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Seit elf Jahren arbeitet Adrian Peter als Zugsteward. Heute ist seine 1444. Dienstfahrt. © -

Adrian, der Zugsteward

Adrian Soller /  Er muss nett sein. Dafür bekommt er seinen Lohn. Eine Geschichte über einen Zugbegleiter, der gern Flugbegleiter wäre.

Licht aus, Licht an. Adrian Peter* zeigt einem Reisenden den Lichtschalter, wünscht eine erholsame Nacht, schliesst die Abteiltür und flucht. Flucht solange, bis er vor der nächsten Türe steht, wo er zweimal klopft. Immer zweimal, dann öffnet er vorsichtig die Tür, lächelt, begrüsst den Gast und zeigt ihm den Schalter. Licht aus, Licht an.

Seit elf Jahren arbeitet Adrian Peter als Zugsteward, betreut Gäste, erklärt Lichtschalter. Heute in den Wagen 278 und 279. Es ist seine 1444. Dienstfahrt. Kaum ein anderer arbeitet so lange in den Nachtzügen der City Night Line wie er. «Hebelchef» nennen ihn seine Kollegen deshalb. Die meisten mögen ihn. Auch weil er mit seiner groben Sprache die harten Seiten des Arbeitsalltags geschmeidig schleift.

«Gefickte Scheisse» sagt Adrian Peter nur dann, wenn keine Fahrgäste in der Nähe sind. Vor den Kollegen lässt er seinen Adamsapfel aber zu Fluchwörtern tanzen. Seine Sätze beginnen dann mit «Scheisse» und hören auch so auf. Als müsste Adrian Peter seine Stimmbänder für die nächste Floskel ölen. «Sie wünschen, bitte?»

Der Speisewagen wird zur Fresskiste

Zu den Bahnreisenden ist Adrian Peter nett. Manchmal ein bisschen flapsig, unhöflich aber selten. Auch wenn ihn ein Gast anschreit, weil die Klimaanlage nicht funktioniert, bleibt er ruhig. Die Arbeit müsse man mit Humor nehmen, sagt er, sonst ginge es nicht.

«Bin stolz auf dich, Humorist», beendet Adrian Peter seine Funksprüche für gewöhnlich. Sind keine Fahrgäste da, nennt er den Zugführer Humoristen, meistens jedenfalls, manchmal auch Professor. Professor für Frauenfragen. So gibt Adrian Peter alles und jedem einen neuen Namen. Zugabteile heissen Vogelhäuschen, der Speisewagen wird zur Fresskiste, die Reisenden zu Patienten.

Seinen Job verdankt Adrian Peter einer Autopanne. Als er an jenem Tag vor mehr als elf Jahren den Zug nehmen musste, sah er die uniformierten Zugstewards auf dem Bahnsteig. Rote Krawatte, hellblaues Hemd, dunkelblaues Gilet. Ihm gefiel die Uniform. Bald darauf trug er sie auch. Vierzig Stunden wöchentlich. Mitarbeiternummer 30087.

Oben, im siebten Himmel

Bevor Adrian Peter am Berliner Hauptbahnhof erste Fahrgäste begrüsst, bereitet der 47-jährige das Essen für seine Patienten vor, verteilt Weichkäse auf Plastikteller. Ruhig und konzentriert. Die Portionen sollen gleich gross sein. Als das Käsemesser wieder auf der Theke der zwei Quadratmeter grossen Zugküche liegt, beginnt er zu fluchen. Nervt sich über einen verbeulten Alubehälter. «Bei unseren Kollegen in der Luft hätten sie das Ding schon längst ausgetauscht.»

Dreimal hat er es schon versucht, das erste Mal vor 22 Jahren. Er bewarb sich bei Emirates als Steward, wollte Sitzgurte erklären, dreisprachig. Man lud ihn ein nach Dubai in ein modernes Bürohaus. Die Empfangsdame nannte ihn Mister, servierte ihm Wasser und Kaffee.

Hunderte kämpften um die Jobs. Adrian Peter scheiterte am Sprachtest. Jetzt lernt er Englisch, Vietnamesisch, Indisch, Thai und Zulu. «Sawubona intokazi – guten Tag hübsche Frau.»

Adrian Peter fliegt zweimal im Jahr mit Emirates nach Dubai. 43 Mal war er schon dort. Sirin heisst seine Lieblingsstewardess, eine Inderin. «Sie ist das Maximum.» Bei Emirates will er sich nicht mehr bewerben. Er sei zu alt. Damit habe er abgeschlossen, für immer, sagt er, und langt nach dem Emirates-Pin an seinem Jacket.

«Zuverlässig wie meine Kollegen bei Emirates»

Adrian Peter sitzt auf der Treppenstufe vor einem Deluxeabteil – einem «Loch» – und schreibt Listen. Listen mit Weckzeiten, die er farbig markiert. Basel – grün, Mannheim – blau, Zürich – gelb. Seit zehn Jahren nimmt er die gleichen Farben. Er vergass noch nie jemanden zu wecken. «Ich bin so zuverlässig wie meine Kollegen bei Emirates», sagt er, als der Zug über eine Weiche fährt. Dann schweigt Adrian Peter, richtet seinen Hosenbund und geht zur Pause in die Fresskiste.

Es ist schon spät. Im Speisewagen sitzen nur noch die Bahnmitarbeiter. Auf den verlassenen Tischen wippen die Speisekarten. Besteck klimpert leise. Auf dem Bartresen steht ein Kaffee, an dessen Oberfläche sich Ringe bilden. Nachts trinkt Adrian Peter immer nur eine halbe Tasse, mehr nicht. «Ich brauche Schlaf, um morgen wieder fit für meine Patienten zu sein», sagt er und unterschreibt das Formular 42. Zehn Kugelschreiber hat er in seiner Brusttasche, den Dienstplan unterschreibt er immer mit dem dunkelblauen. Jeder Kugelschreiber hat eine Funktion. «Alles muss seine Ordnung haben.»

Ordnung muss sein

Ordnung ist Adrian Peter wichtig, war sie ihm schon immer. Seinen Koffer packt er seit Jahren in derselben Art und Weise. Eine Jeans, ein T-Shirt, ein Pullover, eine Warnweste, eine Zange, einen Schlüsselbund und eine Taschenlampe. Die Taschenlampe immer vorne links, so lernte er es an der Unteroffiziersschule. Auch korrektes Auftreten gehört zum guten Service. Er beginnt keinen Dienst, ohne sich vorher die Schuhe poliert und den Schnauz gestutzt zu haben.

Adrian Peter nippt am Kaffee, denkt an seine Freundin, hofft, dass sie nicht mehr böse ist. Zu viele Diensttage am Stück habe er geleistet. Zu selten sei er in letzter Zeit zu Hause gewesen. Unter dem falschen Sternenhimmel im Speisewagen wird es still. Adrian Peter hat aufgehört zu fluchen.

Mit einem «Hebelchef meldet sich ab» verabschiedet er sich, geht schlafen. Vier Stunden lang, dann muss er sich wieder um seine Patienten kümmern. Im Abteil legt Adrian Peter seine Uniform für den Morgen bereit. Die Fensterscheibe scheppert in ihrer Verankerung, doch das stört ihn nicht. Schnell wird er einschlafen, vielleicht träumen. Licht aus, Licht an – Licht aus!

* Name von der Redaktion geändert

Adrian Soller ist Student am Medien-Ausbildungs-Zentrum (MAZ)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

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