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Filippos Politarena © sat1

Politarena: Alter Wein in alten Schläuchen

Robert Ruoff /  Filippos Politarena: Das alte Setting, die bekannten Köpfe, die üblichen Rituale und keine neuen Ideen

Ich sitze also vor einem Sender, den ich in der Regel nicht einschalte: Sat1. Ich sehe Filme lieber ohne Werbeunterbrüche (gilt auch für SF!). Um 22.15 sollte die Sendung beginnen. Was ich sehe, ist Schweizer Werbung und den Trailer für «Filippos Politarena», nicht aber die Sendung selber. Na ja, denke ich, das Goldbach-Girl der SVP, Nationalrätin Natalie Rickli, die das Werbefenster von Sat1 betreut, muss ja auch leben, und sie wird sich freuen über den unendlich langen Werbeblock. Ich hatte ja durchgetestet und durchgezappt zwischen Sat 1 Österreich, Deutschland und eben Schweiz – aber was nach der Werbung nicht kam, war «Filippos Politarena». Die Raumschiffcrew vom harten Kern war immer noch voller Leidenschaft dabei, die Welt zu retten, und das sollte wohl noch eine Weile dauern.

Also der Fluchtweg Internet. Und in der Tat: Die Konserve ist aufgeschaltet. Filippo begrüsst seinen politischen Freund, den SVP-Übervater Christoph Blocher, für den er auch im Unterstützungskomitee zur Ständeratswahl sitzt. Er begrüsst seinen Parteifreund und FDP-Präsidenten Fulvio Pelli. Und er begrüsst auch die SP-Nationalrätin Hildegard Fässler, die als Sozialdemokratin wie üblich den Frauenanteil in der Männerrunde darstellt (im Unterschied zum Bundesrat: dort sorgen die Bürgerlichen für den Männeranteil). Frau Fässler wird das noch zu spüren bekommen. Der seit Wochen auf der Sat1-Website ebenfalls angekündigte CVP-Nationalrat Pirmin Bischof taucht etwas später auf: nicht am Stehpult für die «Hauptgäste» (Sat1 Website) sondern in der ersten Reihe der Arena, bei den Experten und «Nebengästen» (sorry), wie auch der SP-Nationalrat und UNIA-Gewerkschafter Corrado Pardini.

Also alles wie gehabt: Gleiches Setting, gleiches Studiodekor, gleiche Köpfe. Alter Wein aus alten Schläuchen. Wie sich sehr schnell zeigen wird. Die Sendung kommt auch sonst schon etwas angestaubt daher; sie ist offenkundig am Tag zuvor aufgezeichnet worden. Jedenfalls wird die Kritik des deutschen Bundespräsidenten an der deutschen und europäischen Wirtschaftspolitik mit keinem Wort erwähnt, und auch nicht die Feststellung der 17 Nobelpreisträger:»Der Westen hat sich kaputt gewirtschaftet» (Infosperber hat berichtet. Siehe «Weiterführende Informationen). Eigentlich eine Steilvorlage für den Populisten vom Herrliberg.

Aber Blocher darf eröffnen. Laut und marktschreierisch wie immer. Er kann wohl nicht mehr anders. Er darf seinen Gesinnungswandel in Sachen Nationalbank und vor allem in Sachen ihres Präsidenten Philipp M. Hildebrand erläutern. In einem 3-Minuten-Solo, das die ganze «Politarena» mit ehrfürchtigem Schweigen begleitet. Was ja auch Sinn macht: die Zwischenreden sorgen ja nur dafür, dass das Fernsehpublikum nichts mehr versteht und die Aufmerksamkeit auf den Zwischenrufer gelenkt wird. Das wird in jedem billigen Medientraining vor allem der SVP gelehrt und nennt sich dann «engagierte Diskussion».

Das respektvolle Schweigen hält auch nur bis zur nächsten Intervention: die sozialdemokratische Frau Fässler wird zuerst vom Moderator leicht berichtigend und dann von Blocher persönlich unterbrochen. Auch das ist ein Erbe der alten «Arena», mit leichter Neigung zum Stammtisch-Machismo und deutlicher Präferenz für rechtsorientierte Alpha-Tiere.

Am deutlichsten da, wo es wirklich mal zur Sache ging, beziehungsweise zur Person. Als nämlich Blocher, unter anderem an die Adresse des CVP-Nationalrats Pirmin Bischof, erklärte, es sei ja teilweise «hanebüchen, was hier verzapft wird», sich in seine Unternehmerbrust warf – «ich bin Unternehmer!» – und die Gelegenheit benützte, das Klagelied von den hohen Produktionskosten in der Schweiz anzustimmen und Entlastung verlangte auf Kosten von Staat und Service Public: «Abgaben, Gebühren, Steuern müssen sinken!». Als darauf der junge Juso-Chef David Roth den Unternehmer Blocher als Unternehmer ansprach und ihn daran erinnerte, dass sich die Blocher-Unternehmen in der Krise sehr wohl für ihre Kurzarbeit aus der staatlichen Arbeitslosenkasse bedienten und gleichzeitig Rekordgewinne schrieben, meinte Filippo, man müsse «sich nicht gern haben aber zur Sache reden». Was Sache ist, bestimmt der Moderator nach seinen eigenen Präferenzen.

Und als die Emotionen mit einer jungen Linken durchgingen – «es ist dreckig, dass die Unternehmer die Krise auf dem Buckel der Arbeitnehmer austragen wollen» -, ist Filippo schnell mit der Charakterisierung «Anwürfe» zur Hand. Blochers Wortwahl an die Adresse der Linken – «Stumpfsinn, blöde Ideologien der Jusos, verzellet Sie doch nid so en Mischt» -, lässt er unkommentiert durchgehen.

Ich spüre plötzlich, wie mich Mitgefühl erfasst. Mitgefühl mit Filippo Leutenegger, der ja als politisches Leichtgewicht abhängig ist von den Partei-Elefanten, die ihn da umgeben. Damals, als «Arena»-Moderator und als Chefredaktor beim Schweizer Fernsehen hatte er eigene Stärke: er hatte bei aller Vernetzung und Verpflichtung eine eigenständige Macht, er hatte etwas zu bieten oder konnte seine Gunst entziehen. Jetzt ist er ganz und gar abhängig. Er muss sich gut stellen mit seinem Präsidenten Pelli, und für die Wiederwahl in den Nationalrat und überhaupt für sein politisches Gewicht als SVP-naher Rechtsfreisinniger wird er die Unterstützung Blochers und der SVP benötigen.

Nein, Filippo Leutenegger hat sich keinen Gefallen getan mit der Wiederbelebung der «Politarena».

Sonst noch? – Gesprächsanteil, rund gemessen: Fulvio Pelli: 7 Minuten 30, der Anwalt blieb wie so häufig im Grundätzlichen stecken – «kurzfristige Massnahmen dürfen langfristig nicht schädlich sein». Hildegard Fässler: 8 Minuten 50: sie hat das Dossier im Griff und das Volk im Auge: «Es wird dem Abbau des Service Public nicht zustimmen». Und Christoph Blocher: 13 Minuten 40; er wiess noch immer, wie man sich ins Zentrum stellt – und die anderen spielen mit.

Die «Nebengäste» sind die Nebengäste. Die «Experten» entpuppen sich wie üblich in der «Arena» als mehr oder weniger gut maskierte Parteigänger: Gewerbeverbandspräsident Bigler will Regulierungsabbau – die FDP lässt grüssen -, und der verdienstvolle Professor Hans Geiger sagt, was er immer sagt: «Es ist keine Sache des Staates, es ist alles Sache des Marktes.»

Der Gewerkschafter Corrado Pardini ist «schockiert» über die bürgerlichen Versuche, die «Frankenkrise» zum Staatsabbau und zum Nachteil der Arbeitnehmer zu nutzen und erinnert an den Verkauf von Schweizer Unternehmen ins Ausland mit Arbeitsplatzverlusten, durch Christoph Blocher. Und CVP-Nationalrat Pirmin Bischof verficht mit pflichtgemässem Einsatz die Unabhängigkeit der Nationalbank, warnt vor gefährlichen Träumen in der Währungspolitik und singt das Hohelied der starken Schweizer Wirtschaft: «Die Menschen kaufen den Franken ja zu Recht.» Recht hat er (und erinnert mich in seiner Verve manchmal an seinen pädagogisch engagierten Landsmann Franz Hohler).

Ansonsten? – Wie sagte doch Frau Fässler am Tag davor in «Infosperber»? «Eine überflüssige Sendung». Man kann «Filippos Politarena», ab jetzt vergessen und sich damit auch die Werbung auf Sat1 schenken.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

keine

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