Milliarden US-Dollar. Solchen Zahlen ist mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen, denn einerseits gibt es neben dem Haushaltsposten «nationale Verteidigung» noch andere militärisch relevante Posten, wie etwa Raumfahrtprogramme und paramilitärische Verbände. 

Andererseits würde eine (schwer messbare) Kaufkraftbereinigung die tatsächliche Wirtschaftskraft hinter diesen Zahlen besser widerspiegeln, da der Wert der Waren und Dienstleistungen, die Russland mit seinem BIP kaufen kann, eine andere Perspektive als die reine Geldmenge in Dollar bietet. Aber auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Kaufkraft bleibt das deutliche Übergewicht zugunsten der Nato bestehen – und dies trotz der Tatsache, dass Russland ein nach innen wie aussen militarisierter Staat ist. 


Andere wichtige Parameter

Der Nato sind mit Finnland und jüngst Schweden zwei neue Staaten beigetreten. Sie umfasst nun 32 Staaten. Damit erfährt die Allianz eine strategische Verstärkung an ihrer Nordostflanke beziehungsweise der Ostsee und verstärkt zugleich das strukturelle Ungleichgewicht im Verhältnis zu Russland, das nun eine weitere, 1300 Kilometer lange Grenze mit der Nato hat. 

Nicht zuletzt ist der russische Flottenstützpunkt Murmansk – der Heimathafen eines Grossteils der nuklearen U-Boot-Flotte – einem hohen Risiko ausgesetzt: Schweden und Finnland haben den USA etwa 30 Stützpunkte zur temporären Nutzung zur Verfügung gestellt. Dort finden regelmässig Patrouillenflüge von US-Kampfbombern statt (darunter B-52). 

Fünfmal mehr Kampfflugzeuge

Bei den Grosswaffensystemen übertrifft die Nato Russland dreifach. Ein Beispiel: Über 5400 Kampfflugzeuge der Nato-Staaten stehen gut 1000 russischen gegenüber. Die Nato-Staaten verfügen über weit mehr als 3 Millionen aktive Soldatinnen und Soldaten, Russland über 1,3 Millionen. 

Der Krieg gegen die Ukraine hat die russischen Defizite bei Kommandostruktur, Transportfähigkeit, Technologie und Kampfkraft deutlich aufgezeigt. 

Selbst ohne die USA und Kanada sind die europäischen Nato-Staaten Russland überlegen, auch mit moderneren und leistungsfähigeren Waffensystemen. 

Lediglich bei den Atomwaffen herrscht ein strategisches Gleichgewicht. 

Insgesamt hat die Nato in den vergangenen Jahren auf den russischen Angriffskrieg umfassend reagiert und ihre Verteidigungspläne für die sogenannte Ostflanke angepasst. Mit dem neuen «Nato Force Modell», dem Konzept der «Multi Domain Operations», der Aufstellung einer «Very High Readiness Joint Task Force» (VJTF), der Stationierung von Truppen im Baltikum («Enhanced Forward Presence») und anderem mehr spricht alles dafür, dass die Nato jeder russischen Aggression militärisch begegnen kann und sie damit wirksam abschreckt. 

Das heisst, ein eventueller russischer Angriff auf die Nato würde eine vernichtende militärische Reaktion auslösen, die vorrangig Kaliningrad, die russische Ostseeflotte und den westlichen Grenzraum Russlands treffen würde – für Moskau ein existenzielles Risiko. Trotz aggressiver Rhetorik gibt es kaum Hinweise darauf, dass Russland bereit oder fähig wäre, ein solches Risiko einzugehen.

So kommt eine umfassende Studie, unter anderen von Professor Herbert Wulf, zum nachvollziehbaren Schluss: «Die Analyse der militärischen Kapazitäten der Nato und Russlands lässt keinen Zweifel an der allgemeinen militärischen Überlegenheit der Nato.» 


«Rationale Sicherheitspolitik statt Alarmismus»

Im April 2025 habe ich gemeinsam mit einer Gruppe von 15 Sicherheitsexperten die Stellungnahme «Rationale Sicherheitspolitik statt Alarmismus» verfasst. Zu den Unterzeichnern gehören meine Professorenkollegen Christian Hacke, August Pradetto, Michael Brzoska, Michael Staack, Conrad Schetter und Herbert Wulf (früherer Direktor an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg), Elmar Wiesendahl, sowie der pensionierte Brigadegeneral Reiner Schwalb (von 2011 bis 2018 Verteidigungsattaché an der deutschen Botschaft in Moskau).

Wir stellen dort fest, dass «die derzeitige sicherheitspolitische Debatte in Deutschland Mass und Mitte verlassen» habe. Eine verteidigungsfähige Bundeswehr und eine Verbesserung der sicherheitspolitischen Handlungsfähigkeit Europas seien unstrittig notwendig. 

Im Folgenden einige Auszüge aus unserer Stellungnahme.


Die Gefahren realistisch einschätzen

Dazu gehören sinnvolle Investitionen in eine defensive Ausstattung der Streitkräfte, die abschrecken, aber nicht weiter das Sicherheitsdilemma verschärfen, sowie eine möglichst einheitliche europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Doch der derzeit verbreitete Alarmismus in Teilen der Politik und der Medien ist nicht plausibel und basiert auf keiner seriösen Bedrohungsanalyse. 

Ein nüchterner Blick auf die ökonomischen und militärischen Kapazitäten wie auch die (realisierbaren) Absichten Russlands ergibt, dass wenig dafür spricht, dass Russland sich mit der Nato militärisch anlegen und deren Territorium angreifen könnte oder nur wollte.

Ein Russland, das grosse Schwierigkeiten hat, seine Ziele in der Ukraine zu erreichen, ist eine beherrschbare militärische Bedrohung. 

Zudem ist die Nato heute und auf absehbare Zeit in praktisch allen militärischen Belangen ungleich stärker als Russland. Dies gilt selbst dann, wenn man nur die Ausgaben beziehungsweise die Ausstattung der europäischen Staaten inklusive Grossbritannien addiert. 

In den europäischen Armeen gibt es zugleich deutliche Schwächen, etwa bei Luftabwehr, Drohnen und Munition, die aber zu beheben sind – was auch Geld kostet. Ohne eine verlässliche amerikanische Sicherheitsgarantie muss sich Europa sicherheitspolitisch neu aufstellen. 

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Buch-Cover

**Johannes Warwick: «Stark für den Frieden – Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist», 
Westend-Verlag, 2026, 24 Euro (mit Versand)
Aus dem Verlagstext:
«Der Begriff ‹Kriegstüchtigkeit› steht für einen gefährlichen Irrweg wie kaum ein anderer. Das dahinterstehende Konzept beansprucht unverhältnismässige Ressourcen, militarisiert Politik und Gesellschaft und löst die Probleme nicht. Der derzeit weitverbreitete Alarmismus in weiten Teilen der Politik und der Medien basiert zudem auf keiner seriösen Bedrohungsanalyse.»

«WIDER DAS AUFRÜSTEN»

Militärs, Politiker und manche Medien hämmern der Bevölkerung fast täglich ein, wie bedrohlich die Lage sei. Russland wolle nicht nur die Krim behalten und die Donbas-Republiken Donezk und Luhansk militärisch vollständig einnehmen. Vielmehr bedrohe ein imperialistischer Putin auch benachbarte Nato-Staaten. Deshalb müsse Europa massiv aufrüsten – auch die Schweiz. 

Infosperber hat eine ergänzende Einschätzung zur Diskussion gestellt und sie in einem Dossier zusammengefasst. 
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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Ukraine_Sprachen

Die Ukraine zwischen Ost und West: Jetzt von Russland angegriffen

Die Ukraine wird Opfer geopolitischer Interessen. Die Nato wollte näher an Russland. Seit dem 24.2.2022 führt Russland einen Angriffskrieg.

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