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P-26 wie Projekt 26 – die Schweiz wollte auch nach der Besetzung weiterkämpfen © cm

P-26: eine Geheimarmee – oder doch nicht?

Christian Müller /  Der Basler Journalist und Historiker Martin Matter hat ein Buch über die P-26 geschrieben. Ein informativer, lesenswerter Bericht.

Das wichtigste vorweg: Das Buch enthält sehr anschauliche Schilderungen, wie die P-26, die geheime Organisation zur Aufrechterhaltung des Widerstandes nach einer eventuellen militärischen Besetzung der Schweiz durch die Sowjetunion, hätte funktionieren sollen. Die Informationen stammen in erster Linie von ehemaligen Angehörigen der P-26. Das Buch ist lesenswert nicht nur für Militär-Interessierte und Historiker, es ist auch eine Fundgrube von Informationen, wie eine PUK (eine Untersuchung durch die Parlamentarische Untersuchungs-Kommission) funktioniert: welche Erwartungen erfüllt werden müssen und wie sich die Medien verhalten. Abschliessend ist das Buch allerdings nicht: die Akten zur P-26 sind vom Bundesrat noch nicht freigegeben.

Journalistisch unterhaltsam

Bücher zur Geschichte haben immer das gleiche Problem: Wenn sie nur Fakten aneinanderreihen, sind sie schnell langweilig. Wenn sie anschaulich erzählerisch sind, beginnen sie zu werten und zu interpretieren. Martin Matters Buch ist flüssig und anschaulich geschrieben, seine 40 Jahre aktiver Journalismus kommen den Leserinnen und Lesern sehr zugute. Langweilig ist seine Darstellung der Geheim-Organisation nirgends. Im Gegenteil. Zu lesen, was sich der damalige Chef der P-26 zum Aufbau einer geheimen Organisation ausgedacht hat und wie die Organisation funktionierte – im Ernstfall funktionieren sollte – ist unterhaltsam und lehrreich zugleich.

Ist Matters Darstellung aber auch historisch richtig? Martin Matter hat der Versuchung, seine Darstellung als die definitiv richtige auszugeben, widerstanden. Er legt die beschränkte Information offen.

Es war keine Geheimarmee

Aufgrund der ihm zur Verfügung stehenden Information, vor allem Interviews und Medienberichte, kommt Matter allerdings klar zur Überzeugung, dass die P-26 keine Geheimarmee war, die im Bedarfsfall auch gegen eine linke Mehrheit in Parlament oder Bundesrat hätte putschen wollen oder putschen können. Nur als Beispiel: Die Angehörigen der P-26 hatten keine Waffen zuhause, nicht mal eine Pistole. Und die Liste der Angehörigen, soweit sie bekannt ist, zeigt ganz «normale», ehrenwerte Staatsbürger. – Der Schreibende nimmt Martin Matter diese «Erkenntnis» ab.

Das Buch umfasst drei Themenbereiche: 1. Wie sah die Organisation aus und wie funktionierte sie (Konzept, Personalakquisition, Ausbildung, etc). 2. War sie «illegal»? 3. Wie wurde sie beurteilt und warum gerade so?

In verschiedener Hinsicht eine Gratwanderung

Die Darstellung der Organisation (1.) beansprucht den grössten Teil des Buches. Die Frage nach der Legalität (2.) wird zumindest mit einer guten Auslegeordnung seriös angegangen: Als geheime Organisation erfüllte sie einen Bundesratsauftrag auf Fortsetzung des Widerstandes im Falle einer erfolgten Besetzung der Schweiz, basierte aber nicht auf einem Gesetz und war – wen wundert’s – auch nicht wie andere «Staatsaufträge» ausreichend kontrolliert. Die Finanzierung der Organisation zum Beispiel musste naturgemäss ziemlich «verschlüsselt» erfolgen. Eine Gratwanderung zwischen «geheim» und «demokratisch legitimiert und kontrolliert» war es alleweil.

Interessant, aber etwas kurz und erst am Ende des Buches zu finden ist Matters Darstellung der Optik: zuerst der «Skandal» um Bundesrätin Elisabeth Kopp, dann die sogenannte Fichen-Affäre und schliesslich das Bekanntwerden der Existenz der geheimen Organisation P-26, alles kurz nacheinander. Und dazu der P-26-»Skandal» just im Moment – nämlich 1990 – als die Bedrohung der Schweiz durch die Sowjetunion nach deren Zusammenbruch 1989 de facto weggefallen und der Kalte Krieg für beendet erklärt waren. Fünf Jahre früher, als «der Osten» bei fast allen Schweizerinnen und Schweizern noch als veritable Bedrohung empfunden wurde, wäre wohl auch die P-26 anders beurteilt worden.

Die Medien haben die Existenz der P-26 fast durchwegs als «Skandal» beschrieben. Die Medien sind aber – leider – oft weniger an der «Wahrheit» als an der Sensation interessiert. Das ist der Unterschied zwischen dem Journalisten und dem Historiker. «Zwei Seelen wohnen – ach! – in meiner Brust»: Faust lässt grüssen.

Doch so oder so: Es ist gut, dass das Buch geschrieben wurde. Wenn es weitere – in der Tendenz vielleicht auch abweichende – Darstellungen bewirkt: umso besser.

Angaben zum Buch:

Martin Matter: P-26. Die Geheimarmee, die keine war. Wie Politik und Medien die Vorbereitung des Widerstandes skandalisierten. 2012, Verlag hier+ jetzt, Baden. CHF 42.-


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist – wie Martin Matter – promovierter Historiker und war – wie Martin Matter – lange Jahre Journalist. Er gehörte damals (auch) zu den Fichierten.

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Eine Meinung zu

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    am 12.05.2012 um 19:18 Uhr
    Permalink

    Als ehemaligen Kollegen bei der BaZ schätze ich Martin Matter sehr. Er ist auch ein guter Musiker…
    Mit seinem Buch versucht er jedoch etwas zu rehabilitieren, was man nicht rehabilitieren kann – jedenfalls so nicht.

    Sicher gab es unter den P-26-Soldaten viele gutgläubige Antikommunisten, die meinten, man müsse den Widerstand gegen eine Sowjet-Besatzung im Geheimen vorbereiten. Diese Leute wurden jedoch bewusst von den Organisatoren des ganzen Spuks und deren (ausländischen) Hintermännern an der Nase herum geführt im Unklaren gelassen und missbraucht. Die Sache mit dem Widerstand nach einem eventuellen militärischen Überfall der roten Armee auf unser Land und dem späteren Zusammenbruch der Schweizer Armee ist ein klassischer Fall dessen, was man eine «Legende» nennt. Solche Legenden sind das A und O geheimer Operationen. Sie dienen dazu, die wahren Absichten jener Leute gegen innen und aussen zu kaschieren, welche eingeweiht sind. Und das sind gemäss dem «need to know» Prinzip meist die wenigsten Beteiligten.

    Die P-26 nämlich war keine spontane und eigenständige Schweizer Erfindung besorgter Antikommunisten. Sonst wäre sie viel früher entstanden. 1956 etwa, als sich der Anti-Kommunismus nach dem Ungarn-Austand auch in der Schweiz überall offen manifestierte. Die P-26 jedoch entstand viel später erst um 1980 genau im Rahmen jener Gladio-Strukturen, welche US-Geheimdienste und Nato-Stellen in Europa aufbauten, nachdem die US-Regierung verschiedenen europäischen Staaten nur noch eine «limitierte Souveränität» attestiert hatten. Der Grund für diese von aussen implementierten «Widerstands-Organisationen» (und damit auch für die P 26) war nicht die Sowjet-Berohung von aussen, sondern das erstarken kommunistischer Parteien im Innern verschiedener Staaten Europas – vorab in Italien (Gladio) wo mitunter kommunistische Minister in der Regierung sassen.

    Darum wurde ja auch die P-26 sorgsam vom Bundesrat und jeglichen Schweizer Behörden abgeschottet. Dass ein durchwegs bürgerlicher Bundesrat den Widerstand unter kommunistischer Besatzung nicht unterstützt oder diesen gar verraten hätte, gehört als Rechtfertigung dafür zur sorgfältig gestrickten Legende. Sie zu glauben ist reichlich naiv. Denn: Die britischen Geheimdienste waren (stellvertretend für die US-Dienst) für die Ausbildung der Schweizer Geheimarmee zuständig. Die P-26 war mit Funkgeräten auf Nato-Frequenz (Harpoon) ausgerüstet.

    Das ist das Interessante an der ganzen Geschichte. Es ist inzwischen auch recht gut und wissenschaftlich aufgearbeitet.

    Die alten Ausreden und Rechtfertigungen der ertappten P-26-Aktivisten neu auszubreiten ist hingegen ebenso unnötig, wie uninteressant. Dass sie den ausländischen Strategen auf den Leim gekrochen waren und nach ihrem Auffliegen als nützliche Idioten dastanden, mag tragisch sein. Aber immerhin hat es bei der zum Glück dann doch noch erfolgten Zerschlagung des Geschwürs Geheimarmee 26 in unserem Landes ja keine Toten gegeben.

    Niklaus Ramseyer

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