Wenn Armut zur Routine wird

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Robert Ruoff /  Die SRG-Sender beschäftigen sich zwar mit Armut. Aber routinemässig und am Rande.

Ich muss mich korrigieren. Auch die SRG-Sender beschäftigen sich mit dem Thema Armut. Sie sagen es nur nicht besonders laut. Und am kommenden Sonntag laufen auf SF sogar zwei Filme aus der Reihe «Why Poverty?». Der eine – «Education! Education!» – beschäftigt sich mit dem Bildungssystem in China; Bildung gilt ja zu Recht als Weg aus der Armut. Der Film zeigt aber vor allem, dass Bildung in China der erbarmungslosen Auslese gilt. Der andere, «Solar Mamas», schildert die schwierige, zentrale Rolle von Frauen bei der Überwindung von Armut in alten patriarchalischen Gesellschaften. Beide Filme laufen in «Horizonte», zur besten Sendezeit, am Sonntagnachmittag um 15 Uhr. – Doch dazu später.

Die Nachfrage

Ich betreibe Medienkritik bewusst als Aussenseiter, sprich: aus der Wahrnehmung des Publikums, das nur erfährt, was über den Bildschirm kommt, ohne professionelle Hintergrundinformationen. Im Falle von «Why Poverty?» habe ich nun aber doch zum Hörer gegriffen, weil ich von den Verantwortlichen der SRG-Fernsehsender wissen wollte, warum sie bei diesem globalen Projekt – 70 Sender, einschliesslich BBC World (180 Länder) – nicht mehr Präsenz zeigen. Sie waren alle sehr zugänglich und offen.

Bei der Radiotelevisione Svizzera di lingua italiana (RSI) in Lugano sollte – nach einer Radiohörspiel-Reihe auf Rete 2, mittags um 13 Uhr – am Donnerstagabend eigentlich eine Eigenproduktion über die Armut in der Schweiz laufen. Sie wurde wegen einer dringenden Aktualität verschoben: wegen der kriminellen Machenschaften beim Casino von Lugano; drei Spielbankmanager wurden deswegen vor Kurzem verhaftet. – Das macht irgendwie Sinn: Der Casino-Kapitalismus hat bekanntlich seinen grossen Beitrag zur neuen Armut geleistet, und schon mancher ist aus dem Casino sehr viel ärmer herausgekommen als er hineingegangen ist. Aber die Produktion über die Armut in der Schweiz ist auf kommende Woche angesetzt (In: Faló, Donnerstagabend, 21.10).

Berührend…

Das bestimmende Motto lautet: Der Aufwand für eine grosse Serie wie «Why Poverty?» ist zu gross, der Publikumserfolg fragwürdig. Und: Wir interessieren uns vor allem für uns selber. Nach diesem Motto ist auch die Radio Télévision Suisse (RTS) verfahren. Sie hat sich in «Temps présent» der Armut in der Schweiz gewidmet: «Caritas, carrefour des pauvres», was man wohl mit «Treffpunkt der Armen» übersetzen könnte. Die einstündige Dokumentation war berührend, journalistisch engagiert, realitätsgerecht: wer einmal durch Delémont gegangen ist – einem Schauplatz des Films neben Genf -, weiss, wie einem die Armut auf den Strassen dieser Stadt entgegenkommt und welch wichtige Rolle die Caritas im Jura spielt. Die anschliessende Diskussion auf dem Internet-Forum von «Temps présent» mag dazu noch etwas mehr Hintergrund geliefert haben.

…eindimensional…

So menschlich, vielfältig, berührend beschreibend der Film auch war, so eindimensional ist er geblieben. Er hat nicht wirklich gefragt nach den Ursachen der Armut, die auch in der reichen Schweiz gewachsen ist – 600’000 Schweizer leben unter der Armutsgrenze! Und er hat nicht gefragt, ob es vielleicht einen Zusammenhang gibt zwischen der Armut in der Schweiz und der Armut in der Welt: in den USA, Lateinamerika, Asien und Afrika. Das ist die eine Schwäche des Schweizer Fernsehens, das in seinen publikumsstarken Sendungen das Thema abbricht, wenn die Analyse erst beginnt. Und die andere ist die Nabelschau: Das Schweizer Fernsehen leistet seinen Beitrag zum geistigen Inseldasein der Schweiz. Die Schweiz als Teil der grossen Welt existiert nicht. Oder kaum.

…routinemässig

Und am Ende ist alles Routine. «Ich will auch dieses Thema – «Why Poverty?, warum die Armut?» – in der Routine der Sendegefässe behandeln», hat mir ein Verantwortlicher gesagt. Als ob es nicht auf der Welt ein paar wenige Themen gäbe, die grösser sind als unsere Sörgeli mit Mörgeli. Und gewiss – das war ein anderer Einwand -, nicht jeder Film von «Why Poverty?» ist ein Meisterwerk. Aber die langen und die kurzen Filme sind allemal so gut (und manche besser) wie das, was wir auf den Sendern des Schweizer Fernsehens routinemässig zu sehen bekommen. Und zu Randzeiten, wie jetzt zum Thema «Armut in der Welt» auf SF: irgendwann zu später Stunde und am Sonntagnachmittag.

«Give’em the unexpected», pflegte der ehemalige Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, Erich Gysling zu sagen: weckt sie mit dem Unerwarteten! Dazu gehört, dass man Formen sprengt und verbindet: das Faktische und das Fiktive, das Filmische und das Diskursive, Gespräch und Befragung, das Unterhaltsame und das Ernsthafte – wobei das Ernsthafte sehr unterhaltsam sein kann.
Die Armut in der Welt gehört heute und morgen zu den wenigen grossen Themen der Welt, und deshalb bietet (oder bot) ein grosses Projekt wie «Why Poverty?» Gelegenheit, die Routine mit ihrer routinemässigen Un-Aufmerksamkeit zu sprengen. Ganz abgesehen davon, dass im Augenblick – ein paar Wochen vor Weihnachten – die Menschen vielleicht emotional eher bereit sind, sich mit dem Thema Armut zu beschäftigen – aber ich gebe zu, dieser Gedanke geht vielleicht schon ein bisschen zu weit.

Armut im Service Public

Nein, ganz unsentimental: Die Armut ist sozialer und politischer Sprengstoff, der sich zunehmend auch wieder in Europa und in der Schweiz verbreitet. Die Qualität des Service Public entscheidet sich auch daran, ob es ihm gelingt, für ein grosses Thema grosse Aufmerksamkeit zu wecken. Ob er mit der Vielfalt der Formen für dieses Thema auch ein vielfältiges Publikum erreicht.Ob er die Nabelschau beendet und die Schweiz als Teil der grösseren Welt vermittelt. Ob er mit einer nachvollziehbaren Analyse Einsicht in Zusammenhänge ermöglicht und gesellschaftspolitische Handlungsoptionen eröffnet.
Ob er mit dem gelegentlichen Aufwand für ein Grossprojekt wie «Why Poverty?»– nicht nur für Chansons, Casting und Olympische Spiele – die Bedeutung eines grossen Themas, einer grossen Herausforderung herausarbeitet.

Wenn im Programm der SRG-Sender, die sich den «Citoyens» und der «Relevanz» verpflichtet haben, Armut zur Routine wird, haben wir ein medienpolitisches Problem. Dann ist der Service Public dabei, seinen Auftrag zu verfehlen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor war bis Ende 2004 Mitarbeiter der SRG.

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Eine Meinung zu

  • am 30.11.2012 um 15:18 Uhr
    Permalink

    Danke Robert Ruoff für Ihren Hinweis zur Sendereihe «Why poverty", die auf ARTE in voller Länge gesendet wird. Der Beitrag zur Armut in Sambia, trotz seiner immensen Bodenschätze, Glencore, Rüschlikon etc. war ein ganz starker Beitrag. Dass dieser Film von SF nicht ausgestrahlt wird ist schon fast verständlich aber traurig. Verständlich, wenn wir das politische Mainstream-TV von SF kennen, das den hiesigen Mächtigen lieber huldigt als sie an ihre Verantwortung zu erinnern.
    Während diesem Beitrag zur Armut in Sambia, die durch Glencore und die Schweiz, mitverursacht wird, schämte ich mich, als Schweizer von diesem System der Ausbeutung auch mitzuprofitieren.
    In den schweizerischen Medien wird regelmässig darüber berichtet, wie offensiv China in Afrika wirtschaftlich vorgeht. Dass die Schweiz aber weltweit das Land mit dem grössten virtuellen Kupferhandel ist, obwohl wir weniger als ein Prozent der Weltbevölkerung «beherbergen", war mir nicht bewusst und ist echt schockierend! Dass wir den Südländern durch unsere Politik ihrer Steuern berauben ist schlicht skandalös.

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