«Berechtigte Zweifel, dass Russland die Nato bedroht»

Johannes Varwick
upg. Wegen der Bedrohung Russlands seien Rekordausgaben zum Aufrüsten «zwingend notwendig»: So der allgemeine Tenor.
«Daran gibt es berechtigte Zweifel», meint Johannes Varwick* in seinem soeben erschienenen Buch «Stark für den Frieden – Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist»**.
Weil Stimmen, die das Aufstocken der Rüstungsausgaben in Frage stellen, wenig zu Wort kommen, übernehmen wir im Folgenden mit Einverständnis des Verlags einige Auszüge des Buches.
Zwischentitel von der Redaktion.
Der Kräftevergleich Nato-Russland
«So dumm ist Putin nicht. Solange er davon ausgehen muss, dass die Nato auf einen Angriff militärisch reagiert, wird er nicht versuchen, sich Litauen oder andere baltische Staaten einzuverleiben – geschweige denn Deutschland anzugreifen. Für Hysterie besteht überhaupt kein Anlass.»
Das sagte der Friedens- und Konfliktforscher Herbert Wulf.
Michael Rühle, ein langjähriger deutscher Nato-Mitarbeiter, erklärte in «Cicero»:
«Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein deutscher General, ein Militärhistoriker oder ein Politikprofessor mit sorgenvollem Stirnrunzeln seine Einschätzung zum bevorstehenden Angriff Russlands zum Besten gibt. In spätestens drei, vier oder fünf Jahren, so orakeln die Kassandras, könnte Russland in der Lage sein, die Nato anzugreifen.»
Kalkulierte politische Botschaften
Bei diesem «Wettbewerb der Schwarzseher», erklärte Rühle, «handelt es sich um keine seriösen Bedrohungsanalysen, sondern um kalkulierte politische Botschaften, mit denen man vor allem verhindern will, dass die westliche Unterstützung für die Ukraine nachlässt».
Experten wie Carlo Masala oder Sönke Neitzel – also jene, welche die Bedrohungsperzeption inklusive der Zeitlinie 2029 öffentlich in die Medien trugen – geben inzwischen zumindest implizit zu, auf welch dünner Grundlage ihre Argumentation fusst.
So meint Carlo Masala in einem «Zeit»-Interview auf die Frage, worauf sein Szenario basiere: «Wir bereiten uns auf den schlimmsten Fall vor … Politiker müssen sagen, dass Russland 2029 einen Krieg führen könnte, um die Menschen auf höhere Verteidigungsmaßnahmen einzustimmen.»
Und Sönke Neitzel an gleicher Stelle, warum er denke, dass wir den letzten friedlichen Sommer erleben: «Ich halte das für ein Szenario, das wir nicht ausschliessen können. Meine Warnung basiert auf Gesprächen mit Experten aus Sicherheitskreisen. Denn: Wer Putin Schwäche zeigt, ist bedroht.»
Mit wem genau Neitzel sprach, könne er übrigens nicht sagen. Na dann!
*Autor Johannes Varwick
Varwick ist Professor für Internationale Beziehungen und europäische Politik an der Universität Halle-Wittenberg. Seit Mai 2024 präsidiert er das Wissenschaftliche Forum Internationale Sicherheit (WIFIS). Anfang 2003 war Varwick Fellow am State Department in Washington und von August 1999 bis Oktober 2000 Leiter des Bereichs europäische Sicherheitspolitik am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Er ist Autor mehrerer Bücher über internationale Beziehungen.
Die Zahlen
Die Fakten sehen anders aus: Die Nato-Staaten geben etwa zehnmal so viel Geld für Rüstung aus wie Russland. Den insgesamt rund 1474 Milliarden Dollar, die alle derzeit 32 Nato-Staaten 2024 gemeinsam aufwenden, steht ein russischer Verteidigungshaushalt gegenüber, der – obschon er ebenfalls rasant wächst – ein Bruchteil davon beträgt.
Dies gilt selbst dann, wenn man nur die Ausgaben der europäischen Staaten addiert. Diese liegen bei insgesamt 507 Milliarden Dollar.
Damit stellt sich die Frage, auf welcher Bedrohungsanalyse die Aussage beruht: «Angriff Russlands auf die Nato im Jahr 2029.»
Unstrittig ist, dass Russland etwa ein Drittel seines gesamten Staatshaushaltes für Rüstung investiert (das entspricht gut sieben Prozent seines Bruttoinlandprodukts) und die russischen Militärausgaben in den vergangenen Jahren rasant gestiegen sind. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI beträgt der russische Verteidigungshaushalt im Jahr 2024 rund 149 Milliarden US-Dollar. Solchen Zahlen ist mit einer gewissen Vorsicht zu begegnen, denn einerseits gibt es neben dem Haushaltsposten «nationale Verteidigung» noch andere militärisch relevante Posten, wie etwa Raumfahrtprogramme und paramilitärische Verbände.
Andererseits würde eine (schwer messbare) Kaufkraftbereinigung die tatsächliche Wirtschaftskraft hinter diesen Zahlen besser widerspiegeln, da der Wert der Waren und Dienstleistungen, die Russland mit seinem BIP kaufen kann, eine andere Perspektive als die reine Geldmenge in Dollar bietet. Aber auch unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Kaufkraft bleibt das deutliche Übergewicht zugunsten der Nato bestehen – und dies trotz der Tatsache, dass Russland ein nach innen wie aussen militarisierter Staat ist.
Andere wichtige Parameter
Der Nato sind mit Finnland und jüngst Schweden zwei neue Staaten beigetreten. Sie umfasst nun 32 Staaten. Damit erfährt die Allianz eine strategische Verstärkung an ihrer Nordostflanke beziehungsweise der Ostsee und verstärkt zugleich das strukturelle Ungleichgewicht im Verhältnis zu Russland, das nun eine weitere, 1300 Kilometer lange Grenze mit der Nato hat.
Nicht zuletzt ist der russische Flottenstützpunkt Murmansk – der Heimathafen eines Grossteils der nuklearen U-Boot-Flotte – einem hohen Risiko ausgesetzt: Schweden und Finnland haben den USA etwa 30 Stützpunkte zur temporären Nutzung zur Verfügung gestellt. Dort finden regelmässig Patrouillenflüge von US-Kampfbombern statt (darunter B-52).
Fünfmal mehr Kampfflugzeuge
Bei den Grosswaffensystemen übertrifft die Nato Russland dreifach. Ein Beispiel: Über 5400 Kampfflugzeuge der Nato-Staaten stehen gut 1000 russischen gegenüber. Die Nato-Staaten verfügen über weit mehr als 3 Millionen aktive Soldatinnen und Soldaten, Russland über 1,3 Millionen.
Der Krieg gegen die Ukraine hat die russischen Defizite bei Kommandostruktur, Transportfähigkeit, Technologie und Kampfkraft deutlich aufgezeigt.
Selbst ohne die USA und Kanada sind die europäischen Nato-Staaten Russland überlegen, auch mit moderneren und leistungsfähigeren Waffensystemen.
Lediglich bei den Atomwaffen herrscht ein strategisches Gleichgewicht.
Insgesamt hat die Nato in den vergangenen Jahren auf den russischen Angriffskrieg umfassend reagiert und ihre Verteidigungspläne für die sogenannte Ostflanke angepasst. Mit dem neuen «Nato Force Modell», dem Konzept der «Multi Domain Operations», der Aufstellung einer «Very High Readiness Joint Task Force» (VJTF), der Stationierung von Truppen im Baltikum («Enhanced Forward Presence») und anderem mehr spricht alles dafür, dass die Nato jeder russischen Aggression militärisch begegnen kann und sie damit wirksam abschreckt.
Das heisst, ein eventueller russischer Angriff auf die Nato würde eine vernichtende militärische Reaktion auslösen, die vorrangig Kaliningrad, die russische Ostseeflotte und den westlichen Grenzraum Russlands treffen würde – für Moskau ein existenzielles Risiko. Trotz aggressiver Rhetorik gibt es kaum Hinweise darauf, dass Russland bereit oder fähig wäre, ein solches Risiko einzugehen.
So kommt eine umfassende Studie, unter anderen von Professor Herbert Wulf, zum nachvollziehbaren Schluss: «Die Analyse der militärischen Kapazitäten der Nato und Russlands lässt keinen Zweifel an der allgemeinen militärischen Überlegenheit der Nato.»
«Rationale Sicherheitspolitik statt Alarmismus»
Im April 2025 habe ich gemeinsam mit einer Gruppe von 15 Sicherheitsexperten die Stellungnahme «Rationale Sicherheitspolitik statt Alarmismus» verfasst. Zu den Unterzeichnern gehören meine Professorenkollegen Christian Hacke, August Pradetto, Michael Brzoska, Michael Staack, Conrad Schetter und Herbert Wulf (früherer Direktor an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg), Elmar Wiesendahl, sowie der pensionierte Brigadegeneral Reiner Schwalb (von 2011 bis 2018 Verteidigungsattaché an der deutschen Botschaft in Moskau).
Wir stellen dort fest, dass «die derzeitige sicherheitspolitische Debatte in Deutschland Mass und Mitte verlassen» habe. Eine verteidigungsfähige Bundeswehr und eine Verbesserung der sicherheitspolitischen Handlungsfähigkeit Europas seien unstrittig notwendig.
Im Folgenden einige Auszüge aus unserer Stellungnahme.
Die Gefahren realistisch einschätzen
Dazu gehören sinnvolle Investitionen in eine defensive Ausstattung der Streitkräfte, die abschrecken, aber nicht weiter das Sicherheitsdilemma verschärfen, sowie eine möglichst einheitliche europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Doch der derzeit verbreitete Alarmismus in Teilen der Politik und der Medien ist nicht plausibel und basiert auf keiner seriösen Bedrohungsanalyse.
Ein nüchterner Blick auf die ökonomischen und militärischen Kapazitäten wie auch die (realisierbaren) Absichten Russlands ergibt, dass wenig dafür spricht, dass Russland sich mit der Nato militärisch anlegen und deren Territorium angreifen könnte oder nur wollte.
Ein Russland, das grosse Schwierigkeiten hat, seine Ziele in der Ukraine zu erreichen, ist eine beherrschbare militärische Bedrohung.
Zudem ist die Nato heute und auf absehbare Zeit in praktisch allen militärischen Belangen ungleich stärker als Russland. Dies gilt selbst dann, wenn man nur die Ausgaben beziehungsweise die Ausstattung der europäischen Staaten inklusive Grossbritannien addiert.
In den europäischen Armeen gibt es zugleich deutliche Schwächen, etwa bei Luftabwehr, Drohnen und Munition, die aber zu beheben sind – was auch Geld kostet. Ohne eine verlässliche amerikanische Sicherheitsgarantie muss sich Europa sicherheitspolitisch neu aufstellen.
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**Johannes Varwick: «Stark für den Frieden – Was jetzt für eine rationale Sicherheitspolitik zu tun ist»,
Westend-Verlag, 2026, 24 Euro (mit Versand)
Aus dem Verlagstext:
«Der Begriff ‹Kriegstüchtigkeit› steht für einen gefährlichen Irrweg wie kaum ein anderer. Das dahinterstehende Konzept beansprucht unverhältnismässige Ressourcen, militarisiert Politik und Gesellschaft und löst die Probleme nicht. Der derzeit weitverbreitete Alarmismus in weiten Teilen der Politik und der Medien basiert zudem auf keiner seriösen Bedrohungsanalyse.»
«WIDER DAS AUFRÜSTEN»
Militärs, Politiker und manche Medien hämmern der Bevölkerung fast täglich ein, wie bedrohlich die Lage sei. Russland wolle nicht nur die Krim behalten und die Donbas-Republiken Donezk und Luhansk militärisch vollständig einnehmen. Vielmehr bedrohe ein imperialistischer Putin auch benachbarte Nato-Staaten. Deshalb müsse Europa massiv aufrüsten – auch die Schweiz.
Infosperber hat eine ergänzende Einschätzung zur Diskussion gestellt und sie in einem Dossier zusammengefasst.
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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Die NATO gibt viel mehr Geld für Rüstung aus als Russland, was aber als Schluss keineswegs heisst, dass Russland deswegen nicht die NATO angreifen würde. Vor allem, wenn die USA nicht mehr helfen gegen den Aggressor aus dem Osten. Und wenn der Westen sich verteidigungsbereit geben muss, ist es logisch, dass die Rüstungsindustrie sich ins Fäustchen lacht. Die Rheinmetall AG ist nicht schuld, dass Putin die Ukraine überfallen hat und dort mit Drohnen und Raketen die Menschen ermordet.
Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Artikel. Leider gibt es viel zu wenig offene Diskussion um dieses wichtige Thema in den anderen Medien, da entscheiden Politik und Rüstungslobby wie der Ton ausfällt.
Vielen Dank für diese wichtige Zusammenstellung all der Fakten.
Wenn man etwas sensibel ist, bemerkt man sehr gut, dass dieser Druck, der im Moment aufgebaut wird, aus der eigenen Unsicherheit und natürlich den monetären Interessen entspringt.
Wenn man etwas unbedingt durchsetzen will, dann ist es in der Politik und Wirtschaft schon lange üblich, mit «wo nötig sogar falschen Angaben», Druck auf zu bauen und den Leuten Angst zu machen.
Das kennen wir schon seit Jahrhunderten und als jüngstes Beispiel hätten wir da Corona.
Es erschreckt mich deshalb, dass die «neutrale» Schweiz dieses Spiel mitspielt.
Dabei bräuchten wir das so verschwendete Geld dringend für andere Aufgaben.
Zeitfragen Warum die historische Wahrheit auch für die Gegenwart so wichtig ist
von Wolfgang Effenberger: «Bis Kriegsbeginn Anfang 1914 hatte Amerika wichtige Grundlagen für seinen Aufstieg gelegt…Die Rüstungsausgaben stiegen ständig – zur Freude der Rüstungskonzerne. Ein Sieg Deutschlands und damit der Totalverlust der Kriegsanleihen an die Entente musste mit allen Mitteln verhindert werden, denn ein Zusammenbruch des J. P. Morgan-Imperiums hätte eine Implosion der Wall Street bedeutet. Die Kredite zum Vergleich: 27 Millionen US-Dollar bekam das Kaiserreich und 2 300 Millionen US-Dollar die Entente..»
Es lässt sich die Frage stellen, ob der Ukraine-Krieg dazu dient, dass es der Wallstreet und Rüstungskonzerne gutgeht. Der 1. Weltkrieg scheint für die Wallstreet und Rüstungskonzerne ein gutes Geschäft gewesen zu sein und so wurde möglicherweise theoretisch gedacht ein Replay-Profit-Gewinnkrieg organisiert. Der Wiederaufbau könnte wohl profitabel sein.
Gunther Kropp, Basel
Danke für den Hinweis auf J.P. Morgan. Das war mir bisher nicht bekannt.
Das Grundproblem bei dem gegenseitigen Wettrüsten ist, dass der «Westen» sich durch Russland bedroht fühlt – durchaus nicht unbegründet.
Auf der anderen Seite fühlt sich Russland durch Nato Osterweiterung und manche andere Drohgebärden bedroht – was, wenn man nicht nur die westlichen Leitmedien liest, ebenfalls nachvollziehbar ist.
Höchste Zeit also für Verhandlungen auf Augenhöhe!
Die Forderungen der Ukraine und ihrer Verbündeten nach einer de facto Kapitulation Russlands sind in Anbetracht der militärischen Lage völlig unrealistisch.
Auf Augenhöhe geht anders!
Die seit Jahren verbreiteten Meldungen über einen kurz bevor stehenden Zusammenbruch Russlands entspringen offensichtlich mehr westlichem Wunschdenken als den Realitäten.
@Christoph Nikolaus, Basel 16.02.2026 um 10:30
mdr 03. März 2022, 18:40″ Am 31. August 1994, mehrere Monate vor dem vereinbarten Abzugsdatum, wurden schließlich unter Anwesenheit des russischen Präsidenten Boris Jelzin die letzten Soldaten der Westgruppe verabschiedet…..Zuvor hatte es eine offizielle Zeremonie am Gendarmenmarkt gegeben, wo General Matwej Burlakow, der Oberkommandierende der Streitkräfte, seine Truppe in Ostdeutschland abmeldete.»
Möglich, dass es im Westen in Vergessenheit geraten ist, dass die russische Regierung Verträge einhält und so könnte auch der Urkraine-Krieg beendet werden. Mit Verträgen beiden Seiten eingehalten werden. Im überigen sollten die Deutschen den Russen dankbar sein für die Vertragstreue „Pacta sunt servanda“ : General Matwej Burlakow: «Ich melde: Der zwischenstaatliche Vertrag über die Bedingungen des befristeten Aufenthalts der russischen Truppen und die Modalitäten des Abzugs ist erfüllt.»
Ich verweise auf «President Dwight D. Eisenhower’s Farewell Address (1961)» in der er eindringlich vor den Gefahren des «Militärisch Industriellen Komplexes» warnte – heute offenbar aktueller als lange nicht mehr.
Ich empfehle das Wort «Friedensangst» in einer beliebigen Suchmaschine einzugeben…
Danke Herr Nikolaus für diesen Tipp «Friedensangst» auf Suchmaschinen ein zu geben. Das war sehr aufschlussreich.
Auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz hat Nato Generalsekretär Marc Rutte darüber gespottet, dass Russland in der Ukraine nur im Schneckentempo vorankomme. Abgesehen davon, dass Spott angesichts so vieler Getöteten, Verletzten und Traumatisierten völlig unangebracht und für mich ein Zeichen von Empathielosigkeit ist, scheint seine Behauptung die Thesen Varwicks zu stützen.
Nicht nur das westliche Waffenarsenal, die Kommandostruktur und die Kooperationsfähgikeit der nationalen Armeen sind konstitutive Elemente einer verlässlichen Bedrohungseinschätzung; auch die Unterstützung anderer Staaten, auf die Russland meint, zählen zu können, z.B China, ist elementar. Hinzutreten muss aber auch die westliche Motivation zur Führung eines Abwehrkrieges resp., wie zutreffend oder falsch Russland die Stärke dieser Motivation einschätzt. Überdies darf der russischen Führung nicht einfach ein rationales Entscheidverhalten unterstellt werden, wie der Angriff Russlands auf die Ukraine zeigt; das herrschende russische Regime hat jedenfalls die Erfolgsaussichten und Risiken jenes Krieges für das Regime und den Staat sowie für die Gesellschaft und die Wirtschaft offensichtlich nicht sorgfältig abgeklärt.
Schon die UdSSR war sich selbst genug. Stalins Vasallenring schien ausreichend Puffer. Selbst die DDR war schon zuviel – ein österreichisches Modell für Deutschland wäre Stalin lieber gewesen. Zu hoch waren die Kosten für die Besatzung und Aufrechterhaltung des Machtapparats. Bei aller berechtigten Kritik am sowjetischen Großmachtstreben: die baltischen Staaten behielten ihre Grenzen, Sprachen und Kultur unter kommunistischer Hegemonie. Ungarn, Polen und die CSSR hatten viele wirtschaftliche Freiheiten und betrieben eine Art Nationalkommunismus, dessen spezielle nationale Komponente bis heute wirkt. Die UdSSR hat sich trotz mehrfacher Aufforderungen und zum großen Ärger vieler Freiheitskämpfer nur sehr zögerlich und spärlich an kommunistischen Aufständen in Südamerika, Afrika und Asien beteiligt. Was sollte Russland heute mit Polen, dem Baltikum oder Deutschland? Die russische Bedrohung ist ein Popanz. Niemand will die UdSSR zurück.
Ja, danke für den Hinweis. Leider hat Konrad Adenauer damals Stalins Vorschlag, Deutschland als neutralen Staat zu vereinigen, nicht im Entferntesten in Betracht gezogen. Eine neutrale Zone Deutschland, Österreich, Schweiz hätte Europa vielleicht die unsäglichen Leiden des so genannt Kalten Krieges erspart oder wenigstens gemildert. Man hätte wenigstens darüber diskutieren und in demokratischer Weise darüber abstimmen können. Demokratie war schon damals eine mehr oder weniger leere Worthülse.
2001 hat der zeitweilige EU- und Nato-Kandidat Putin im Deutschen Bundestag – bei Anerkennung der transatlantischen Bindungen Europas zu den USA – um die politische, ökonomische und militärische Aufnahme des Landes in Europas Staatengemeinschaft geradezu gebettelt. 2010 schlug Putin eine «Wirtschaftszone von Lissabon bis Wladiwostok» vor (gewiss nicht unter Ausschluss der Ukraine). Die USA haben in dieser «Osterweiterung» Europas über den Ural hinaus zu Recht eine Gefährdung ihrer globalen Vormachtstellung gesehen und die weitere Einkreisung Russlands via Nato intensiviert. Eine Konsequenz davon ist der Ukrainekrieg. Es gab keinen europäischen Staatsmann (der wie Kohl 1990 bei der «Wiedervereiniung» Deutschlands) die historische Chance erkannt und ergriffen hätte: ein Europa einschließlich der Rohstoff- und Atommacht Russland auf Augenhöhe mit den USA und China. Seitdem ist Europa (Russland eingeschlossen) geopolitisch aus dem Spiel, unabhängig von Personalien wie Trump und Xi.